Zeichen der Liebe und Nähe Gottes

Liebe Gemeinde,

dieser kurze Predigttext besteht aus einer recht unbekannten Erzählung und dem so genannten Tauf- und Missionsbefehl. Dieser Taufbefehl gehört zur Ordnung jeder Tauffeier und wird darum oft genug im Gottesdienst genannt. Und wer nicht oft in der Kirche war, könnte dieses Wort bei einer Taufe gehört haben. Der Taufbefehl wird oft gekürzt wiedergegeben, ich denke aber, das was Jesus hier seinen Jüngern sagt gilt uns Christinnen und Christen in seiner Gesamtheit: Geht hin und macht zu Jüngern alle Menschen und Taufet sie und lehret sie alles zu halten, was Jesu befohlen hat. Darauf erfolgt die Zusage: Ich bin bei euch alle Tage. Diese Geschichte mit Jesus beginnt auf einem beliebigen Berg in Galiläa und endet am Ende der Welt. Sie handelt am Anfang von elf Jüngern und zuletzt von allen Menschen der Welt, die zu Jüngerinnen und Jüngern Jesu geworden sind. Jesus ist zunächst der lebendige Jesus von Nazareth, der nach dem Kreuzestod den Jüngern als Auferstandner erscheint und dann ist er Jesus Christus in der Gemeinschaft des Vaters und des Heiligen Geistes, wer dieses auch immer sein mag. In dieser kurzen Geschichte ist der Anfang und das Ziel der christlichen Religion im Kleinen enthalten. Daher wollen wir sie jetzt einfach ganz langsam lesen.

„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, zu dem Jesus sie bestellt hatte.“ Es ist etwas geschehen, was sie gehen lässt. Nach Galiläa, was ist daran so besonders? Ganz einfach: Jesus hatte sie in Galiläa berufen und dann waren sie allerdings nach Jerusalem gezogen. Sie dachten, dass jetzt das Reich Gottes eintreffen würde, dessen Nähe er schon vorher immer zugesagt hat. Doch unterwegs begann er schon damit, ihnen anzukündigen, dass er leiden müsste. Hatte er Angst vor der großen Entscheidung? Die Jüngerinnen und Jünger hatten dennoch schon einmal ernst gemacht mit der Entscheidung. Sie haben sich rufen lassen, sie folgten ihm und sie haben seine Lehre gehört und zum Teil aufgeschrieben. Dann haben sie sich ausbilden und aussenden lassen. Es gibt eine Aussendungsrede der Jünger, die man vielleicht im Zusammenhang des Missikonsbefehl ins Bewusstssein holen sollte. Es gab dabei nur den einen Unterschied, dass sie bei der ersten Missionstätigkeit so in seinem Namen handelten, dass er die lebendige Mitte, der direkte Auftraggeber war. Das, was sie taten, in Predigt und Heilung, das hatten sie von ihm gelernt und tat sie für ihn. Sie haben ihn schlicht dort vertreten, wo er nicht selbst zugleich sein konnte, denn sein Aufgabengebiet hatte sich ausgeweitet. Man ist sich eigentlich sicher, dass Jesus damit noch keine richtige Kirche gegründet hatte. Aber es gab Organisationsstrukturen, wie man heute sagen würde.

Was in Jerusalem geschah, wissen wir: Jesus starb am Kreuz. Das Reich Gottes ist nicht näher und nicht weiter als vorher, aber es ist nicht auf eine irdische Art und Weise gekommen. Kein irdischer Herrschaftswechsel fand statt, im Gegenteil, die herrschenden Mächte bewiesen an der Bedrohung durch den Volksheld ihre Macht und ließen ihn töten. „Jesus von Nazareth, König der Juden“ – so stand es auf der Tafel am Kreuz. Vorbei. Ende. Schluss. Aus. Jesus war tot. Am dritten Tag berichteten Frauen, Jüngerinnen aus Jerusalem, dass das Grab leer sei. Sie sollten den Jüngern ausrichten, dass sie nach Galiläa zurückgehen sollten. Und dann erschien der Auferstandene einigen persönlich. Die Berichte der Auferstehung Jesu zeigen nichts von einer Wiederbelebung, sondern es sind immer einzelne Erscheinungen, die bezeugt werden. Was hatte das zu bedeuten? Jesu war tot, gestorben, und auf andere Art neu lebendig? Zurück nach Galiläa, wie es die Frauen gesagt hatten, zogen sie zu elft auf einen Berg. Genauer gesagt: Zu dem Berg, zu dem Jesus sie bestellt hatte. Es gab also einen Berg in Galiläa, der in besonderem Maß die Gegenwart Jesu verkörperte.

Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist eine angekündigte Begegnung. Die Auferstehungsbotschaft von Ostern kannte eben im Kern diese Aussage: Geht nach Galiläa. Er wird euch vorausgehen und ihr werdet ihn sehen. Mit dieser Begegnung endet das Evangelium des Matthäus. Folgen wir Lukas mit seiner Apostelgeschichte, dann wissen wir, dass hiermit eigentlich nur die Himmelfahrtsgeschichte gemeint sein kann, die aber hier nicht so erzählt ist. Danach erschien Jesus nicht mehr persönlich, sondern nur als Wort und unter Zeichen in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Die Pfingstgeschichte setzt voraus, dass die gleichen Jünger einige Zeit später vielleicht als Festpilger wieder nach Jerusalem zurückgekommen sind. Hier in Galiläa geschah also etwas Einmaliges, etwas dass es vorher und danach nicht wieder gegeben hat. Die Auferstehung ist insofern immer mit dem Zeugnisbericht der Jünger identisch. Sie ist eine glaubwürdige Bezeugung des Glaubens an Jesu Erscheinung als Auferstandener. Der Unterschied zur Verlebendigung ist die Ereignishaftigkeit solcher Erscheinungen. Sie zeigen also auf ein weiteres: Sie zeigen, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern dass er den Tod überwunden hat und sich in einer neuen Wirklichkeit befindet. Aus dieser neuen Lebendigkeit heraus ist er den Jüngern erschienen. Jesus ist als Auferstandener gegenwärtig, das ist die Umwertung des Kreuzes. Die Niederlage hat nicht das letzte Wort. Das Warten auf das Reich Gottes und das Rechnen mit seiner Gegenwart war und ist nicht vergeblich und geht weiter. Der kommen wird, ist der einzige, der gekommen ist. Der kommende Messias ist der Christus, der Jesus von Nazareth war.

Als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm nieder, doch einige hatten auch Zweifel. Die versammelten elf Jüngern sahen ihn nun, wie es angekündigt war. Beschrieben ist die Gestalt nun in keinster Weise. Die Gestalt des Auferstandenen ist nicht beschreibbar. Hier ist vom Sehen und vom Zweifel die Rede, also auch vom Glauben. Das Sehen des Auferstandenen in seiner Erscheinung ist ein glaubendes oder ein zweifelndes Sehen. Hiermit enthält die Geschichte einen Vorgriff auf unsere christliche Existenz, die den Glauben ja nur noch aus dem Hören hat. Das Christsein, das Leben als Christin oder als Christ ist glaubendes oder zweifelndes Leben. Jesu Gegenwart erscheint im Glauben. In der Reaktion auf seine Wirklichkeit wird Gott erkannt. Wir sind also wie Spiegel, in die Gottes Licht hineinscheint, und die dieses empfangene Licht weitergeben. Das Bild Jesu ist das Bild unseres Glaubens. Jesus erscheint in der Praxis unserer Worte und Taten, die von seinem Geist bestimmt sind. Man mag vielleicht den Eindruck haben, ich wolle mit dieser aktualisierenden Rede von der historischen Tatsache der Auferstehung ablenken. Das stimmt nicht. Wir können ihr gerade nur dadurch gerecht werden, dass wir sagen: Jesus ist den Jüngern erschienen, das haben sie bezeugt. Der Auferstandene ist der Erschienene. Die historische Tatsache seiner Auferstehung ist schlicht und ergreifend die Tatsache des Berichts von dieser Erscheinung. Das Kreuz ist materiell und damit ein Faktum, rein theoretisch ließe sich ein Splitter vom Kreuz finden, wie dies die Legende erzählt. Die Auferstehung ist die Tatsache der Bezeugung seiner lebendigen Gegenwart durch die Jüngerinnen und Jünger. Im Zeugnis von der Auferstehung Jesu beginnt der Glaube. Glauben heißt: Leben mit Gott, Leben mit Christus. Die Bekräftigung eines Bekenntnisses hat schon etwas mit der Kirche als der Gemeinschaft der Glaubenden zu tun, aber nicht mit dem Glauben eines jeden einzelnen. Sicherlich: Der Bericht solcher Auferstehungszeugnisse gehört zum Glauben. Es zeigt sich darin, dass es notwendig ist, davon weiter zu erzählen, dass das Kreuz überwunden ist, dass Gott nicht tot ist, dass der Tod keine Macht mehr hat.

Jesus trat auf sie zu und sagte: »Gott hat mir unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben.“ Das Kommen Jesu wird nur kurz näher beschrieben, als ein Auf-die-Jünger-zutreten, ihnen Näherkommen. Und sofort geht die Erscheinung in die Offenbarung dieses Wortes über, dass wir im Nachhinein den Tauf- und Missionsbefehl genannt haben. Der erste Satz der Worte Jesu ist vielleicht etwas eigentümlich. Warum muss denn der Auferstandene jetzt ein Wort mitteilen, dass seine Macht betont, wo er doch im Kreuz menschlich gesehen nur seine Ohnmacht bewiesen hat? Richtig, es ist keine irdische Macht. Es ist die Vollmacht von Gott, dessen Wille ja geschehen möge, im Himmel und auf Erden. Sofort wird Christus aus Jesus. Der Auferstandene, der, der Gegenstand des Glaubens ist, der das Vertauen in Gottes Gegenwart durch seinen Weg erneuert hat, ist der Herr. Alles, was über den irdischen Jesus und von ihm selbst gesagt wurde gilt nun weltweit. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater, die Vertrauensworte der Wundergeschichte, der Machtbeweis gegen die Dämonen und unreinen Geister, die Verkündigung des menschlichen Gottesgesetzes, die Öffnung der Grenzen zu Zöllnern, Sündern und Fremden, die Symbole von Heilung und Speisung und vieles mehr. All das ist jetzt Jesu Vollmacht. Und warum sagt er das so, wobei er doch in Wirklichkeit nur unsichtbar wirksam und gegenwärtig ist? Ich denke, die Rede von der Vollmacht ist die Voraussetzung für die Beauftragung. Es wird ja einer nur einen Auftrag annehmen, wenn er sich auf die Vollmacht einer anderen Instanz berufen kann. Jesus wird zur Mitte seiner Gemeinde, wird zum Christus. Die Vollmacht Jesu ist der Glaube an das Erscheinen Gottes in der Welt.

„Darum geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern und Jüngerinnen!“ Aus Jesu Vollmacht über Himmel und Erde leitet sich nun für die Jüngerinnen und Jünger ein weltweiter Auftrag her. Jesus überschreitet die Grenzen. Hiermit wird die Verheißung des Jesaja wahr, darin dass alle Völker den Gott Israels anbeten und so verlernen Krieg zu führen. Dass sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden. Jüngerinnen und Jünger Jesu in allen Völkern gewinnen, dass ist nicht ein Auftrag zur Eroberung. Das ist kein Auftrag zur Versklavung der Schwarzen. Das ist kein Auftrag zur Ausbeutung der südafrikanischen Diamantminen. Das ist kein Auftrag, die Indios auf den Favelas in Lateinamerika zu verheizen. Die weltweite Geschichte der Christenheit ist keine Ruhmesgeschichte. Dabei wäre es einfach nur darum gegangen, Menschen zu suchen und zu finden, die bereits sind, zu vertrauen wie Jesus. Er glaubte, dass es einen Gott gibt, der mit uns in Beziehung steht, der unser himmlischer Vater und zugleich Schöpfer der Erde ist. Das ist nicht die Vollmacht zur Ausbeutung der Regenwälder. Das ist kein Auftrag, auf die Soldatengürtel „Gott mit uns“ zu schreiben. Das ist auch kein Auftrag zum Judenhass. Es ist ein Auftrag zur Menschlichkeit auf Gottes Erde, Jesu Jüngerinnen und Jünger zu werden.

Der Bund dieser Christinnen und Christen wird nicht ins Fleisch eingebrannt. Er zeigt sich in regelmäßigen Treffen, richtigen und symbolischen Mahlzeiten, so wie Jesus sie selbst gefeiert hat, zuletzt vor seinem Tod. Der Bund zeigt sich darin, gemeinsam über die Worte der Bibel nachzudenken, dabei auch auf die Verkündigung Jesu selbst und seiner Apostel zu hören, die Psalmen der Bibel immer wieder zu lesen und zu beten. Es ist eine Form von Religion, die der irdische Jesus und der auferstandene Christus begründet hat, eine Religion, die zunächst noch ganz jüdisch war und dann sich verselbstständigte. Die Hauptzeichen von Anfang an waren Taufe und Abendmahl. Daher geht der Missionsbefehl nun in den Taufbefehl über:

Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe.

Die Taufe, sei es mit Eintauchen in fließendes Wasser oder auch mit Übergießen ist eine symbolische Handlung. Dies kann man ja beim Wasser nur so sehen, denn Wasser hinterlässt keine Spuren. Die Taufhandlung begründet keine äußere Veränderung und verleiht kein sichtbares Zeichen, sondern die Gewissheit der Zugehörigkeit und die Gemeinschaft. Das ist ja auch der Grund dafür, wieso in einer normalen Gesellschaft Christinnen und Christen in der Masse verschwinden. Davor schützt auch der Fischaufkleber auf dem Auto nicht, denn Christsein ist Menschsein. Christinnen und Christen wissen, dass sie in ihrem Glauben die Kraft haben, ihr richtiges Menschsein zu verwirklichen. Das Zeichen des Wassers zeigt die Verbindung zur Schöpfung, zum Leben und damit zum lebendigen Gott. Es ist das Zeichen dafür, dass die Macht Gottes alles Dämonische besiegen kann. Man kann es auch mit dem Waschen vergleichen, sodass hierdurch symbolisch etwas abgewaschen wird. Aus der Taufe steigt ein neuer Mensch, aber kein anderer Mensch. Aus der Taufe steigt ein Mensch, dessen Name mit dem Namen des heiligen Gottes aufgeladen worden ist, geheiligt worden ist. Dieser Mensch ist nun Jünger oder Jüngerin Jesu, ist Mitbruder ist Mitschwester Jesu, ist Sohn oder Tochter Gottes. Erben des Reiches, das auf uns wartet und das sich praktisch in der Menschlichkeit der Liebe und der Gerechtigkeit verwirklicht. Die berühmte sogenannten trinitarische Formel setzt hier noch kein Glaubensbekenntnis voraus: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Ich verbinde damit das Kreuzzeichen. Das ist ein Segenszeichen, denn das deutsche Wort segnen kommt vom lateinischen signare und meint eben dieses Kreuzzeichen.. Und damit ist es die Wirklichkeit, die Gott zusagt: „Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein.“ Warum gehört dazu die Lehre? Das ist im Grunde damit schon beantwortet: Es gehört ein wenig Verständnis und ein klein wenig Wissen dazu, um dieses Zeichen der Taufe im Namen Jesu richtig zu verstehen. Der christliche Glaube ist tatsächlich auch so etwas wie eine kulturelle Leistung, die etwas mit Lehren und Lernen zu tun hat. Das ist nicht die Hauptsache, aber das hängt eben auch mit der Form der Wortverkündigung zusammen. Um diese Worte, auch die Worte Jesu zu verstehen, gehört zum Glauben auch ein wenig Bemühung um Verständnis.

Und das sollt ihr wissen: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.

Der Schlusssatz des ganzen Matthäusevangeliums. Damit ist alles gesagt. „Ich bin bei euch.“ Im alten Testament ist das die Bedeutung des Gottesnamens. Diese Welt ist in Jesu lebendiger Wirklichkeit die Welt Gottes, die Welt, in der Jüngerinnen und Jünger Jesu leben. Jeder Tag ist darum ein geheiligter Tag. Gott ist Gegenwart. Wir warten nicht mehr auf den jüngsten Tag, sondern rechnen hier und heute mit den Zeichen der Liebe und Nähe Gottes.

drucken