Zeitumstellung

Liebe Gemeinde,

in den vergangenen Jahren hat sich der Volkstrauertags-Brauch irgendwie abgenutzt. Das jährlich eingeübte Erinnern und Beklagen der Millionen Toten aus den Weltkriegen ist eine abgeschliffene Gewohnheit geworden. Es ist zunehmend zu einer Pflichtveranstaltung für Funktionäre herabgesunken. Alle, die jünger sind als 50, wussten gar nicht mehr, was das bedeutet: Ein Volk in Trauer. Seit dem 11. September wissen wir alle, wie das ist. Wir haben es gesehen in den Tagen nach dem Attentat auf das World Trade Center: Eine ganze Stadt, ein ganzes Volk unter Schock, unter Trauer. Ein ganzes Land vollzieht diesen Vorgang, der in den vorliegenden Prophetenworten anklingt: Wo ist jemand, der fällt und nicht wieder aufstehen möchte? Diese Gefühle blieben nicht beschränkt auf die andere Seite des Atlantik. Auch hier in Europa waren die Menschen schockiert. Leute, die sonst nur für einen besonderen Anlass ein Gotteshaus betreten, suchen auf einmal die Kirchen auf. Wir hatten in jenen Septembertagen das erste Mal, seit ich mich erinnern kann, eine echte Staatstrauer. Niemand hat sie angeordnet, aber auf allen Gebieten wurde sie befolgt. Sportveranstaltungen wurden abgesagt. Im Fernsehen wurde es einige Tage lang wohltuend normal. Harald Schmidts bissige Bemerkungen fand sogar er selbst unpassend. Die banalen Serien wurden für eine kurze Zeit ausgesetzt. Im Sportstudio fehlte das Geklatsche und Juchhu. Die Spaßgesellschaft schien zur Besinnung zu kommen.

Diese Zeitumstellung, so lautet ja das Thema heute, hat nicht lange angedauert. Eine kurze Tanzpause, dann wird das Goldene Kalb wieder umrundet. Insofern muss man sich fragen, ob der so oft wiederholte Satz, nach dem 11. Sept. sei nichts mehr wie vorher, nicht Augenwischerei ist. Weil es letztlich doch beim alten bleibt. Selbst bei der Live-Übertragung der rauchenden Bürotürme in Manhatten lief der Ticker am unteren Rand des Bildschirms weiter. Der mit den aktuellen Börsenkursen. Eben das beklagt der Prophet. Die Menschen kommen nicht zur Einsicht, stellt er fest. Er beklagt die Unfähigkeit zu trauern: "Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was habe ich doch getan!" Das kennen wir doch. Oft denken wir dabei an die anderen. An jubelnde Palästinenser in den Intifada-Gebieten, die mit Böllerschüssen und Verteilen von Süßigkeiten auf die Schreckensbilder in den USA reagiert haben. Oder wir denken an den Entführer Dieter Zloff, der wieder frei herum läuft. Sein Opfer, der Industriellensohn Oetker, trägt jetzt noch an den Folgen seiner schweren Verletzung. Der Entführer kommentiert seine Untat entschuldigend: "Dumm gelaufen!" Jeremia beklagt die Unfähigkeit zu trauern. Diese Klage muss sich auch gegen uns richten. Die wir uns gewöhnt haben an schlimme Zustände, wenn immer mehr Grünflächen in Gewerbegebiete umgewidmet werden, die Autos die Städte erdrücken, Preisdumping der großen Ketten den Einzelhandel ausbluten lässt, Porno und respektlose Werbung in allen Medien dominiert. Wir sagen dann vielleicht: Das ist der Zug der Zeit. Den kann ich nicht aufhalten. An die Verantwortlichen kommt man auch nicht ran. Die sitzen ja in den Schaltzentralen der Banken, der Konzerne und der großen Politik. Und wir sagen dann: Ich kann da sowieso nichts ändern, auf mich kommts nicht an. Zur Zeit des Propheten Jeremia war es nicht viel anders. Er beklagt die heruntergewirtschaftete Lage in jenen Tagen, als Jerusalem von den Babyloniern belagert wurde. Von falschen Propheten verleitet, glaubt die Regierung dort immer noch, dass es irgendwie schon wieder besser wird. Statt zuzugeben, wir haben uns verrechnet, werden Durchhalteparolen ausgegeben. Darüber klagt der Prophet mit Recht. Beachtlich ist, dass er nicht jammert: Ja, ja, die bösen Buben in der Regierungsetage. Unser schlechter König! Vielmehr nimmt der Prophet alle in den Blick: "Warum will denn dies Volk irregehen für und für. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre!" Dann benutzt er ein treffendes Bild: "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt!" Das ist ein treffendes Bild. Wie ein Schlachtross, das unbeirrbar ins Verderben rennt, so läuft die Menschheit in ihr Verderben. Jeder könnte es wissen: Wir müssten lernen, bescheidener zu leben. Wir müssten die alten Werte wieder achten, die auf der Strecke bleiben durch Verstädterung und an den Rand Drängen der Religion. Trotzdem stürmen wir voran mit unsern Ansprüchen, die sich stetig steigern.

Wenden wir nun diesen Vergleich auf uns an. Wir werden am rechten Nachdenken über unsere Situation vor Gott gehindert durch blindes Vorwärtsstürmen. Durch Dahintaumeln im wöchentlichen Trubel, wo ein Termin, eine Abwechslung auf die andere folgt. Es geht um die zwanghafte Verblendung, die aus rastloser Geschäftigkeit kommt. Im Neuen Testament wird die Szene beschrieben, wie der Apostel Paulus auf dem Marktplatz in Athen eine feurige Predigt hält. Statt diese vernünftigen Worte nachwirken zu lassen, gehn die Leute anschließend an ihre Tagesgeschäfte. Sie vertrösten den Apostel mit der Ausrede: "Wir wollen dich davon ein andermal wieder hören!" Erst mal muss ich schnell die üblichen Besorgungen machen. Erst mal mach ich weiter wie bisher. Das ist ein Hindernis, die Wahrheit über uns selbst zu erkennen.

Nun ist aber das schöne bei den Propheten. Sie sind nicht nur Ankläger und Gerichtsboten. Sie sind auch die Heilsbotschafter. Zur Abwechslung greift Jeremia zu einem Vergleich aus der Vogelwelt: "Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit…." Hier geht es nicht um Bioromantik nach dem Motto: Zurück zur Natur. Die Idylle vom ganzheitlichen Leben, vom Wiedereinswerden mit der Natur ist der Bibel fremd. Die Schöpfung ist eine gefallene Schöpfung. Da herrscht Fressen und Gefressenwerden. Die Schöpfung sehnt sich nach Erlösung. In ihr ist Tod und Vergehen, das ist schlimm. Zurück zur Natur, das ist es nicht. Die Schöpfung spiegelt nur gebrochen die Wirkweise Gottes. Aber sie bietet Anhaltspunkte. Gewiss: Den Vergleich mit der Taube, die zu festgesetzter Zeit kommt, wird nicht jeder positiv finden. Da hat mancher Städter seine liebe Not und muss sich was einfallen lassen mit Netzen vor dem Balkon oder sonstigen Tüfteleien, Gift und Flinte sind ja untersagt. Nun, zur biblischen Zeit waren ohne McDonalds Abfälle und ohne Fütterungsaktionen durch einsamer Senioren die Vogelschwärme noch überschaubar. In der Bibel ist die Taube der geläufigste Vogel. Sie wird auch stets positiv erwähnt. Die arme Familie, die nicht in der Lage ist, ein Schaf oder eine Ziege zu opfern, pflegte 2 Tauben darzubringen. Noah schickt die Taube aus der Arche. Jesus lelrt "Seid ohne Falsch wie die Tauben" Hier bei Jeremia gehts aber nicht darum, dass die Tauben besonders gute Tiere wären. Es wird nur dies eine an den verschiedenen Vögeln hervorgehoben:Sie halten ihre festgesetzten Zeiten ein. Jeremia will sagen: Nichts auf der Welt wäre vernünftiger bzw normaler, als die Umkehr des Volkes Gottes zu seinem Herrn. Ohne Uhr und ohne Bewusstsein und Reflexion tun all diese Tiere das Richtige. Den Tieren hat Gott das Richtige eingegeben. Dem Menschen hat er Vergleichbares vorgelegt in der Aufforderung, in Glaube und Gehorsam zu Gott das Leben zu gestalten. Aber seltsam: Der Mensch geht seine eigenen Wege,die in die Irre führen. Er vergisst, wo seine Heimat ist. Anders die Zugvögel. Sie kennen ihre Heimat. Sie verhalten sich nach dem inneren Gesetz, das der Schöpfer in sie hineingelegt hat. Sie wissen instinktiv, dass sie verhungern müssten, würden sie nicht umkehren. In diese Bewegung sollen auch wir kommen. Dass wir uns wieder zu Gott kehren mit der Frage: "Was habe ich doch getan!" Nur wenige Menschen unterziehen sich der Mühe, ihren Lebenslauf zu überdenken. Dabei ist kein Kaufmann je dadurch ärmer geworden, dass er seine Bücher durchgesehen hat. Er mag heraus finden: Ich bin ärmer, als ich dachte. Aber die Durchsicht seiner Rechnungen ist es nicht, was ihn ärmer gemacht hat. Es ist besser, in die Vergangenheit zu blicken, solange sich noch etwas ändern lässt, als mit verbunden Augen weitergehen, die Tore des Paradieses verfehlen und erst dann merken:" Ich war im Irrtum!" Eine solche Lebensbilanz sollte jeder von uns gezogen haben. Nicht, damit wir danach mit besseren Vorsätzen weiterlaufen. Sondern damit wir uns von Jesu Vergebung zurechtbringen lassen und uns fortan ganz seiner Leitung unterstellen.

Und dann ist das Einhalten fester Zeiten weiter wichtig. Wie ist es mit unsern festen Zeiten für Gebet und Bibellesen, wo wir in uns gehen mit der Frage: "Was habe ich doch getan?" Ja, es bedarf der persönlichen regelmäßigen Zeiten, wo wir über unser Verhältnis zu Gott nachdenken. Das zu Ende gehende Kirchenjahr hilft uns mit solchen festen Zeiten: Ewigkeitssonntag, Bußtag, und eben heute Volkstrauertag.

Wir wollen diesen Tag für heute im Sinne des Propheten verstehen: Dass wir zur Trauer finden nicht über andere oder über weit entfernte Buhmänner, wie es oft geschieht: Die bösen Islamisten, die ungehorsame Jugend, die rücksichtslosen Autofahrer, sondern über uns selbst. Dass auch wir einräumen können: "Was habe ich doch getan.!" Und dabei dann nicht stehen bleiben, sondern auf Jesus blicken: "Was hat er doch getan!" Der hat aufrichtig getrauert über meine Bosheit und Unbelehrbarkeit. Der hat sein Leben gelassen am Kreuz. Der hat den Tod besiegt. Wer sich mit diesem Herrn verbindet, läuft nicht mehr in die Irre wie die tollen Hengste. Der kann aufrichtig trauern. Der weiß, wo seine Heimat ist, wie Storch und Taube. Der mag in Krankheit oder gar in Schuld fallen, aber mit Gottes Hilfe vermag er wieder aufzustehen. Und der auch die Zeit anders gestalten. Ein Mensch ohne Gott wird aus den Jahren seines vergänglichen Lebens alles rauszuholen versuchen. Er wird den früheren Jahren nachtrauern, wo er mehr leisten konnte. Er wird die kommenden Zeiten fürchten, wo Krankheit, Vielleicht nicht mehr Gebraucht werden, Einsamer Werden ihn bedrohen. Verbunden mit Jesus erlebe ich jeden Tag als geschenkte Zeit. Und die will ich teilen mit ihm. Füllen lassen von ihm. Wer so noch nicht lebt, sollte die Zeit umstellen.

Und wie das immer so ist, wenn die Uhr falsch geht, man muss sich dann nach einer genaueren Zeitangabe orientieren. Das geht mir fast täglich so, weil die mechanische Automatik meiner Armbanduhr in die Jahre gekommen ist, da bleibt der Zeiger öfter stehen, wenn die Uhr stundenlang auf dem Nachttisch gelegen hat. Da brauche ich dann morgens eine möglichst genauen Fixpunkt zur Zeitumstellung. In der Welt wird im Augenblick viel hantiert mit unterschiedlichsten Fixpunkten, unterschiedlichsten Ereignissen, die als historisch deklariert werden. Das Wort fällt fast in jeder Nachrichtensendung. Es wird eingeteilt in die Zeit vor und nach dem 11. Sept., vor und nach dem Euro, usw. Für einen Christen sollte eine andere Zeitrechnung gelten. Die Zeit vor und nach Christi Geburt, den durch sein Erlösungwerk ist die Zeit der Gnade angebrochen, die Zeit des Heils, das Reich Gottes ist mit ihm angebrochen, wenn auch noch nicht universal, nur begrenzt auf das Umfeld derer, die sich nach Jesus richten. Oder auf die persönliche Geschichte bezogen, lässt sich die Zeit einteilen in die Zeit vor und nach meiner Hinwendung zu Jesus. Auch wenn wir du da keinen Zeitpunkt angeben kannst, weil du diese Hinwendung noch nicht vollzogen haben, oder schon immer geglaubt hast. Das sind die wirklich wichtigen Zeiten. Ich wünsch uns, dass wir uns darauf umstellen, darauf einstellen, danach richten. Dann hat unser Leben Zukunft. Und wir kommen von der Trauer, die auch ihre Zeit hat, am Ende zur Freude. Gott helfe uns, dass wir nicht blinde dahinstürmen oder dahindämmern, sondern aufwachen und auf seine Stimme achten.

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