Wie sollen wir leben?

Liebe Gemeinde,

ein erstes Missverständnis muss ich ganz zu Anfang ausräumen, v.a. im Blick auf die Konfirmanden: wer aufgepasst hat, hat die Worte von Paulus gehört: "Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus." – ja, das ist normalerweise der Schlusspunkt einer jeden Predigt, aber, liebe Konfirmanden, die ihr uns Pfarrern immer ins Stammbuch schreibt: zu lange Predigt, sorry: diesmal ist das erst der Anfang und noch nicht das Ende der Predigt.

Nun aber im Ernst: drei Tage vor der heiligen Nacht dieser Aufruf zur Freude: "freuet euch in dem Herrn allewege" – noch dazu gekoppelt mit einer Mahnung, die mir gar nicht so recht auf der Zunge zergehen mag: "Sorgt euch um nichts!" Selbst, wenn man abzieht, dass jede Zeit am intensivsten das eigene Leid wahrnimmt und die Vergangenheit etwas schöner malt, als sie in Wirklichkeit wohl war, dann muss man immer noch feststellen, dass es in der Tat heutzutage ernstzunehmende Sorgen gibt: Sorgen, die zu dem eigenen, persönlichen Leid, das jeder von uns (auch heute und hier) zu tragen hat, noch hinzukommen: wie geht es weiter mit unseren Sozialsystemen, mit den Absicherungen für die Zukunft? Wie geht es weiter mit unserem Arbeitsmarkt, wie geht es weiter mit unserer Kirche? "Sorgt euch um nichts!" – dann könnten wir ja getrost unsere Kirchenvorstandssitzungen ausfallen lassen, die sich doch allzu viel und allzu häufig nur um diese Sorge drehen: "was machen wir, wenn …die Orgel kaputt geht, z.B." Paulus war Gott-sei-Dank ein lebendes Beispiel dafür, dass er es so nicht gemeint haben konnte: wir legen die Hände in den Schoß und warten, was da kommen mag. Drei Tage vor der heiligen Nacht frage ich mich auch zum wiederholten Male, wenn ich mir die Weihnachtsmärkte und den Weihnachtsrummel ansehe: wo findet sich dort der innere Grund zur Freude? Für einige mag es austauschbar sein, ob man Fasching, Sommerfest oder Weihnachten feiert: jede Veranstaltung hat zwar ihren eigenen Flair (wer hat´s nicht gern, wenn es ein wenig weiß ist zu Weihnachten und ein bisschen Familien-romantisch?), aber doch ist es manchmal austauschbar: dann mag der innere Grund zur Freude vielleicht darin liegen, dass man mit anderen Menschen zusammenkommt, raus aus dem Alltag, ein paar freie Tage genießt und mal etwas machen darf, was man sonst nicht so darf: gut Essen und gut (und vielleicht auch viel) Trinken. Nun hat es keinen Sinn, darüber zu jammern und zu klagen, dass Weihnachten so kommerzialisiert worden ist, wenngleich es mich persönlich manchmal anekelt: das süßliche Gesäusel von der heilen Welt. Es hat v.a. deshalb keinen Sinn, zu jammern, weil es ja auch andersherum nicht funktioniert: den Charakter des Besinnlichen eintreten zu lassen in diese Zeit – die Fastenzeit als solche wahrzunehmen und sich vorzubereiten mit Buße und innerer Einkehr auf die Ankunft des Sohnes Gottes in dieser Welt. All das garantiert eben auch nicht meine Weihnachtsfreude, mein Weihnachtsglück. Ich kenne nicht wenige Menschen für die ist Weihnachten ein schreckliches Fest, weil sie erdrückt werden von der in den Medien dauerpräsentierten Vorstellung der allumfassenden Harmonie: diese Menschen kommen vielleicht aus gescheiterten Ehen oder Familien oder sie sind allein und einsam oder es gibt einen anderen Grund, weswegen sie von dieser Vorstellung angegriffen und verletzt sind und deswegen – notwendigerweise – fliehen müssen vor Weihnachten. Wenn Sie rausgehen würden in die Kneipen und Bars am heiligen Abend – Sie würden sich wundern, wie viele und wen alles sie dort antreffen würden: Menschen auf der Flucht vor diesem Fest, eben weil es nicht klappt, sich auf Anhieb, auf Kommando, zu freuen.

Also spricht unser Predigtwort eine andere Sprache, was diese Freude und dieses nicht-Sorgen angeht. Ich denke, es spricht davon: "Wie sollen wir als Christen in dieser Welt leben?" – prägnanter wäre die Frage vielleicht: "Worin unterscheidet sich denn das Leben eines Christen in dieser Welt von dem Leben eines Menschen, der nichts mit Gott am Hut hat?" Und vielleicht ist ja da die Weihnachtszeit doch kein schlechtes Beispiel. In Deutschland wird es kaum eine Familie geben, die keine Jahresendfeier begeht: gutes Essen, Kerzen- und Baumatmosphäre, Geschenke für alle Beteiligten und ein bisschen Zusammensein. Gut: der Christ wird in der Feier noch mehr sehen – er wird nicht nur den Weihnachtsmann oder den Nikolaus bedenken, sondern auch das Christkind und vielleicht auch noch den Grund der Krippe erklären und mit Musik und Texten deuten. Aber vielleicht kommt noch mehr dazu: er wird den Grund der Freude dieses Festes benennen können und das nicht nur als Verstandeswissen, sondern als Wissen des Herzens: Ja, in der Geburt des Sohnes Gottes beginnt die Heilszeit für unsere Welt. Als Paulus diese Zeilen schrieb, lag er selbst im Gefängnis im Rom und sein Ende war abzusehen. Nun glaubte er daran, dass auch bald das Ende der Welt kommen würde und mit ihm Christi Herrlichkeit endgültig offenbar werden würde. Fast 2000 Jahre nach diesem Brief an die Philipper warten wir immer noch auf dieses Ende und haben doch einen Rhythmus geschaffen im Kirchenjahr, welches hilft, die Erinnerung und die Hoffnung wachzuhalten. Von der Vorbereitung auf seine Geburt über seinen Tod und Auferstehung, über die Ausgießung des Heiligen Geistes bis in die Zeit der wartenden Kirche und Gemeinde. Dieser Rhythmus, dieses Wachhalten des inneren Grundes der Freude, das übersteigt das Weihnachtsfest eines Christen im Vergleich zu anderen Festen. Das wäre also eine erste Antwort auf unsere Frage, wie ein Christ denn leben solle: ihr dürft euch freuen, denn eure Freude hat einen Grund und dieser Grund heißt Jesus Christus. Jesus Christus übrigens, der gekommen ist, euch eure Sünden zu vergeben und für euch den Weg zu Gott freizumachen. Aus dieser Freude aber, die ein jeder Christ im Herzen trägt, unabhängig davon, wie viele Lichterketten er im Garten aufgehängt hat – aus dieser Freude kann dann die zweite Antwort erwachsen: ihr müsst euch nicht sorgen – nicht sorsorgen um eben jenes Heilsnotwendige, nicht sorgen um den Kern der Dinge, denn um diesen Kern, die Beziehung zu Gott, hat bereits Jesus für euch gesorgt. Diese Sorge sollt ihr nicht mehr haben! Welch freimachende Rede! Wer sich ein wenig mit Paulus beschäftigt hat, weiß, dass er frührer Pharisäer war, also zu einer Gruppe gehörte, die höchst respektable Ansichten hatte und die am ehesten heutzutage mit unseren Frommen zu vergleichen wäre: die Erfüllung von Gottes Geboten stand im Vordergrund – so gut und so richtig das ist, stand aber doch diese Erfüllung so weit vorne, dass sie vergessen hatten, dass unser Gott ein Gott ist, der aus Liebe schenkt: ohne Vorbedingung. Ohne Vorbedingung, liebe Gemeinde, so schwer das auch zu hören ist! Nun also ein Paulus nach seiner Bekehrung als einer der sagen kann: diese Sorge um euer eigentliches Leben ist euch bereits abgenommen! Es ist der Paulus, der im selben Brief an die Philipper diese Worte schreiben kann: "Denn Gott ist´s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen." Gott wirkt das Wollen und das Vollbringen, die erste und die letzte Regung – er wirkt beides und zwar ganz, wie es ihm allein gefällt. Diese Sorge, liebe Gemeinde, dürft ihr beruhig beiseite legen, denn es liegt nicht in eurer Hand. Und wenn ihr sie beiseite gelegt habt, dann habt ihr wieder beide Hände frei, um tätig zu werden in dieser Welt. Weil euch das Letzte abgenommen wurde, seid ihr frei für das Vorletzte: frei zu kämpfen für die Gerechtigkeit unter den Menschen, für die Liebe untereinander. Da hilft es nicht, jemandem eine Bibel in die Hand zu drücken und zu sagen: nimm hin und lies! Nein, dieses Letzte, diese Sorge, ob er bei Gott angenommen worden ist oder nicht, die wurde schon entschieden. "Sorgt euch nicht." Dies aber ist die dritte Antwort auf unsere Frage: "Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!" Wie Paulus, der sich einsetzt, noch aus dem Gefängnis heraus, so soll uns nicht die Resignation als Grundhaltung übermannen, wenn sie uns denn ab und an auch ergreifen will, sondern wir dürfen zurückkehren zu der einen Grundaussage: eure Sorge um das Heil seid ihr in Christus losgeworden – freut euch darüber, seid getröstet und gewiss, dass Gott Gutes mit euch im Schilde führt und: lasst nicht davon ab, allen anderen Menschen aus eurer Freude und Sorglosigkeit Güte zukommen zu lassen.

In diesem Sinne also: der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus.

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