Wie lange dauert Auferstehung?

<i>[Besucher erhalten am Eingang einen Brief mit Aufkleber „Ostergeschenk“. Darin ein 3D-Kippbild „Der Gang nach Emmaus“, Gottesdienst-Institut Nürnberg]</i>

Liebe Gemeinde,

habt Ihr Euch schon mal überlegt, wie lange die Auferstehung dauert? Das ist vielleicht eine komische Frage, aber die ist mir vor ein paar Tagen in den Kopf gekommen. In der Bibel steht davon nichts. Als die Frauen zum Grab kommen, ist die Auferstehung ja schon passiert. Ungläubig und erschreckt gehen sie zurück. Aber hat das nun die ganze Nacht gedauert, oder waren das Sekunden?

Ich weiss es natürlich auch nicht. Aber ich habe in unserer Ostergeschichte einen Anhaltspunkt gefunden.

Nun müsst Ihr mal den Osterbrief aufmachen.

<i>[Kärtchen rausnehmen]</i>Das ist ein Bild unserer Ostergeschichte. Und da sind drei Personen unterwegs. Zwei davon sehen ziemlich mitgenommen aus. Ist ja auch klar. Da war der Gründonnerstag mit dem Abschiedsmahl, die Gefangennahme am Abend, besser in der Nacht, und dann noch der Karfreitag. Der Abschied von Jesus tat weh. Und der Abschied von allen Hoffnungen. Es ist wohl ganz schlimm, wenn man seine Wünsche und Vorstellungen, seine Hoffnungen von einer Stunde auf die andere aufgeben muss. Wenn das Leben total anders wird. Wer einen Sterbefall in der Familie hat, weiss wie das ist. Aber auch eine gescheiterte Partnerschaft, eine schlimme Diagnose, ein Berufsziel, das man nicht erreicht, da bricht die Welt zusammen. Und dann schaut man so nach unten und muss sich stützen. Und die Beiden merken gar nicht, wer sich da zu ihnen gesellt. Er schaut in die Ferne, sieht schon weiter. Aber das hebt sie nicht an. Sie sind voll in der Traurigkeit gefangen. Immer wieder muss man seine Geschichte erzählen. Wer schwer Kranke besucht oder Trauernde, der kennt das. Weisst Du nicht, was passiert ist und wir dachten, er wäre die Rettung. Solches Erzählen ist wichtig, denn nur so kann Heilung werden. Und dann wird es dunkel, der Abend bricht an. Der schlimme Tag geht zu Ende. Der Tag, an dem sie den Rückweg angetreten haben aus dem Leben. Aus dem lebendigen, spannenden Leben. Jesus hatte sie ja gefordert, ihre Entwicklung gefördert, jetzt drohten sie wieder, stehen zu bleiben. Er hatte etwas aus ihnen gemacht, sie verändert, ihnen Türen von Herz und Seele aufgeschlossen. Und nun? Vielleicht kennen wir das auch, da treibt uns etwas um, da haben wir eine Idee, wir ahnen, was wir aus uns machen könnten. Bei jungen Leuten ist es die Schule, die sie antreibt, manchmal sehr zum Ärgernis. Und dann ist die Prüfung gemacht und sie fallen zurück. Eben noch Abitur und dann der alte Trott.

Komm mit rein, Fremder, die Gastfreundschaft gebietet es. In Israel wird es schnell stockfinster. Und dann essen sie. Und nun bewegt einfach mal dieses Bild.

So schnell geht Auferstehung. Der Fremde übernimmt die Hausherrenrolle, teilt das Brot. Und da wurden ihre Augen geöffnet, steht da. Auch das kennen wir. Es fiel wie Schuppen von den Augen. Ich war wie blind. Von einem Augenblick auf den anderen wird alles anders. Sie entdecken, dass das Leben für sie gesiegt hat. Und der Jesus, dem sie fasziniert gefolgt sind, ist gar nicht mehr so wichtig. Sie merken etwas, was Menschen immer wieder merken: dieser Jesus gibt seine Lebenskraft jetzt ganz anders. Der Fremde verschwindet, denn sie haben verstanden. Er ist auferstanden und das Leben muss nicht in den alten Trott fallen. Ich weiss nicht, ob der Evangelist Lukas hier übertreibt.

In der Dunkelheit der Nacht geht dort niemand mehr aus dem Haus. Aber sie brachen auf zur selben Stunde. Ob nun übertrieben oder nicht, aber er will uns sagen: wenn es passiert, denn hält uns kein Dunkel mehr.

Dieses kleine Kippbild sollte einen festen Platz bei uns haben. Es sagt uns einerseits: ja, das gibt es, so ganz düstere Stunden und Hoffnungslosigkeit. Aber, es gibt auch das andere. Den Aufbruch, die plötzliche Wende. Dass da sozusagen von oben her etwas Neues ins Leben kommt. Von einer Sekunde auf die andere, von einem Tag auf den anderen. Was anderes kann denn Auferstehung sein, als dass Totes, Hemmendes, Niederdrückendes seine Macht verliert und wir wieder aufblicken.

Welchen Sinn sollte Ostern denn sonst haben, wenn es nicht diese Kraft zum Leben gibt? Wozu hören wir uns diese Geschichten an, wenn sie nicht, wie bei diesen Emmausjüngern, Hoffnungsgeschichten sind gegen die Niedergeschlagenheit. Freilich, es sind keine Kopf-hoch-es-wird-schon-gehen-Geschichten, es sind dreh-dich-um-Geschichten. Dreht euch um, ihr Frauen am Grab und geht ins Leben. Dreht euch um Ihr Jünger in Emmaus und geht, sogar noch in der Nacht, zurück ins Leben.

Wie lange dauert Auferstehung? Gerade so lange, bis wir uns die Augen auftun lassen und den Kopf heben, um das neue Leben zu sehen. Gerade so lange, bis wir ihn erkennen als den, der genau unser Leben lebendig machen will.

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