What ships are built for …

‚In jedem Abschied steckt ein neuer Anfang‘, hat ein kluger Mensch einmal gesagt. Das ist auch sicher richtig. Aber trotzdem – oder gerade deswegen? – haben Menschen auch immer ein bisschen Angst vor Abschieden. Vielleicht wird vielen von uns einfach mulmig vor dem Neuen, was anfängt, auch wenn wir uns darauf freuen. Ich erinnere mich an den Exodus aus der DDR und an die Wiedervereinigung: der Aufbruchstimmung folgte Depression: Erinnerung an Kinderkrippen etc. und Vollbeschäftigung. Und irgendwie stimmt ja tatsächlich die Wirklichkeit nicht mit der Aufbruchstimmung überein.

Ein ganz besonderer Abschied ist es, von dem heute die Rede sein soll. Abschied aus Ägypten – Exodus. Es gibt Abschiede, auf die freut man sich. Sie bedeuten Befreiung. Für Israel Befreiung aus Sklaverei. Für Menschen heute: Das Ende der Schulzeit, der Eintritt in den Ruhestand. Das rechtsgültige Ende einer längst zerbrochenen Ehe. Abschiede erleben wir viele und auf manche freuen wir uns. Und doch kommt auch Wehmut auf. Manchmal allerdings entwickeln sich herbeigesehnte Abschiede im Nachhinein ganz anders. So auch im Fall des Auszugs Israels aus Ägypten:

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Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Da freuen sich alle riesig. Es geht aufwärts, es geht weiter. Neue Wege werden gegangen. Und dann kommen die schwierigen Etappen, die giftigen Anstiege – und schon steigen die ersten aus – bei der Tour de France ganz wörtlich, bei anderen Unternehmungen wird eher innerlich ausgestiegen. Sie kündigen. Sie machen nicht mehr mit, sie meutern. Und plötzlich war alles so schön, was man eigentlich hinter sich lassen wollte. Nie wieder Schule, sagen die Jugendlichen bei ihrem Schulabschluss. Und dann besuchen sie doch bald wieder eine Schule. Irgendwie scheint der Mensch in seinem Innersten doch konservativ zu sein. Sogar der befreite Mensch, der Mensch, der seine Fesseln abgestreift und die Sklaverei hinter sich gelassen hat, sehnt sich plötzlich nach den Ketten zurück.

In der Geschichte der Wüstenwanderung bekennt das Volk Israel, dass sich Gott in der Wüste in besonderer Weise seines Volkes angenommen hat. Und sie bekennen ich eigenes Versagen: Sie selber haben Gott vorgeworfen, dass er sie verhungern lässt und haben damit sein Heilshandeln in Frage gestellt. Sie gaben die Befreiung nicht mehr gesehen, sondern nur den Verlust, der mit ihr verbunden ist – und der wird idealisiert, indem von Fleischtöpfen die Rede ist, wo es höchstens dünne Suppen gab.

Gott selber verurteilt sein Volk allerdings nicht. Er eröffnet neue Perspektiven: Das Manna-Wunder: Jeder erhält soviel, wie er braucht. Unter der Herrschaft Gottes wird so ausgeteilt, dass alle in gleicher Weise beschenkt werden – mit dem täglich Brot. Man kann keine Schätze sammeln und Vorräte anlegen – nicht ‚haben‘.

Das Manna ist eine Absonderung der Tamariske, verursacht durch den Stich der Schildlaus. Es gehört zum natürlichen Ablauf in dieser Wüste, dass Wachteln, die nach langem Flug erschöpft sind, ausruhen und leicht zu fangen sind. Beides gibt es wirklich – und doch ist es ein Wunder des Herrn, von dem die Menschen satt werden.

Es gibt herrliche Fotografien über die Wüsten, faszinierend – und doch Todeslandschaft. Aber oft auch Ort der Begegnung mit Gott (Mose, Jesus).

Jesus hat seinen Jüngern angekündigt auch eine Befreiung angekündigt. Nicht aus Sklaverei, aber die Befreiung aus ihrem Jünger-Dasein hin zu großer Selbständigkeit. Er hat sie befreit. Sie haben diese Befreiung schmerzhaft erfahren und wir feiern sie als seine Himmelfahrt.

Immer wenn wir an diese Befreiung denken, daran denken, was Jesus seinen Jüngern damals und uns heute zutraut, müssen wir auch an die Erfahrung von Israel in der Wüste denken. Es kann schmerzhaft sein, Fleischtöpfe zu verlassen, die mich festhalten wollen, mich daran hindern wollen, aufzubrechen zu neuen Ufern.

Unsere Kirchen sind auch solche Fleischtöpfe. Hier geht es uns gut, hier leben wir gesichert, aber hier werden wir auch nie Nichtchristen das Evangelium sagen können. Unsere Wirklichkeit sind die gefüllten Fleischtöpfe. Vielleicht kann uns diese Geschichte anstacheln, weniger ängstlich diese Fleischtöpfe zu verteidigen und mehr dafür zu kämpfen, dass anderen die Fleischtöpfe gefüllt werden. Wir müssen immer wieder gestärkt raus aus diesen Mauern, den Gekreuzigten und Auferstandenen verkündigen, damit diese Welt christlich werden kann.

Es gibt Brüder und Schwestern in der Ökumene, in der Türkei, in China, im Iran, in Indonesien, die riskieren dabei ihr Leben. Wir höchstens unseren guten Ruf. ‚A ship in a harbour is safe, but that’s not what ships are built for‘ habe ich gelesen. Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber es ist nicht dafür gebaut im Hafen zu bleiben. Ein Christ in seiner Kirche ist sicher, aber da darf er nicht bleiben.

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