Woher kommt mir Hilfe?

Liebe Gemeinde!

"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?" So beginnt der Psalm dieses Tages. Es ist ein Satz, den so viele im letzten Jahr gesagt oder gedacht haben müssen. Woher kommt mir Hilfe? Am Ende eines Jahres ist es immer die Zeit noch einmal zurückzuschauen, noch einmal zu sehen, was denn so geschehen ist im letzten Jahr. Und ich muss gestehen, es macht mich frösteln. Woher kommt mir Hilfe? Das letzte Jahr hat einen Krieg gesehen, einen Krieg gegen einen Diktator, der sein Volk nieder hielt und eigene Volksgruppen vernichtete, wenn sie nicht das machten, was er wollte. Ob dieser Krieg gerechtfertigt war, darüber kann man streiten; er vernichtete jedoch das, was die Menschen im Irak an Sicherheit noch hatten; die Rohstoffe des Landes bringen nun Geld in die Taschen Fremder. Menschen, die als helfende Hoffnungsschimmer in das Land kamen, ziehen sich zurück, weil ihr Leben nicht mehr sicher ist. Jedes Mal, wenn ich Bilder sehe von Krieg, von sterbenden Soldaten oder Zivilisten, frage ich mich, was ihre Mütter wohl dazu sagen, ob sie nicht verzweifelt weinen, wenn sie die, die sie als Babies gestillt haben, denen sie die Windeln wechselten und später blutende Knie verpflasterten, ihnen bei den Hausaufgaben halfen, nun sterben sehen, verbluten, weil andere das so angeordnet haben.

Woher kommt mir Hilfe? das sagen die Menschen, die im letzten Jahr ihre Arbeit verloren haben. Einkommen, das so sicher schien, von dem doch die Raten für das neue Auto oder für die Couchgarnitur bezahlt werden sollten, sind weg gebrochen. So manche können ihre Miete nicht mehr bezahlen, nehmen irgendwelche Jobs, um sich über Wasser halten zu können. Oder sie müssen zum Sozialamt um sich ihre Sozialhilfe abzuholen. Als ich noch im Studium war, kam unser erstes Kind und ich war von nun an regelmäßiger gast auf diesem Amt. Es ist nicht schön; es kostet Überwindung zu sagen, ich bin bedürftig; helft mir. Und in Hessen wird das jetzt noch schwieriger, da so viele Stellen, die einfach mal und unbürokratisch helfen konnten, weil sie näher dran sind als die Menschen auf den Ämtern, weil sie anders ausgebildet sind, schließen müssen, weil das Geld fehlt. Die Solidargemeinschaft, auf die wir in unserem Land über lange Jahre so stolz waren, bricht auseinander; die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Und viele junge Menschen bekommen kaum noch eine Chance, weil die Ausbildungsplätze fehlen. Die Werbekampagne in allen großen Städten weist darauf hin, auf denen Bilder von Jugendlichen zu sehen sind, mit der Aufschrift: Suche Ausbildung, biete Zukunft oder biete Fortschritt, oder oder, oder … Ohne Ausbildung haben sie später kaum eine Chance.

Woher kommt mir Hilfe? wenn sich auch in einer Kirchengemeinde so viel verändert wie in unserer im letzten Jahr. Denn die Kirche sollte doch wenigstens Bestand haben in all den Unsicherheiten, die uns heute überall begegnen. Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin ist für viele von uns nicht nur eine Dienstleistungsanbieterin, sondern ein Mensch unseres Vertrauens und es kostet Zeit und Mut, sich auf neue einzulassen so höre ich das öfter in der Gemeinde.

Liebe Gemeinde, woher kommt mir Hilfe? ist ein Aufschrei, den wir, den Menschen zu allen Zeiten immer wieder suchend in die Welt schicken. Wir rufen, wir denken, wir beten ihn, wenn wir nicht mehr weiter wissen; wenn wir unsere Macht am Ende sehen; dann brauchen wir eine Macht außer unserer selbst, die uns weiter hilft, und unter die Arme greift.

Wir wollen da hinein auf das Wort des Apostels Paulus hören, das uns zum Predigttext vorgeschlagen ist. Das paßt wirklich. Das kann helfen und trösten, uns weiterbringen und Hoffnung schenken.

Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? Gott, der für uns seinen eigenen Sohn geopfert hat, sollte er uns noch etwas vorenthalten? Wer könnte es wagen, die von Gott Auserwählten anzuklagen? Niemand, denn Gott selbst hat sie von aller Schuld freigesprochen. Wer wollte es wagen, sie zu verurteilen? Keiner, denn Christus ist für sie gestorben, ja noch mehr: Er ist vom Tode auferweckt worden und tritt jetzt vor Gott für uns ein. Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut?

Gefahr oder gewaltsamgewaltsamer Tod? Gewiß nicht! Es heißt ja schon in der Heiligen Schrift: "Wie Schafe, die geschlachtet werden sollen, wird man uns deinetwegen überall verfolgen und töten." Aber dennoch: Wir werden über das alles triumphieren, weil Christus uns so geliebt hat. Denn da bin ich ganz sicher: Weder Tod noch Leben weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgendwelche Gewalten, weder Himmel noch Hölle oder sonst irgend etwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, bewiesen hat.

Diese Sätze im Römerbrief gehören für mich zu den Schönsten in der gesamten Bibel. Paulus hat diese Anfechtungen erlebt. Er ist verfolgt worden; er ist im Ende gar ermordet worden für seinen Glauben. Und doch hat ihn sein Glaube getragen. Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? nach diesem Lebensmotto ist er seiner Mission nachgegangen, ist um die damalige Welt gereist, um Menschen für die Sache Jesu zu gewinnen. Er hat ihnen Mut zugesprochen, immer wieder neu; denn es macht Mut, zu wissen, dass ganz gleich, was ich tue, ganz gleich welche Anfeindungen ich erlebe; ich bin nicht allein,; da ist einer, der zu mir hält; nicht weil ich die oder der bin, nicht weil meine Eltern etwas Besonderes waren, nicht weil ich so erfolgreich bin, nein, einfach nur weil ich bin. Und Gott ist es gleichgültig, ob ich Pickel habe oder unsportlich bin, Gott ist es gleich, ob ich der perfekte Hausmann bin oder ob meine Blusen immer ordentlich gebügelt sind.

Denn für Gott sind und bleiben wir die geliebten Menschen, für die er seinen Sohn dahingegeben hat an Kreuz und Tod. Und unendlich wertvoll sind wir ihm. Nicht eine, nicht einen von uns will er verlieren. Und das hat nichts zu tun mit dem, was wir leisten, was wir können, ja, nicht einmal mit dem, was wir aus Gottes Gaben gemacht und ob wir sie überhaupt genutzt haben. Und wenn wir beladen mit den schlimmsten Sünden und den größten Verfehlungen zu ihm kämen, er stünde doch schon da mit ausgebreiteten Armen. Und wenn er uns ein langes verkehrtes Leben nicht interessiert hätte und wenn wir nun noch in letzter Minute vor ihn treten würden, so gäbe er uns doch den vollen Lohn: Wer könnte es wagen, die von Gott Auserwählten anzuklagen? Niemand, denn Gott selbst hat sie von aller Schuld freigesprochen. Fragen wir nicht, warum er das tut, das muß zuletzt ein Rätsel bleiben, aber er tut es!

Manchmal kommen uns jedoch auch Zweifel; wenn dem allen so ist, warum spüren wir es nicht; manchmal, wenn ich wieder einmal ratlos vor dem großen Soll auf meinem Kontoauszug stehe, wenn die 30. Bewerbung wieder mit einem Negativbescheid ins Haus geflattert kommt, wenn andere mich mobben oder dissen, wie es heute oft heißt. Oder wenn ich nach dem Tod eines geliebten Menschen abends allein zuhause sitze und die große Einsamkeit mein Herz aufzufressen droht. Dann kommen doch manchmal Zweifel. Bin ich vielleicht nicht doch allein? Da kann es helfen zu beten, sich einzulassen auf das Gespräch mit Gott, da kann es helfen in der Bibel zu lesen von Menschen wie Paulus, denen Gott nahe war trotz aller Not oder gerade in aller Not.

Der jüdische Schriftsteller und Holocaust Überlebende Ellie Wiesel wurde einmal gefragt, wo denn Gott in Auschwitz gewesen sei und er meinte dazu: Gott sei mit den Menschen in den Gaskammern gewesen, habe mit ihnen am Galgen gehangen. Er war da, wo wir Menschen leiden, wo wir Unrecht erfahren. Gott ist da, wo wir ihn brauchen; sowie in der Krippe damals, als er zu den Menschen kam, die seiner Anwesenheit wirklich bedurften, Maria und Josef in einem ärmlichen Stall, den Hirten, die als allgemein verachtete Menschen nur an den Rändern der Orte leben konnten. Ihnen war Gott nahe, erfüllte ihre Herzen mit Hoffnung und gab ihnen ein Gefühl von Wichtigkeit; denn das ist es, wir sind wichtig vor Gott, jeder und jede einzelne von uns.

Manchmal brauchen wir nur Augen dies zu sehen, wie der Gläubige Mann, der während einer Flut in seinem Hause blieb, darauf vertrauend, dass Gott ihm als gläubigem Menschen schon helfen werde. Als das Wasser höher stieg, ging er auf das Dach des Hauses. Ein Boot kam vorbei, um ihn zu retten; er aber sagte, nein, ich bleibe, Gott wir mich schon retten. Das Wasser stieg weiter; der Mann stieg auf den Schornstein. Wieder kam ein Boot vorbei, das ihn retten wollte und wieder sagte der Mann: nein, ich bleibe, Gott wir mich schon retten. Als das Wasser ihm schon am Hals stand kam ein Helikopter, der ihn sah und wollte ihn retten: Und wieder sagte er: nein, ich bleibe, Gott wir mich schon retten. So starb der Mann. Bei Gott angekommen beschwerte er sich: Ich war so ein gläubiger Mensch; doch du hast mich nicht gerettet. Da sprach Gott: "Ich habe dir zwei Boote und einen Hubschrauber geschickt, du aber wolltest dich nicht retten lassen."

Liebe Gemeinde, Gott kann die Kriege nicht stoppen, er kann den Menschen keine Arbeit oder Ausbildung verschaffen; doch er gibt uns die Hoffnung, dass es weiter gehen kann, dass ganz gleich wie elend und allein wir uns fühlen, da jemand ist, der uns hält, der uns will als die die wir sind. Mit einem solchen Bewusstsein, sind wir freier in unseren Entscheidungen, können wir vielleicht klarer sagen, was wir wollen und eintreten für das, was uns wichtig ist.

Darum will ich uns allen den Schlusssatz unseres Predigttextes als Mutmachwort und als Hilfe, auf die wir so oft angewiesen sind, mit hinein in das neue Jahr geben.

Weder Tod noch Leben weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgendwelche Gewalten, weder Himmel noch Hölle oder sonst irgend etwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, bewiesen hat.

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