Wir warten auf den Weihnachtsmann – oder: da Kommen des Herrn ist nah!

Liebe Gemeinde,

ich habe dieses Jahr in der Vor-vorweihnachtszeit einen Fehler gemacht. (Packung mit Spekulatius auf das Pult stellen) Im September gab es bei Aldi die ersten Spekulatius. Meine absoluten Lieblingskekse. Toll hab ich mir gedacht – und gleich welche mitgenommen. Zu Hause beim Kaffee hab ich sie auf den Tisch gestellt, die Packung aufgemacht…
… und sie haben überhaupt nicht geschmeckt. Seitdem liegt die angebrochene Packung bei uns im Schrank rum.

Ich lese noch einmal den Predigttext für heute. Aus dem Jakobusbrief:

[TEXT]

Geduldig Sein. Warten. Das ist gar nicht so leicht. (Besonders wenn man so strukturiert ist wie ich). Meist werde ich bestraft, wenn ich das nicht kann. Das war schon als Kind so, wenn ich meinen Adventskalender am 2.Dezember komplett ausgeräubert hatte und danach mit ansehen musste wie meine Schwester jeden Tag genüsslich ihre Schokolade aß. Und das war auch jetzt wieder so, als ich meine Spekulatius unbedingt schon im September essen wollte. Sie schmeckten nicht, weil sie da nicht hingehören. Spekulatius gehören nicht zu Spätsommer und 25 Grad im Schatten. Sondern zu Dezember. Schummrigen Licht und Kerzenschein. Sie helfen die Vorweihnachtszeit zu überbrücken. Das Warten auf Weihnachten.

„Schon wieder Warten!“ Dezember ist der Wartemonat überhaupt. 24 lange Tage bis zum Heiligen Abend. Aber das haben wir eigentlich ganz gut gelöst. Wir haben Mittel und Wege gefunden die Wartezeit zu überbrücken. Das sie nicht zu lang wird. Wir haben einen Weg gefunden unsere Wartezeit in Vorfreude umzugestalten. Und dafür haben schon unsere Vorvorfahren Adventskalender erfunden, oder Adventskränze (die früher ja mal 24 Kerzen hatten und jeden Tag wurde eine angezündet), dazu gehört auch das Plätzchenbacken oder die eine oder andere Weihnachtsfeier. Alles damit das Warten nicht zu lang wird und wir Stück für Stück Weihnachten werden lassen. Äußerlich und innerlich vorbereitet. Genau das ist der Trick beim Warten. Ich warte nicht einfach nur auf Heiligabend, sondern bereite mich innerlich darauf vor. Und all diese Dinge helfen mir, lassen mich die Vorfreude spüren. Schon ein Stück Weihnachten erahnen, ohne dass ich es damit beschleunigen würde. Und deswegen schmecken Spekulatius eben nur im Dezember. Der Geruch und der Geschmack, alles was diese Kekse in mir auslösen, gehört in den Dezember und nicht in den Sommer!

An Weihnachten kann man Geduld lernen. Indem man sich das Warten gestaltet.

Eigentlich ist die Weihnachtszeit vom Kirchenjahr her gesehen sowieso nichts anderes als eine regelmäßig wiederkehrende Übung im Warten. Warten auf das Kommen des Herrn. Wir warten äußerlich auf den Tag der Geburt Jesu. Gedenken an sein Kommen in die Welt. Und innerlich warten wir darauf, das er irgendwann wirklich und sichtbar wiederkommt zu uns in die Welt. Für die ersten Christen war das noch eine ganz konkrete Hoffnung. Die haben geglaubt, dass Christus wiederkommen und sie alle erlösen würde. Doch dann starben die ersten. Und die nächste Generation kam und Christus war nicht wiedergekommen. Und so ging es weiter. Zur Zeit des Jakobus, als unser Predigttext entstanden ist – etwa in der dritten, vierten Generation von Christen – musste man deswegen zur Geduld mahnen: „Seid nun geduldig liebe Geschwister bis zum Kommen des Herrn.“

Wenn wir ehrlich sind, glaube ich, wartet heute keiner mehr wirklich und konkret auf die Wiederkunft Jesu in unsere Welt. Mag sein, dass er kommt, aber wann und ob wir es überhaupt erleben werden, ist doch eher eine vage Hoffnung. Es hat immer wieder Leute gegeben, die den genauen Tag gewusst oder errechnet haben wollen. Geschehen ist nichts. Manche verstehen das Kommen Jesu eher innerlich. Er kommt nicht sichtbar für alle in die Welt, sondern begegnet jedem einzelnen von uns im Glauben.

Wie man es auch dreht und wendet, die große Hoffnung und Kraft, die sich mit der Vorstellung von Christi Wiederkunft verbunden hat – ein neuer Himmel und eine neue Erde – wird auf diese Weise aufgegeben.

Deswegen frage ich einmal anders: Worauf warten Sie? Oder – warten Sie gar nicht? Ich finde es ganz schwer, darauf eine Antwort zu geben. Denn das Wort „Warten“ ist so konkret. Die Kinder warten auf den Weihnachtsmann. Und wir – warten möglicherweise auf den Aufschwung.

Aber das ist nicht das, was ich meine. Das ist alles viel zu klein gegriffen. Ich versuche es deswegen mit einem anderen Wort: Sehnsucht. Wonach sehnen Sie sich? Was wünschen Sie sich so sehr, dass Sie alles andere dafür stehen lassen würden?

Vielleicht … Friede? Gerechtigkeit?

Friede auf Erden und Gerechtigkeit unter den Völkern. Das ist eine Sehnsucht, die jedes Jahr an Weihnachten neue Nahrung bekommt. Es ist das, was Jakobus in dem Ausschnitt aus seinem Brief mit den Worten umschreibt: „Stärkt eure Herzen“. An Weihnachten können wir unsere Herzen stärken, unsere Sehnsucht nähren mit diesen großen alten Bildern, die uns jedes Jahr wieder begegnen.

Das Kind in der Krippe. Die Hirten, die Engel und der Stern. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Ein Kind ist uns geboren und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter und er heißt Friedefürst.

Stärkt eure Herzen!

Einmal im Jahr ist die Zeit, wo wir unsere Herzen mit dieser Sehnsucht auffüllen können. Einmal im Jahr sind wir in der Lage uns dafür zu öffnen. Weil wir vorbereitet sind.

Geduldig warten. Ich glaube im Sommer würden uns diese Sehnsucht nicht derartig berühren.

Warten und Sehnsucht tanken. Das ist Advent. Und dann mit gestärkten Herzen weitergehen. Mit anpacken und unsere Sehnsucht ein Stück wirklich werden lassen. Erst die Ahnung von dem was kommen wird, macht es möglich daran mitzuarbeiten.

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