Wieviel wiegt wohl eine Schneeflocke?

Liebe Gemeinde,

erst im Sommer, denn sie hatte diesen Gedanken lange mit sich herumgetragen, ehe sie sich traute, mit jemandem darüber zu sprechen, fragte eine Meise eine Taube: ?Sag mal: wieviel wiegt wohl eine Schneeflocke?? ?Nicht mehr als Nichts? antwortete die Taube in kluger Rede. ?Hmm?, murmelte die Meise ?dann muss ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen?:

?Ich saß einmal auf einem Tannenzweig, ganz dicht am Stamm und es fing an zu schneien. Es war kein wilder Sturm oder Schneegestöber. Nein, eher ganz wie ein Traum, so leicht und luftig, ohne Gewalt. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, fing ich an, die Schneeflocken zu zählen, die sich auf den Zweigen und Nadeln meines Astes aufhäuften. Zum Schluss waren es ganz genau 2 533 189. Als aber dann die nächste Schneeflocke sanft auf den Zweig fiel, nicht mehr als Nichts wiegend (wie Du sagtest), brach der Zweig ab und fiel zur Erde.? Somit am Ende ihrer Erzählung, machte sich die Meise auf und flog davon.

Die Taube aber – schon seit Noahs Zeiten Spezialistin in solchen Fragen – bedachte sorgfältig diese Geschichte und meinte schließlich: ?Vielleicht fehlt nur noch eine Menschenstimme, um Frieden in die Welt zu bringen.?

Vielleicht fehlt nur noch eine Menschenstimme, um Frieden in die Welt zu bringen, eine Stimme, die lobt und singt, eine Stimme, die erfreut ist von der Herrlichkeit Gottes, eine Stimme, die voraussingt, was sein wird und selber weiß, was sie zu tun hat.

Eine solche Stimme hören wir aus unserem heutigen Predigttext: im ersten Kapitel des Epheserbriefes, in den Versen 3-14:

[TEXT]

Liebe Gemeinde: im griechischen Text ist das ein einziger langer Satz (sie haben es vielleicht schon beim Hören gemerkt) – sozusagen ein Satz ohne Punkt und Komma – ein wahres Loblied, gesungen von einem, dem das Herz übergeht von dem, was er erfahren hat. Hier spricht einer, dem Gott begegnet ist, der vom dem erfüllt ist, was er singt: Gott hat mich erwählt, Gott hat mich begnadigt und er hat mich eingeführt in sein Geheimnis. Loblieder sind selten geworden bei uns. Lobhudelei kennen wir vielleicht noch, aber meist nur im Negativen, denn die Lobreden bei öffentlichen Veranstaltungen erscheinen uns oft aufgesetzt und unecht. Wenn wir Heutigen jemandem danken, dann geschieht das mehr mit kurzen Worten, knapp, vielleicht mit Händedruck und Blicken, manchmal werden Geschenke ausgetauscht, aber ein Gefühlsausbruch wie der eben ist uns eher fremd (zumal in Unterfranken). So müssen wir uns eher einen Schlager vorstellen, der unter die Haut geht – meist wird ja die große Liebe in solchen Lieder beschrieben: immer und immer wieder nähert sich der Sänger (nehmen wir mal an, es sei ein Mann, der eine Frau besingt): es nähert sich also der Sänger seiner Angebeteten mit immer neuen Worten: schön und anmutig, stolz und klug, verständnisvoll und umsichtig: all das versucht z.B. das Wesen dieser besungenen Frau einzufangen, aber man merkt doch: es ist nur eine Annäherung, nur ein Hinweis auf etwas größeres, was noch dahinter liegt, aber man glaubt dem Sänger, dass er dieses Größere schon erfahren hat.

So ist es auch hier: wir spüren die Erregung, die aus dem Loblied des Sängers spricht und wir merken: er versucht das Geheimnis Gottes zu umschreiben. Heute feiern wir Trinitatis, auf deutsch: das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Ein Fest also ohne heilsgeschichtlichen Anlass (wie etwa die Auferstehung zu Ostern gehört), sondern ein Fest aufgrund eines Dogmas: die Lehre von den 3 Aspekten Gottes in einer Person:

Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist in einem: gleichgestellt und angebetet, gleichermaßen verherrlicht und gepriesen. Dieses Dogma, auf deutsch: diese Lehrausage ist keine wirklich vorstellbare Aussage: wie genau kann ich das denken: drei in eins? Mies, worauf man sich nach vielen Steitigkeiten einigen konnte, waren Negativ-Aussagen: Gott ist drei in eins, dass heißt er ist nicht so und nicht so und nicht so – mehr ging nicht und mehr geht auch bis heute nicht, soweit ich das überblicke. Die Lehre von der Dreieinigkeit also, die wir heute feiern, ist eine Doxologie, ein Lobpreis, nur eine Annäherung an das Wesen Gottes, aber ein Lobpreis gesungen mit Hingabe und mit Ergriffenheit. So wie unser Text.

Nicht zufällig ist auch der in 3 Stophen eingeteilt, wie um deutlich zu machen, um welchen Gott es da eigentlich geht.

Die erste Stophe besingt unsere Erwählung durch Gott: ?Gelobt sei Gott, der uns erwählt hat, ehe der Welt Grund gelegt war?. Singen wir da mit in diesem Liebeslied Gottes, so bekommt auch unser Leben einen neuen Klang. Wir sind weder Zufall der Evolution noch unbedeutende Staubkörnchen neben anderen Staubkörnchen: wir sind gewollt und geliebt: jeder und jede einzelne von uns. So sind wir unendlich viel mehr wert, als wir uns selbst in unseren dunklen Stunden eingestehen wollen. ?Unser Leben hat keinen Sinn mehr? – sagt eine Stimme in uns manchmal: Nein, so ist es nicht: Gott garantiert für den Sinn Deines Lebens. ?Keiner liebt mich? – spricht die Verzweiflung, die aus dem Dunkeln nach uns greift, wie eine kalte Hand. Nein, so ist es nicht: Wir sind das Produkt von Gottes Liebe. Wir sind seine auserwählten Kinder – und, liebe Gemeinde: Gottes Kinder haben eine Zukunft!

Weiter geht der Schlager Gottes: ?In ihm haben wir den Reichtum seiner Gnade, wir wissen das Geheimnis seines Willens: (nämlich,) dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.? Christus, der Herr über die ganze Erde – wir erinnern uns an Christi Himmelfahrt, an den Glanztext aus der Offenbarung: alle Könige und alle Gewalt auf Erden wird sich beugen müssen unter ihm und es wird Gerechtigkeit sein. Christus auch als der Herr der gesamten Kirche. Eine Kehle ist zu eng, um ein solches Loblied zu singen: da stimmen andere mit ein, ein Chor entsteht:

Gott ist kein Individualgott für einzelne, etwa ein Gott mit den und den Eigenschaften für die Frau Pfarrerin, aber ein anderer mit anderen Eigenschaften für den Herrn Vikar:

Nein: ein Gott für alle Menschen, für alle Geschöpfe, für die ganze Natur, für die ganze Welt. Weil das so ist, können wir nicht ruhig bleiben. So wie uns ein gängiger Schlager zum Mitsingen und Mitsummen veranlasst, so werden wir Mittäter Gottes, denn mein Nebenmann und meine Nebenfrau sind auch die von Gott geliebten Kinder: nicht allein, sondern zusammen sind wir die Erlösten Gottes.

Und darum geht es in der dritten Strophe: ?Ihn ihm sind wir zu Erben eingesetzt worden, damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, (denn wir sind) versiegelt worden mit dem Heiligen Geist.? Die Erben geben etwas weiter von dem, was sie geerbt haben: es geht auf sie über, es liegt in ihrer Hand. Dass wir wahrhaft Erben sind, darauf haben wir ein Siegel, das Siegel des Heiligen Geistes. Wenn wir von diesem Geist getrieben werden, dann tun wir Gottes Willen, nämlich sein Reich zu verkündigen: wir loben damit seine Herrlichkeit und erstatten etwas von dem zurück, was wir erhalten haben.

Wie kann das geschehen, mag sich mancher fragen? Es geschieht einfach, wäre wohl die Antwort unsers Lobsängers: da, wo die Liebe um sich greift, wo man einander hilft und beisteht, wo Grenzen unserer menschlichen Beschränktheit überwunden werden, da geschieht etwas von Gottes Liebe an den Menschen, dort wirkt sein Geist.

Ich könnte große Beispiele aus vergangener Zeit aufzählen: Menschen haben sich um andere Menschen gekümmert, in Gottes Namen etwa Krankenhäuser errichtet, sich für die Erziehung und Pflege verwahrloster Kinder eingesetzt, andere spendeten viel Geld für gute Zwecke, wieder andere waren da, wenn der Nachbar sie brauchte: einfach nur zum Zuhören und Nähespenden. Manch einer mag ohne sein eigenes Wissen zu einem Engel Gottes geworden sein, ein wahrer Erbe seiner Herrlichkeit, indem er seinem Nächsten ein Gesprächspartner war, der Zeit und Geduld mitbrachte, vielleicht öffnete er diesem mit seinen Worten eine bisher nicht gekannte Tür.

So können wir Lobpreis seiner Herrlichkeit werden, meint der Lobsänger aus Epheser 1. Wir müssen uns aber nicht immer nur die Großen vor Augen halten, denn das Ausmaß einer Tat spielt nicht die entscheidende Rolle bei Gott. Sind wir hier in unserem Kleinen als die Lobsängerlnnen Gottes da, hier bei uns im Dort, auf der Straße, in den Treffen untereinander, in den Gesprächen übereinander, bei der Arbeit oder in der Freizeit, ja sogar – uns dies Beispiel sei mir doch noch erlaubt, liebe Gemeinde, in der Begegnung und in der Rede mit und über Ober- und Unteraltertheimern so erweisen wir uns als Gottes Erben.

Und wollten wir es durchzählen, so sind wir vielleicht die Schneeflocke Nr. 2 421 519, die sanft, aber bestimmt auf den Ast zu den vielen anderen Schneeflocken fällt.

?Die Taube aber – schon seit Noahs Zeiten Spezialistin in solchen Fragen – bedachte sorgfältig diese Geschichte und meinte schließlich: ?Vielleicht fehlt nur ja noch eine Menschenstimme, um Frieden in die Welt zu bringen.?

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