Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!

Liebe Gemeinde!

"Wes Brot ich es, des Lied ich sing!", sagt ein altes Sprichwort. Manch eine/r zitiert es im Tonfall der nüchternen Festellung: So ist es eben. Mich lässt es nachfragen: Was meint denn das Sprichwort mit "Brot"? Und ich lese bei Martin Luther in der Auslegung des Vaterunsers im Kleinen Katechismus: "Was heißt denn täglich Brot" und er antwortet: "Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen."

Die Bitte um das tägliche Brot scheint überholt zu sein in einer Gesellschaft, in der die besten Geschäfte mit Schlankheitskuren und Fitnessprogrammen gemacht werden. Die Bitte um das tägliche Brot scheint überholt zu sein in einer Gesellschaft, in der die Devise lautet: "Wir kaufen, was wir brauchen! Und das möglichst billig!" Und nach Luthers Auslegung zum täglichen Brot gehören "getreue Nachbarn" dazu. Sie sind schon längst nicht mehr die einzige Rettung, wenn man durch Krankheit oder Katastrophe in Not gerät. Dafür gibt es Versicherungen aller Art. "Rundum sorglos versichert" – so oder ähnlich lauten die Werbespots.

Doch all diese Veränderungen haben die Sorgen um das tägliche Brot ja eigentlich nur verschoben, aber nicht beseitigt. Jetzt müssen wir uns Gedanken machen um Konjunktur und Weltmarktpreise, streiten um den besten Weg für mehr Wohlstand für alle, erblicken in der Globalisierung der freien Märkte das Heil für die Weltbevölkerung. Ja, die scheinbar überholten Fragen nach menschlichen Kontakten und Gemeinschaftsbeziehungen melden sich wieder zu Wort. Wir beginnen zu ahnen, dass "getreue Nachbarn" eben nicht durch 1,2 oder 3 Versicherungen zu ersetzen sind, das Arbeitsverhältnisse – Luther spricht von "fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren" – nach Solidarität rufen.

Wir entdecken wieder neu: der Hunger ist eben nicht seit der Nachkriegszeit abgeschafft, er meldet sich nur in neuer Weise an anderer Stelle:
– da hungert einer nach einer Lehrstelle
– da hungert einer nach einer Arbeit mit fester Anstellung
– da hungert einer nach menschlicher Aufmerksamkeit, aber keiner um ihn herum hat Zeit und Geduld
– da hungert einer nach Zukunft, aber wird pauschal als arbeitsscheu abqualifiziert, weil er/sie Langzeitarbeitslose/r ist, und verliert zu alledem seinen/ihren Mut und jegliches Selbstvertrauen.

Unser Kirchenkreis wird im September dieses Jahres seinen Armutsbericht in unserem Kreis vorstellen. Da wird detailliert nachgewiesen, wie die neue Armut hier vor Ort aussieht. Die Aktion Reling in Bad Kreuznach gibt einmal wöchentlich eine warme Mahlzeit aus. Zur Zeit sind es mehr als achtzig Personen. Keineswegs nur Obdachlose, sondern vor allem Frauen und ihre Kinder sind dankbar für dieses Brot. Wie können die Probleme des täglichen Brotes gelöst werden?

Unser heuitiger Predigttext führt uns weit in die Geschichte des Volkes Israel zurück, als es auch um genau diese Fragen des täglichen Brotes ging. Auf der Suche nach geeigneten Lösungen wurde folgendes gesagt:

[TEXT: V. 2-3]

Ja, Israel hatte Ägypten, die Skalverei hinter sich, das Schilfmeerwunder erlebt und das Nomadendasein angenommen. Doch je länger das gelobte Land auf sich warten ließ, je spürbarer täglich der Mangel wurde, je größer, ja übermächtiger der reale Hunger, um so düster wurde die Stimmung und so dünner die Luft für die Verantwortlichen. Und was tut Mose in dieser Lage?

Ert lässt sich nicht, wie es uns vielleicht naheliegend erscheint durch diese Probleme dazu verleiten, Durchhalteparolen auszugeben, mit ruhiger Hand weitermachen wie bisher, erberuft keine Kommissionen ein, um ein Gesamtpaket an Reformvorschlägen zu erarbeiten. Mose zieht sich auch nicht in eine religöse Innerlichkeit zurück, also auf den Standpunkt: seine Sorge gelte der Seligkeit der Seele, die Sorge um den hunger des Leibes sei nicht seine Sache. Mose trägt die Sorgen des hungernden Volkes vor Gott. Und das Wunder geschieht. Gott antwortet.

[TEXT V. 11-18]

Nicht das ist das Wunderbare an dieser Geschichte, dass Brot vom Himmel fällt. Was hier "manna" heißt, ist eine bis heute durchaus alltägliche Naturerscheinung. "Manna" ist der durch durch den Stich der Schildlaus hervorgerufene süße Ausfluss aus der in der Wüste heimischen Tamarix mannifera. Es sieht milchig oder gelb – weiß aus. Durch die Sonne tropft dasManna von den Bäumen auf die Erde und wird über Nacht hart, so dass man es am frühen Morgen auflesen kann. Das Wunder besteht nicht darin, wie Gott unsern Hunger stillt, sondern dass er ihn ernst nimmt und Hilfe bringt. Das Wunder besteht darin, dass Gott ein Ohr und ein Gespür für die Sorgen seiner Menschen hat. Er lässt sich von dem Murren und Klagen anrühren. Er ist nicht nur der Schöpfer, ja auch der Erhalter des Lebens.

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Das Sprichwort erinnert mich an die Abhängigkeit, die damit verbunden ist. Luthers umfangreiche Auslegung, was denn das tägliche Brot sei, macht ja deutlich, wie abhängig wir sind:
– abhängig von dem, der uns Arbeit gibt
– abhängig von dem, was man tut oder lässt
– abhängig von der Wertschätzung unsrer Freunde und Nachbarn.

Und selbst wer auf seine eigene Meinung und innere Unabhängigkeit pocht, wird nicht bestreiten können, dass er sich durch sein Kaufverhalten in Abhängigkeit begibt. Es ist unser aller Geschick: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Übertragen heißt es für mich: Wo Gott der Brotgeber ist, da habe ich folglich sein Lied zu singen. Welches Lied ist es? Es ist das Lied des Glaubens über Gott, von dem der Liederdichter Johann georg Ebeling sagt:

"Er weiß viel tausend Weisen,
zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen
zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen
oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen,
die reißt er aus der Qual."
(EG 302,5: Du meine Seele singe)

Doch können wir das Lied noch singen? Ist uns nicht vielmehr die Melodie im Halse steckengeblieben, weil die Fakten uns so überwältigen, die Hungerbilder aus aller Welt viel stärker wirken, die ökonomischen Sachzwänge uns lähmen. Darum meinen wir, das Lied über Gott oft nicht mehr singen, geschweige denn bekennen zu können. Und weil wir verstummen, verlieren wir auch selbst den Mut und die Kraft. Darin gleichen wir den Jüngern. Als Jesus sie am Ende eines langen Tages bittet, den zuhöreern zu essen zu geben, da resignieren sie. Es sei doch schon zupät, um die Menschen in die Dörfer zum Brotkaufen zu schicken. Sie selbst hätten zu wenig Geld, um für alle Brot zu kaufen. Ja, was sie an Vorräten dabei hätten, wäre whrlich sehr gering angesichts der Menschenmasse. Jesus hört ihre Einwände und reagiert mit der Anweisung darauf, allen das Wenige auszuteilen. Und das Wunder geschieht, die so realistisch denkenden und kalkulierenden Jünger erfahren, das Wenige reicht, ja es bleibn sogar 12 Brocken Körbe übrig. Das Wunder liegt nicht darin , dass 5 Brote und 2 Fische für 5000 Menschen reichen, sondern darin, dass Jesus Vertrauen hat zu Gott, dem Brotgeber. Und wer sich auf diesen Gott verlässt, wird nicht enttäuscht, sondern freudig überrascht. Das Geheimnis des Wunders liegt darin verborgen, wie Dieter Trautwein es so schön beschreibt:

"Keiner kann allein Segen sich bewahren.
Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.
Segen kann gedeihn,
wo wir alles teilen,
schlimmen Schaden heilen,
lieben und verzeihn."
(EG 170: Komm, Herr, segne uns)

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" … Wir essen alle vom dem himmlischen Brot, dem Wort Gottes. Schön wäre, wenn es uns auch wieder gelinge mit fröhlichem Herzen zu singen , mit vollem Mund zu bekennen und mit krfätigen Händen unser Tagwerk anzupacken.

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