Wie die Hirten zur Krippe kommen

Die Weihnachtsgeschichte hat’s wirklich in sich. Wahrscheinlich würde sich das eine oder andere der damaligen Ereignisse heute genau so wiederholen. Dabei geht es nicht einmal nur um die Volkszählung des Kaiser Augustus, die uns merkwürdig modern vorkommt. Maria und Josef würden heute wohl kaum ein besseres Quartier finden. Es geht vor allem darum, dass uns das Reden und Handeln Gottes oft gänzlich ungelegen kommt, ja wir merken es noch nicht einmal, dass gerade in diesem Moment Gott zu uns spricht. Er selber, der Gott und HERR über Himmel und Erde möchte in unser Leben hineinkommen – und wir merken es nicht! Wie ist das nur möglich?

Unser Leben ist randvoll vollgestopft mit wichtigen Dingen, oder zumindest mit Dingen, die wir für wichtig halten. Auch bei uns heißt es: "Kein Platz in der Herberge. Unsere Möglichkeiten sind leider erschöpft." Sind sie das wirklich? Wenn wir DAS ahnen würden, dass es Jesus ist, der Sohn Gottes, der bei uns um Quartier bittet, dann hätten wir natürlich unseren Terminkalender über denn Haufen geworfen, und wir hätten für Jesus einen roten Teppich ausgerollt, und unser Haus hätten wir auf Hochglanz gebracht. Aber so? Wie soll man denn an diesen ärmlichen Verhältnissen erkennen, dass das da wirklich und tatsächlich der Sohn Gottes als Mensch in diese Welt hineingeboren wird? Wenn alles so durchschnittlich und so normal aussieht, wie soll ich dann erkennen, dass es Jesus ist, der mir begegnet? Wie kann ich wissen, dass es die Stimme Gottes ist, die da zu mir spricht? Wir denken dann: Ich wäre am liebsten einer von den Hirten auf dem Felde gewesen. Die hatten es gut. Bei denen war die Sache wenigstens eindeutig. Zu den Hirten hat Gott extra einen seiner Sonderbotschafter geschickt, zu ihnen kommt ein echter Engel. Und als dann auch noch die himmlische Flutlichtanlage angeht, und die "Klarheit des HERRN" um sie leuchtet, da ist jeder Zweifel besiegt. Hättest du das auch so erleben wollen?

Schauen wir doch einmal genauer hin. Vielleicht sind dir die Hirten näher als du glaubst. Diese Hirten werden wohl ein bunt gemischtes Völkchen gewesen sein. Lassen wir mal den Gedanken dazu ein bisschen freien Lauf. Nehmen wir mal an, dass einer Simon heißt. Er könnte gestandener Familienvater sein, ein Schafhirte schon in der vierten Generation. Er sorgt sich um das Haushaltsgeld für die große Familie. Und demnächst muss er die Hochzeit für die große Tochter ausrichten. Er weiß noch gar nicht, wie er das machen soll. Und dann ist da noch Daniel. Er ist der jüngste Sohn von Simon. Mit Schafen hat er nicht viel im Sinn. Er träumt von der großen, weiten Welt. Er geht schon seit einem Jahr bei seinem Vater in die Lehre, aber na ja … Und Ruben? Er ist eigentlich gar kein Hirte. Er ist auch kein Jude, aber das weiß hier keiner. Er hat sich den Namen zugelegt, damit er nicht so auffällt. Eigentlich kommt er aus dem europäischen Ausland. Aber er musste fliehen. Jetzt ist er hier untergetaucht. Manchmal, wenn er abends am Lagerfeuer sitzt, und wenn es langsam stille wird, dann sehnt er sich nach seiner Familie zurück. Und zum Glück sehen die anderen dann nicht, wenn seine Augen feucht werden. Und da ist noch der andere Ruben. Der heißt wirklich Ruben. Er ist der Sohn von Naphtali. Dem gehören sämtliche Schafherden östlich von Bethlehem. Ruben soll mal den Betrieb des Vaters übernehmen. Jetzt macht er gerade bloß so etwas wie ein Praktikum, damit er die Schäferei kennenlernt, so dass er es später erkennt, wenn bei der Pflege der Schafe gepfuscht wird. Kein Wunder, dass er immer ein bisschen abseits sitzt. Wenn er nicht bei den anderen ist, hat er manchmal den Eindruck, dass sie besonders laut lachen. Lachen sie über ihn? Aber die Drecksarbeiten lassen sie ihn dann doch nicht machen. Sie wollen es sich wohl nicht mit ihm verderben, wenn er später mal der Chef vom Ganzen ist. Auch er träumt ein bisschen, wenn er abends in die Flammen des Lagerfeuers schaut. Manchmal kommen ihm Zweifel, ob er den Anforderungen später wirklich gewachsen sein wird. Was ihm fehlt, wäre ein richtiger Freund, mit dem er mal über alles reden könnte.

Was meint ihr: Was muss geschehen, damit diese Hirten zur Krippe im Stall kommen?

1. Gott redet zu den Hirten
Gott redet gar nicht zuerst zu den Musterknaben der Rechtgläubigkeit. Gott redet zu den Hirten, das sind ganz normale Leute so wie DU und DU und DU. Du musst nicht drei verschiedene Bibelübersetzungen im Schrank stehen haben, und du musst nicht erst an verschiedenen Glaubenskursen teilgenommen haben, und du musst nicht jeden Tag mindestens eine Stunde beten, um zu erleben, wie Gott zu dir spricht. Gott redet auch zu den Menschen, die sich durch rein gar nichts besonders profiliert haben. Vor allem: Gott redet verständlich. Und ist es nicht bewundernswert, in welcher Kürze und Schlichtheit der Engel die Botschaft sagte! Er hält keine langatmige, komplizierte Predigt. Das, was er sagt, kann ein Kind fassen. Und ein Gelehrter wird sein Leben lang nicht fertig, die Tiefe dieses einen Satzes auszuschöpfen. "Euch ist heute der Heiland geboren!" E u c h ! "Euch, die ihr unter Gottes gerechtem Gericht steht! Euch, die ihr dem Tode verfallen seid! Euch, die ihr begraben seid unter Bergen von Schuld! Euch, die ihr das Gute tun wollt, und doch immer das Böse tun müsst! E u c h ist der Heiland geboren!" Der "H e i l a n d"! Wörtlich heißt es im griechischen Grundtext: "der Retter"! Hier fährt ja der starke Arm Gottes mitten in unsere Verlorenheit hinein, um uns herauszuziehen aus allem, was Verderben ist, um uns an das Ufer des Lebens, der Freude, des Friedens, kurz[um], an die Ufer Gottes zu tragen. Aber da ist noch mehr.

2. Das Reden Gottes löst Furcht aus
Im Text heißt es: "… und sie – also die Hirten – fürchteten sich sehr." In diesem Moment hätten wir dann wohl doch nicht so gerne mit den Hirten getauscht. Die Hirten bekommen es nämlich mit der Angst zu tun. So gewaltig ist das Erlebnis. Sie denken: Das kann doch gar nicht wahr sein! Warum passiert das ausgerechnet uns? Das Ausmaß des himmlischen Glanzes beschämt diese schlichten Leute. Sie merken: Gottes Licht deckt meine Fehler auf. Meine Sünde wird im Vergleich zu der Heiligkeit Gottes umso mehr als Sünde offensichtlich. Aber das ist noch nicht alles.

3. Das Reden Gottes löst Vorfreude und Sehnsucht aus
Hatte der Engel nicht gesagt: "Fürchtet euch nicht!"? Hatte er nicht auch von Freude geredet? "Siehe, ich verkündige euch große Freude, … denn euch ist heute der Heiland geboren, …" Es geht also wirklich um mich. Das wäre zu schön, um wahr zu sein! Und was ist, wenn diese Herrlichkeit wirklich in mein Leben hineinkommen könnte? Selbst ein kleiner Abglanz des Himmels würde es schon hell machen in meinem Leben … Also wenn das so ist, … und zumal der Engel extra gesagt hat, dass man den Heiland der Welt sehen und erleben kann, ja dann … Da gibt es kein Halten mehr.

4. Die Hirten folgen dem Reden Gottes.
Sie glauben dem Wort Gottes und machen sich auf den Weg zur Krippe. Nur der Zweifler bleibt zu Hause – und er bleibt weiter in der Dunkelheit. Selbst wenn du dich nur aus Neugier, Hoffnung oder Sehnsucht auf den Weg machst – du begegnest Jesus. Im Bibeltext steht: "Und sie gingen eilend … " (Lk 2,16) Also haben sie sich beeilt. Da stehen die Hirten [nun] vor der Tür des Stalles. Noch atemlos vom schnellen Laufen. Ihr Herz klopft. Nun sind sie am Ziel. Nur noch diese Türe müssen sie öffnen. Wenn man einen der Großen dieser Welt besuchen will, dann muss man am Portier [und der wachsamen Vorzimmerdame] vorbei. Seht dagegen die Stalltür in Bethlehem! Die Hirten machen sie auf. Niemand hindert sie. Und schon sind sie beim Heiland, [beim Retter der Welt]. So leicht kommt man zu ihm. Auch heute! Es ist nur ein einziger Schritt, der uns zum Heiland unseres Lebens bringt.

So könnte es damals gewesen sein, und so kann es heute immer noch sein sein für jeden, der sich auf den Weg macht, Jesus zu finden.

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