Wir sind dabei!

Liebe Gemeinde,

Sie, liebe Familien N.N. und N.N., sind hier, weil sie ein Familienfest feiern, die Taufe von Laura. Sie liebe Mitglieder des Jahrgangs 41 sind hier, weil Sie Ihr Jahrgangstreffen feiern. Sie sind in diesem Jahr 60 geworden und wollen sich über die alten Zeiten austauschen und natürlich sind Sie neugierig, was aus Ihren Klassenkameradinnen und Kameraden geworden ist und wie diese das neue Lebensjahrzehnt angehen. Und Sie gedenken der beiden, die sie nur noch auf dem Friedhof besuchen können. Ihr liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden seid hier, weil ihr nächstes Jahr konfirmiert werden wollt. Und wir alle zusammen feiern diesen Gottesdienst in der Kirche, weil wir gerade im Advent erwarten, dass Gott uns entgegenkommt. Wir wissen, dass unsere Verbindungen untereinander ein Teil des Lebens sind, das uns Gott geschenkt hat. Gott möchte sich mit uns verbinden. Gott lässt keine Gelegenheit aus uns nahe zu kommen. Und Gott wünscht sich, dass wir uns für ihn öffnen. Deshalb hat Gott seinen Sohn geschickt, damit wir einen Weg zu ihm finden. Und das Verbindungsdokument zu Gott das ist die Bibel. Und einen dieser Verbindungstexte möchte ich ihnen jetzt vorlesen. Dieser Text ist schon sehr alt und deshalb nicht gut an unsere heutige Vorstellungswelt angepasst. Ich bitte Sie also um etwas Geduld, wenn Sie nicht sofort alles verstehen.

[TEXT]

Johannes sitzt auf der Insel Patmos, weil er dorthin verbannt worden ist. Er macht sich Sorgen um die Gemeinden, mit denen er Verbindung hat, denn dort werden die Christinnen und Christen verfolgt, weil sie sich weigern, dem Kaiser Opfer zu bringen. Von Patmos aus versucht Johannes die Gemeinden zu ermutigen, trotz der Verfolgung durchzuhalten. Über die Gemeinde in Philadelphia weis er nur Gutes zu berichten. Sie halten zusammen. Sie stehen zu ihrem christlichen Glauben, und sie haben Geduld. Also schreibt er: Haltet durch. Ihr müsst durchhalten, denn ihr seid wichtig. Vor euch hat Jesus Christus eine Tür geöffnet. Dass es euch gibt und ihr durchhaltet öffnet Menschen den Weg zu Gott. Wenn Ihr aufgebt, dann verlieren ganz viele Menschen in euerer Region den Zugang zu Gott. Ihr seid wichtig und Gott passt auf euch auf, denn Gott möchte, dass Menschen die Chance haben, zu ihm zu finden. Und wer durchhält wird ein Pfeiler, eine Säule im Tempel Gottes werden. Nicht nur ihr als Gemeinde in Philadelphia seid wichtig für Gott. Jeder einzelne und jede einzelne von euch ist wichtig für Gott, denn ihr tragt Gottes Haus. Gott kann nur unter den Menschen wohnen, wenn es viele Pfeiler und Säulen gibt, die das Dach des Hauses tragen, in dem er wohnt. Ihr werdet tragende Säulen im neuen Jerusalem sein. Ihr werdet dringend gebraucht, denn ohne euch, die Säulen kann Gott nicht unter den Menschen sein, dann stürzt sein Haus ein. Gott braucht es, dass ihr durchhaltet, sonst ist sein Projekt, sich durch Jesus Christus mit uns Menschen zu verbinden in Gefahr. Das versucht Johannes seinen Gemeinden in dieser ungewöhnlichen Form der Sendschreiben an die Engel der Gemeinden zu sagen. Die Ermutigung ist wohl angekommen. Unsere christliche Kirche heute gibt es nur, weil damals viele in den Verfolgungen stand gehalten haben. Weil damals Menschen unter Einsatz ihres Lebens die Tür zu Gott offen gehalten haben, können wir heute hier sitzen und unsere Feste feiern. Nur deshalb haben wir unsere schöne Kirche. Nur deshalb gibt es die Bibel und gibt es auch heute hier Christinnen und Christen, die versuchen die Verbindung zu Gott zu halten und immer wieder zu erneuern.

Auch wenn wir die Sprache und die Bilder, die Johannes benutzt heute nur schwer verstehen. Zwei Bilder sprechen mich doch unmittelbar an. Das eine ist das Bild von der offenen Tür.

Jesus Christus hat eine Tür aufgeschlossen, die uns niemand mehr verschließen kann. Die Tür zu Gott steht offen. Wir brauchen nur hindurchzuspazieren, und schon sind wir da, bei Gott. „Die hat gut reden“, werden einige von Ihnen jetzt vielleicht denken. „Das mag ja in der Bibel stehen, aber meine Erfahrung ist da ganz anders. Ich bin Gott noch nie irgendwo begegnet und kann mir auch nicht vorstellen in Gottes Nähe zu sein. Diese Tür ist für mich verschlossen. Und falls es einen Gott geben sollte, für mich spielt das jedenfalls keine Rolle.“ „Wirklich? Das glaube ich Ihnen nicht!“ möchte ich auf diesen Einwand antworten. Leben Sie wirklich ganz ohne die Sehnsucht, dass da noch etwas ist, was über das eigene kurze Leben hinausreicht. Haben Sie nie diese innere Stimme gehört, die Ihnen gesagt hat: Halt, was Du jetzt vorhast, wird Folgen über dein Leben hinaus haben. Es gibt wichtigeres als das persönliche Eigeninteresse. Haben Sie nie eine Blume, ein spielendes Kind angesehen und genau gewusst, das ist ein Wunder. Das hat einen Sinn und eine Bedeutung, die weit über das hinaus geht, was ich begreifen kann. Wir können die Sehnsucht nach Gottes Nähe zwar einsperren und lächerlich machen und in uns verschließen und ein dickes Schloss vor die Tür hängen und sagen. Nein, das gibt es bei mir nicht. Aber hundertprozentig sicher ist das nicht. Die Sehnsucht nach der Nähe Gottes wird durch die Ritzen und die Türschlösser sickern, und uns genau dann einholen, wenn wir nicht damit gerechnet hätten. Sie wird uns einholen, wenn wir dieses neue Baby, das eigene Kind das Enkelchen sehen und die Liebe uns überwältigt. Sie wird uns vielleicht auch in der Stunde des Schmerzes über einen schweren Verlust erreichen, oder einfach so in der Küche beim Kartoffel schälen. Und wenn das geschieht, erinnern Sie sich bitte an unseren alten Johannes auf Patmos und was er uns zu sagen hat: Die Tür Gottes steht immer offen. Einfach durchgehen. Beten Sie, egal was egal wie und Gott wird bei ihnen sein und ihnen Kraft geben. Und egal was danach und in Zukunft passieren wird, die Tür Gottes wird offen bleiben und niemand kann sie mehr vor ihnen verschließen. Ist das nicht die gute Nachricht im Advent?

Das Bild von der offenen Tür ist das eine Bild, dass mich in dem Predigttext unmittelbar angesprochen hat, das andere Bild ist das von den lebendigen Säulen, die den Tempel Gottes tragen.

Es schließt an das Bild von der offenen Tür zu Gott an. Wir sind durch die Tür zu Gott gegangen. Und was dann? Friede, Freude, Eierkuchen? Nein! Dann liegt eine Aufgabe vor uns, die wichtige Aufgabe: tragende Säulen zu werden, die Gottes Nähe und Gegenwart in dieser Welt bezeugen und ihr entsprechend leben. Menschen, die anderen die Tür zu Gott offen halten und die den Sinn, den sie gefunden haben nicht für sich behalten. Die Menschen damals in Philadelphia haben viel Schweres auf sich genommen, damit die gute Nachricht von der offenen Tür zu Gott auch uns erreichen kann. Wir sollten es ihnen danken und unsererseits anderen auch die Chance geben in dieser Überlieferung Sinn und Zufriedenheit für ihr Leben zu finden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich halte es nicht für sinnvoll sich in Darmstadt in die Fußgängerzone zu stellen und „Jesus liebt dich“ zu singen. Aber ich finde es äußerst sinnvoll die Kinder in den Kindergottesdienst zu schicken. Und ich finde es auch sinnvoll, wenn ich erfahre, jemandem den ich kenne, geht es schlecht, hinzugehen und mich dazuzusetzen und mir die Klage und den Schmerz anzuhören, und einfach dazusein. Leute nicht allein zu lassen. Zu helfen, wenn es nötig ist, so bezeugen wir meines Erachtens am Besten, dass Gottes Tür für alle Menschen immer offen steht. Eine lebendige Säule im Tempel Gottes werden. Mittragen mitbauen, damit Gott unter uns Menschen wohnen kann, damit das Leben einen Sinn bekommt, damit ein gutes Leben in Gottes Gegenwart möglich wird, das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Auch wenn wir dieser Aufgabe eher selten als häufig gerecht werden, das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir dabei sind. Mich erfüllt es mit Stolz, an der Wohnung Gottes unter den Menschen mitwirken zu dürfen. Sie nicht auch?

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