Wunder kann man nicht erklären

Für uns heute, liebe Gemeinde, die wir an kritisches Reflektieren und Hinterfragen gewöhnt sind, erscheint diese Geschichte, die uns Lukas da berichtet, recht naiv. "Das ist eine unglaubliche Geschichte", werden einige von uns denken. Da stehen die Türen des Gefängnisses offen, aber die Gefangenen laufen nicht weg. Wir alle wissen, dass sich Gefängnistüren nicht so einfach öffnen, obwohl Erdbeben dieser Art in der Gegend des alten Philippi nicht ungewöhnlich sind. Und jahrhundertelang bewegte sich nichts, als Christen in Kerker hinunter- und wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wurden.

Liebe Gemeinde, ich denke, was uns Lukas hier über Paulus und Silas berichtet ist mehr als nur eine naive Geschichte. Sehen wir doch einmal von der konkreten historischen Situation im Gefängnis ab und bewegen uns gedanklich in unserer eigenen Lebenssituation. Es muss doch nicht immer ein Gefängnis mit Mauern und Gittern sein, welches uns einsperrt und wir uns unfrei fühlen, in Fesseln leben, ohne Perspektiven sind und ungerecht behandelt werden. Und so frage ich mich: Was ist mein Gefängnis? Wo bin ich unfrei? Und wo bin ich eingesperrt in meiner Lebenssituation? Und wo und wann sehne ich mich nach einem Beben, welches mir Fesseln löst und Türen öffnet? Und wenn wir am Boden zerstört sind, wie reagieren wir dann? Werden wir etwa aggressiv oder fallen wir noch tiefer in Depressionen? Suchen wir die Ablenkung oder klagen wir dem einen oder der anderen unser Leid? Uns fehlen buchstäblich die Worte, wenn wir von unserer eigenen Lebenssituation gefangen sind. Wir verstummen. Wir verschwenden nicht mal einen Gedanken daran, diese Situation positiv einzuschätzen.

Da lagen sie nun, Paulus und Silas, nachdem man sie hart geschlagen hatte, in einer wohl nicht sehr gemütlichen mit etwas Stroh bedeckten Zelle. Wie müssen sie sich, von allen verlassen, da gefühlt haben? Und in ihrer nicht geraden bequemen Lebenssituation wagen sie den Vorstoß nach vorne. Um Mittenacht begannen Paulus und Silas zu beten und Gott zu loben. Und die Gefangenen hörten sie, doch nur für eine kleine Weile, denn dann wurde der Lobgesang der Apostel nicht mehr gehört. Er wurde vom Lärm und Getöse eines Erdbeben überschattet.

Das Erdbeben ist die Antwort Gottes auf den Lobgesang der Apostel Paulus und Silas. Das Erdbeben ist das Wunder der Befreiung und Öffnung. Es ist die Macht Gottes und es kündigt seine Nähe an. Es ist ein befreiendes und zugleich heilendes Erdbeben, denn von Tod und Zerstörung hören wir nichts. Die Türen öffnen sich und die Fesseln werden gesprengt.

Das Erdbeben, liebe Gemeinde, gehört ebenso wie das eigene Gefangensein zu unserer eigenen Lebenssituation dazu. Es gibt Situationen im Leben, da kommt es einem vor, als ob die Erde zu schwanken beginnt. So kann es einerseits zu einer Krise werden, in der dann alle Werte und Sicherheiten ins Wanken geraten. Und andererseits kann es auch zur Befreiung, Öffnung und zu einer Neuorientierung führen.

Das Erdbeben ist die Antwort Gottes auf den Lobgesang der Apostel Paulus und Silas. Es ist das Wunder der Befreiung und Öffnung. Es ist die Macht Gottes und es kündigt seine Nähe an. Wunder sind nicht erklärbar. Sie sind auch nicht greifbar und ebenso wenig darstellbar. Aber sie hinterlassen Spuren und haben Konsequenzen.

Die eigentliche Konsequenz unseres Predigttextes ist nicht die Öffnung der Gefängnistüren und eine Flucht der Gefangenen, sondern die Begegnung der Apostel mit dem Gefängniswärter. Liebe Gemeinde, können Sie sich vorstellen, dass wir, ein jeder und jede für sich, die Apostelgeschichte an dieser Stelle weiter schreibt? Mir fällt dabei ein Mann ein, der etliche Jahre Bewohner der Wohnungslosenhilfe der kreuznacher diakonie war. Er war ein hochsensibler, unbescholtener und verletzlicher Mensch. Die Wände seines Zimmers hingen voller Selbstporträts. Wenn ich ihm begegnete, lächelte er meist verlegen und mit seinem Bekenntnis zum Atheismus wollte er niemandem zur Last fallen. Und wie haben wir uns um ihn gesorgt, als er eines Tages in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden war. Zwei Jahre später tauchte er wieder auf. Er war sichtbar verändert und bis heute weiß ich nicht, was ihm alles zugestoßen war. Über seine Intimsphäre schwieg er sich aus. Aber soviel konnte ich doch feststellen: Er war Christ geworden. Er gehörte fest dazu.

Sie sehen, liebe Gemeinde, unsere Zeit schreibt oft unbeabsichtigt die Apostelgeschichte weiter. Und nach dem Gespräch mit den Aposteln ist der Gefängniswärter nicht mehr der Alte. Paulus und Silas verkündigten ihm den Weg der Rettung. Jesus Christus, der Glaube an ihn, macht selig und frei. Liebe Gemeinde, bei ihm gibt es keine Mauern mehr, die einsperren. Das Leben des Gefängniswärters wurde in dieser einen Nacht vollkommen umgekrempelt. Er ließ sich und sein Haus taufen und feierte mit den Aposteln ein Freudenmahl.

Das Wunder der Befreiung ist an seinem Ziel angekommen. Gott will uns aus mancherlei Gefängnissen befreien, er will uns nach so mancherlei Tiefschlägen einen Neuanfang schenken und er will, dass wir Rettung und Heil erfahren.

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