Zeugin für Ostern

Liebe Gemeinde,

Es ist wieder einmal Ostersonntag geworden. Wie in jedem Jahr. Wir sind als Gemeinde versammelt. Der Altar ist festlich geschmückt. Die Osterkerze brennt. Wir singen die festlichen Osterlieder.

Wie in jedem Jahr lassen wir uns sagen: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Ist es denn wirklich so? Können wir die Osterbotschaft noch genauso hören wie vor einem oder vor zwei Jahren? Wir haben 12 Monate voller Erfahrungen hinter uns seit dem letzten Osterfest. Und manches haben wir in den letzten Monaten erlebt. Manche Enttäuschung, manches traurige Ereignis.

Wir haben den Tod gespürt und wir haben über neues Leben gestaunt. Wir sind gefallen und wieder aufgestanden. Wir sind arm, wir sind reich geworden. Unsere Lebensgeschichte hat uns geformt, auch vergangenes Jahr. Und zu unserer Geschichte gehört auch die Geschichte unserer Vorfahren und auch die Geschichte der Menschen, über die die Bibel uns berichtet.

Wir als Christen sind nicht denkbar ohne die hebräischen Väter und Mütter des Glaubens. Und zu ihnen gehört auch Hanna. Sie hat ein Gebet formuliert, das zu den ältesten Überlieferungsstücken der Bibel gehört. Weit vor Ostern hat sie diese Worte gefunden und doch sollen sie uns in diesem Jahr hinführen zum Begreifen des Ostergeschehens.

Ich lese aus dem 1. Buch Samuel im zweiten Kapitel:

[TEXT]

Das Gebet Hannas ist ein glückliches Gebet. Es ist ein Dankgebet. Hanna dankt Gott für ihr neues Leben, das er ihr geschenkt hat. Viele Jahre war ihre Ehe kinderlos geblieben. Sie hatte schwer darunter gelitten. Der Wert einer Frau war damals bestimmt von ihrer Fruchtbarkeit. Und eine Frau, die keine Kinder bekam, war nichts. Nur Verachtung und Spott traf sie. Irgendetwas musste ja sein mit ihr, wenn sie keine Kinder bekam!!

Und dann, am tiefsten Punkt ihres Lebens, wo sie eigentlich so gut wie gestorben ist, steht sie auf und geht zu Gott und breitet ihr Leben aus vor ihm. Und sie bittet ihn aus vollem Herzen um einen Sohn.

Und Gott hat ein Herz für diese gedehmütigte Frau. Er stellt sich auf ihre Seite. Er gibt ihr neues Leben indem er ihr einen Sohn schenkt.

Da kann sie die Freude nicht mehr für sich behalten und öffnet den Mund und macht ihrer Freude Luft. Sie fühlt sich wohl bei Gott, sie fühlt sich zuhause bei Gott. Vorbei sind Angst und Schrecken.

Und Hanna weiß: sie verdankt es allein Gott, ihr neues Leben. Durch ihn kann sie weiter leben, er ist ihr fester Boden unter den Füßen. Sie hat die Erfahrung gemacht: Gott lässt den Tod zu. Er lässt mich Tiefen erleben, aber er führt mich auch aus diesen Tiefen heraus. Diese Erfahrung, die mit ihr ja viele Menschen in der Bibel gemacht haben, denken wir an Abraham und Sara, die auch solange kinderlos waren, denken wir an den Psalmbeter des 23. Psalms, der tiefe Täler durchwanderte und doch die Erfahrung machte: Dein Stecken und Stab trösten mich.

Das sind Hannas Erfahrungen. Erfahrungen mit dem handelnden Gott – sie haben das Leben unserer Vorfahren geprägt und sie prägen unser Leben. Aus ihnen leben auch wir.

Ostern 2000 – der Herr ist auferstanden. Mit ihm können auch wir aufstehen. Dann, wenn wir in der Tiefe stecken. Mit ihm und durch ihn werden wir den Tod überleben. Darum ist Ostern ein glücklicher Tag, auch in diesem Jahr, weil wir uns vergewissern: Gottes Geschichte mit uns Menschen hört nicht auf, hat nie aufgehört und wird nie aufhören. In allen Erfahrungen, auch des letzten Jahres mit denen wir hergekommen sind heute in diesem Gottesdienst, ist Gott dabei. Und er wird in allem dabeisein, was uns erwarten wird. Denn so singt es schon die Hanna: Keiner ist da ohne dich.

Ganzes Leben – erfülltes Leben – so ist die Erfahrung Hannas und bestimmt auch unsere – ist angefüllt mit beidem, mit Liebe und Enttäuschung, mit Erfolg und Versagen, mit Mut und Verzweiflung. Kein Lebensbereich bleibt davon verschont.

Eheleute können einander lieben, aber auch aneinander zerbrechen. Für unsere Kinder wollen wir das Beste und fügen ihnen immer wieder Schaden zu. Unsere Kirche kann das Schiff sein, das uns trägt und sie gerät immer wieder vom Kurs ab und kommt ins Schlingern. Unsere Gesellschaft sollte Chance und Raum für alle haben und sie grenzt aus und sortiert in arm und reich und oben und unten.

Ostern macht uns deutlich: Gott will, dass wir aufstehen. Aufstehen gegen Ausgrenzung und Maßlosigkeit. Aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Unser Aufstehen ist lebensnotwendig. So lebensnotwendig wie das der Hanna. Die allen Mut aufgebracht hat, um anzugehen gegen ihr bis dahin so unglückliches Leben.

Und wir können uns von ihr abschauen, dssß sie Gott etwas zugetraut hat. Dass sie alles Vertrauen in ihn setzt. Und sie ist darin von Gott nicht enttäuscht worden. Wie die Jüngerinnen, die zum Grab Jesu unterwegs waren und die Erfahrung gemacht haben und die Entdeckung: Gott hat neues Leben geschenkt.

Hanna bringt uns auf den Weg. Sie zeigt uns, wie wir Ostern erreichen können. Sie zeigt uns, was geschieht, wenn wir uns Gottes Geleit anvertrauen. Sie zeigt uns: Die Freude am Herrn wird das letzte Wort haben. Wie wir auch erkennen müssen: Dieses eine wird nicht ohne das andere zu haben sein. Licht hebt sich nur ab, wenn ringsehrum Finsternis ist. Neues Leben wird nicht erfahrbar werden, wenn nicht auch die Tiefen des Lebens hinter uns liegen. Aber wie sagt es die Bibel so schön: Das geknickte Rohr wird nicht zerbrechen!

In diesem Sinne ist Hanna eine Zeugin für Ostern. An ihr können wir erleben, was nötig ist für ein Leben im Licht von Ostern. An ihr können wir durchbuchstabieren, wie wir das Licht von Ostern erreichen. Machen wir es ihr nach. Machen wir uns auf den Weg – Ostern entgegen!

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