Woher kommt mein Heil?

<i>Heil Dir und Deinen Streitern, Du Retter aus der Not,
Heil Dir, Du Wegbereiter, Heil Dir, mit Dir mit Gott.</i>

Liebe Gemeinde, dieser Vers könnte ganz gut ein Vers aus einem Weihnachtslied im Gesangbuch sein, gar ein Lied zu unserer Geschichte. Der Retter aus der Not, der Wegbereiter das könnte Jesus sein. Er findet Menschen vor, wo immer er hin geht, wo immer er sprechen will, füllen sich die Häuser bis auf den letzten Platz. Ihm wünscht man Heil, von ihm erwartet man Heil, selbst sein Name Jeschua kann mit Heiler übersetzt werden.

Wer das Lied kennt wird diese Verse mit ganz anderen Ohren hören. Es heißt "Heil Hitler Marschlied". Seit Ende des Krieges ist "Heil" so etwas wie ein Unwort geworden, es hat sich langsam aus unserem Wortschatz geschlichen. Wenn wir Lieder singen wie "es ist das Heil uns kommen her …" so bleibt den einen ein ungutes Gefühl im Bauch, die anderen verstehen den Begriff nicht mehr.

Wenn wir an die Worte der Lesung (1. Sam 8) zurückdenken, dann entdecken wir eine lange Tradition dem Herrscher Heil zuzusprechen und auch diesen Zuspruch wieder zu entziehen. Seit Urväter Zeiten lag das Heil und Unheil in Gottes Hand. Er allein konnte heilen, was zerbrochen war, seien es die Seelen der Menschen, die sozialen Zustände, die Zerstörung durch Krieg, Hass und Verantwortungslosigkeit. (2.Mose 15,2:) Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben. So singt Mose nach Errettung durch das Schilfmeer. Jahrhunderte später singt David, der König Israels: (Ps 27) Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mit grauen?… Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! So singt David in einem seiner Loblieder (2.Sam22) Darum will ich dir danken, HERR, unter den Heiden und deinem Namen lobsingen, der seinem Könige großes Heil gibt und Gnade erweist seinem Gesalbten, David und seinem Hause ewiglich.

Doch gerade zu seiner Zeit ist ist der Umbruch deutlich zu sehen. Die Ältesten Israel haben sich eine greifbare und sichtbare Gestalt des Heils gewünscht – einen König. Wohl wissend und extra darauf aufmerksam gemacht, dass die auch seinen Preis hat. Die Verbindung von menschlicher politischer Macht und Heil, das heißt Hoffnung für die Zukunft einer blühenden Gesellschaft und Kultur, stellt die Person selbst vor eine große Zerreißprobe. Die Hybris des Herrschers alleine ohne Gottes Zuspruch zu entscheiden, führte zu wachsender Enttäuschung und wieder neu entflammender Hoffnung mit der Wahl eines neuen Herrschers. Saul muss abtreten und auch David verlässt um einer schönen Frau willen den Weg Gottes. Unter seinen Söhnen und Enkeln zerbröselt das Reich. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches fand dieses schmerzreiche Auf und Ab, das einerseits zum Misstrauen gegen sämtliche Bevormundung wie auch andererseits zu einer radikal fundamentalistischen Einstellung führte ein vorläufiges Ende. Kaiserkult und Christentum stießen aufeinander bevor sie eine Symbiose eingingen. Aus dem "Ave Caesar" dem Gruß für den Kaisergott wurde das Heil dir Caesar für den Kaiser mit Gott. Karl der Große erhielt vom Papst die Krone um diese Tradition nach dem Ende des Römischen Reiches fortzusetzen. Doch auch die Kaiser von Gottes Gnaden konnten den Menschen das Heil nicht geben, das sie von ihnen erwarteten und Gott spielte immer weniger eine Rolle in Politik und Macht. Das Wort, der Gruß "Heil" ist geblieben. "Heil dir im Siegerkranz", die Königshymne Preußens wurde nach der Reichseinigung 1871 die Kaiserhymne. Sie war die Nationalhymne des Deutschen Reiches von 1871 bis 1918. Die Melodie ist uns heute noch geblieben, sie begleitet die Hymne "God save the Queen". Heil in einer Zeit der Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen Flaute der politischen Uneinigkeit und Zersplitterung nach Auflösung der Monarchie erwarteten die Menschen nicht nur in Deutschland von einer charismatischen Führergestalt. Adolf Hitler wurde durchaus Heilwirken zugetraut. Und wie ein Kaiser Gottes Gnaden wurde er begrüßt. Seine Verbindung zu Gott war das Gefühl erwählt zu sein, nicht aber das Hören und die Verantwortung. Gottesdienstliche Elemente, Aufmärsche, Kult wurden für eine persönliche Inszenierung benützt, jeder konnte das in seinem Exemplar "Mein Kampf" lesen. Für Gott war nur Platz, wenn er auf das dem Programm taugliche Maß zurückgestutzt wurde.
Heil Dir und Deinen Streitern, Du Retter aus der Not, Heil Dir, Du Wegbereiter, Heil Dir, mit Dir mit Gott. Und das Volk Israel mit dem alles anfing und das zurückgekehrt war zu "Gott ist mein Licht und mein Heil" und mit Ritualen und Gesetzen das Leben strukturiert hatte, hatte keinen Platz in diesem Konzept. Millionen mussten sterben. Diese Wunde blutet noch heute.

Kein Wunder also, dass das Wort Heil in unserer Zeit seinen Stellenwert verloren hat. Auch scheint es als habe sich Gott aus der Politik verabschiedet, wenn auch einige Parteien ihn noch als Buchstaben im Namen führen. Wer sich Heil von unserer heutigen Regierung erwartet hat, ist bitter enttäuscht worden. Die goldenen Jahre sind vorbei und in aller Munde ist die Frage nach der gerechten Verteilung eines leeren Portemonnaies. Rentner, sozial schwache, Kinder bekommen die Sparpolitik zu spüren, Kultur wird eingeschränkt, massenweise ausgestellt um Firmen zu sanieren, doch keiner weiß womit die damit an den Rand gestellten Menschen noch unterstützt werden können; medizinische Behandlung wird kontingentiert auf, Ziffern und Zeiteinheiten reduziert. Nur die Werbung gaukelt uns immer noch die Welt der Schönen und Reichen vor. Das Heil auf Erden. Wie ist das mit Gott und der Politik? Woher kommt unser Heil? Vielleicht ist es bezeichnend, dass Bundeskanzler Schröder der erste war, der bei seiner Vereidigung auf das "mit Gottes Hilfe" bei seinem Ja verzichtet hat. Es ist Zeit sich von einer alten Tradition zu verabschieden menschliche Machtstrukturen mit der Hoffnung auf Heil zu verbinden. Das heißt nicht gleich der fundamentalistischen Richtung nachzugehen und einen Gottesstatt auszurufen und mit brachialer Gewalt Zucht und Ordnung einzuführen, auch das wäre Hybris des Menschen der eine Gewalt gegen die andere austauscht. Doch es wird Zeit Ohren zu öffnen, Augen zu öffnen, Menschen anzurühren, aus ihrer Lethargie aufzurütteln, aus ihrer Lähmung zu bewegen um sich dem Heil zu nähern.

Und da, liebe Gemeinde, sind wir genau bei unserer biblischen Geschichte: Jesus predigt vor vollem Haus. Die Menschen strömen nur so hinzu, neugierig, interessiert oder einfach nur, weil da etwas los ist. Erbauung, intellektuelle Auseinandersetzung, tradtionelle Bildung ist gefragt. Das wie Volkshochschule oder Fernsehen heute. Faszinierend. Nachher kann man sich darüber austauschen, stundenlang diskutieren. Sicher, wenn Gottesdienst für Sie das erreichen könnte wäre schon viel gewonnen. Eine Prise Charisma gehört wohl dazu. Jesus war ja nicht irgendwer. Und zu jedem Pfarrer, bloß, weil er Gottesdienst hält, weil gerade Sonntag ist, geht man ja heute auch nicht. Eine Prise Charisma und etwas Eventcharakter: Volles Haus, coole Inszenierung, fetzige Musik – Kinderbibelwoche mit dramatischer Darstellung auch für Erwachsene. Das gibts auch heute. Mehr allerdings hat Gottesdienst nicht zu bieten?! Oder doch? Vier Männer steigen Jesus aufs Dach. Sie decken die obere Schicht ab, sie graben sich durch den isolierenden Lehm sie bohren mit den bloßen Händen ein Loch in das Dach – nicht um besser zu sehen – quasi ein Logenplatz auf der Empore – nein, weil sie ihren kranken Freund zu Jesus bringen wollen. Weil sie erwarten, dass er seinem Namen alle Ehre machen wird. Weil sie Heil erwarten – Heilung. Sie erwarten in der Person Jesus eine direkte Begegnung mit Gottes heilendem Wirken. Die Zuschauer erbost über die Störung ihrer intellektuellen Freuden warten gespannt auf die Reaktion Jesu. Da sagt der "dir sind deine Sünden vergeben – weil deine Freunde so fest an das Heil Gottes glauben" Das ist die Höhe, denken sich die Zuschauer, Amtsanmaßung, schön predigen kann er, aber das geht zu weit. Niemand kann so einfach Sünden vergeben, nur Gott. Wir heute kennen das Amt der Schlüssel; bei jeder Beichte wird uns diese Vergebung zugesprochen, im Confiteor am Anfang des Gottesdienstes ebenso. "Glaubt ihr auch, dass ich (der Pfarrer) euch im Namen Gottes freisprechen kann, so antwortet mit ja" werden wir gefragt und antworten mit ja. Das bahnbrechende, das umstürzende, das befreiende darin, das göttliche spüren wir das? Oder nehmen wir es eher als gleichgültig dahingesagte Floskel? Können wir uns darüber aufregen, berührt es uns, wenn jemand uns Vergebung zuspricht? Ja?
Wollen wir nicht auch sichtbare Zeichen für die Gültigkeit der Zugesprochenen Voll-Macht. Die Zuschauer Jesu waren erst überzeugt, als sie die körperliche Heilung erleben konnten. "Steh auf nimm dein Bett und geh." Wenn wir diese göttliche Gabe hätten, wenn ich hier sagen würde nimm deine Krücke und geh, nimm die Brille ab und seh … wären unsere Kirchen wohl auch übervoll. Wallfahrtsorte wie Altötting und Lourdes um nur 2 zu nennen, künden von diesem Vertrauen in Gott und erfahrener Heilung. Votivtafeln an der Wand erzählen unzählige Geschichten von erfahrener Heilung und Rettung, Krücken und Helme von überlebten Unfällen und Behinderungen. In Heilungsgottesdiensten eines Teils der charismatischen Gemeinde treten Kranke vor um sich von den Kirchenvorstehern die Hände auflegen zu lassen um ein Gebet gesprochen zu bekommen, in dem um Heil gebeten wird … Heil am Fließband … das ist ein anderes Extrem. Unsere Frage geht nicht nach Vergebung, sondern "Warum hat er denn nicht gleich diesen armen Behinderten geheilt. Musste erst die Show sein, damit er sich als Gottes Sohn offenbaren kann? "Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an" so lautet unsere Jahreslosung. Uns geht nicht in den Kopf, dass man sich wohl mit einer Krankheit arrangieren kann und damit leben, dass es aber in uns Dinge gibt, die das Leben unerträglich machen. Eine vergiftete Seele, schwere Trauer, belastende Schuld, das kann richtig krank machen, ohne dass es jemand wahrnehmen mag. Trauen wir Jesus zu, dass er weiß, was für den "Patienten" angemessen ist? Können wir aushalten, dass auch körperliche Versehrtheit lebenswertes Leben zulässt? Der "Patient" erfährt 2 mal Heil – Heil, das er sich ersehnt hat und Heil, das andere sich für ihn ersehnt haben …

Jeder von uns muss wohl seinen eigenen Weg finden um seinem Heil zu begegnen. Wer sich nicht in Bewegung setzt kommt nirgendwo an. Wer nichts erhofft, wird nicht sehen. Wer das Heil in der "Heiligen christlichen" Kirche nicht erwartet, wird es nicht finden oder nicht glauben wollen, wenn er es vorfindet … Wer sind wir in dieser Geschichte? Die Gelähmten, die sich nicht mehr bewegen können, die Zuschauer und Hörer oder einer der Freunde, der alles auf sich nimmt um seinen Freund, Verwandte, Bekannten oder Nachbarn, egal, was er wohl auf sich geladen haben mag, egal, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist zu Gott führt, damit er wieder heil wird? Einer, der dort wo Jesus ist, Begegnung mit Gott erwartet. "Herr, wenn du eingehst unter meinem Dach, sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund" so sprechen die katholischen Geschwister bei der Messe. Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen, sprechen wir im Glaubensbekenntnis. Das sind nicht leere Worte, das bezieht sich nicht auf fremde fromme Menschen, nicht auf eine Zukunft irgendwann, sondern bedeutet, dass wir hier und heute Gottes Heil erleben können im Vorgeschmack seines Reiches. Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben. So sang Moses. David, der König Israels:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mit grauen? … Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! So will auch ich es singen, mich bewegen lassen, mich aus der Lähmung führen lassen, Gottes Heil begegnen in dieser Welt, in dieser Kirche. Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr, Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er. Er der nie begonnen, er der immer war, ewig ist und waltet, sein wird immerdar.

drucken