Wunder Gottes

Liebe Gemeinde,

heutzutage fühlt sich jeder berufen, seinen “Senf” dazu zu geben. Unser Bundespräsident hat in einem kleinen Kreis geladener Journalisten fast wie nebenbei erklärt, nicht erneut für dieses Amt zu kandidieren. Jetzt wird in allen Medien rauf und runter von morgens bis abends und die nächste Zeit darüber viel Sinnloses erzählt, vermutet, erdichtet, verdächtigt und was noch alles. Wo auch nur eine Person des so genannten öffentlichen Lebens etwas von sich gibt oder unerwartetes tut, wird es zerredet, gedeutet und bewertet. Vieles von dem, was da öffentlich geschrieben und gesagt wird ist erstunken und erlogen. Wir möchten schon gar keine Nachrichten oder Gesprächsrunden mehr anhören, weil jeder sich über das selbe Thema den Mund zerreißt. Politiker ziehen mit wenig erfreulichen Worten über Politiker anderer Richtungen her. Sie sind empört. Sie verurteilen. Sie reden dem Volk nach dem “Maul” um sich bei ihnen einzuschmeicheln. Immer die andere Partei ist Schuld an der schlechten Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit.

Das ist für die Bescholtenen und unnötig in die Öffentlichkeit gezerrten Menschen kaum noch auszuhalten. Da liegt es nahe, sich die Ohren zuzustopfen und beharrlich zu schweigen, bis den Schwätzern und Schreiberlingen die Lust ausgeht, auf die Themen und Menschen herzumzuhacken.

Da ist es gut, unsere Geschichte vom taubstummen Mann, den Jesus heilt, heute zu bedenken. Die Menschen zerren ihn in das Licht der Öffentlichkeit vor Jesus. Jesus ist bekannt geworden als einer, von dem Leben ausgeht. Blinde sehen. Lahme gehen. Aussätzige werden rein. Armen hören die gute Nachricht vom Leben. Dem Taubstummen soll er die Hände auflegen. Hände können segnen, heilen oder auch zerstören.

Warum soll Jesus seine Hände auflegen? Wollen Sie ein Wunder sehen und Jesus damit zum Wunderheiler machen? Auch heute lechzen viele Menschen nach Wundertätern. In der katholischen Kirche gibt es Abteilung, die sich mit Wundern befasst. Sie prüft, ob es ein Wunder ist, an dass die Gläubigen “glauben” dürfen. Sie gibt das Wunder zu glauben frei.

Würden wir selbst nicht auch viel leichter glauben, wenn wir ein “Wunder” erleben könnten? Sind die Wunder der Bibel denn nicht dazu da, dass wir “überführt” werden zu glauben. Wer dann immer noch nicht glaubt, trotz eines Wunders, ist des Unglaubens überführt. Über den können wir dann richten.

Die Sehnsucht nach einem Wunder teilen wir mit den Menschen aller Zeiten. Auch mit denen, die den taubstummen Mann vor Jesus zerren. Aber mich würde bald nach einem neuen Wunder dürsten, um meinen Glauben zu stärken.

Wie Jesus mit diesem Mann umgeht, lässt uns ahnen, wie er diesen Menschen sieht. Er entzieht ihn dem öffentlichen Interesse der Menschen und Medien. Er nimmt ihn beiseite. Es geht jetzt nur im diesen einen Menschen und seine Not. Nicht um das, was die anderen erwarten oder meinen.

Mit hämischen Unterton sagen wir unfreundliche Worte und Verdächtigungen, wenn sich Politiker, Sportler, Manager, Stars oder Trainer durch ihren Rücktritt oder Rückzug ins Private der Öffentlichkeit entziehen. Auch das wird kommentiert und zerredet. Kein Wort davon, warum ein Mensch Drogen nimmt. Kein Nachdenken darüber, warum Alkohol und Gewalt zum Alltag immer jüngerer Menschen wird. Kein Überlegen, warum sich jemand der Menschen um sich herum verweigert. Warum er sich “taub stellt” oder “abgetaucht” ist, wie wir zu sagen pflegen. Warum er sich nicht erklärt und beharrlich schweigt.

In unserer Geschichte gehen wir davon aus, dass der taubstumme Mann organisch krank ist. Gesagt wird nichts darüber. Taub und stumm zu sein ist aber auch der Rückzug in sich selbst. Nichts mehr reden und hören können. Den äußeren Reizen und ungelösten inneren Konflikten nicht mehr gewachsen zu sein.

Die Umwelt, wir, antworten mit Unverständnis und Vorwürfen. “Mein Kind will nicht hören! Du willst nur nicht mehr mit mehr reden! Du stellst dich doch nur an! Benimm dich! Sei normal! Das ist doch nicht normal! Was ist nur los mit dir?” Wir können die Liste unserer Einwände noch erheblich erweitern.

Jesus nimmt den taubstummen Mann zur Seite. Er verschafft ihm erst einmal eine Auszeit. Eine Zeit aus dem Blickfeld der Menschen des Alltags, der Öffentlichkeit zu sein ist angesagt. Auch da sparen wir nicht mit unflätigen Bemerkungen. Da ist jemand dann z.B. in die “Klappse” gekommen.

Charlies Eltern riefen mich 3 Tage vor Weihnachten an, was sie denn tun sollten. Er sei im Schlafanzug 30 km über die Autobahn bei klirrender Kälte zu ihnen gekommen. Der Arzt war schon da. Er hatte ihnen einen Überweisung in die Psychiatrie hinterlassen, falls es schlimmer wurde. Charlie liegt in seinem Bett und bewegt sich nicht mehr. Kein Ton kommt von ihm. Er hat sich total in sich selbst zurückgezogen. Unerreichbar für die Außenwelt. Ich versprach, sofort zu kommen. Lange sprachen wir miteinander. Ich ging zu Charlie rauf. Auch für mich war er unerreichbar. Die Angst der Eltern wurde immer größer. Wir riefen einen Notarzt an. Er unterschrieb das Einweisungsformular und rief die Polizei. Im Schutz der Polizei wurde Charlie in die Psychiatrische Landesklinik nach Emmendingen gebracht. Am 2. Weihnachtstag besuchte ich ihn. Er war auf den Beinen. Wir konnten schon wieder etwas miteinander reden. Er blieb viele Monate dort. Er ist geheilt. Er sagt, Jesus habe ihn geheilt durch die Menschen die ihm beistanden. Ohne diese Zeit “beiseite genommen zu sein”, würde er heute bestimmt nicht mehr leben. Er ist inzwischen glücklich verheiratet.

Es ist gut, wenn uns jemand aus dem “Schussfeld” nimmt, damit wir wieder zu uns selbst kommen können. Es ist gut, wenn wir den anderen so lassen, wie er ist. Versuchen wir zu verstehen, was er uns sagen will, wenn er so ganz anders redet oder sich verhält, als wir es erwarten. Halten wir ihn aus, wenn er uns unausstehlich erscheint. Halten wir unsere schützenden und vielleicht auch heilenden Händen über ihn.

Jesus fordert keinen Glauben und kein Bekenntnis. Er nimmt ihn so, wie er ist beiseite und gebraucht seine segnenden und heilenden Hände für ihn. Hier wird es deutlich, dass Gottes Güte an keine Bedingungen gebunden ist. Kein Schuldbekenntnis, keine Buße oder Umkehr von alten Wegen fordert Jesus. Er bildet vielmehr einen schützenden Raum um den bedrohten Menschen, wie es die Begleitung der Polizisten bei der Einweisung Charlies in die Klinik war.

Er berührt den Menschen an den Punkten seines Lebens, wo er von der Kommunikation mit den Menschen um sich herum ausgeschlossen ist. Er stellte einen Kontakt zwischen sich und dem Menschen her, indem er seine Finger in dessen Ohren legt. Mit dem Speichel, der von seiner Zunge kommt, berührt er die Zunge des Taubstummen. Jesus macht ihn sprachfähig. Dem Speichel wurde Heilkraft zugesprochen.

Aber die Kraft zu neuem Leben kommt nicht allein aus Jesus heraus. Indem er zum Himmel aufblickt, macht er sich für alle sichtbar fest, worin er selbst zutiefst mit seinem Leben geborgen ist. Alle Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Leben kommt von Gott, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat.

Er allein gibt Leben. Das bekennen wir.

Manchmal meinen wir, Gott nimmt oder verweigert uns das Leben. Er hat andere Maßstäbe als wir. Er gibt Leben anders, als wir es erwarten. Auch dann, wenn unser irdisches Leben endet, gilt uns seine Güte und Liebe ungebrochen. Es kann mich nichts von seiner Liebe trennen.

Ich möchte diese Wundergeschichte ganz nah am Leben dieses Mannes und unserem eigenen Leben belassen. Es kann ja einbezogen sein, dass Jesus Christus uns auch für sein Wort und unser Bekenntnis zu ihm öffnet. Aber hier wird wesentlich davon erzählt, wie ein Mensch in seinem leidvollen Dasein Gottes Güte und Liebe erfährt. Das in einem so gewaltigem Umfang, dass sogar wir heute noch davon erzählen.

Die Sprachstörung, die uns seit dem Turmbau zu Babel heimsucht, kann aber auch immerwieder in der Begegnung mit Menschen des Glaubens punktuell als überwunden erfahren werden. So z.B. in der Bruderschaft von Taizé in Südburgund in Frankreich. Trotz Sprachengewirr von 5000 vornehmlich jungen Menschen, reden, singen und beten sie miteinander. Gottes Güte und Nähe muss dort nicht gesucht werden, sondern wird auf wundersame Weise erfahren. Das sagt uns auch heute diese Wundergeschichte.

Wir sind ständig versucht, alles ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren, von dem wir meinen, sie habe ein Recht auf Information. Jesus zeigt, dass es Lebensbereiche gibt, die von dieser Öffentlichkeit zurück gehalten werden sollen. Der Glaube ist ein Geheimnis und Wunder Gottes zugleich, wenn wir ihn in unserem Leben als Grund unseres Leben erfahren. Für dieses Wunder des Glaubens danken wir ihm aus ganzem Herzen.

Uns geht es wie den Menschen um Jesus herum. Wir können gar nicht anders, sondern müssen es weitersagen und bekennen, was wir glauben und erlebt haben. Letztlich sind wir Wunder Gottes mit unserem Leben und Glauben, die wir uns wundern über den, von dem im Urteil der Schöpfungsgeschichte gesagt wird: “Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!”

Für wahr: Er hat alles wohl gemacht. Er hat uns bei unserem Namen gerufen, wir sind sein.

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