Werft euer Vertrauen nicht weg!

Warten und Geduld haben – im Kleinen wie im Großen – durchzieht unser ganzes Leben. Ob wir nun sehnsüchtig warten, bis ein Kind, das schon über den errechneten Termin ist, auf die Welt kommt. Oder ob wir am Ende unseres Lebens, belastet und beschwert von den Gebrechen des Alters, unsere Todesstunde herbeisehnen. Darauf warten erlöst zu werden und heimzugehen.

Der heutige Predigttext weiß noch von einer anderen, geradezu theologischen Qualität des Wartens. Er macht die Verbindung von Geduld und Glaube deutlich. Ja, er stellt klar, dass Warten unabdingbar zum Christsein dazugehört. Er steht im 10. Kapitel des Hebräerbriefes. Ich lese die Verse 35-39.

[TEXT]

"Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat." Das Vertrauen wegwerfen – eine seltsame Formulierung. Bekannter – und vielleicht auch verständlicher – ist uns da die Wendung: das Vertrauen VERLIEREN. Man verliert sein Vertrauen, wenn dieses immer wieder enttäuscht wird. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Wenn mein Automechaniker mich immer wieder vertröstet oder vereinbarte Termine nicht einhält, verliere ich schnell das Vertrauen in seine Zusagen. Wenn er dazu noch bei der Arbeit pfuscht, ist auch das Vertrauen in seine fachliche Kompetenz futsch. Ja, und wenn mein Auto immer wieder in die Werkstatt muss, verliere ich natürlich auch hier das Vertrauen und sehe zu, dass ich es schnellstmöglich loswerde. Vertrauen scheint wohl etwas, was sich abnützt, wenn es immer wieder enttäuscht wird. Mit dem Vertrauen zu Gott, dem Glauben, scheint es sich ähnlich, aber doch auch ein wenig anders zu verhalten. Hier ist es wohl so: wenn das, was man glaubt mit dem, was man sieht und erlebt, nicht übereinstimmt, dann steht man in Gefahr, den Glauben über Bord zu werfen.

So war es wohl auch bei den Menschen, an die unser Predigttext ursprünglich gerichtet war. Denn die Christen jener Zeit sahen ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. Zum einen waren seit Jesu Tod und Auferstehung über 50 Jahre vergangen. Fünfzig Jahre, an denen man beinahe jeden Tag das Kommen des Herrn erwartete. Ein Leben im ständigen Aufbruch. Eindrücklichstes Bild für solch ein Leben ist für mich immer noch die Brüdergemeinde in Korntal. Auch diese Menschen hielten anfangs des vorletzten Jahrhunderts die Erwartung des baldigen Kommens Jesu Christi in sich wach. Und wie ernsthaft es ihnen damit war kann man an den ältesten Häusern, die in Korntal erbaut wurden, erkennen: keines von ihnen hat einen Keller. Weil sie so fest damit rechneten, dass Christus bald kommt, erschien den Korntaler Brüdern jede Vorratswirtschaft überflüssig. Und so ähnlich war es wohl auch bei den ersten christlichen Gemeinden. Allerdings, – eine dermaßen intensive Erwartung lässt sich nicht lange aufrechterhalten, wenn sie nicht erfüllt wird. Kein Mensch kann Tag für Tag etwas vergeblich erwarten, ohne müde zu werden, ohne an Spannung zu verlieren. So, wie die Häuser in Korntal schließlich doch Keller erhielten, so erlahmte auch die Erwartung der Christen, an die der Hebräerbrief gerichtet ist. Das Kommen Christi war ausgeblieben. Und nicht nur das: zu allem Übel wurden die Anfeindungen, denen die Christen von ihrer Umwelt ausgesetzt waren, immer härter. Öffentliche Verspottung, Verhaftung, Folter und Hinrichtungen nahmen immer mehr zu. Angesichts dessen fragten sich viele Christen: Lohnt es sich den überhaupt noch, bei diesem Bekenntnis zu bleiben? Ist es die Mühe wert?

Und jetzt können wir den Briefschreiber vielleicht auch besser verstehen, wenn er seine Leser geradezu beschwört: Werft Euer Vertrauen nicht weg.

Nun kennen Sie, liebe Gemeinde, vielleicht auch das Gefühl, dass man zuweilen resigniert die Hoffnung auf bessere Zeiten aufgeben möchte angesichts all der Ungerechtigkeiten und all des Elends, das Menschen auf dieser Welt durch andere Menschen zugefügt wird. Oder wenn man machtlos den Kriegsdrohungen und der Umweltausbeutung mancher Politiker gegenübersteht. Manchmal fängt man an, gleichgültig all das Elend hinzunehmen, sich zu arrangieren mit dem, was falsch ist. Weil man alle Zuversicht in Gottes guten Willen für seine Schöpfung verliert. Und gerade dann ist es nötig, dass uns einer aufrüttelt und sagt: "Werft Euer Vertrauen nicht weg!" – Denn weil Jesus Christus uns Christen das Reich Gottes vor Augen gemalt hat, ist unser Hoffen die einzige Hoffnung für diese Welt. Erlahmen wir darin, so steht es schlecht um die Erde und die Menschheit. Wenn wir die Hoffnung aufgeben, dann haben die Mächte, die unser Leben und das der ganzen Schöpfung bedrohen, haben Ungerechtigkeit, Elend, Hass und Gewalt leichtes Spiel. Das kann man sich leicht an Beispielen (aus dem täglichen Leben) verdeutlichen. Denn die Patientin, die den Kampf um ihre Krankheit aufgegeben hat, ist verloren. Der Sportler, der keinen Kampfeswillen hat, wird niemals einen Sieg erringen. Der Mensch, der sich ins Private zurückzieht, hat keine gemeinsame gesellschaftliche Zukunft. Ohne Hoffnung ist alles vergeblich. Die Hoffnung aufrechtzuerhalten gegen alle Enttäuschungen ist schwer. Und deshalb bedarf es dazu der Gabe der Geduld. Geduld aber habt ihr nötig, heißt es in unserem Predigttext. Geduld, die das Vertrauen stärkt. Der Schreiber des Predigttextes stellt für das Vertrauen, das er einfordert, eine "große Belohnung" in Aussicht. Was ist damit gemeint?

Sicher keine Belohnung im Sinne der materiellen Anerkennung, ein Orden vielleicht oder eine Urkunde. Wir ahnen vielleicht: Die Belohnung ist nicht etwas, was ich bekomme, weil ich mich eingesetzt habe. Es gibt kein Recht auf Belohnung. Die Belohnung stellt sich selbst ein. Sie erfüllt sich. Die Erfahrung, dass sich Vertrauen gelohnt hat, soll die Belohnung sein. Wenn wir in unserem Leben wenigstens einmal ganz konkret erfahren: das Vertrauen auf Gott trägt mich auch durch persönliche Krisen hindurch, lässt mich nicht einfach untergehen, sondern zeigt mir den Silberstreif am Horizont. Dann ist dieses Vertrauen selbst der Lohn.

Wer durchhält, wird das Ziel erreichen. Nachher lässt sich das bestätigen, nicht vorher, nicht jetzt. Erst dann, wenn die Worte wahr geworden sind. Uns steht dies noch bevor, so, wie es den Hebräern bevorstand. Und so sieht der Hebräerbrief die christliche Gemeinde als wandelndes Gottesvolk, das noch auf dem Weg durch die Wüste ist hin zu seiner Heimat. Und er erinnert immer wieder an das Heil, das mit Jesus Christus bereits in die Welt gekommen ist. Er versucht, bei den Seinen die Hoffnung auf jenes Gottesreich wach zuhalten, von dem Jesus sprach. Jene Zeit, in der die Menschen in der Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer leben und ganz im Einklang mit seinem guten Willen sind.

Es ist auch wichtig, dass ich an vergangenes erinnert werde. An das, was Menschen – ja, was ich ganz persönlich schon mit Gott erlebt habe. Oft genug "vergesse" ich dies einfach. Immer wieder muss uns die Geschichte Gottes mit den Menschen vor Augen geführt werden – um damit die Hoffnung in Gott und seine Treue zu begründen.

Und er führt sogar noch ein Stück weiter, wenn er sagt: Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut. Das Vertrauen und die Hoffnung auf Gottes Zukunft für die Welt ist ja nichts rein passives. In der Hoffnung auf Gottes bessere Zukunft sind wir dazu gerufen, das im Sinne des Erhofften zu tun, soweit es in unserer Macht steht. Unseren Teil dazu beizutragen, die Welt für das, was von Gott auf sie zukommt, auszurichten. Ein tätige Hoffnung wird von uns verlangt. Und eine tätige Hoffnung wirkt sich positiv aus – auf mich selbst und auch auf andere. Auf mich selbst deshalb, weil mir dann die Zeit bis zum Eintreffen des Erwarteten nicht so lang vorkommt. Und anderen Hoffnungslosen tut es unheimlich gut zu wissen, dass andere mit ihnen auf dem Weg sind. Denken Sie nur daran, wie ermutigend und aufbauend die Solidarität und Mithilfe so vieler Menschen für die vom Hochwasser betroffenen in Ostdeutschland war.

Solch eine tätige Hoffnung legt der Briefschreiber seinen Lesern damals wie heute nahe. Ein Warten in Geduld, in einem Vertrauen, dass sich lohnt.

Darum: werft Euer Vertrauen nicht weg. Wir wollen nicht die Geschichte achtlos beenden, die Gott mit uns angefangen hat. Wir wollen vielmehr am Vertrauen festhalten, wollen uns einlassen auf diesen Glauben – auch wenn die Zweifel und die Anfechtungen oft groß sind. Wenn Gott uns manchmal ganz weit weg zu sein scheint. Und es uns vorkommt, als hätten Glaube und Weltwirklichkeit nichts miteinander zu tun. Wir wollen am Vertrauen festhalten, um dann doch zu spüren und zu erfahren, dass das Vertrauen uns selbst festhält. Dass Gott uns in Händen hält und trägt.

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