Zeichen des Glaubens

Liebe Gemeinde,

was wären wir ohne unsere Sinne und ohne unsere Wahrnehmungen? Sie eröffnen uns unser direktes Umfeld und lassen uns in die Welt eintreten.

Wir können hören: Wir hören die Töne, die zu einem wunderbaren Musikstück werden können. In der Frühe hören wie das Gezwitscher der Vögel, die ihre Dankbarkeit ihrem und unserem Schöpfer darbringen wollen. Wir hören Worte, die uns nach einem schweren Schicksalsschlag ermutigen Gott zu loben und zu danken.

Wir können mit unseren Händen tasten und fühlen: Beim Tasten fühlen wir die Gestalt von Gegenständen. Wir fühlen, ja wir spüren die Hand unseres Nächsten. Wir fühlen den Herzschlag unseres geliebten „Du“.

Wir können sehen: Wir sehen das Licht, die Farben, unsere Umwelt und die Menschen, die darin leben.

Ohne unsere Sinne und Wahrnehmungen, so denken sehr viele von uns, sind wir tot. Doch was ist mit den Menschen unter uns, die gar blind oder taub sind? Sind sie tatsächlich nicht sehend oder gar stumm? Oft sind die Sinnesorgane dieser Menschen bei weitem aufnahmefähiger und sensibler als die unsrigen. Sie nehmen vieles wahr, was sich unseren Sinnen entzieht.
Blinde Menschen spüren, ob andere da sind und mit ihnen gehen. Taube Menschen merken, ob man ihnen zuhört und ob sie angenommen sind. So stellt sich für uns die Frage: Ist unser Vertrauen auf die Sinne und Wahrnehmungen angewiesen? Und: braucht unser Glaube das „Sehen“?

Ist das nicht auch die ganze Problematik des Jüngers Thomas, als die die anderen ihm erzählten, dass Jesus auferstanden sei? »Wir haben den Herrn gesehen«! Und Thomas reagiert eigentlich ganz menschlich: »Niemals werde ich das glauben! Da müsste ich erst die Spuren von den Nägeln an seinen Händen sehen und sie mit meinem Finger fühlen und meine Hand in seine Seitenwunde legen – sonst nicht«!

Was für ein unglücklicher Mensch ist Thomas in seinem Unglauben. Dabei ist er überhaupt kein ungläubiger Mensch. Ganz im Gegenteil, von all den Jüngern, die Jesus während seines Wirkens nachfolgten, war er derjenige, der sich nicht von Jesu Predigten hat durcheinander bringen lassen, weil diese oft nur sehr schwer verständlich waren.

Nein, Thomas hat verstanden, worum es ging und er hat es auch gespürt, dass hinter Jesus Gott stand, Gott in seiner ganzen Herrlichkeit und Güte. Das hat Thomas gesehen.

Thomas war mit dem Leben und Wirken Jesu vertraut. Die Gemeinschaft mit Jesus wurde ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte.

Nun aber kommt das Ereignis des Karfreitags und das Ereignis von Ostern dazwischen. Ein Bruch, der alles verändert und aufzuheben scheint. Was hat sich eigentlich verändert? Wer und was hat sich da verändert? Jesus oder Thomas? Ich denke, wohl beide.

Was da geschehen ist, das überstieg alle die Vorstellungen von Thomas. Was an Ostern geschehen ist, damit hat Thomas Probleme. Ja, er hat Schwierigkeiten mit seinem Glauben an Jesus.

Von den Millionen Christen haben nur ganz wenige den Auferstandenen gesehen. Wir auch nicht. Und, liebe Gemeinde, zweifeln wir wie Thomas? Wenn Jesus heute und hier leibhaftig unter uns wäre, wären dann unsere Fragen und Zweifel geringer?

In dieser Welt sehen wir vieles, und doch fehlt uns die notwendige Einsicht, aus welchen Gründen auch immer. Wir nehmen Vieles wahr und sind doch für die Wirklichkeit, auf das, worauf es ankommt, blind.

Jesus fordert uns auf, ihm mehr zu glauben, als uns selber. Wer sind wir schon? Zwar können wir uns noch vorstellen, dass Gott sich in die Gestalt eines Menschen begibt, aber dass die Gesetze von Leben und Tod außer Kraft gesetzt werden, das überschreitet unseren Verstand.

Jesus fordert uns auf, ihm mehr zu glauben, als uns selber. Wer sind wir schon? Stückwerk, sterblich und haltlos? An sich selbst kann sich niemand von uns halten. Wir versinken dann in Verzweiflung. Damit wir aus dieser Verzweiflung gerettet werden, hat Gott in und durch Jesus uns den Halt gegeben, der das Fundament für uns ist und unerschütterlich uns bei Seite steht. Elend und verloren ist eine jede und jeder von uns, die sich nicht darauf einstellen.

Das, hat Thomas begriffen, als ihm sein bodenloser Wunsch, seine Finger in die Nägelmale und seine Hand in Jesu Seite zu legen, erfüllt wurde.

Thomas, den sollten wir nun nicht mehr den Ungläubigen nennen, denn er ist zum Glauben gekommen, und auch wir sollten zu diesem Glauben finden.

Wenn wir das Wort Gottes annehmen, liebe Gemeinde, und es uns zur Grundlage unseres Lebens machen und uns auf dieses verlassen, wenn wir also glauben, dann wird plötzlich das möglich, was vorher nicht gegeben war: Der lebendige Gott, der Vater Jesu Christi und der auferstandene Christus wird uns gegenüber lebendig und gegenwärtig. Nicht etwa, wie Sie jetzt vielleicht denken werden in irgendwelchen spektakulären Zeichen. Nein, der lebendige Gott, der Vater Jesu Christi und der auferstandene Christus wird sich im Gebet, beim Hören des Wortes Gottes, in der Liebe zu meiner Nächsten und meinem Nächsten, in den Werken der Schöpfung, in den Sakramenten, besonders aber in der Abendmahlfeier zeigen.

Liebe Gemeinde, das sind Zeichen und Kennzeichen des Glaubens. Und wer von uns hier und heute in diesen steht, der weiß auch um seine Seligkeit mitten in dieser Welt, mitten in seinem eigenen Leben.

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