Wir sind Töchter und Söhne der göttlichen Freiheit

Liebe Gemeinde,

dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden".

Nun ist es schwer, in unserer schönen, süßen Welt noch saure Trauben zu finden. Zudem, so denke ich, hat die Wahrheit eines Sprichworts nicht unbedingt mit der Wahl der Obstsorte zu tun. So habe ich Ihnen keine sauren Trauben mitgebracht, sondern die hier:

Eine dicke, fette Zitrone. Denken Sie mal daran, wann Sie zuletzt eine Zitrone vor sich hatten. Vielleicht eine Scheibe im Mineralwasser oder auf der Forelle Blau, vielleicht als Garnitur zum Sauerbraten oder der Zitronencreme.

Stellen sie sich eine Zitrone vor: Sie liegt vor Ihnen, vor Ihrem geistigen Auge, vor Ihrer geistigen Nase, Ihrer geistigen Zunge. Sie nehmen ein Messer und schneiden die Zitrone auseinander. Die kühle Saft quillt hervor und rinnt Ihnen zwischen die Finger. Und jetzt nehmen Sie eine Hälfte und beißen genüsslich hinein. Ihr Mund füllt sich mit dem sauren Saft.

Liebe Gemeinde, wenn Sie sich die Zitrone wirklich vorgestellt haben, müssten Sie jetzt tatsächlich den Mund voll haben, vom Wasser, das Ihnen im selben zusammengelaufen ist. Sie haben keine Zitrone gegessen. Sie haben nur daran gedacht. Und trotzdem war mit erhöhtem Speichelfluss zu rechnen.

Der Trick ist nicht neu. Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckte ein Wissenschaftler namens Pawlow solche bedingten Reflexe. Nur benutzte er keine Zitronen, sondern eine Glocke, die zum Fressen läutete. Und er untersuchte keine Menschen, sondern Hunde. Pawlow trainierte seine Hunde soweit, dass sie reflexhaft auch dann sabberten, wenn allein die Glocke klingelte, ohne dass es etwas zu fressen gab. Vielleicht kennen Sie diese sprichwörtlich gewordenen Pawlowschen Hunde. Pawlow und seine Kollegen setzten die Anfänge einer neuen psychologischen Lehre und eines neuen Menschenbildes: Nicht der Mensch macht Erfahrungen, sondern die Erfahrungen machen den Menschen, heißt es. Wir haben keinen freien Willen, heißt es, keine eigene Würde. Unser Verhalten ist allein die Summe unserer erlernten Reflexe. Was wir tun, ist bedingt dadurch, welche Erfahrungen wir gemacht haben, was wir gelernt, gelitten, genossen haben. Wir können gar nicht anders. Wir können nichts dafür. Wir sind nicht Schuld. Es sind nicht wir, die wir uns an Liebe, an Wahrheit, an Gerechtigkeit hindern, es ist unsere Vergangenheit, unsere Narben und Risse, unsere Eltern und Familien, die Generation vor uns, die einzelnen, das Kollektiv. Wir sind angeblich wie diese Pawlowschen Hunde, die reflexhaft auf etwas reagieren müssen, was sie selbst nicht zu verantworten haben. "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden" 2 ½ Tausend Jahre vor Herrn Pawlow mit seinen Hunden litt ein Volk unter einer entsetzlichen Katastrophe: Hauptstadt und Tempel waren zerstört, das Volk, das nicht deportiert wurde, musste Frondienst leisten. "Das haben wir nicht verdient", sagten sie. Die Schuld für unser Unglück muss woanders liegen. Wir sind Opfer der Vergangenheit unseres Volkes, Opfer unserer sündigen Väter und Mütter.

Gott setzt ein Sprichwort außer Kraft. Er erklärt damit nicht, woher das gegenwärtige Leid kommt. Doch er lenkt den Blick von den Sünden der Väter und Mütter auf die Gegenwart, auf eine Kehrtwendung in Richtung Zukunft, auf Versöhnung, auf Reue, auf Umkehr. Wer sich allein als Opfer der Vergangenheit fühlt, kann einfach nicht frei für eine verantwortliche Zukunft sein.

Die Frage nach Schuld, deren Bestrafung spätere Generationen ausbaden müssen, ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst.

In diesen Wochen erlebten wir etwas, was wir gemeinhin die "unselige Antisemitismusdebatte" nennen. Nur weil Generationen vor uns entsetzliche Schuld auf sich geladen haben, wird man doch mal was gegen Israel sagen dürfen. Natürlich darf man das. Und natürlich darf ein Herr Friedman sich nicht alles erlauben nur – so der Stammtischjargon – "nur weil er Jude ist". Die Debatte ist deshalb so unselig, weil manche nicht zwischen Begriffen wie Antiisraelismus, Antijudaismus, Antisemitismus und Israelkritik unterscheiden können.

Die Debatte ist deshalb so unselig, weil manch einer meint, dem Wahlvolk aufs Hirn schauen zu müssen, und seine Israelkritik als Tabubruch inszeniert.

Und die Debatte ist deshalb so unselig, weil öffentlich das Verhalten eines einzelnen dafür herhalten sollte, eine ganze Weltreligion zu diskreditieren. Herr Möllemann mag Herrn Friedman persönlich arrogant oder gehässig finden, das ist zwar unhöflich und ausgesprochen uninteressant, aber es ist sein gutes Recht.

Was nicht sein gutes Recht ist, ist Herrn Friedman als einen der Hauptverantwortlichen für den deutschen Antisemitismus zu bezeichnen. Eine solche Äußerung ist nicht nur unhöflich oder unsensibel: Sie ist und bleibt antisemitisch. Die heftige Reaktion, die Herr Möllemann mit seinen Äußerungen auslöste, hat er sich selbst zuzuschreiben. Es geht allein um seine Worte, nicht um eine angebliche zum Schweigen verdammende Kollektivschuld oder eine allgegenwärtige Political Correctness, sobald das Wort "Jude" fällt. Nicht unsägliche deutsche Vergangenheit löste den Sturm der Entrüstung aus, sondern unsägliche Äußerungen eines Politikers im Jahr 2002.

Wir sind für uns selbst verantwortlich, in unseren Taten und in unseren Worten.

Wir sind frei genug, dass unsere Vergangenheit nicht unsere Zukunft verbaut. Nicht im Sinne eines Schlussstriches. Schlussstriche gibt es nicht, wir können unsere Erfahrungen nicht löschen, als wäre unsere Vergangenheit eine Kreidetafel oder Computerfestplatte. Wir können und müssen aus unsere Vergangenheit lernen, um unsere Zukunft verantwortlich gestalten zu können. Doch wir sind keine Pawlowschen Hunde, die reflexhaft reagieren müssen, nur weil sie in ihrer Vergangenheit bestimmte Erfahrungen machten. Wir sind frei. Wir müssen nicht, wir dürfen nicht zu Opfern unserer begangenen Sünden, unserer erlittenen Enttäuschungen, unserer gescheiterten Hoffnungen werden. Das Sprichwort stimmt nicht: Wir bekommen keine stumpfen Zähne, nur weil unsere Väter und Mütter saure Trauben gegessen haben.

Jeder, der sündigt, soll sterben, heißt es in unserem Predigttext. Kein Kuschelgott, der irgendwie alles versteht und verzeiht, sondern ein gerechter Gott, der uns Freiheit zutraut, der uns losspricht von dem, was uns bindet und festhält, der uns anfleht unser Leben in Freiheit zu Leben. Denn Gerechtigkeit ist möglich. Kein Sachzwang, kein Schuldberg, keine Vergangenheit hindert uns an unserer Freiheit, unserer Versöhnung, unserer Zukunft.

Wir haben die Verantwortung für uns. Wie gehen wir mit ihr um? Machen die Erfahrungen uns oder machen wir Erfahrungen?

Liebe Gemeinde, vielleicht überlegen Sie einmal für sich: Was hat Sie geformt, geprägt verhärtet?

Oft genug reagieren wir reflexhaft, Pawlowsche Hunde, die sprechen können: Den muss ich nur sehen, dann könnt ich schon schreien. Die ist schon immer so gewesen, die wird sich nie ändern. Das hab ich noch nie gekonnt, das versuch ich erst gar nicht.

Wer sich so von seiner Vergangenheit die Bedingungen diktieren lässt, der wird aus Erfahrung nicht klug, der bleibt dumm vor lauter Hoffnungslosigkeit, dessen Leben wird stumpf vor Resignation, dessen Zukunft ist ein einziges totes Gleis aus "Ich werde nie können" "Ich werde nie haben", "Ich werde nie sein". Ein Leben, das auf diese Weise stumpf und wund durch Erfahrung geworden ist, verdient nicht, Leben genannt zu werden. Es ist langsames Sterben, das allein durch Reflexe aufrecht erhalten wird.

Ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben?

Wer allein aus seiner Vergangenheit Lehren für seine Zukunft zieht, der rechnet nicht mit einem Gott, der den Tod des Sterbenden hasst, der jedem von uns ein neues Herz und einen neuen Geist schenken will: ein neues Herz, das sich nicht ermutigen lässt, auch wenn keine Hoffnung in Sicht ist, einen neuen Geist, der weiter denkt, über den Horizont unserer Erfahrungen hinaus. Hinter diesem Horizont steht ein Gott und wartet auf uns. Er ruft uns zur Umkehr in eine Zukunft, die hell und weit ist.

Das Sprichwort stimmt nicht: Wir bekommen keine stumpfen Zähne, nur weil unsere Väter und Mütter saure Trauben gegessen haben.

Manchmal ist es unendlich schwer, über den Horizont der eigenen Enttäuschungen, der erlittenen Gewalt, der Schicksalsschläge hinauszudenken. Gott weiß es. Wir, die Söhne und Töchter, haben vielleicht Brüder und Schwestern, die den Blick für ihre Zukunft verloren haben, weil ihre Vergangenheit ihre Gegenwart verdunkelt. Gott will auch ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist schenken. Geben wir sie nicht verloren. Ermutigen wir sie zu einer Kehrtwendung in Richtung Zukunft. Lenken wir ihren Blick auf eine neue Freiheit, auf Versöhnung und Reue. Halten wir mit ihnen gemeinsam ihrem verwundetem Herz, ihrem abgestumpften Geist stand, um sie behutsam zu verwandeln. Geben wir diese Brüder und Schwestern nicht verloren. Gott traut uns zu, die ewig Aggressiven zu befrieden, die ewig Enttäuschten zu ermutigen, die ewigen Verlierer in ein neues Leben zu rufen. Kein Mensch darf Opfer seiner Vergangenheit sein.

Wir sind Töchter und Söhne der Freiheit Gottes.

Wir sind Brüder und Schwestern derjenigen, die diese Freiheit noch nicht für sich annehmen können.

Und – aus Kindern werden Eltern – wir sind auch Mütter und Väter für die nächsten Generationen:

Wir sind die Vergangenheit von morgen. Wir haben die Verantwortung, dass unsere Kinder möglichst unbelastet in ihre Zukunft gehen können. Und wir haben auch die Möglichkeit dazu.

Nicht unsere Kinder können etwas dafür, wenn wir jetzt radikal im Bildungsbereich Lehrerstellen kürzen.

Es ist nicht Schuld der nächsten Generation, wenn die Wirtschaftsinteressen der Großen eine Umsetzung der Klima-Protokolle verhindern.

Wir haben kein Recht dazu, den nächsten Generationen anzulasten, dass wir es nicht schaffen, Anti-Hungerprogramme für die Welt durchzusetzen und zu finanzieren: 24 Milliarden Dollar sind nötig um die Zahl von 800000 Hungernden Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren.

Unsere Gegenwart ist die Vergangenheit von morgen. Wir sind frei, sie zu gestalten. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben, spricht Gott. Ihr könnt es. Lasst Euch nichts anderes einreden. Denn ihr habt einen freien Willen, das Gute zu suchen. Ihr habt eure eigene Würde als Töchter und Söhne der göttlichen Freiheit. Ihr seid mehr als die Summe eurer bedingten Reflexe und erzwungenen Reaktionen. Lasst euch nichts anderes einreden. Macht neue Erfahrungen. Und lasst nicht alles mit Euch machen. Das Sprichwort von den sauren Trauben darf einfach nicht mehr unter euch umgehen.

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