Wunder

Die Speisung der 5000 Menschen muss schon etwas ganz außergewöhnliches gewesen sein. Das Volk, das hier mit Jesus zog, war vom Hunger arg betroffen. Es hatte nicht einmal so viel, um für seinen Unterhalt das Notwendigste zu besorgen. Und in dieser sozial schwachen Situation drohte es den Blick auf Gott zu verlieren.

Die Jünger kalkulierten nur mit dem, was tatsächlich vorhanden war: fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Ja, einer fängt sogar an ganz konkret eine Rechnung aufzustellen, wie viel Geld nötig sei um so viele Menschen zu sättigen. Dies erzählt uns der Evangelist, damit uns deutlich wird, wie verschieden Jesu Blick auf den Vater von dem der Jünger war. Wo diese nur den Mangel sehen, sieht Jesus die unbegrenzte Fülle der göttlichen Macht seines Vaters.

Und dennoch bleibt bis heute die Frage unbeantwortet: wie war es möglich, dass 5000 Menschen von fünf Broten und zwei Fischen satt wurden? Und – kann man eine solche Geschichte überhaupt glauben?

Die Wahrheit dieser Geschichte liegt auf einer ganz anderen Ebene. Und das erstaunliche daran ist, dass der Predigttext überhaupt keine Anstrengung unternimmt, diese in irgendeiner Form zu erklären. Niemand von uns wird daran Zweifel haben, dass es sich hier um ein Wunder handelt. Die Bedeutungsskala dieses Wortes: „Wunder“ ist weit gespannt. Wir wundern uns über unvorhergesehene und unerklärliche Ereignisse, die uns widerfahren. Vieles in dieser Welt finden wir wunderbar und bewundernswert. Und mit derselben Begeisterung, mit der früher die Wunder der Natur besungen wurden, werden heute die Wunder der Technik gepriesen. Und wenn wir diesem Wort: „Wunder“ begegnen, so denken wir dann in erster Linie an aufsehen erregende, geheimnisumwitterte Vorkommnisse, die den Naturgesetzen widersprechen.

Das Lexikon definiert Wunder folgender Maßen: Das Wunder ist ein Ereignis im Raum der menschlichen Erfahrung, welches wesenhaft ist und nicht durch Gesetzlichkeiten der Natur und Geschichte erklärt werden kann. Der Urheber eines Wunders weist auf eine Gottheit hin.

Wunder ist also das, worüber man "aah" sagen muss, was uns unwillkürlich Zeichen der Verwunderung ausstoßen lässt. So vielfältig menschliches Verwundern ist, so verschiedenartig sind auch Wunder. Von solchen Wundern berichtet die Bibel und sie bereiten vielen modernen Menschen ganz persönliche Schwierigkeiten, weil man an die Durchbrechung der Naturgesetze denkt. Aber diese waren zur Zeit der Bibel gar nicht bekannt, also kann es auch nicht in der Absicht der Erzähler solcher Wunder gewesen sein, Gott als Durchbrecher von Naturgesetzen darzustellen.

Liebe Gemeinde, unser Glaube entscheidet sich letzten Endes nicht daran, ob wir diese alten Wundergeschichten für wahr halten. Es hängt vielmehr davon ab, ob wir die biblischen Wunder als Zeichen der Wirksamkeit Gottes erkennen. Sie sagen uns: Hier ist Gott anwesend, er tut Wunder. Es muss sich dabei nicht um übernatürliche Eingriffe handeln. Wenn die Geburt eines Kindes als ein kleines Wunder empfunden wird oder wenn wir angesichts erfahrener Hilfe oder unbegreiflicher Bewahrung sagen: Das war ein Wunder, so steht dies keineswegs im Widerspruch zur Bibel.

Bei einigen Wundererzählungen der Bibel sind wir heute durchaus in der Lage, das Wunder zu erklären. Der Glaube an Gott kann heilen helfen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Das berichtete die Fachzeitung: Ärztliche Praxis im Januar diesen Jahres. Der Glaube sucht nicht das Wunder, sondern der Glaube zielt auf Gott, für dessen Macht das Wunder ein Zeichen ist. Das größte Wunder aber besteht in der Zuneigung, Liebe und Treue Gottes, welches einem Menschen widerfährt, obwohl er dies alles nicht verdient hat.

In diesem Sinne spricht auch der Psalm 98, 1 + 3, wenn er von den Wundern Gottes berichtet. "Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes."

Diese Erfahrung hat das Volk Gottes in seiner Geschichte allen Anfechtungen und Zweifeln zum Trotz immer wieder gemacht. Und als Jesus kam, hat Gott noch einmal bestätigt, dass er uns gnädig ist und dass er der Erde treu bleibt. Nicht immer ist dies spürbar. Gottes Anwesenheit kann über weite Strecken verborgen bleiben. Aber – er tut Wunder. Das heißt: Er macht sich bemerkbar und gibt sich immer wieder zu erkennen. Es soll nicht ewig nach der alten Leier weitergehen. Und genau das ist der Grundton der Verheißung, die fast auf jeder Seite der Bibel anklingt.

Wo das Wort Gottes eigentlich gehört wird, das heißt, wo der Mensch ihm gehorcht und Gott für sich in Anspruch nimmt, die Bibel nennt es Glauben, da ereignet sich das wirkliche Wunder, nämlich das Wunder neuen Lebens aus der schenkenden Gnade Gottes, das Wunder der Freiheit von Angst und Furcht und das Wunder einer vorbehaltlosen Liebe gegenüber jedem Menschen. Ein alter Arzt war gestorben, und als seine Söhne den Nachlass ordneten, kam ihnen auch ein halbes steinhart gewordenes Brot unter die Hände. Sie wollten es schon wegwerfen, als die alte Haushälterin es sah und ihnen folgende Geschichte erzählte: Mit diesem Brot hat es eine besondere Bewandtnis. In der schlechten Zeit nach dem Kriege bekam es euer Vater von einer Frau geschenkt, deren Kinder er umsonst behandelt hatte. Da euer Vater aber wusste, dass es einer alten Frau im Nebenhaus viel schlechter ging als ihm, hat er ihr das Brot geschenkt. Die alte Frau erinnerte sich an einen jungen Mann, der immer wieder Kohlen für sie geschleppt hat und Einkäufe für sie getätigt hatte, und gab ihm das Brot weiter. Der junge Mann aber kannte eine Familie mit mehreren Kindern, denen der Hunger oft aus den Augen schaute. Denen brachte er das Brot. Diese Familie wiederum wollte sich eurem Vater, der ihr öfter mal geholfen hatte, erkenntlich zeigen und gab das Brot an ihn weiter. Wir haben es gleich wieder erkannt an der Marke, die unten aufklebte.

Niemand hatte von diesem Brot gegessen, und doch hat es jeden satt gemacht – satt an Liebe.

Mit wenigen Broten macht Jesus viele Menschen satt. Und alle, die versucht haben diese Geschichte auf natürliche Art zu erklären, enden an dem Geheimnis der schöpferischen und verwandelnden Kraft Jesu. Ihm geht es nicht nur um die Seele des Menschen, nein, es geht ihm auch um den Leib. Seine Fürsorge ist grenzenlos. Ja, sie meint den ganzen Menschen. Und weil Jesus uns so umsorgt und für uns da ist, wissen wir uns bei ihm in guten Händen. Wir leben aus dem Einen, der sich für uns hingab. Von daher gesehen stimmt es also, wenn da geschrieben steht: Sie aßen alle und wurden satt – satt, von seiner barmherzigen Liebe.

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