Wir dürfen Gott nicht vorgreifen

Er wolle mir zuerst die Geschichte seiner Mutter erzählen, meinte kürzlich ein Mann, der gerade auf der Suche nach Neuorientierung seines eigenen Lebens ist. Eigentlich hatten wir über ihn selbst sprechen wollen, über alles, was auf ihm lastet. Aber er meinte, angefangen hätten die Probleme schon lange vor seiner Geburt. Seine Mutter, heute 65 Jahre alt, war ein Kriegskind in Berlin. Unmittelbar nach dem Krieg sei sie mit der eigenen Mutter auf der Straße von drei russischen Soldaten überfallen worden, die sie und die Mutter vergewaltigten und dann die Mutter vor Augen der Tochter erschossen. Dem Bruder der Mutter, erst 17 Jahre alt, sei es gelungen, die Täter ausfindig zu machen, und er habe seinerseits zwei von ihnen getötet. Die ganze Familie wisse das – und man habe große Achtung vor der Tat. Er selbst übrigens auch – der Mann könne wenigstens auf etwas stolz sein.

Ich wusste zunächst nicht, was mich an der Geschichte am meisten entsetzte, das, was dem jungen Mädchen damals geschehen ist oder die Reaktion darauf. Gewalt gegen Gewalt, eine Spirale ohne Ende? Ich fragte den Mann, wie es denn der Mutter heute gehe. Sie hat einen Boxer, Schläger und Alkoholiker geheiratet, ist selbst alkoholkrank geworden, und er hat den Kontakt zu ihr abgebrochen, weil er es nicht verschmerzt hatte, als Kind immer von ihr verprügelt zu werden. Nun beginne sie, Kontakt zu ihm zu suchen, aber er wisse nicht, ob er das wolle.

Gedanken aus dem Predigttext habe ich dem Mann zu vermitteln versucht, da er offensichtlich nach innerem Frieden fahndete. Ich sagte ihm, er könne doch nun, er hat gerade mit einer eigenen unguten Vergangenheit – er war drogenanhängig geworden – abgeschlossen, wirklich einen Ansatz machen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Zumal seine Mutter sich endlich in eine Psychotherapie begeben hat. Aber er meinte zum Thema Feindesliebe: "Wenn du dich so benimmst, gehst du doch unter. In unserer Welt herrscht das Recht des Stärkeren. Jeder denkt zuerst einmal daran, dass er selbst überlebt." Allerdings wolle er selbst gerne seinen Kindern mehr Liebe mit auf den Weg geben, Liebe, nach der er sich immer gesehnt habe. Von Gottes Liebe habe er persönlich nie etwas gespürt. Der Religionsunterricht in der Schule sei eher etwas gewesen, was ihn als Kind noch hoffnungsloser gemacht habe. Er hat sozusagen den "Zorn Gottes" eher auf sich gespürt – und der Pfarrer habe diesen Eindruck nur bestärkt.

"Einer muss doch anfangen, aufzuhören", ich kam mir im Moment ein wenig schwach vor mit dieser Überzeugung. Schließlich lehrt die praktizierte Weltpolitik nicht erst seit dem 11. September das Gegenteil. Mir fiel die Frage ein, die meinem Bruder schon vor vielen Jahren in der alten Bundesrepublik vor einer Prüfungskommission gestellt wurde, als er den Wehrdienst verweigerte: "Und was tun Sie, wenn Sie nach Hause kommen und ein Russe vergewaltigt Ihre Frau?". "Ich weiß es nicht", hatte mein Bruder gesagt, "aber eins weiß ich, ich werde auf keinen Fall schießen, weil ich Gewalt ablehne. Sonst hört das ja nie auf mit den Kriegen." Damals in den 70er Jahren war es auch im Westen nicht leicht, als Zivildienstleistender anerkannt zu werden. "Drückeberger" und "Weichei", mit diesen Bezeichnungen musste sich arrangieren, wer aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigerte.

Natürlich ist es nicht möglich, immer mit jedem im Frieden zu leben, denn gerade Friedfertigkeit kann ungeheuer provozierend wirken. Martin Luther King und Mahatma Ghandi sind schließlich nicht im Bett gestorben, sondern ermordet worden. Und der Fall Jesus Christus ist das prominenteste Beispiel dafür, dass es nicht nur Friedensfreunde auf der Welt gibt. Das Böse existiert, das ist der kleine gemeinsame Nenner, auf den man den Apostel Paulus und den amerikanischen Präsidenten George W. Bush bringen kann. Da allerdings hört die Gemeinsamkeit schon auf.

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. sagt Paulus und hält damit ein Plädoyer für die Macht der Liebe. Das Böse überwinden mit Gutem, das erfordert Mut und einen langen Atem. Wer sich geliebt weiß, hat beides, denn er fühlt sich geborgen.

"wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln", was das bedeuten kann, wissen wir heute nicht mehr so genau. Aber denjenigen, die den Brief von Paulus bekamen, war die Sitte noch vertraut: Wenn ein Mensch für etwas Böses, das er getan hatte, sühnen wollte, trat er mit einer Schale brennender Kohlen auf dem Kopf vor den Altar. Etwas davon hat sich in der Aschermittwochs-Tradition in der Katholischen Kirche noch erhalten. Paulus meint dies so: Wenn man seinem Feind, der in Schwierigkeiten ist, mit Güte begegnet, kann man ihm helfen, Reue über sein bisheriges Verhalten zu empfinden und seine Gedanken zu ändern. Man kann ihm selbst den Weg zu einem gewaltlosen Neubeginn öffnen. Das wird nicht immer leicht sein. Manchmal ist man ja selbst in so einer dummen Situation: Da hat man gerade seine schlechte Meinung über einen Kollegen so richtig schön zementiert, ihn zum "Lieblingsfeind" gemacht und ist überzeugt, dass alle Initiativen, die der startet, nur dazu dienen, einen selbst und die eigene Arbeit abzuwerten. Unkollegial, nicht teamfähig und rücksichtslos kommt einem dieser Mensch vor. Und dann feiert der Kollege seinen Geburtstag und lädt ganz freundlich ein. Am liebsten würde man gar nicht hingehen – aber als er dann noch meint: "Ich habe mich ja nicht immer super verhalten in letzter Zeit, aber mir war das nicht so aufgefallen, wollen wir das nächste Projekt nicht gemeinsam starten?", dann fällt es schwer, reinen Herzens auf das Friedensangebot einzugehen. "Was steckt da schon wieder dahinter? Ist das nicht eine neue scheinheilige Masche?", so schleicht sich Misstrauen wie Gift ein. Und der Gedanke kommt auf, den Kollegen nun seinerseits mal auflaufen zu lassen. Das Muster hat er schließlich selbst geliefert.

Hat er nicht damals die Idee geklaut und schamlos ausgeschlachtet, die man eigentlich selbst hatte? Uralte Geschichten kommen in den Sinn und schieben sich zwischen das Friedensangebot.

"Man braucht einfach einen Lieblingsfeind", sagte neulich jemand zu mir, "sonst macht das Leben keinen Spaß mehr". Aber macht es denn wirklich Freude, dauernd Gemeinheiten auszutauschen? Meist vergiftet man auf diese Weise doch auch sich selbst. Oder weiter gedacht: Wenn Nachbarschaftsstreitigkeiten sich immer weiter hochschaukeln, wenn man anfängt, dem andern echte Fallen zu bauen, steht man ja ganz real auch schnell mit einem Bein im Gefängnis. Ich denke an einen Streit in Sangerhausen, vor einigen Jahren. Einst gute Nachbarn hatten sich so in eine Debatte um einen Abgrenzungspfosten verbissen, dass der eine den anderen samt Sohn mit der Waffe niederstreckte. Die weinende Witwe hatte unter den Erinnerungen noch das Fotoalbum von gemeinsamen Gartenfesten. Ist es möglich, so haltet mit allen Menschen Frieden – in diesem Falle wäre es eigentlich leicht gewesen, wäre der eine Nachbar nicht Gerechtigkeitsfanatiker gewesen, mit dem um keinen Zentimeter Eigentum zu diskutieren war.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr."

Dieser alttestamentliche Satz mitten im Paulusbrief kam mir zuerst vor wie ein Stück in einer Wahlkampfrede, das auch Stammwähler der anderen Partei ansprechen soll. Nach dem Motto: "Gott straft härter als wir alle zusammen". Also der Bonbon für Hardliner? Ich glaube, so ist es nicht gemeint. Dem Zorn Gottes Raum geben, heißt nichts weiter als es Gottes Kompetenz zu überlassen, Gerechtigkeit walten zu lassen, wie auch immer sie aussehen mag. Christen sollten sich dafür hüten "Jüngstes Gericht" spielen zu wollen. Wem Gott gnädig ist, das liegt nicht in menschlichem Ermessen. Und von menschlichen Vergeltungsaktionen ist noch kein Toter wieder lebendig geworden. Der eigene Schmerz wird kaum geringer, wenn anderen ebenfalls Verluste zugefügt werden.

Vorgelebt hat uns dieses Verhalten Jesus Christus – ich denke, seine Liebe ist so entwaffnend, dass sie ein für allemal beispielgebend ist. Christus ist unser Friede, das ist, finde ich, einer der schönsten Sätze in der Bibel.

"Ich will vergelten, spricht der Herr – aber das dauert oft so lange.", sagte jemand aus einem Bibelarbeitskreis, als wir diesen Text letzte Woche durchgesprochen haben. Sicher, für unser begrenztes Ermessen mag das so scheinen. Dennoch ist das kein Freibrief dafür, Gott vorzugreifen. Wie schwer das Abwarten ist, das wissen wir alle. Aber wie verhängnisvoll voreilige "Vergeltungsschläge" sind, das zeigt uns die Situation in Israel und Palästina Tag für Tag. Mit jedem menschlichen Racheakt wird die Lage verfahrener. Das Böse kann immer breiteren Raum gewinnen. An der Lage in den politischen Spannungsgebieten können wir selbst kaum etwas ändern, wir können weder einem amerikanischen Präsidenten, noch einem israelischen oder palästinensischen Politiker noch einem Terroristen in den Arm fallen.

Aber in unserem kleinen Umfeld können wir versuchen, Friedfertigkeit zu leben. Gelegenheit dazu gibt es täglich. Dass wir das tun, so weit es an uns liegt, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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