What would Jesus do

Liebe Gemeinde,

"what would Jesus do?", auf Deutsch: was würde Jesus tun. Dieses w.w.j.d. gibt es u.a. als Armbänder zu kaufen und ich kenne einige Menschen, die es sich umgebunden haben, um jederzeit daran erinnert zu werden: was würde Jesus jetzt in dieser Situation tun? Die Einstellung, die sich dahinter verbirgt, ist eine schöne, denn sie besagt ja wohl, dass ich mich in meinem Leben immer wieder an Gott orientieren muss, mich immer wieder an ihm ausrichten sollte und v.a. offen zu sein, mich immer wieder von ihm ansprechen und überraschen zu lassen. Fasst man diese Frage allerdings zu eng, wird es leicht lächerlich, z.B. wie würde Jesus Auto fahren, wie würde es Jesus auf dem Arbeitsamt ergehen usw. usf. Solch eine Direktübertragung vergisst, dass Jesus immer mehr war, als nur einer von uns – biblisch gesprochen war er der Christus, der Messias, der Sohn Gottes. Sein Wirken und Handeln hat zu einer besonderen Zeit Besonderes erreicht. What would Jesus do, wenn der Bruder der besten Freundin gestorben ist: na klar: er würde ihn wieder zu Leben erwecken. Sie sehen also die Grenzen dieses Vergleiches, liebe Gemeinde. Aber – und das ist mir wichtig – : oft genug vergessen wir die anderen Seiten Gottes und die anderen Seiten Jesu. Fragen Sie den Beispielsmann von der Straße, was er mit Jesus verbindet und er sagt ihnen – wenn er nicht gerade von einer gegen die Kirche polemisierenden Sekte kommt – dass dort die Begriffe Liebe, Wärme, Licht und Gnade eine große Rolle spielen und dass sich das auch in den Kirchen wiederfindet oder zumindest wiederfinden sollte. Ich als Pfarrer, der ich Religionsunterricht gebe, erfahre die Auswirkungen dieser Einstellung oft direkt: Sie dürfen mir keine schlechte Note geben, Sie sind doch Pfarrer und müssen lieb sein. In solchen Situationen, liebe Gemeinde, möchte ich gerne zweierlei zu tun: nämlich mich zunächst zu fragen: what would Jesus do und dann an unser Predigtwort von heute zu denken – an das Jesusbild, das mir dort entgegentritt. Ein Jesus, der Grenzen zieht, der mal sagt, wo´s langgeht und denen, die nur als Trittbrettfahrer mitreisen wollen die Tür vor der Nase zuzieht: "Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde." Mal die Türe zuziehen, Nein sagen, ja mehr noch: Leuten ins Gesicht sprechen: du hast keine Berechtigung für deine Ansprüche gegen mich. Wie die Heiden gegenüber dem Gottesvolk keine Ansprüche hatten. Es ist dies auch ein faszinierender Gedanke unserer heutigen Zeit: sollten wir nicht den Laden hier kleiner machen, die Grenzen enger ziehen, die Zutrittsbedingungen höher schrauben? Warum muss ich es mir bieten lassen, dass mich einer bedrängt, der überhaupt gar keine Kirchensteuern mehr zahlt, weil er sparen will, aber dennoch Ansprüche gegen die Gemeinde erhebt: etwa, dass sein Kind konfirmiert wird, dass seine Frau beerdigt wird, dass sein Kind in der Krabbelgruppe unterkommt, dass der Pfarrer ihm zuhört, wenn er mal ein Problem mit jemand anderem besprechen will? Viele Freikirchen machen also den Rahmen enger, schrauben die Ansprüche hinauf – sie sagen: nur, wer bekehrter Christ ist, hat Anspruch auf diese verbindlich gelebte Gemeinschaft. Der biblische Zehnte wird eins zu eins übertragen. Hohes Eigenengagement wird gefordert. Das wirkt nach außen toll und drängt uns Volkskirchen in die Enge und lässt viele fragen, ob das nicht das Modell der Zukunft wäre. Es ist der eine Weg, den wir im Predigtwort zunächst auch mit der Antwort Jesu beschrieben sehen: wirf keine Perlen vor die Säuen, bzw. das kostbare Brot vor die Hunde.

Wir – und damit meine ich uns alle oft genug im alltäglichen Leben – sind eher geneigt, wie die Jünger zu reagieren. Herr, erfülle doch den Willen dieser nervtötenden Frau: sie hat uns ja schon Blasen ins Ohr geredet. Mit anderen Worten: wir geben nach und tun, worum wir gebeten, aber nicht, weil wir die Person, die uns gebeten hat, im Blick hätten, sondern weil wir uns selbst nur im Blick hatten. Ich tue dir etwas, damit ich meine Ruhe vor dir habe. Wie oft gehen wir den Problemen aus dem Weg, damit wir keinen Ärger bekommen. Wie oft gebe ich nach, damit ich nicht länger mit der Sache herumquälen muss. Und das heißt auch, liebe Gemeinde: ich gehe von meinen eigenen Ansprüchen herunter und sage Ja und Amen zu etwas, wozu man eigentlich nicht mal ein "Ich-weiß-nicht-so-recht" sprechen dürfte. Wie sieht´s z.B. aus bei unseren Konfirmanden: wie stark darf man sie belasten, mit Aufgaben und Ansprüchen versehen – wann kommt der Punkt, an dem es heißt: "Das, Herr Pfarrer, geht aber nicht – dieses oder jenes machen wir nicht mit." Und dann kommt die Frage: wäre das ein Grund, die Konfirmation, die ja eh schon freiwillig ist, zu verweigern und damit einen Eklat zu produzieren, oder gebe ich lieber nach und versuche mir zu beweisen, dass ich als Vertreter der Kirche doch irgendwie auch diesen Anspruch akzeptieren muss. In Wirklichkeit aber ist dieses Vorgehen nur Ich-zentriert: ich vermeide einen vielleicht notwendigen Konflikt oder eine vielleicht notwendige Begegnung, damit ich selber nicht so viel Stress habe. Da ist doch das Vorgehen Jesu viel ehrlicher, viel klarer, wenngleich auch viel härter.

Noch eine dritte Person aber prägt unser Predigtwort von heute – und sie prägt es entscheidend, weil den anderen beiden Gruppen – Jesus und den Jüngern – bewiesen wurde, wie unrecht sie in ihrem Denken und Tun hatten. Diese dritte Person ist eine ausländische Frau ohne Namen. Von ihr wird nur berichtet, dass sie eine Mutter war, die sich um ihr krankes Kind sorgte. Und: dass sie in dem Wundertäter Jesu einen Menschen glaubte, der die göttliche Kraft zur Heilung in sich trug. Stellen Sie sich die Situation vor: Jesus geht mit seinen Jüngern von einem Ort zum anderen und mitten auf dem Weg springt eine Frau, die nicht jüdisch ist auf den Weg und schreit Jesus zu: erbarme dich meiner. Ja, sie sagt allerdings noch mehr: Jesus, du Sohn Davids. Mit diesem Titel erkennt sie ihn als Gottes Sohn an. Aber Jesus würdigt sie keines Blickes und er spricht zu ihr kein Wort. Er geht vorüber, als ob sie nicht da wäre. Dann kommen die Jünger ins Spiel, die die Frau los werden wollen und bedrängen Jesus von der anderen Seite: hilf ihr doch, damit sie weggeht. Und Jesus antwortet nur ihnen und stellt klar, dass sie kein Recht auf Gottes Hilfe hat: sie gehört nicht zum auserwählten Volk. Nun aber traut sich die Frau etwas, was wohl andere nicht gewagt hätten: sie springt Jesus vor die Füße, blockiert seinen Weg, schmeißt sich auf den Boden – vielleicht umklammert sie sogar noch seine Füße – und spricht jetzt nur noch die ganz einfache Bitte um Hilfe aus. Jetzt erst spricht Jesus mit ihr, aber immer noch ablehnend: du bist wie ein Hund nicht wert, dass man dir helfe. Ein drittes Mal spornt sich die Frau an und sie widerspricht Jesus, ja sie korrigiert ihn: auch die Hunde werden von ihren Herren versorgt. Jesus erkennt ihren Glauben und den Plan Gottes hinter ihrer Antwort: die Frau hat Recht: es gibt kein Außerhalb, es gibt keinen geheiligten Kreis und keine auserwählte Gruppe, die es rechtfertigen könnte, dass jemand anderes zugrunde geht.

Vielmehr, liebe Gemeinde, ist es andersherum mit den Auserwählten: sie sind nicht um ihrer selbst willen auserwählt, dass sie sich sonnen könnten in ihrem Dasein. Nicht so, dass die anderen zu ihnen hinaufschauen müssten und sie quasi als Mittler-Stelle zwischen Gott und dem gemeinen Volk dienen könnten. Unser Predigtwort von heute widerspricht dieser Ansicht: die Auserwählten werden sich messen lassen müssen an den Geringsten, an dem, was sie für sie tun. Vergessen wir es nicht, liebe Gemeinde: auch wir gehören nicht in erster Linie zu Gottes auserwähltem Volk, den Juden – auch wir sind wie die heidnische Frau erst später aufgenommen worden, um Gottes Kinder zu werden. So sollten wir uns hüten vor dem Fehler, jetzt um unser Auserwählt-Sein eine Grenze zu ziehen, wie immer diese Grenze auch aussehen mag. Es wird für uns nicht der Weg wie der einzelner Freikirchen sein können, den wir beschreiten müssen, nicht der Weg der hohen Ansprüche an die Glaubensgedanken derer, die zu uns kommen. Es wird nach unserem Predigtwort nicht der Weg der Bedingungen sein können, die wir aufzustellen haben, um zu entscheiden, wann jemand dazu gehört oder wann jemand rausfallen muss. Kirche und Gemeinde – so können wir an unserem Predigtwort sehen – ist aufgerufen, sich um die Schwächsten zu kümmern, die eigenen Grenzen zu öffnen, weg von der Nabelschau und in eine Diskussion in unsere Gesellschaft mit einzutreten um Gerechtigkeit, um Nachhaltigkeit. Wenn der Liberale sagt: Gerecht ist, wenn sich Leistung lohnt oder der Gewerkschafter spricht: gerecht ist, wenn sich keiner mehr Sorgen machen muss um Wohnen, Essen und Arbeit, weil irgendjemand anderes sich darum kümmert, dann weiß die Kirche, der Christ aber noch anderes dazu zu sagen: ob es gerecht zugeht, sieht man daran, wie es den Schwächsten in einer Gesellschaft geht. Ob es dem Plane Gottes entspricht, wie es bei uns zu geht, sieht man daran, wie man solche Menschen wie die Frau aus unserem Predigtwort behandelt. Unsere ausländische, unsere heidnische Frau aus dem Predigtwort für den heutigen Sonntag war eine dieser Schwächsten. Jesus und die Jünger haben sich korrigieren lassen in ihren Ansichten. So schließlich wurde der Frau geholfen! Wenn sie also diesen Gottesdienst verlassen, dann denken Sie an unser Eingangsbeispiel und fragen sich ruhig: what would Jesus do? Was würde Jesus tun?!

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