Wo die Bibel Recht hat

„Die Bibel hat doch Recht“ – erinnert ihr euch noch, liebe Schwestern, liebe Brüder, an diesen Buchtitel, an diesen dicken Wälzer der 60iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der lange in den Bestselllerlisten geführt wurde – dieses Buch, in dem die Erkenntnisse der Altertumswissenschaften dargestellt wurden, um auf diese Weise die historischen Hintergründe biblischer Geschichten zu belegen. Es sollte die Richtigkeit biblischer Zeit- und Ortsangaben bewiesen und damit die Bedeutung der Hl. Schrift unterstrichen werden.

Kürzlich erregte ein nicht mehr ganz neuer Reader’s Digest im Wartezimmer meines Hausarztes meine Aufmerksamkeit. In großer Aufmachung war auf dem Cover das Titelthema zu lesen: „Wo die Bibel Recht hat“ Natürlich wurde ich umgehend an den Bestseller aus meiner Jugendzeit erinnert und ich musste unbedingt diesen Artikel lesen, der die Bibel – und insbesondere das AT – als „ersten Öko-Ratgeber“ charakterisiert. Ein Göttinger Biologie-Professor befasst sich nämlich u.a. mit den Reinheitsgeboten, wie sie in der Hl. Schrift aufgeführt werden und gibt ihnen eine ökologische Begründung. Das Ziel ist, altes und leider inzwischen verschüttetes Wissen über das Gleichgewicht in der Natur wieder ins Bewusstsein zu heben und somit verfügbar zu machen.

Solche Veröffentlichungen, die detailliert uraltes, aber verlorengegangenes Menschheitswissen in den einzelnen Geschichten nachweisen, sind zwar für den Augenblick interessant, aber ich empfinde sie ansonsten als relativ nebensächlich. Sie sagen nämlich herzlich wenig aus über das, was für dich und für mich, was für jeden von uns ganz persönlich und lebenswichtig ist: über die Beziehung zwischen Gott und jedem einzelnen von uns und damit auch zwischen uns und unseren Mitmenschen. Genau dies ist aber das ganz große, das eigentliche Thema der Hl. Schrift: Gottes Wort an uns, dass uns erlösen will aus unserer Not, uns befreien will zu einer friedlichen Gemeinschaft mit ihm und unseren Mitmenschen. Welches sind die Bestseller, die sich dieses Themas annehmen?

Hören wir aus dem Hl. Evangelium bei Markus im 10. Kapitel:
(in der modernen Übersetzung von Klaus Berger und Christiane Nord)

[TEXT]

Meine Schwestern und Brüder! Ach, wie wäre es doch schön, wenn wir ein Buch hätten, dass uns in ebenso spannender wie unterhaltender Weise erklärt, dass alle Soziologen- und Psychologenweisheit bereits in der Bibel nachzulesen sei. Ein solches Buch wäre bestimmt viel einfacher zu verstehen. Außerdem wäre es bestimmt leichter, Handlungsmuster zu finden und einzuüben, die mir meine Not erträglicher machen. Und viele müssten nicht der Meinung sein, die Bibel sei inzwischen erheblich hinter‘m Mond.

Ich kenne kein derartiges Buch. Stattdessen wird uns heute ein Predigttext zugemutet, der anscheinend völlig abseits unserer heutigen, gesellschaftlichen Situation positioniert ist. Was bedeutet uns denn heute noch die „Ehe“? Ist sie nicht inzwischen ein gesellschaftliches Auslaufmodell, erst recht als lebenslange Gemeinschaft von Mann und Frau? Unser Leben heute geschieht ja allenfalls noch in Lebensabschnittspartnerschaften. Nur so, meinen wir, können wir uns persönlich entwickeln, uns selbst verwirklichen. Und nur das zählt! Oder? Deshalb haben sich ja auch unsere Gesetze, hat sich unsere Rechtsprechung dem gesellschaftlichen Wandel angepasst!

Aber – wenn wir Gottes Wort, Jesu frohe Botschaft, das Evangelium wirklich ernst nehmen wollen, dann stellen wir fest, irgendetwas stimmt hier nicht: Entweder ist es unser heutiges Rechtssystem, das unserer gesellschaftlichen Realität (wie auch immer die sein mag) ständig angepasst wird, oder wir sind es mit unserem Gottesbild und Bibelverständnis, das offensichtlich von vorgestern ist.

Können und wollen wir uns mit einer derartigen Bestandsaufnahme zufrieden geben? Wir degradieren uns so doch selbst zur menschlichen Konsumware, ständig austauschbar in unseren Lebensbeziehungen! Eine nächste Konsequenz könnte dann die Rekordjagd sein: Wer hält es am längsten aus in einer Lebensabschnittspartnerschaft? Wer kommt auf diese Weise in’s Guinessbuch der Rekorde? – Steckt nur noch darin der Sinn unseres Lebens?

Ich jedenfalls empfinde bei deratigen Gedanken ein großes Missbehagen. Hat bei solch einer Lebensführung Menschlichkeit – bei uns selbst und bei den andern – überhaupt noch eine Existenzmöglichkeit? Führen wir heutzutage überhaupt noch ein glückliches, ein in sich abgerundetes, ein gelingendes Leben – erst recht, wenn es uns schlecht geht? Wo bleibt unsere Menschenwürde?

Der heutige Sonntag steht unter dem großen Thema „die Ordnungen Gottes“. Diese Ordnungen sind jedoch keine Gesetze, definieren überhaupt keine, mit den Mitteln der Justiz einklagbare Ansprüche gegen andere, gegen die Gesellschaft oder gar gegen Gott. Gottes Ordnungen sind etwas ganz anderes: Sie sind sein Angebot an uns, unter seiner Schutz mit Achtung gegenüber seiner Schöpfung, unseren Mitgeschöpfen und auch gegen uns selbst unser eigenes Leben zu führen und zu gestalten. Offensichtlich ist aber genau das seit jeher ein Problem für uns Menschen. Immer wieder versuchen wir es, uns davonzustehlen. Statt mit einem Anlauf und im Vertrauen auf Gott die Hürden unseres Lebens im Sprung zu nehmen, versuchen wir, sie zu umgehen, und bleiben hilflos auf der Strecke. Deshalb sah sich ein Martin Luther genötigt, am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg anzuschlagen. Deshalb auch spricht Jesus, der Sohn Gottes, so deutliche Worte in der Auseinandersetzung mit den Pharisäern und danach zu seinen Jüngern. Denn gerade die Ehe steht für den Lebensentwurf, den Gott uns Menschen gegeben hat zum Erhalt und zur Pflege seiner Schöpfung.

Um das verstehen zu können, müssen wir uns erinnern lassen an den 1. Schöpfungsbericht. Dort heißt es nämlich: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan … (Gen 1, 27+28a)

Zweierlei ist hier aus dem Schöpfungsbericht festzuhalten: 1. Gott schuf den Menschen als Mann und als Frau, d.h. nicht sowohl als Mann wie auch als Frau, sondern als eine Einheit aus Mann und Frau. Ausschließlich in dieser Einheit sind wir Menschen das eigentliche Ebenbild Gottes. Nur als Mann oder nur als Frau stellen wir lediglich einen Teil des göttlichen Ebenbildes dar. In der Ehe von Mann und Frau ist somit auch Gottes Schöpfungsakt vollständig präsent. Das also macht die Ehe heilig vor Gott und unauflösbar. Deshalb auch Jesu unumstößliche Feststellung: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ (in der Sprache Martin Luther’s).

2. Das „Gott segnete sie und sprach zu ihnen: … füllet die Erde und machet sie euch untertan …“, heißt nicht, dass wir Menschen von Gott das Recht erhalten hätten, tyrannisch und ausbeuterisch über seine Schöpfung zu herrschen. Vielmehr bedeutet dieses „machet die Erde euch untertan“ nämlich: „Dir, Mensch, vertraue ich, dein Gott, meine Schöpfung an. Sei du verantwortlich für sie!“ Und wenn wir uns dieser Verantwortung für Gottes Schöpfung stellen wollen, dann heißt das zuallererst, dass alle – jedermann und jedefrau – verantwortlich sind für die gemeinsame Lebensbeziehung, für die Ehe mit der Frau, mit dem Mann. Diese Verantwortung füreinander, für die gemeinsame Beziehung ist unteilbar und gleichwertig für Mann und Frau. Genau dies sagt Jesus seinen Jüngern, wenn er ihnen klarmacht, dass es nicht nur die Frauen sind, die nach damaliger Rechtsprechung die Ehe ausschließlich brechen konnten sondern insbesondere auch die Männer!

So wird die Ehe zu einer Basis der Ordnungen Gottes für seine Schöpfung. Störungen der Ehe sind daher Störungen der Ordnungen Gottes, die wir Menschen zu verantworten haben. Wohin diese Störungen uns führen, können wir allenthalben feststellen, hören wir täglich in den Nachrichten, lesen wir immer wieder in der Zeitung. Und genau diese verdeutlichen die Kehrseite unserer Ebenbildlichkeit Gottes: unser Unterlassen und Handeln gegen seine Gebote. Die Hl. Schrift nennt das sich Absondern von Gott Sünde. Sie weiß auch, dass der Mensch immer sündigen wird, auch wenn er es eigentlich nicht will, weil er die Vollkommenheit hier im Diesseits nicht erlangen kann. Darum erzählt sie uns immer wieder von Gottes Wirken, von seiner immerwährenden Aktivität zum Heil seiner Schöpfung. Dazu gehört es dann auch, dass von Mose überliefert wird die Vorschrift, dass der Mann seiner Frau einen Scheidebrief auszustellen hat, wenn er meint, sich von ihr trennen zu müssen.

Dieser Scheidebrief ist notwendig wegen des „Herzens Härte“ der Männer, wie Luther in seiner Übersetzung Jesus den Pharisäern entgegnen lässt. Nur so konnte nämlich die Ehre der betroffenen Frau bewahrt werden, konnte sie wiederverheiratet werden und musste nicht wegen verbrecherischen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden. Jesus akzeptiert zwar diese mosaische Vorschrift des Scheidebriefes, weil sie Härten und Ungerechtigkeiten abmildert, aber er billigt sie nicht. Gott hat den Menschen als Einheit von Mann und Frau erschaffen und genau das soll auch das Selbstverständnis eines jeden Ehepaares sein. Diese Einheit als Bild Gottes und somit als Bild für seine Schöpfung ist uns Menschen als Aufgabe gegeben. Von Martin Luther ist uns überliefert, dass er die Ehe als die gemeinsame Lebensaufgabe, als die gemeinsam zu verrichtende Lebensarbeit verstand. Wenn sich dann im Laufe der Zeit auch so etwas wie Zuneigung oder gar Liebe zwischen den Eheleuten entwickelte, dann war das nicht der zwangsläufige Lohn für diese Arbeit hier im Zeitlichen, es war unverdient geschenkte Gnade.

Damals wie auch in zunehmenden Maße heute kommt es immer wieder vor, dass Ehen als lebenslange Partnerschaften nicht gelingen und deshalb vorzeitig zerbrechen. Hier scheitern beide, sowohl der Mann als auch die Frau, wie Jesus es seinen Jüngern klarmacht. Dies müssen wir uns, wenn wir geschieden bzw. im Begriff sind, uns zu trennen, eindeutig vor Augen halten, dass wir uns schuldig gemacht haben vor Gott, dass wir gegen seinen ausdrücklichen Willen verstoßen haben. Aber diese Schuld des Ehebruchs soll uns nicht erdrücken, auch wenn wir uns selbst nie und nimmer davon freikaufen können. Auch dafür ist nämlich Jesus für uns am Kreuz gestorben und als der Christus an Ostern wieder auferstanden. Er hat so unsere Schuld auf sich genommen und uns frei gemacht zu einem neuen Anfang, zu einem Aufbruch zu neuen Ufern, zu einem neuen Leben.

Ja, „Wo die Bibel Recht hat.“ – Wenn es um mich, um mein Leben geht, dass ich sinnerfüllt führen möchte, dann hilft mir kein Bestseller, kein Buch, welches mir das sozialpsychologische Hintergrundwissen der Hl. Schrift erklären könnte; dann habe ich mich selbst dem Evangelium, dem Wort Gottes, seinem Willen auszusetzen. So werde ich selbst zum Bestseller: Ich entdecke in mir, in meinem Leben die Aktualität und die Wahrheit der Hl. Schrift.

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