Worum es eigentlich geht

Liebe Gemeinde,

allerhand erstaunliche Dinge geschehen hier in diesem Predigtwort. Einem Schriftgelehrten wird von Jesus gesagt, er sei nicht fern vom Reiche Gottes. Der Schriftgelehrte selber setzt sich in erstaunlichem Freimut über die wichtigen Gebote zur Opferung hinweg. Von beiden Seiten her werden Grenzen überschritten und das alles in einem wundersam freundschaftlichen Tone. Also kein Streitgespräch zwischen Jesus und den damals Rechtgläubigen, sondern eher ein Einvernehmen über den Kernpunkt der gemeinsamen Lehre. Manchmal stelle ich mir das im alltäglichen Leben auch vor: quasi als Tagtraum: du kämpfst dich ab mit allem, was tagtäglich auf dich eintrifft – sei es im Geschäft, im Büro, in der Schule oder auch zu Hause bei den Haushaltspflichten. Du setzt dich auseinander mit anderen Menschen, versuchst mit ihnen gemeinsam einen Weg zu finden, um die Dinge, die geregelt werden müssen, zu regeln – auch hier: egal, wo du bist: beim Abschluss eines Vertrages: wer zahlt wieviel für was; beim Koordinieren von Terminen: wie bringt man die ganzen Sachen, die anstehen, noch unter einen Hut – hoffentlich wird keiner benachteiligt; mit den Anforderungen, die die Schule stellt: schließlich hält jeder Lehrer sein Fach für das Wichtigste usw. usf. In meinem Tagtraum geschieht dann folgendes: die beteiligten Personen treten einen Schritt zur Seite, gleichsam aus ihrer Haut heraus, lassen die ganzen alltäglichen Probleme in ihrer alten Hülle mit nebenan stehen und fragen sich den bedeutenden Satz: worum geht´s eigentlich im Kern? Dann tauscht man zwei, drei kurze Erfahrungen aus, sieht dabei, dass der andere im Grunde auf der gleichen Wellenlänge liegt und bestätigt sich gegenseitig, dass man richtig denkt.

Also heraustreten aus dem Alltag, aus dem, was uns täglich gefangen nimmt und sich fragen: worum geht´s eigentlich im Kern? Vielleicht ist es deswegen so versöhnlich, so tröstlich dieses Bibelwort: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet. Und die Antwort: du bist nicht fern vom Reiche Gottes. Zu erfahren, dass ein anderer Mensch etwas so treffend und so klar ausdrücken kann, was einen selbst im Innersten bewegt, wozu man aber vielleicht nicht fähig ist, es richtig zu benennen: das ist eine befreiende Erfahrung: Ja, so habe ich es immer empfunden, aber mir haben die Worte dazu gefehlt. Und andersherum: zugesprochen bekommen: Ja, du hast es verstanden – du bist auf dem richtigen Wege.
Natürlich ist dieses ganze Geschehen hier in unserem Predigtwort inhaltlich gefüllt: es ist ganz klassisch und wenn es gut geht, dann lernen es auch unsere Kinder noch in der Schule: das erste und wichtigste Gebot ist die Anerkennung, dass Gott allein der Fixpunkt in unserem Leben ist. Gott allein gebührt die Ehre und er allein hat die Kraft, unser Leben zu bestimmen und lenken. Es ist in der Form, in der es Jesus zitiert gleichzeitig das Glaubensbekenntnis des Judentums: eines der grundlegendsten Gebote: das Höre-Israel. Der gläubige Jude bindet es sich beim Gebet und die Hand und die Stirn und es findet sich ebenfalls an der Haustüre wieder: mein Denken und Handeln, mein alltägliches Sein und mein Herz sollen bei Gott sein. Das zweite, gleich wichtig, aber gleichsam aus dem ersten herrührend ist die Liebe zu meinem Nächsten: Gott hat mich frei gemacht, aber nicht unbestimmt, sondern im Blick auf mein Gegenüber: auch das keine Erfindung des Christentums, sondern ebenfalls ein altes Gebot aus dem Judentum. Hierin, so sagt es unser Predigtwort ist der Kern der Lehre aufgehoben. Alles andere – das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – alles andere sind nachgeordnete Auslegungsbestimmungen dieses einen, höchsten Doppelgebots.

Darum geht´s also, liebe Gemeinde: das ist die Antwort auf all unser Fragen – wenn Sie so wollen ist das die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es klärt unser Woher und es klärt unser WohinWohin. Man könnte denken, dass derjenige, der sich hierauf besinnt, ein glücklicher Mensch sein muss. Aber es bleibt ein Geheimnis unseres menschlichen Daseins, dass es zwar Antworten dieser Art gibt, dass die Geheimnisse des Lebens offenbar gemacht worden sind, ja, dass Wege zum Heil und zum Frieden nicht Utopie sein müssen, sondern offen liegen und für jedermann zugänglich sind – dass aber trotz allem unser Alltag nicht besser gelingen will oder nicht besser gelingen kann. Warum läuft es nicht so harmonisch? Warum gehen die Menschen nicht diesen Weg? Warum bleibt der Schriftgelehrte Schriftgelehrte und wird nicht ein Jünger Jesu, wo er doch schon so nah dran ist? (Du bist nicht fern vom Reiche Gottes heißt doch wohl, dass er noch nicht drin ist.) Auf diese Frage, liebe Gemeinde haben wir keine Antwort, die uns das Warum erklären wurde. Die Bibel spricht hier von der Sünde, die uns alle noch belastet und von der wir erst endgültig loskommen am Ende unseres Lebens hier. Und es entspricht dies eben der Erfahrung, die wir im Alltag machen: wir kennen den Kern, das worum es eigentlich geht und dennoch schaffen wir es so selten, uns daran zu halten. Wir schaffen es so selten, Gott den ersten Platz in unserem Leben zu geben – das heißt v.a., wir schaffen es so selten, uns von ihm korrigieren zu lassen und uns von ihm lenken und leiten zu lassen. Und wir schaffen es so selten, unseren Nächsten wirklich zu lieben wie uns selbst. Daran sehen Sie, liebe Gemeinde, dass dieser Kern der Wahrheit mit dem Herzen gelebt sein will und nicht nur im Kopf seinen Platz hat. Als Pfarrer höre ich fast schon zu oft die Worte: wir ham´ doch eh alle den gleichen Herrgott. Oder von noch anderer Seite: wir wollen doch eh alles das Gleiche, die Liebe und die Gerechtigkeit. Allzu oft steht hinter diesen Worten nicht die Erkenntnis, die der Schriftgelehrte hatte, sondern einfach nur Bequemlichkeit, weil man sich nicht tiefer mit der Sache beschäftigen möchte. Sich so nah mit dieser Erkenntnis im Herzen aufeinander zuzubewegen wie es der Schriftgelehrte und Jesus taten, das geschieht selten und fast nur in außergewöhnlichen Situationen. Daran, liebe Gemeinde, können wir auch nichts ändern. Wir können diese Situationen nicht herstellen, nicht erzwingen. Freilich können wir uns etwas vorlügen – darin ist Mensch ein Meister: wir können uns glauben machen, wir würden eine Art Erlösung finden in den vielerlei Methoden der Ablenkung, die wir entwickelt haben: über die Medien etwa, über bestimmte Vergnügungen, die wir aufsuchen können, in Formen der Ekstase, aber auch in Formen der Selbstkasteiung und Selbstbeschneidung, wie wir es in der hausgemachten Gesetzlichkeit wiederfinden, die uns oft umgibt. Aber überall darin finden wir nicht das, worum es eigentlich geht.

Deshalb blicken wir noch einmal zurück auf unser Predigtwort: was empfiehlt es uns, zu tun, angesichts dieser Situation? Ich denke, es ist eine Haltung, die uns hier vorgelebt wird: sowohl von Jesu Seite aus, als auch von der Seite des Schriftgelehrten aus: eine Haltung des offen-bleibens. EinEine Haltung, die damit rechnet, dass Gott uns den Kern dessen, worum es eigentlich geht, sehen lässt: dass er es aufleuchten lässt in unserem Leben, damit wir für Augenblicke den Himmel offen stehen sehen, so wie es Paulus widerfahren ist. Diese Augenblicke werden dann getragen sein von dem Empfinden, was ich vorhin zu beschreiben suchte: ich erfahre in meinem Gegenüber einen Menschen, der ausdrücken kann, der in Worte fassen kann, was ich fühlte, aber nicht sagen konnte. Ich erleben in meinem Gegenüber einen Menschen, der mich freisprechen kann, der mir sagen kann: du liegst auf der richtigen Linie. Ausdruck und Zuspruch. Ruf und Antwort in einem lebendigen Miteinander. Darin geschieht Gott, könnte man frei formulieren. Darin geschieht der Kern dessen, worum es eigentlich geht. Darin realisiert sich das höchste Gebot von allen. In diesen Augenblicken, liebe Gemeinde, verspreche ich Ihnen, dass es egal sein wird, an welchen Grenzen des Gegenübers wir uns sonst stören würden: an seiner Religion, an seiner Lebensweise, an seinen Ansichten: diese ganzen Auslegungskleinigkeiten werden dann wie weggeblasen sein und uns wird das Licht einer tieferen Wahrheit erleuchten. Dies geschieht, wenn Gott uns begegnet. Dafür offen zu bleiben, sich ansonsten weiterhin zu bemühen – dann auch mit allen Auslegungsbestimmungen auch um die notwendigen Grenzen zu kämpfen: das ist das Beispiel unseres Predigtwortes von heute.

Ein letztes Wort noch zu den beiden Empfindungen, die wir festgestellt haben. Wo Gott in dieser Weise in unser Leben eintritt, da durchbricht er den Alltag der Sünde, in dem wir uns befinden, aus dem wir nicht auskönnen. Dort ist ein heiliger Raum und eine heilige Zeit. Wir, die wir uns am Sonntag unter dem Wort des lebendigen Gottes versammeln, gedenken darin dieser Unterbrechungen des Alltags: wir hören seinen Ruf und antworten ihm in Gebet und Lied. Messen Sie den Gottesdienst nicht daran, ob am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr dann wirklich für Sie diese Grenzen verschwinden und Sie den Himmel offen sehen. Das wird wohl nicht häufig passieren. Aber denken Sie daran, dass es ein Teil dieses Offen-Seins für das Geschehen Gottes beinhaltet. Am Sonntag gedenken wir dessen, worum es eigentlich geht: welches ist das höchste Gebot von allen? Welches ist der Weg zum Leben? So bleiben wir in der Spur des Schriftgelehrten und der Antwort Jesu: du bist nicht fern vom Reiche Gottes!

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