Wider den frommen Frust

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, sie kaufen irgendwo bei einem Antiquitätenhändler eine Kommode oder einen Schrank. Dieses neu erworbene Möbelstück, dem sie freudig in ihrer Wohnung seinen neuen Platz zugewiesen haben, hat eine ganze Menge Schubladen, die Sie nun nach und nach öffnen, um zu sehen, wie viel Platz darin ist, und zu überlegen, was Sie da wohl reinlegen wollen. Da finden sie plötzlich in einer dieser Schubladen einen kleinen Stapel Papier. Es sind Briefe. Briefe, die irgendwann vor Dutzenden von Jahren mal jemand dem Besitzer dieses Möbelstücks geschrieben hat und die seitdem dort verwahrt waren. Sie fangen an, zu lesen. Der Ton in diesen Zeilen ist vertraut, manchmal herzlich, jedenfalls Sie gewinnen den Eindruck, dass den Schreiber dieses Briefes und seinen Empfänger eine ganze Menge miteinander verbindet, Eine ganze Menge, wovon Sie keine Ahnung haben! Es ist ein intensiver Dialog zwischen Absender und Empfänger – aber sie kennen sie beide nicht. Diese zwei teilen gemeinsame Erfahrungen, und weil das so ist, brauchen sie sich die Ereignisse, um die es geht, nicht jedes Mal von vorne wieder erzählen. Jeder von beiden weiß schon aufgrund von Andeutungen, worum es geht und was gemeint ist. Nur wir heute nicht. Wir können nur raten, was eigentlich konkret gemeint ist, welche Geschichten und Erfahrungen hinter den Andeutungen stehen. Und wir wundern uns an manchen Stellen über die Emotionen, die in den Zeilen stecken. Was mag das gewesen sein, was den Schreiber oder die Schreiberin so bewegt hat?

Genau so erging es mir, als ich neulich diesen Text aus dem 2. Thessalonicherbrief erstmals gelesen habe: Hier diskutieren zwei Christen am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus über etwas, wovon ich keine Ahnung habe. Sie teilen gute und schlechte Erfahrungen, sie vergleichen ihre Situation, sie versichern sich der Beständigkeit ihres Verhältnisses zueinander. Aber das sagt mir noch gar nichts darüber, worum es hier eigentlich geht.

Man kann einen solchen Brieftext natürlich auch so lesen – und das ist auch immer wieder so gemacht worden -, dass man die ganze Briefsituation mit Absender und Empfänger einfach ignoriert. Dann kann man so tun, als hätte man ein Buch oder ein Stück Zeitung vor sich. Man sucht dann in den Zeilen nach allgemein gültigen Aussagen, nach klaren Informationen, nach geschichtlichen Fakten, nach allzeit verlässlichen Lebensweisheiten. Wer so rangeht, der wird sich aber spätestens nach zwei Versen die Augen reiben. Denn da heißt es: "Liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding."

Es sind diese letzten zwei Halbsätze, die alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Da bittet ein Christ, andere Christen, für ihn zu beten, und zwar "dass er von den falschen und bösen Menschen" erlöst wird. Das ist schon merkwürdig genug. Anscheinend hat dieser Briefschreiber ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht, denn wir haben unwillkürlich den Eindruck, dass er ziemlich allein da steht als jemand, der sich selbst für einen guten und aufrechten Menschen hält. Dann kommt’s aber noch dicker: Da steht der Satz: "Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding."

Wenn wir jetzt mal probeweise diesen einen Halbsatz herausziehen und uns darüber Gedanken machen, dann kriegen wir wirklich ein Problem. Der Satz ist eine Feststellung; und wenn wir ihn als solche nehmen und dann vielleicht auch noch davon ausgehen: an einer solchen Feststellung muss doch was dran sein, schließlich steht er in der Bibel! – dann merken wir, wie seltsam uns dieser Satz vorkommt. "Der Glaube ist nicht jedermanns Ding" – soll das heißen, dass der christliche Glaube Geschmacksache ist? Also: Den einen schmeckt er und den anderen eben nicht? Soll es heißen, dass es durch und durch sinnlos ist, gegenüber anderen Menschen sich zum Glauben zu bekennen und für den Glauben einzustehen – denn mancher kapiert’s einfach nie? Oder soll es sogar heißen, dass Gott von vorneherein den Glauben an ihn vorreserviert hat für bestimmte Menschen, und die anderen haben dann halt Pech gehabt? Wie immer man das wendet, solange man den Satz als Aussage, als Feststellung behandelt, hat er fatale Konsequenzen, die wohl kaum im Sinne des Gottes sein können, den Jesus Christus verkündet hat.

Im Gegenteil, mit diesem Satz kann man dem Glauben geradezu einen Strick drehen. Ein Kollege, dem ich sagte, dass ich über diesen Text zu predigen habe, erzählte mir folgendes aus seiner früheren Gemeinde: Einige Wochen vor dem Ende des Konfirmandenunterrichts, wurden dort Zettel ausgeteilt mit biblischen Versen, aus denen sich die Konfis einen Konfirmationsspruch aussuchen sollten. Das taten sie auch. Nur einer meinte dann am Ende, er würde sich lieber selber aus der Bibel einen Spruch heraussuchen, nicht einen derer auf dem Zettel. Nun gut, dagegen ist schwer etwas zu sagen, im Gegenteil, es zeugt von besonderem Engagement. Eine Woche später kam dann der Konfirmand mit seinem Spruch. Er lautete: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Tja. Was er damit sagen wollte, dürfte klar sein: Nett, dass ihr euch bemüht habt im Konfirmandenkurs mich zum Glauben an Gott anzuregen – aber bei mir habt ihr genau das Gegenteil erreicht. Tja, der Glaube ist halt nicht jedermanns Ding …

Ja, in solche Schwierigkeiten kommt man, wenn man dieses Stück aus dem 2. Thessalonicherbrief als eine allzeit gültige Feststellung auffassen will. Und deshalb hilft es nichts, wir müssen versuchen, aus den dürren Andeutungen zu entnehmen, was da wohl vorgefallen sein könnte, dass jemand so etwas schreibt. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Mein erster Gedanke – und erste Gedanken sind ja oft nicht die schlechtesten – mein erster Gedanke war: Meine Güte, was hat dieser Mensch für einen Frust auf der Seele! Das merkt man in jeder Zeile, besonders aber am Anfang. Frust – worüber? Es scheint hier ja doch darum zu gehen, den christlichen Glauben zu verbreiten, neue Gemeinden zu gründen, Menschen dazu zu bewegen, sich taufen zu lassen, eine entstandene Gemeinde dann auch zusammen zu halten, Streit zu schlichten, zu klären, was wahre und was falsche Aussagen über Gott und seinen Sohn Jesus Christus sind. Das alles scheint bei unserem Briefschreiber gründlich schief gegangen zu sein. Denn er möchte ja, dass die anderen, für ihn beten, dass "dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch" – das heißt, bei den Empfängern des Briefes läuft es gut, aber bei ihm, dem Briefschreiber eben überhaupt nicht. Es scheint da alles schief gegangen zu sein, und schuld daran sind natürlich – die anderen. Irgendwelche Leute, die von dem, was der Briefschreiber sich vorgestellt hat, nicht so begeistert waren, und ihm Widerstand entgegen gesetzt haben. Also sind diese Menschen, über deren Gedanken, Motive und Taten wir überhaupt nichts wissen, falsche und böse Menschen. Und weil unser Briefschreiber nun seine ganze christliche Mission gefährdet sieht, weil er das Gefühl hat "ich kann tun was ich will, ich erreiche ja doch nichts", deshalb schreibt er diesen fatalen Satz, dass der Glaube nicht jedermanns Ding ist. Diese Stelle ist ein Wutausbruch, ein Dokument der Verzweiflung von jemandem, der sich von anderen so in Frage gestellt sieht, dass er an seiner Sache zweifelt – anstatt an sich selbst. Und dabei schreibt er einen gefährlichen und falschen Satz, und vor allem, das möchte ich ihm bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Wutausbrüchen und Dampfablassen bei Frust nicht einfach durchgehen lassen – vor allem tut er so, als wäre sein Scheitern gleichbedeutend mit dem Scheitern des Glaubens.

So und nun, liebe Gemeinde, wissen Sie, von wem ich so etwas schon öfters gehört habe? Von Pfarrern, und von Vikarskollegen! Auch von Kirchenvorstehern. Wie kommt das? Nun, da hat man eine bestimmte Vorstellung von der Gemeinde und ihrem Leben, von den Menschen dort und dem, was dort so alles los sein sollte. Und deshalb denkt man sich viele schöne Dinge aus mit denen dieses Ziel erreicht werden könnte. Man macht sich viel Mühe, das in die Tat umzusetzen; man rackert, man versucht, andere Menschen zu begeistern für die Vorstellung, die man hat, man hofft, dass sie mitziehen und dass man sich auf sie verlassen kann und schließlich die ganze bisherige Gemeinde einen Aufbruch erlebt und ihre Kräfte sammelt und lebendig wird und für noch mehr Menschen attraktiv wird und schließlich der christliche Glaube im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen in einer Weise gegenwärtig ist, wie es keiner zu träumen wagte.

So weit, so gut. Aber aus all dem wird nichts. Der ganze Kraft- und Zeitaufwand verpufft, nur wenige lassen sich begeistern, und von denen ist auch nur ein kleiner Teil in der Lage, etwas beizutragen für die Verwirklichung der großen Pläne. Und dann kommt der Frust, und aus dem Frust kommen solche Gedanken, wie wir sie in unserem Predigttext finden. Ja wenn das alles nicht klappt, dann sind die Menschen wohl nicht für den Glauben gemacht, dann wird es immer nur ein kleines Häuflein sein, das ernsthaft interessiert ist. Ja, und manche machen aus diesem Frust dann auch noch eine Ideologie und sagen: Lasst uns ein kleines Häuflein sein, so hat es Gott gewollt, und wenn es zu viele werden, dann schadet das bestimmt der Botschaft, denn dann machen wir ja Kompromisse mit der Welt und passen uns an.

In dieser Gefahr einer geistlichen Exklusivität steht der Briefschreiber in unserem Predigttext. Sie können ja mal nachher auf dem Heimweg überlegen, was Sie jemandem antworten würden, von dem Sie einen solchen Brief bekommen. Mit Sprüchen nach dem Motto "Kopf hoch, die Welt geht schon nicht unter" ist es da sicher nicht getan. Aber was dann? Was ich ihm auf jeden Fall schreiben würde: Die frohe Botschaft Jesu Christi gilt wirklich allen Menschen! Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker – das spricht der Auferstandene, und das dürfen wir auch ruhig so verstehen wie es gemeint ist. Der Glaube ist aller Menschen Ding, nicht zu jeder Zeit und in jeder Situation – aber grundsätzlich gilt das Angebot Gottes einem jeden und jeder. Ihnen, die heute den Gottesdienst mitfeiern, wie denen, die nicht gekommen sind. Denen, die sich am Gemeindeleben beteiligen, und denen, die man nie sieht, außer als Karteikarte. Denen die Mitglied einer Kirche sind, und denen, die nicht oder nicht mehr dazugehören. Ihnen allen ist es gegeben, an Gott zu glauben! Wenn wir versuchen, ihnen den Glauben als die Chance für ihr Leben nahezubringen und dabei erstmal eine negative Antwort bekommen, dann ist das kein Konstruktionsfehler des christlichen Glaubens, sondern es hat im Zweifelsfall etwas mit unserem menschlichen Unvermögen zu tun. Das sollten wir nicht miteinander verwechseln.

Und das ist dann doch das Schöne an unserem Predigttext: Ganz am Ende heißt es: "Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi." Der Briefschreiber erinnert seine Ansprechpartner an die Liebe Gottes und die Geduld Christi – und dabei ist das genau das, was er in seiner Verbitterung am allermeisten bräuchte. Er nennt die richtigen Stichworte, aber er kann sie nicht auf sich selbst beziehen. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist das Geduldigste, was man sich vorstellen kann. Sie möge uns bewahren vor einem geistlichen Frust, der sich gegen die Menschen wendet.

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