Werft eure Zuversicht nicht weg!

Liebe Gemeinde,

<i>der Kern</i>
am nachhaltigsten wirkt in unserem Predigttext die Stelle nach, an der es heißt: Werft eure Zuversicht nicht weg. Deshalb werde ich die Predigt auch darauf ausrichten.

<i>die Fragen</i>
Als ich den Predigttext las, fragte ich mich, zu wem diese Aufforderung gesprochen wurde, damals. Außerdem wollte ich wissen, was die Angesprochenen wohl erlebt hatten, dass sie drauf und dran waren, ihren letzten Halt, der ihnen sicher einmal sehr viel wert war, aufzugeben, "wegzuwerfen", wie der Autor unseres Predigttextes schrieb. Und weiter fragte ich mich: was geht in Menschen vor, die nicht mehr die Kraft haben, ihre Zuversicht festzuhalten? Und noch weiter: was kann in solchen Momenten Menschen dazu bewegen, ihre Zuversicht dann doch noch zu behalten, obwohl sie eigentlich schon alles aufgeben lassen wollten.

<i>meine Absicht</i>
Ich kann ihnen meine Fragen zum Text so mitteilen, weil ich nicht den Anspruch und die Absicht habe, sie abschließend zu beantworten. Aber ich möchte mich auch nicht entziehen und so versuche ich mein Bestes. Sie werden sehen, wohin das führt.

<i>die Situation</i>
Aus dem Text ist zu erkennen, dass die Menschen, die angesprochen wurden, viel durchgemacht haben. Es heißt, sie hätten "erduldet einen großen Kampf des Leidens". Sie sind zum Teil selbst verhöhnt und verlacht worden, zum Teil mussten sie miterleben, wie Menschen, die sie liebten, wahrscheinlich sogar öffentlich bloßgestellt und inhaftiert wurden. Außerdem wurden sie enteignet und -so heißt es- sie haben diese Enteignung mit Geduld getragen. "Mit Geduld" haben sie all das getragen, also ohne Verzweiflung und ohne Bitterkeit, mit großer innerer Stärke haben sie diese Demütigungen ertragen können.

<i>nicht mehr wollen</i>
So war das früher, als sie noch voller Begeisterung waren. Als der Glaube ihnen noch die Kraft gab, die sie brauchten, um all das zu ertragen. Aber heute? Der Autor nimmt beides in den Blick, das Früher und das Heute und stellt es nebeneinander. Heute also sind sie müde. Der "große Kampf des Leidens", wie unser Autor ihr Leben nennt, hat tiefe Spuren hinterlassen. Und das hat zur Folge, dass einige resignieren und diesen ewigen Kampf nicht mehr weiterfechten wollen. Vielleicht wollen sie einfach nurmehr in Ruhe gelassen werden. Zuversicht haben, das heißt ja auch, dass man immer noch in der Spannung steht auf etwas hin. Das heißt auf etwas hoffen, warten, eine gewisse Unruhe in sich tragen und sich ausstrecken nach etwas, das in der Zukunft vielleicht noch kommen soll. Und diese Spannung ist den Glaubenden damals wohl eine so große Last geworden, dass sie sich überlegten, ihre Zuversicht und damit auch diese ewige zehrende Anspannung wegzuwerfen. Um endlich, endlich Ruhe zu haben und nichts mehr erwarten zu müssen. Allerdings – dann auch nichts mehr erwarten zu können. Die Zuversicht wegwerfen wollen, das ist, denke ich: Resignation.

<i>seid zuversichtlich I: George W. Bush, 11.9.2002</i>
Ich wende nun ihren Blick vom Text und der historischen Situation weg- und auf die Gegenwart hin. Wir haben die letzten Tage miterleben können, wie die amerikanische Nation mit ihrem "großen Kampf des Leidens" seit dem 11. September 2001 umgeht. Vergangenen Mittwoch hielt der amerikanische Präsident am Jahrestag des Terroranschlags eine Rede, die unserem Predigttext ganz verblüffend nahe steht. Er blickt zurück in die Vergangenheit und gedenkt der vergangenen Tage, an dem viel erduldet werden musste. Dabei spricht er ebenso wie unser Verfasser des Hebräerbriefes von einem "großen Kampf", in dem man stehe. Bush sagt deutlich, es gebe zwei Parteien: die anderen, die Leid zufügen und die amerikanische Nation, die in dem großen Kampf "geduldig und standhaft" bleiben müssen. Schließlich appelliert der Präsident an sein Volk: "Ein Meilenstein liegt hinter uns, und eine Mission dauert an. Seid zuversichtlich." Der Präsident der Vereinigten Staaten mahnt, die Zuversicht nicht wegzuwerfen. Und schräg hinter ihm sieht man die Freiheitsstatue New Yorks, die Fackel der Freiheit hochhaltend.

<i>seid zuversichtlich II: Evangelium</i>
So verblüffend ähnlich die Rede Bushs unserem Predigttext auf den ersten Blick ist, so unterschiedlich sind beide Mahnungen im letzten. Wenn der Autor des Hebräerbriefes uns Christen zur Zuversicht mahnt, dann hat er zum einen kein Freiheitssymbol hinter sich im Rücken, sondern Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Die Freiheitsstatue verkörpert ein abstraktes Ideal, die Idee der Freiheit. Und das ist nicht wenig. Jesus Christus aber ist der konkrete, menschgewordene und lebendige Gott, der "bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende" und darüber hinaus. Man kann im Namen von Ideen und Idealen die abscheulichsten Dinge rechtfertigen -leider hat das die Kirche auch mit ihrer Idee von Gott getan und ihn damit in ihren Händen zum Ding degradiert. Und wir müssen Acht geben, dass uns das nicht wieder und wieder passiert. Aber Jesus als der auferstandene Christus hat nirgendwo von einer politischen Freiheit gesprochen, deren Segnung in alle Länder getragen werden solle, so Bush mit imperialem Gestus. Jesus predigte Liebe, die bereit ist zu vergeben, sieben mal siebzigmal, und nicht Rache und Vergeltung. Auch nicht im Namen der Freiheit. Das ist ein Unterschied. Ein anderer Unterschied besteht darin, dass wir als Christen einen anderen Grund haben, unsere Zuversicht nicht wegzuwerfen. George W. Bush sagte, man sei durch das Attentat daran erinnert worden, "dass wir nur auf Zeit hier sind." Das heißt, auch die Amerikaner leben nicht ewig. Deshalb solle das Leben hier mit Liebe und Dankbarkeit gefüllt werden. Deutlich wird hier: George Bush weiß nur von diesem Leben hier, und dass dieses begrenzt ist Im Hebräerbrief dagegen steht, der große Kampf des Leidens sei ertragen worden, "weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt." Der Hebräerbrief erinnert uns daran, dass sich unser Leben hier auch noch in ein Leben nach diesem Leben verlängert, und dass es jenseits unserer jetzigen Heimat eine andere, ewige Heimat gibt. Und das ist der Grund, warum der Autor des Briefes eindringlich dazu mahnt, nicht alles aufzugeben. "Weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt, darum werft eure Zuversicht nicht weg." Das ist keine Zukunftsvertröstung, weil wir ja jetzt schon besitzen, was eigentlich und nicht nur scheinbar von Wert ist. Deshalb sollten wir mehr Gelassenheit aufbringen können.

Liebe Gemeinde, das schrieb der Verfasser des Hebräerbriefs. Er war der Meinung, dass unser Glaubenswissen darum, dass wir eine bessere und bleibende Habe bei Gott besitzen, dazu ausreicht, um in Krisenzeiten nicht zu verzweifeln und nicht alle Zuversicht über Bord zu werfen. Ich weiß nicht, ob das immer tragfähig ist. Aber ich weiß, dass der Glaube immer wieder dazu hilft, "aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen zu können", wie Martin Luther King einmal gesagt hatte. Wichtig ist in der Tat, die Zuversicht nicht wegzuwerfen. Denn dann bleibt nichts mehr. Davor bewahre uns unsere Gemeinschaft und davor bewahre uns Gott.

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