Wie gut, dass ich kein Pharisäer bin …

Manchmal, wenn Menschen sich ungeschickt benehmen oder Missverständnisse entstehen, überlege ich, was ich wohl getan habe, wo ich mit Schuld habe an dieser Situation. Ich gucke in den Spiegel und überlege: Was habe ich getan? Ich versuche mein eigenes Verhalten zu betrachten und merke, wie gut mir das tut. Aber wie gesagt: Das gelingt mir nur manchmal – meist fühl ich mich im Recht, Anderen haushoch überlegen – und davor will mich Jesus mit einer Geschichte warnen:

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Jesus will Menschen finden – wie den Zöllner: Seine Geschichte ist nicht einfach erfunden, es ist eine Beispielgeschichte, in der alltägliche Erfahrungen überspitzt dargestellt werden:

Eine Beispielgeschichte, mit der Jesus die ‚Gerechten’ anspricht. Sie sind die Adressaten – auch heute noch! Er redet zwar mit den Frommen seiner Zeit, aber gleichzeitig redet er als Prophet mit den Frommen aller kommenden Zeiten, mit den Frommen seiner Gemeinde. Er redet also auch mit uns. Es geht auch nicht darum, dass die sogenannten Gerechten etwas falsch gemacht haben könnten. Im Gegenteil: Die Aussagen des Pharisäers über seine Gerechtigkeit bleiben unwidersprochen. Es geht um die fehlende Dankbarkeit und die fehlende Demut. Der Zöllner wird gefunden in dieser Szene, weil er sich selbst Gottes Urteil überlässt und dabei mit sich selbst schonungslos umgeht. Der Pharisäer findet nur sich selbst, weil er nur über sich selber mit sich selber redet.

Inhalt christlichen Lebens und Denkens ist nicht das Betrachten und Bewerten anderer Personen sondern dieses sich selbst vor Gott stellen. Ich kenne das von manchen Menschen, die der vollen Überzeugung sind, dass sie gut aussehen und öffentlich auch nie einen Zweifel daran lassen, dass sie zu den Schönen gehören. Zuhause drehen und wenden sie sich vor dem Spiegel und betrachten Gesicht Hüfte Po etc. Selbstkritik ist ihnen nicht fremd, aber sie findet im Verborgenen statt. Sie lassen niemanden hinsehen, wie sie wirklich sind. So stellen sich manche auch vor Gott. Sie überlassen ihm nicht das Urteil, sondern sagen ihm wies ist, wie der Pharisäer.

Ich muss nicht zum Zöllner werden, der vor Gott mit leeren Händen da steht. Das hieße die Geschichte auf den Kopf zu stellen. Jesus verlangt vom Pharisäer nicht, dass er Zöllner und Sünder wird. Es ist ein extremes Beispiel, das deutlich machen will: Schuldbekenntnis ist das Ziel, Demut – der Mut sich selbst vor Gott zu stellen ohne Maske, so wie ich bin. Was der Pharisäer durch seine Leistung vor Gott erreichen will, erreicht der Zöllner durch seine Haltung, seine Einstellung. Damit begegnet er Gott wirklich.

Interessant bleibt. Wenn das Evangelium in der Kirche verlesen wird, ist alles klar: Der Beifall ist dem Zöllner genauso gewiss wie die Buhrufe dem Pharisäer. Aber in unserem Alltag zählt dann Leistung, auch die moralische und religiöse. Das mündet dann manchmal in der (verborgene Aussage: ‚Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie all die anderen Leute.’

Eugen Roth hat das sehr schön beschrieben:
Ein Mensch betracht sich einst näher
Die Fabel von dem Pharisäer,
Der Gott gedankt voll Heuchelei,
dafür, dass er kein Pharisäer sei.
Gottlob sprach er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin.

In dem Lied, das wir gleich singen 420,1-5 Brich mit den Hungrigen dein Brot, heißt es ‚Such mit den Fertigen ein Ziel’ Für mich sind hier zwei Fertige in der Geschichte. Der Pharisäer ist fertig mit sich. Er hatte in Idealbild, das hat er erreicht. Darauf ist er stolz – vielleicht sogar eingebildet. Was soll Gott schon noch von ihm wollen. Der Zöllner ist fix und fertig. Er hat ein gutes Geschäft, regelmäßige Einnahmen, aber er spürt, wen er vor Gott tritt, dass er keinen Boden unter den Füßen hat. Er ist haltlos – und diese Haltlosigkeit bringt er vor Gott. Er bittet um Hilfe, weil er weiß, dass er Hilfe braucht. Das schafft Vergebung – Rechtfertigung.

Es wird nicht gesagt, was aus den Beiden wird. Es ist auch nicht gesagt, was aus mir wird, nach Taufe, nach Abendmahl. Aber in dieser Geschichte mach Jesu mir deutlich: Ich kann Gott begegnen. Und ich darf von ihm vieles erwarten – auch, dass er mich ganz anders ansieht, als ich mich selber ansehe.

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