Wir müssen uns vor Gott nicht schämen!

Liebe Gemeinde,

es ist schlichtweg schamlos, was sich diese Frau da leistet. Eine solche Frau hat im Haus des Pharisäers nichts zu suchen. Es ist weder Zeit noch Ort für eine solche Ungeheuerlichkeit. Dass sich eine solche Frau, eine Prostituierte nebenbei, nicht schämt, einfach reinzuplatzen und ohne ein Wort sich einem Gast des Hauses zu nähern, und zwar auf eine Art und Weise, dass es einem schlecht werden könnte: Sie weint, Tränen fallen auf seine ungewaschenen Füße, sie trocknet sie mit ihren eigenen Haaren ab und fängt dann noch an, dem Gast die schmutzigen Füße zu küssen. Das ist eklig. Das tut man nicht. Das ist schamlos. Wer so etwas tut, da scheint jedes Schamgefühl verloren zu haben. Und mag manch einer von einer "anrührend intimen Szene" zwischen der Sünderin und diesem Jesus sprechen: In Wirklichkeit würde sich keiner von uns so weit herablassen, sich so erniedrigen, als dass er einem Fremden derart nahe kommt. Unsereinem ist es ja schon peinlich, mit einem Loch im Strumpf erwischt zu werden. Wir ekeln uns ja schon davor, gemeinsam aus einem Kelch zu trinken. Wir schämen uns schon, wenn rauskommt, dass wir nicht wissen, wie unsere gegenwärtige Bildungsministerin heißt. Nur keine Blöße geben. Nur nicht die Scham verlieren. Denn Stolz ist eine Todsünde. Die Scham die Gewähr, dass alles seine Ordnung behält. Wer die Scham nicht verliert, der weiß, was er zu tun hat, wo sein Platz ist, was man von ihm erwartet. Es gibt schließlich genug Schamlosigkeiten in unserer heutigen Welt. Da wollen wir doch unsere letzten Feigenblätter fein hoch halten, um uns nicht irgendwelche Blößen zu geben. Und so leben wir dann alle Tage: Außen hui, innen naja, angesehen, oder wenigstens nicht angestarrt, voller Rücksicht auf "die anderen", voller Ehrfurcht vor der "Öffentlichen Meinung", voller Scham. Nicht der Stolz oder die Hochmut ist unser Problem. Wir sind auf viel zu wenig stolz. Unsere übertriebene Scham ist es. Denn wir sind weiß Gott nicht schamlos, auch unsere Gesellschaft ist es nicht.

"Manchmal trinkt er halt gerne mal einen über den Durst", entschuldigt sich die Frau des Alkoholikers leise, während ihr Mann auf einer Feier immer lauter und aggressiver wird. "Von wem sie das wohl hat?" lächeln die Eltern hilflos, als ihre kleine Tochter einem jüngeren Besucherkind immer wieder ins Gesicht schlägt. "Schlechten Leuten geht’s immer gut", frotzelt der Krebskranke, als seine Enkel nach ihm fragen.

Scham allerorten: auf den Sozialämtern und bei den Schuldnerberatungen, in den Therapiepraxen, den Pflegeheimen und Krankenhäusern. Wir schämen uns, wenn wir nicht so sind, wie es die anderen gerne hätten. Wir schämen uns, wenn wir anderen zur Last fallen müssen. Und diese Scham hat weniger damit zu tun, was wir wirklich getan haben, als damit, was andere glauben könnten, wer wir eigentlich sind. Unseren Taten, auch unserer Schuld können wir gegenübertreten. Wir können mit ihnen umgehen, sie vielleicht wieder gut machen, um Verzeihung bitten oder Reue zeigen. Die Scham sitzt tief in uns. Es ist schwer, ihr zu entfliehen, weil sie unser Ich umklammert, weil wir gerade in unserer Zeit an allen Ecken und Enden immer wieder zu hören bekommen, dass wir uns zu schämen haben. In der Werbewelt der Supermänner und Sauberfrauen haben wir uns nicht nur für Gilb in unseren Gardinen zu schämen, sondern auch dafür, dass unser Auto beim Schalten einen kleinen Satz macht, oder unser Badezimmer eben nicht immer nach Meeresbrise riecht. Werbung verkauft uns nicht allein den Traum einer besseren Welt ohne Lochfraß und Gefrierbrand, sie vermittelt zugleich: Es ist ganz einfach peinlich und armselig, eine Rostlaube zu fahren oder gar ohne Dualband-Handy zu leben. Werbung beschämt, ganz besonders dort, wo sie schamlos erscheint. Kaum ein Produkt, dass nicht mit Sexualität beworben wird. Auf allen Kanälen und an allen Kiosken springen einem nackte Frauen und Männer ins Gesicht. Und wer dabei jubelt, dass damit endlich Jahrhunderte alte Verklemmungen überwunden werden, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall: Durch die allgegenwärtige Präsentation dieser Hochglanzgeschöpfe und Silikonwunder merken wir lediglich: Wir sind nicht so. Unser Körper ist anders. Wir können einfach nicht mithalten. So werden wir seid Jahrzehnten immer verklemmter, weil wir uns unserer schämen. Wir leben in einer Zeit der schönen Bilder, nicht der realen Körperlichkeit. Und beschämt laufen immer mehr in die Fitnessstudios, pushen ihre Körper durch Medikamente zu gefährlichen Höchstleistungen oder verfallen in krankhafte Essstörungen. Wir leben an uns vorbei, weil wir uns eigentlich nicht mehr sehen können mit unseren Ecken und Kanten, Falten und Wülsten, Macken und Marotten. Wir schämen uns. Manchmal so sehr, dass wir uns vollends vergessen. Menschen, die sich in irgendwelchen Talkshows exhibitionieren, sind – wenn es nach manchen Psychologen geht – nicht wirklich schamlos. Im Gegenteil: Indem sie sich in der Öffentlichkeit derart peinlich aufführen, wollen sie andere zu bringen, den Blick zu senken – weg von ihnen: Talkshows als krankhafter Versuch, krankhafte Scham zu bewältigen. Wenn sich Ehepaare bei Bärbel Schäfer wüst beschimpfen, Kinder sich vor der Kamera bei ihren Eltern als homosexuell outen oder sexueller Missbrauch zum Thema des Tages gemacht wird, sollte man doch zumindest fragen: Was treibt diese Menschen dazu, so sehr an ihre Grenzen zu gehen? Ist das Fernsehstudio vielleicht zum einzigen Raum geworden, in denen sie über das, was sie bewegt, sprechen können? Wenn die Scham über sich selbst so groß wird, dass sie das, was gut und heil an einem ist, erstickt, scheint es Zeit für Bärbel Schäfer.

Dass jeder von uns ein natürliches Schamgefühl besitzen sollte, ist unbestritten. Unsere Scham bestimmt die Nähe und die Distanz zu unseren Mitmenschen. Sie verhindert, dass wir aus der Gesellschaft herausfallen, sie kann uns vor Verletzungen schützen und unser Ureigenes in der Beziehung zu anderen wahren. Nicht alles, was innen ist, muss stets nach außen gekehrt werden. Und trotzdem brauchen wir Raum, in dem wir unsere Scham ablegen dürfen. Doch dieser Raum wird trotz oder gerade wegen unserer heutigen Medienlandschaft immer enger. Weit war dieser Raum in unserer Gesellschaft sicher nie. Früher schrieben Kirche, Tradition und Moral den Menschen vor, was sie zu tun und zu lassen hatten. Heute, in einer Zeit, in der moralisches Allgemeingut immer seltener wird, sind wir uns selbst überlassen und damit dem Druck der schönen, neuen, bunten Bilderwelt, mit der wir einfach nicht mithalten können. Scham beschäftigt sich immer mit dem Gedanken, was andere von uns denken könnten. Manchmal wissen wir es ganz genau. Manchmal zerfleischen wir uns mit absolut unberechtigten Ängsten.

Vor 2000 Jahren platzte diese Frau in das Haus eines angesehen Mannes und gab eine (für ihn) absolut peinliche Vorstellung. Wir wissen wenig über diese Frau, nicht einmal ihren Namen. Vielleicht war sie wirklich eine Prostituierte. Jedenfalls war sie für den Pharisäer eine Frau, für die man sich schämen musste. Ob die Frau wirklich Grund hatte, sich zu schämen, wissen wir nicht. Sie bleibt stumm. Sein Gast, ein angeblicher Prophet, lässt die Behandlung anscheinend auch noch voller Freude über sich ergehen. Doch ein wahrer Prophet hätte sich auch einfach schämen müssen über die Hemmungslosigkeit dieser Frau. Jesus von Nazareth spürt das Befremden seines Glaubensbruders und spricht ihn an: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber spricht: Meister, sag es! Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? So etwas lässt sich leicht beantworten, gerade für den schamhaften Intellektuellen Simon: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Jesus spricht zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und Simon ist zu intelligent, als dass er dies nicht als eine Antwort versteht. Wir können uns noch so bemühen, können noch so viel leisten, wir leben immer mit der Scham, nicht genug zu sein. Was immer wir auch leisten, wir bleiben uns immer etwas Schuldig, manche mehr, manche weniger, die namenlose Frau, genau so wie Simon, der Pharisäer. Und fast, als wolle er seinen Gastgeber weiter beschämen, fährt er fort, wieviel Gutes diese Frau an ihm getan hat: Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Das ist schon recht peinlich, sich so etwas von einem Gast sagen lassen zu müssen. Doch Jesus stellt auch für Simon die Frau, die die Scham überwand, als Vorbild hin: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er spricht zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.

Es ist eine ganz einfache Botschaft: Egal was wir tun, wir müssen uns vor Gott nicht schämen. Er weiß, dass wir nicht perfekt sind, dass wir unseren Ecken und Kanten, Falten und Wülsten, Macken und Marotten haben. Er weiß auch von unserer Schuld. Doch das, was er fordert, ist keine Scham. Es ist Umkehr. Er stellt uns nicht schulmeisterlich in die Ecke, sondern ruft uns in die Nachfolge. Und diese Nachfolge ist kein neues Hinterherhetzen hinter einem Vorbild, dass wir eh nie erreichen werden. Es ist der einzige Weg aus der Scham, die uns am Leben hindert. Denn er führt hinein in die bedingungslose Liebe Gottes. Wer diese Liebe unmittelbar für sich erleben und weitergeben kann hat keinen Grund mehr sich zu schämen. Denn es ist egal, was andere von uns denken, wenn wir in der Liebe leben. Jesus predigt das Reich Gottes, den Raum in dem wir aufsehen und unsere Häupter heben können, weil sich unsere Erlösung naht (Lk 21,28). Indem sie Jesus schamlos ihre Liebe zeigt, setzt die Frau ein Zeichen für diese Reich Gottes. Sie lässt sich nicht von ihrer Schuld hindern, ihrem Gott schamlos nahe sein zu wollen, und sie dreht so das Rad der Geschichte weit zurück, bis hin zu den Zeitpunkt, als zwei Menschen unbedingt wissen wollten, was gut und böse ist, die Scham sie packte, und sie vor Gott flohen mit ihren Ausreden und Feigenblättern. Ein paradiesisches Lebensstück blitzt auf, wenn Menschen vor Gott ihre Scham überwinden und auch vor der Welt dazu stehen, dass sie ihr Leben nicht vollends im Griff haben, dass sie auf die Liebe und Hilfe anderer angewiesen sind. Ein paradiesisches Lebensstück, dass von einem liebenden Gott erzählt, der uns aus unserer Scham herausrufen will, hinein in die Nachfolge, hinein in ein neues Leben.

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