Wir dürfen zu Gott kommen

Liebe Gemeinde,

heute, am ersten Weihnachtsfeiertag ist der Höhepunkt des weihnachtlichen Festes schon überschritten. Am Heiligen Abend hörten wir von der Jungfrau Maria, von der Geburt in einem Viehstall, vom Kind in der Krippe, von Engeln und Hirten. So erzählt uns der Evangelist Lukas die Weihnachtsgeschichte. Daneben gibt es aber noch andere Weihnachtsgeschichten im Neuen Testament. So kommt auch der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater im 4. Kapitel auf Weihnachten zu sprechen. Dort heißt es:

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Paulus erzählt die Weihnachtsgeschichte auf seine Weise. Mit wenigen trockenen Worten sagt er alles, was gesagt werden muss. Am Anfang unseres Predigttextes heißt es: "Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan." Paulus übergeht die bewegenden Szenen, die sonst am Anfang der Schilderung des Lebens Jesu stehen. Die "Windelein so schlecht" – wie es in einem unserer Gesangbuchlieder heißt – sind ihm nicht der Rede wert. Paulus konzentriert sich auf das entscheidende weihnachtliche Thema.

Dieses Thema lautet folgendermaßen: Als die Zeit erfüllt war, wurde Jesus von Gott auf die Erde gesandt. Als die Zeit reif war, als Gott der Überzeugung war: "Es reicht jetzt", da entschloss sich Gott dafür, Zeit für uns zu haben. Er kam auf unsere Erde und nahm an unserer menschlichen Zeit teil. Gottes Sohn wurde also zu dem von Gott bestimmten Zeitpunkt von einer Frau geboren. Gottes Sohn wurde Jesus aus dem Ort Nazareth, Sohn des Zimmermanns Joseph. Gottes Sohn wurde ein ganz normaler Mensch. Gott wird einer von uns.

Gottes Sohn wir – so heißt es weiter – unter das Gesetz getan. Damit ist zuerst einmal das jüdische Gesetz gemeint: Gottes Sohn wurde Jude. Darüber hinaus wird damit aber auch gesagt: Gottes Sohn geht in die Bedingungen des Menschseins ein. Er wird kein Über-Mensch, kein Supermann. Nein, auch er erlebt die menschlichen Ängste, Zwänge und Grenzen, in die jeder Mensch hineinverflochten ist. Auch er muss sich mit den Gesetzmäßigkeiten, die unser Menschsein ausmachen, auseinandersetzen.

Und – auch Jesus wird bedrängt von der letzten Konsequenz aller menschlichen Gesetzmäßigkeiten. Denn – jeder Mensch sündigt und jeder Mensch stirbt. Paulus nennt diese Gesetzmäßigkeit einmal "Das Gesetz der Sünde und des Todes". Aber: Jesus besiegt die Sünde und er besiegt den Tod. Damit war die Macht der Sünde und die Macht des Todes gebrochen. Und damit befreite er uns von der Herrschaft der Sünde und der Herrschaft des Todes. Nun kann unsere Sünde vergeben werden, nun ist unser Tod nicht mehr das endgültige Ende. So, wie uns Jesus von dem Gesetz der Sünde dem Gesetz des Todes befreite, so befreite er uns auch von allen anderen Gesetzmäßigkeiten, denen wir Menschen uns unterwerfen. Der Apostel Paulus gebraucht hier einen ganz radikalen Ausdruck. Er sagt: Ihr seid versklavt unter eure Gesetze – ihr seid Sklaven eurer Zwänge und Ängste.

Aber – so heißt es bei Paulus weiter: Nun ist die Zeit der Sklaverei vorbei. Nun seid ihr durch Jesus p>Sie fragen sich vielleicht: "Wo war ich denn versklavt?" Ich möchte Ihnen einige Beispiele nennen: Wir sind – gerade zur Weihnachtszeit – Sklaven unserer eigenen Wünsche nach Freude, Entspannung und Harmonie. Bei uns heißt es: "Du musst an Weihnachten fröhlich und guter Laune sein." – "Du musst Ruhe und Entspannung während der Weihnachtsfeiertage finden, denn danach geht der Alltagsstress wieder los." – "Du darfst dich nicht mit anderen streiten, denn an Weihnachten muss es harmonisch und friedlich zugehen." Aus dieser Sklaverei hat uns Gott befreit. Und – wir sind Sklaven unserer menschlichen Leitsätze. Heißen sie nun "Hier gilt das Recht des Stärkeren" oder "Nur die Leistung eines Menschen zählt in unserer Gesellschaft" oder resignierend "Was kann ich als Einzelner an den Verhältnissen schon ändern?" Auch aus dieser Sklaverei hat uns Gott befreit. Ich höre sie fragen: "Das soll Sklaverei sein?" Ja, was würden wir denn machen ohne unsere persönlichen und gesellschaftlichen Ordnungen und Werte. Erst diese Gesetzmäßigkeiten geben uns doch die Sicherheit, die wir für unser all-tägliches Leben brauchen. Das Leben muss doch kalkulierbar bleiben! Wie könnten wir Menschen denn ohne unsere menschlichen Absicherungen leben? Würden wir nicht in das Chaos fallen?

Und doch sagt Paulus zu uns: Nehmt doch eure menschlichen Ordnungen nicht so wichtig! Lasst doch eure menschlichen Absicherungen los! Lasst doch all das los, was euch auf dieser Welt bewusst oder unbewusst unterdrückt! Was sind schon die menschlichen Zwänge, Meinungen und Wertvorstellungen? Sind sie wirklich so wichtig, wie ihr sie nehmt? Gewinnt Abstand von dem, was unwesentlich ist, damit der Blick frei wird für das, was wesentlich ist.

Doch vielleicht sind ihre Fragen und Zweifel noch nicht verstummt: Wie kann man denn Abstand zu diesen menschlichen Gesetzmäßigkeiten gewinnen? Wer hält uns Menschen, wenn wir alle Sicherungen loslassen? Werden wir dann nicht in den Abgrund stürzen? Werden wir dann nicht im Chaos untergehen?

Gott antwortet den Zweifelnden und Fragenden: Ich halte dich! Ich lasse dich nicht im Chaos untergehen. Ich lasse dich nicht in den Abgrund stürzen. An die Stelle der menschlichen Ordnungen setze ich nun eine ganz andere Ordnung, eine Ordnung der Freiheit, eine göttliche Ordnung: Ihr Menschen, ob alt oder jung, ob erfolgreich oder erfolglos, ob krank oder gesund, ihr empfangt die Kindschaft. Ich mache euch zu meinen Kindern. Das ist meine neue Ordnung.

Gott schenkt uns eine neue Ordnung. Wir sind zu Gottes Kindern geworden. Damit sind zwar nicht alle menschlichen Zwänge, Ängste und Gesetzmäßigkeiten verschwunden. Denn: Wir leben ja immer noch in dieser Welt und nicht in einer Art Paradies.

Aber wir sind befreit von ihnen. Sie beherrschen uns nicht mehr. Wir leben in Freiheit. In Freiheit sehen wir nun all‘ unsere menschlichen Gesetzmäßigkeiten, aber wir lassen uns nicht mehr von ihnen bestimmen. Wir haben Abstand gewonnen von den Zwängen, die uns bisher beherrschten. Wir haben Abstand gewonnen von den "Leitsätzen" und Meinungen dieser Welt und können sie nun als freie Kinder Gottes auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Wir haben Abstand gewonnen von allem, was unwesentlich ist – seien das nun unsere ängstlichen Sicherungsversuche oder unser menschliches Streben nach Anerkennung. Wir sind von diesen Gesetzmäßigkeiten befreit und können nun auf dieser Welt als freie Kinder Gottes leben.

Welch ein Umschwung: Von Sklaven zu Kindern! Wir sind keine Sklaven mehr. Nicht mehr abhängig von dem, was andere Menschen für richtig und wichtig halten. Nicht mehr gezwungen, den Meinungen und Wertvorstellung dieser Welt hinterherzulaufen. All dies ist vergangen. Wir sind nun Kinder Gottes. Wir sind vorurteilslos und selbstverständlich von Gott angenommen. Wir gehören zu Gott, wie ein Kind eben zu seinen Eltern gehört.

Was bedeutet es nun für uns, für unser Verhältnis zu Gott, wenn wir Gottes Kinder sind? Eigentlich ist das ganz einfach: Als Kinder haben wir einen Vater. Gott ist unser Vater. Er ist immer für uns da. Und es ist doch völlig natürlich, dass wir mit unserem Vater reden. Weil wir Kinder Gottes sind dürfen wir Gott mit "Vater" ansprechen. Wir dürfen von unserem Zugang zu Gott Gebrauch machen. An Jesus sehen wir, wie ein Kind mit seinem Vater redet: vertrauensvoll und geborgen und zugleich respektvoll und bereit zum Gehorsam. So wie Jesus "Abba, lieber Vater" sagte, so dürfen auch wir es nun sagen. In dem aramäischen Wort "abba" das übersetzt auch "Vati" oder "Papa" heißt – schwingt beides mit: Das kleinkindliche Vertrauen und die respektvolle Beziehung des Sohnes zu seinem Vater. In dieser Haltung betet Jesus und in dieser Haltung dürfen auch wir beten.

Diese Gebetshaltung, die geprägt ist von Vertrauen und Respekt, steht uns aber nicht immer zur Verfügung. Nicht jedes Gespräch eines Kindes mit seinem Vater oder seiner Mutter verläuft in diesen "geordneten Bahnen". Manchmal kommt das Kind von der Schule nach Hause, wurde vielleicht verprügelt oder ungerecht behandelt und wirft sich heulend an die Brust von Vater oder Mutter. Manchmal träumt das Kind nachts einen Alptraum, wacht schreiend auf und schreit nach seinen Eltern. Manchmal kriegt das Kind kein Wort mehr raus, es steht stammelnd oder gar sprachlos vor seiner Mutter oder seinem Vater und möchte einfach in den Arm genommen werden.

Auch wir Kinder Gottes dürfen so zu Gott kommen. Gott hört uns an. Wenn wir stammeln oder sprachlos sind, wenn wir stöhnen oder klagen, wenn wir in Angst und Verzweiflung nach ihm rufen oder sogar schreien – auch dann dürfen wir zu unserem Vater kommen. Immer – jederzeit – auch an Weihnachten.

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