Wir dürfen Gottes Ebenbild sein

Liebe Gemeinde,

gerade rechtzeitig zum Beginn des Frühlings ist für diesen Sonntag eine Auswahl aus der Schöpfungsgeschichte als Predigttext vorgeschlagen.

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Eine vertraute Geschichte ist dies. Eine Geschichte, über die oft gesprochen wurde. Viele Konflikte wurden über diese Erzählung zwischen Kirchenvertretern und Naturwissenschaftlern ausgetragen. Das ist zum Glück vorbei. Wir sind uns jetzt einig, dass dieser Bericht kein historisches Protokoll der Weltentstehung sein will. Nicht das Wie der Weltentstehung ist Thema dieses Textes, sondern der Beginn der besonderen Beziehung Gottes zum Menschen. Anfang und Ende des Berichts habe ich eben gelesen. Den ersten und die beiden letzten Tage.

Der erste Tag wird kurz und knapp geschildert. Für die Schöpfung des Menschen sind mehr Worte erforderlich. Die ersten Schöpfungstage beschreiben vor allem die Eingrenzung aller bedrohlichen Mächte. Finsternis und Chaos stehen dafür. Nach dem langen, düsteren Winter haben wir in der letzten Woche den Beginn des Frühlings erlebt. Licht und Wärme. In wenigen Tagen haben die Pflanzen im Garten alle das aufgeholt, was in den letzten Wochen nicht möglich war. Nicht nur die Natur auch wir Menschen leben plötzlich auf. Mit dem Licht beginnt das Leben.

Der Schöpfungsbericht hebt diese Grunderfahrung hervor. Das ist das erste Werk Gottes. Daneben bleibt die Erfahrung der Finsternis. Sie ist nicht völlig verschwunden. Sie wird nicht abgeschafft. Gott weist sie in ihre Schranken. Sein Werk ist das Licht. Dann am Ende des Schaffens kommt der Mensch. Geschaffen als Herrscher über Pflanzen und Tiere. Geschaffen zum Bild Gottes. Paradiesisch friedlich geht es da zu. Auffällig die Zuweisung der Speisen: Den Menschen stehen Früchte und Samen, den Tieren das grüne Kraut zu. Kein Wort über das Schlachten von Tieren. Kein Wort über Raubtiere, die vom Fleisch anderer Gattungen leben.

Noch einmal: Hier geht es nicht um einen Augenzeugenbericht. Die Priester beschreiben nicht die Wirklichkeit. Sie beschreiben Gottes Liebe zum Leben. Menschen und Tiere, Raubtiere und Vegetarier bilden eine Lebensgemeinschaft. Alles Lebensbedrohende kommt nicht aus Gottes Schöpfung, das wollen die Priester sagen. Man könnte meinen, die Priester, die die Schöpfung so beschrieben haben, haben nicht gut hingesehen. Der Mensch ein Bild Gottes? Ein Bild seiner Liebe? Mit unserer Gegenwart hat das wenig zu tun.

Schon wenige Seiten weiter wird deutlich, dass auch die Priester durchaus um Bosheit und Eigenwilligkeit wussten. Kurz nach der Schöpfung schildern sie die Sintflut, die Vernichtung des Lebens. Menschen werden schuldig. Sie morden, rauben und neiden. Die Verfasser dieser Geschichte wussten, wovon sie sprachen. Die Priester haben diese Geschichte erzählt und aufgeschrieben als ihr Volk ganz unten war: Im Exil. Als Folge von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung wurden Staat und Tempel zerstört. Diesen Menschen, die alle Hoffnung verloren hatten wird erzählt, dass sie Gottes Ebenbild seinen. Ihr sollt herrschen!

Viele Jahrhunderte lang haben Menschen aus diesen Sätzen das Recht zu Ausbeutung und Zerstörung abgeleitet. Mit den technischen Möglichkeiten dieses Jahrhunderts und der inzwischen erreichten Bevölkerungsdichte verliert diese Deutung immer schneller an Glaubwürdigkeit. Der große Verhaltensforscher Konrad Lorenz sieht im Menschen zwar das am weitesten entwickelte Lebewesen des Artenwandels, aber wenn er im Menschen das endgültige Ebenbild Gottes sehen solle, dann würde er an Gott irre werden. Das kann doch wohl nicht alles sein!

Entstehung und Verbreitung von BSE, Maul- und Klauenseuche und medikamentenresistenten Bakterien, Klimaveränderung durch Abgase, Lebensmittelvernichtung und Hunger – Tag für Tag können wir in der Zeitung lesen, dass wir nicht Ebenbild des Schöpfers sind. Und wenn ich einmal vom großen ins kleine gehe, statt der Menschheit nur noch mich als Menschen ansehe – dann wird es nicht besser. Auch ich bin ja nicht so, wie ich mir Gottes Ebenbild vorstelle. Ich stoße überall an meine engen Grenzen.

Andererseits spüre ich den Wunsch mehr zu sein. Ich möchte etwas Besonderes sein. In Erinnerung bleiben. Aus der Masse hervorsehen. Als Menschen leben wir zwischen der Selbstüberschätzung und der Selbstverachtung. Ein schmaler Grat zwischen beiden Polen lässt uns die nötige Freiheit. Meist geraten wir zur einen oder anderen Seite. Entweder traue ich mir alles zu und merke gar nicht, was ich dabei alles zerstöre oder ich habe jede Hoffnung verloren.

Gegen die Selbstüberheblichkeit hilft meist schon ein ehrlicher Blick auf die eigenen Leistungen. Mir zumindest werden dabei meine Grenzen schnell bewusst. Viele Texte der Bibel bieten Maßstäbe als Hilfe an. Die zehn Gebote, Lebensregeln, die Bergpredigt. Texte, die mir meine Grenzen aufzeigen. Viel schwieriger ist es, das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit zu überwinden. Hier brauchen wir die Hilfe von außen. Das ist das eigentliche Thema Gottes. Gegen alle Verzweiflung möchte er Ihr, mein Leben stärken.

Schon auf der ersten Seite der Bibel bekommen wir solche Hilfe zugesagt. Gott stellt uns mit ihm auf eine Stufe. Wohl wissend, dass wir immer wieder schuldig werden. Dies ist der Leitfaden, der überall in der Bibel zu entdecken ist: Die Zehn Gebote fangen mit der Zusage an, Ich bin der Gott, der schon deinen Vorfahren geholfen hat; als Christen erkennen wir, dass Jesus unsere Schuld, unsere Grenzen auf sich genommen hat. Wir können frei sein. Wir dürfen Gottes Ebenbild sein.

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