Wo lehnen wir unsere Leitern an?

Liebe Gemeinde,

Noch am letzten Dienstag (10.09.2001) sollte meine Predigt so beginnen: Was ist der Weg zum Himmel? Wo lehnen wir unsere Leitern an?

Doch nicht am Himmel. Wenn bei uns Flugzeuge vorbei fliegen, die in Nürnberg landen, ja die kommen doch nicht vom lieben Gott. – einem Gott, der über den Wolken im Himmel wohnt. Wo lehnen wir unsere Leitern an?

"Der Himmel stand offen", so träumte es Jakob. "Vom Himmel stiegen die Engel auf und ab und oben stand Gott." Wo lehnen wir unsere Leiter an? Welchen Weg finden wir zu Gott? Oder gibt es keine Wege mehr? Oder gibt es womöglich keinen Himmel mehr?

Heute klingt dieser Predigtanfang unwirklich und zugleich erschreckend aktuell: Wo lehnen wir unsere Leitern an?

Doch nicht am Himmel. Wenn bei uns Flugzeuge vorbei fliegen, die in Nürnberg landen, ja die kommen doch nicht vom lieben Gott – einem Gott, der über den Wolken im Himmel wohnt. Wo lehnen wir unsere Leitern an?

Gibt es keinen Himmel mehr? Erschreckend anders ist die Bedeutung dieser Worte heute: Wenn Flugzeuge vorbei fliegen und den Tod bringen; wenn der Traum Jakobs vom Albtraum überlagert wird. Von einem Albtraum der doch wirklich, wahr und durch nichts mehr rückgängig zu machen ist. Woran lehnen wir die Leitern? Ist der Himmel verschlossen? Für Uns? Für die verstorbenen Opfer, die Familien, die Verzweifelten? – Ich frage auch das: Ist der Himmel verschlossen für die Täter, die solches planen und durchführen konnten. Wo ist Gott im Himmel, wenn so etwas geschieht? Hält er wirklich seine Hand auf um die Sterbenden, Stürzenden, Fallenden aufzufangen? Viele Fragen, liebe Gemeinde. Jakob sah den Himmel nicht darum, weil er ihn suchte! Inmitten seines Lebens und unvorbereitet und dann noch im Schlaf stand ihm der Himmel offen. Und so glaube ich auch uns und allen Menschen steht und stand er offen: Wir können – um im Bild des Bibelwortes zu bleiben – unsere Leitern anlehnen! Wie bei Jakob im Traum, können wir es aber nicht steuern, ob der Himmel offen steht. Keiner von uns kann heute nach draußen gehen, eine Leiter schultern und sagen: "Jetzt treffe ich mich mit Gott!" Zumindest halte ich das für unwahrscheinlich und sicherlich würde ein großer Teil mit mir dieses Verhalten eher etwas bedenklich finden. Und doch: Es hat etwas mit Vertrauen zu tun:

Ich sage es mit den Worten des Dichters Hans Dieter Hüsch:
Gott, der Herr, rufe all das Gute rufe er wach – er rufe uns alle guten Dinge und Gedanken, die in uns schlummern in Herz und Hirn, in Seele und Leib, all das Gute rufe er wach! Alles, was wir oft vergessen, oder auch für unnütz halten, oft auch gar nicht wollen. Das freundliche Wort und den guten Blick, die einfache Weise, miteinander umzugehen, als wäre jeder ein Stück vom anderen. Gott nehme uns die dunklen Gedanken des Kriechens, der Rechthaberei und der Besserwisserei, auch die Gedanken der Vergeltung und des Hasses. Das ist nicht des Menschen Glück auf Dauer, – es entlastet im Moment – und ist doch eher Anfang von Krieg und Verderben. Wie sonst sollte man verstehen, was geschehen ist und was in Israel oder Nordirland immer noch geschieht.

Gott möge uns nach seinen Sätzen den Frieden lehren. Schalom alechem Frieden für euch, Salem aleikum. Alles der gleiche Wunsch. Gottes Friede allumfassend für Himmel und Erde. Und das ganze nicht nach unseren Grundsätzen. Gott der Herr, möge uns Jesus Christus an unsere Tische setzen, auf dass wir ihm auf unseren Gedankengängen begegnen, dass wir ohne Furcht die Weltgeschichte überleben. Gott mache uns wieder anfällig für seine Geschichte, die nicht von dieser Welt ist und höher als alle Vernunft und doch tröstet, hoffen lässt, Mut macht, die, alles in allem Kraft gibt und Vertrauen in das Leben – auch in dieser Welt.

Friede sei mit euch! Schalom alechem! Salem aleikum! Fürchtet euch nicht! Worte als Jesus zur Welt kam. Warum bewegen mich diese Worte so tief?

Weil sie etwa so schwer zu glauben sind? Weil sie so schwer zu machen sind? Nein sie halten aufrecht gegen alle mögliche Erfahrung in dieser Welt. "Das Kreuz wie eine Krone tragen," nannte es ein Pfarrer im 4.Jahrhundert. Lasst uns das Kreuz wie eine Krone tragen. Und dort lehnen wir unsere Leiter an. Dort wo Himmel und Erde sich berühren, wo Gott Mensch wurde. "Wo, wenn nicht am Kreuz ist er uns am ähnlichsten!" heißt es. Wenn Christus schreit: Warum, Vater?

Gott möge uns über alle Zeiten und Stürme führen mit fröhlichem Herz, weil wir seinen Frieden in uns tragen. Ein Frieden, der uns mit allen und allem versöhnt, weil seine Liebe in uns wohnt, die uns unendlich macht – aber uns auch zurückholt in unseren Tag, zu unseren Widersprüchen, zu unseren Konflikten. Seine Liebe, die uns begleitet in unsere Wohnküchen, zu unseren Schlafstätten – das wir vom Himmel träumen können, zu unseren Schreibtischen, an unsere Drehbänke und Werkstätten, in den Stall und die Schulen, die Kindergärten und Pflegeheime. Seine Liebe begleite uns, dass wir von Neuem beginnen zu Vertrauen, dem Leben und seiner Liebe.

Die Augen können wir schließen und in Gedanken ein Bild entstehen lassen vom Kreuz Christi. Er ist unser Weg zu seinem Reich.

Innerlich sehen wir die Bilder wie ein Flugzeug in einen Wolkenkratzer flioegt – und wir können es verbinden mit der freundlichen Bitte: Gott erbarme dich. Wenden wir uns dem Kreuz zu. Wenn wir innerlch bilder sehen, wie Menschen 400 Meter in die Tiefe springen – können wir es verbindne mit seinem Wort: Noch heute werden sie mit mir im Paradies sein. Verbinden wir diesen Klang, mit den Fragen, dem Klagen, dem Weinen der Trauernden. Der Himmel ist nicht verschlossen! Gott ist bei uns! Seine Liebe begleite uns, dass wir von Neuem beginnen zu Vertrauen, dem Leben und seiner Liebe. Finden Sie einen Moment der Ruhe und des Friedens, den Gott geschenkt hat – und nehmen sie ihn an. Vielleicht hören sie innerlich die Worte wie Jesus sie sprach: Warum? Warum Vater hast du sie verlassen? Vielleicht hören sie : In deine Hände lege ich meinen Geist! Vielleicht hören sie: Vater vergib, denn sie wissen nicht was sie tun! Weenn sie möchten, dann verbinden sie diese Worte mit den Bildern und Klängen der Katastrophe: Herr, erbarme dich.

Und wo immer wir selber sind oder sein werden: ob wir die Augen endgültig schliessen, ob wir schlafen wie Jakob, oder ob wir durch den Tag gehen – Nicht wir stellen die Verbindung zu Gott her. Suchen können wir sie gerne, und auch ihr gewiss sein. Denn er ist unserem Suchen voraus – und bei uns allezeit, bis an das Ende der Welt.

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