Wie ein Hirte Gottes Gnade erfuhr

Liebe Gemeinde,

nichts steht am Weihnachtsfest so sehr im Mittelpunkt wie die Geschichte von dem, was in Bethlehem passiert ist. Wir selber kennen diese Erzählung von Kindesbeinen an. Und vielleicht erinnern wir uns an andere Weihnachtsfeste, an denen sich diese Geschichte mit unserer eigenen Lebensgeschichte verbindet, ein Bogen bildet.

Die Worte des Lukas sind uns wohlbekannt. Doch vom Weihnachtsereignis kann man auch anders sprechen, so wie im Brief des Paulus an Titus, den Leiter einer Gemeinde. Ich möchte Ihnen diese Worte heute mit einer Geschichte auslegen – vielleicht finden Sie sich mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte ja darin wieder.

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Benjamin hörte auf zu lesen und legte den Brief wieder zurück in das kleine Kästchen, das vor ihm stand. Er liebte diese Zeilen. Die Abschriften des Briefes an Titus waren in vielen Gemeinden verbreitet. Sein Exemplar war an den Seiten schon ganz abgegriffen, so häufig hatte Benjamin es in seinem langen Leben schon in den Händen gehalten.

Benjamin hatte sich extra ein kleines Kästchen aus Holz für diesen Brief gebaut. Diese Worte waren wertvoll für ihn, bei jedem Lesen entdeckte er neues darin. „Denn die rettende Gnade Gottes ist offenbar geworden, und sie gilt allen Menschen.“ Bei diesen Worten musste Benjamin immer wieder an jene denkwürdige Nacht auf den Feldern von Bethlehem zurückdenken. Er war damals noch ein Kind gewesen. Gerne ließ er sich von seiner Großmutter die Geschichten erzählen, von Gott und seinem Volk, davon, dass eines Tages ein großes Licht erscheinen würde, dass Gerechtigkeit und Recht sich durchsetzen würden, dass die Armen nicht immer im Elend bleiben würden. –
Wie sehr er sich wünschte, dass das sich endlich änderte! Seine Familie hatte nie im Luxus gelebt, es war immer zum Sterben zuviel und zum Leben zu wenig gewesen. Schon als Kind musste er mit dem Vater und den Verwandten hinaus aufs Feld, die Tiere hüten.

Und so hatte er es miterlebt. Mit einem Mal waren sie da, sie kamen ihm vor wie Engel. Und auch später noch, da meinten alle, die Luft wäre mit Singen erfüllt. Sie hatten sie alle an die alten Worte erinnert, an ihre Sehnsucht nach Frieden, nach Heil. Und ganz in ihrer Nähe sollte es sein, am Rande des Dorfes, in einer Futterkrippe, ein Kind, in Windeln gewickelt. – Anfangs hatten sie gezögert, am Ende siegte die Neugierde. Was hatten sie schon zu verlieren? Und so viele Ställe gab es nicht in Bethlehem – da war der schnell gefunden, in dem das fremde Paare die Nacht verbrachte. Und wirklich: ein Kind lag da, armselig, in einem Futtertrog.

Die beiden sahen ganz fertig aus, sie hatten eine anstrengende Reise hinter sich, wie sie nachher erzählten, und natürlich: die Frau hatte eine Geburt hinter sich. Trotz allem: glücklich waren sie. Als Benjamins Vater von der Begegnung auf den Feldern erzählte, von diesen Boten – ja, es mussten Boten Gottes sein, da war das Paar ganz still geworden. Sie waren nicht sonderlich überrascht, vielmehr, als hätten sie so etwas erwartet.

Auf dem Heimweg diskutierten sie dann ganz aufgeregt: War das nicht ein großartiges Zeichen? Und das war Ihnen passiert – Hirten! – ihnen war als Ersten davon berichtet worden. Ja, das könnte der Messias sein, der die Welt verändern würde. Eigentlich unglaublich, dass Gott ausgerechnet bei den Hirten anfing! Sonst hörten sie nur dumme Bemerkungen, die Leute hielten sie für Räuber und Diebe – und sie mussten froh sein, wenn sie keinen Stein in den Rücken bekamen. – Ja, Gottes Gnade war wirklich offenbar geworden, und sie galt allen Menschen, das hatten sie damals empfunden.

Das war der Anfang gewesen – seine Kinderzeit damals. Und wie ein Bogen spannte sich das weiter. Benjamin war älter geworden, er hatte schließlich selbst eine Familie gegründet. Er wollte es so gerne einmal besser haben. Doch seine Kinder wuchsen in der gleichen Armut auf wie er selbst. Für ein Haus aus Lehm, so ein richtig schönes, hatte es bei ihm nicht gereicht. Sie lebten stattdessen in einer Erdhöhle, am Rande von Bethlehem. Und auch er war Hirte, er zog mit den Schafen umher, während Frau und Kinder allein zurück blieben.
Wie sehr hatte sich alles verändert in seinem Leben. Dieb und Räuber – das riefen sie nun auch ihm nach – und tatsächlich, nicht selten hatte er mal ein Tier abgezweigt, er nannte das die „Hungersteuer“ – irgendwie mussten ja auch die Armen zu ihrem Recht kommen.

Er hatte viel Mist gebaut in jener Zeit. Er wollte sich doch verbessern – so hatte er sich mit merkwürdigen Leuten eingelassen, hatte nebenbei auch immer wieder einmal ein kleines Geschäftchen gemacht. Den Frauen gegenüber war er nicht abgeneigt, wenn er schon so lange unterwegs war … – Als seine Frau es dann rauskriegte, da setzte sie ihm dann eine Frist. Als er nicht bereit war, darauf einzugehen, – er wollte sich doch damals nichts von einer Frau sagen lassen – da hatte sie ernst gemacht, hatte die Kinder mitgenommen und ihn verlassen.

So stand er mit einem Mal allein da. Das hatte in fertig gemacht. In jener Zeit, das war so kurz um seinen 35. Geburtstag herum, da hatte er begonnen, die Achtung vor sich selbst zu verlieren. Er ließ sich gehen, arbeitete nur noch dann und wann – entsprechend heruntergekommen war er dann auch, als er ihm wieder begegnete.

Aus dem kleinen Kind war mittlerweile ein stattlicher Mann geworden. Mit seinen Freundinnen und Freunden zog er umher, erzählte von Gott und seinem Reich, ging auf die Menschen zu, die es nötig hatten. Während andere Abstand von Benjamin hielten, war dieser Mann auf ihn zugekommen, hatte ihn geradezu zärtlich am Arm berührt – und ihn gefragt, ob er nicht mitkommen wolle, ob er nicht mitbauen wolle, an Gottes Reich hier auf der Erde. Benjamin erinnerte sich noch recht gut, wie verwirrt er war: Jesus schickte ihn nicht weg, als Penner, als Dieb, als Ehebrecher – er sollte dazugehören, zu seinen Freundinnen und Freunden! Wozu sollte er schon gut sein? Von Religion hatte er keine Ahnung, er wusste kaum mehr als das, was seine Oma ihm erzählt hatte. Jesus wollte ihn haben, als einen, der an Gottes Reich mitbaut.

Und so war er dann aufgestanden, erst noch zögerlich und zurückhaltend. Doch Jesus legte seinen Arm um ihn und unterhielt sich mit ihm wie – ja, wie mit einem normalen Menschen! Das hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Und es hatte ihm so gut getan. Jesus stellte nicht die üblichen Fragen, nach seinem Beruf, danach, wovon er lebte, wie’s mit seiner Frau war, mit seinen Kindern. – Er durfte einfach so dazugehören.

Und es fehlte natürlich nicht an bösen Zungen: Typisch Jesus, womit der sich abgibt. Zu dem kann wohl jeder kommen! Mit was für Leuten der sich abgibt.

Und das stimmte wirklich – mit was für Leuten der sich abgibt. Seine Freundinnen und Freunde – ein bunter Haufen, eine Prostituierte war darunter, ein anderer hatte früher mal mit den Römern zusammengearbeitet, ein dritter hatte Verbindungen zu Terroristen – und jeder von ihnen wurde von Jesus in den Dienst genommen, ohne Vorbehalte – durfte an Gottes Reich mitbauen.

„Die rettende Gnade ist offenbar geworden und sie gilt allen Menschen.“ Ja, das stimmte. Das konnte er – sozusagen am eigenen Leib – bezeugen. Und so hatte sich der Bogen, der in jener Nacht auf den Hirtenfeldern Bethlehems begonnen hatte, weitergespannt – bis in die Zeit, die er gemeinsam mit Jesus verbracht hatte. – Wie sehr hatte sich sein Leben verändert. Er hatte sozusagen ein neues Leben begonnen. Er hatte Verantwortung übernommen, in der Gemeinde – und auch im Privaten. Seine Ehe war nicht mehr zu kitten gewesen, doch immerhin: zu den Kindern hatte er wieder Kontakt. Paulus hatte das in seinem Brief an Titus sehr schön zum Ausdruck gebracht: dem Ungehorsam gegen Gott den Abschied geben, besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben. Für ihn war all das möglich gewesen, – weil er selbst soviel Zuwendung erfahren hatte, weil er sich angenommen gefühlt hatte – weil ihm in Jesus deutlich geworden war, dass Gott sich allen Menschen zuwendet.

Doch der Bogen, der damals in Bethlehem begonnen hatte, der reichte weiter, bis in die Gegenwart hinein. Noch war Gottes Reich nicht zum Abschluss gekommen. Vielleicht würden auch noch weitere Generationen davon erfahren, dass Gottes Gnade allen Menschen gilt, dass er sich allen Menschen zuwendet, dass er sie einbinden möchte, als Baumeister und Baumeisterinnen an seinem Reich. Bis sich dann die Hoffnung erfüllen wird, dass diese Welt endgültig verändert sein wird, dann wenn Er sich in all seiner Herrlichkeit zeigen wird.

Benjamin warf noch einmal einen Blick auf diese Zeilen:

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Wie schön war es, dass seine Lebensgeschichte in dieser Geschichte aufgenommen war – mit allen Höhen und Tiefen, die er erlebt hatte. Vorsichtig legte er den vergilbten Brief wieder in das Holzkästchen hinein. Ja, diese Zeilen, die waren selbst – wie ein kleines Schatzkästlein.

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