Werde, was du bist

(I. „Ihr seid tot!“)
„Ihr habt zwar den Ruf, eine lebendige Gemeinde zu sein, aber in Wirklichkeit seid ihr tot!“ – das ist es, was der Seher Johannes im Auftrag Jesu Christi in diesem Brief der Gemeinde in Sardes schreibt. Ein vernichtendes Urteil! Tot – ohne Leben! Was ist das für eine Gemeinde, gegen die er eine so schwere Anklage erhebt? Wir können es nur ahnen, denn mehr als in diesem Sendschreiben steht, wissen wir nicht. Sardes, eine Kleinstadt in der Nähe von Ephesus in Kleinasien, der heutigen Türkei. Eine Gemeinde am Ende des 1. Jahrhunderts, eine Gemeinde, die noch keine 50 Jahre existiert, also eine junge Gemeinde, in der noch Christen der 1. Generation leben. Eine Gemeinde übrigens, für die es nicht ungefährlich war, sich öffentlich zu Jesus Christus zu bekennen. Das konnte Verfolgung und Tod bedeuten durch die römischen Behörden. Eine Gemeinde schließlich, die im Ruf stand – das bestätigt Johannes ausdrücklich – eine lebendige Gemeinde zu sein. Doch im gleichen Atemzug sagt er: „Du bist tot!“ Warum? Wir können es nur vermuten: Vielleicht war es mit dem Mut zum Bekenntnis doch nicht so weit her, vielleicht waren die sardischen Christen zu selbstsicher, zu selbstzufrieden. Vielleicht hatten sie sich zu gut eingerichtet in der heidnischen Umwelt, um nur nicht aufzufallen.

(II. Sind wir lebendig?)
Wir sind nicht die Gemeinde in Sardes. Wir werden nicht verfolgt, uns schreibt niemand: Ihr seid tot! Und trotzdem müssen wir uns fragen lassen: Wie steht es eigentlich um uns? Sind wir eine lebendige Gemeinde? Was heißt das eigentlich, lebendig zu sein? Ich bin mir sicher: Wenn wir jetzt eine Umfrage unter den Gottesdienstbesuchern starten würden, kämen ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage heraus. – Eine lebendige Gemeinde versammelt sich regelmäßig um das Wort Gottes, um daraus Stärke und Trost zu empfangen, so würden die einen sagen, – eine lebendige Gemeinde setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein, sagen die andern. – eine lebendige Gemeinde lebt aus der persönlichen Bindung an Jesus Christus, sagen die dritten. Es gibt sicherlich noch weitere Antworten. Welche Antwort gibt Johannes selber?

(III. Vier Schritte zum Leben)
Johannes, der den Christen in Sardes dieses deutliche Wort ins Stammbuch schreibt, sagt nicht, was die Gemeinde tun oder lassen sollte, wo sie aktiv werden und sich engagieren müsste. Keine Appelle, keine Aufforderungen zum Handeln, sondern: „Werde wach und stärke das andere, das sterben will.“ Und „denke daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße.“ Damit zeigt er ihnen vier Schritte zum Leben:

1. Denke daran:
Als christliche Gemeinde leben wir davon, dass wir nicht vergessen, was Gott an uns Gutes getan hat, dass wir an die Wohltaten und Heilstaten Gottes denken, an die Schöpfung, die Geschichte Gottes mit seinem Volk, die Erlösung durch Jesus Christus: „Welt ging verloren – Christ ist geboren!“, an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, an die Gabe des Heiligen Geistes, der alles neu und lebendig macht.

2. Halte fest:
Festhalten heißt nicht, dass wir unseren Besitzstand wahren sollten, sondern dass wir uns an dem festhalten, der beständig und treu ist auch im Wechsel der Zeiten. Dass wir im Glauben, also in der persönlichen Bindung an Jesus Christus festen Halt haben, Grund unter den Füßen, Kraft und Liebe und Hoffnung zum Weitergehen und ein festes Ziel vor Augen. Festhalten am Wort Gottes, an seinen Geboten, in denen er seinen guten Willen für uns geoffenbart hat, so dass es uns gut tut, sie zu befolgen. Festhalten an Jesus Christus, der für unsere Sünde gestorben ist, so dass wir Vergebung empfangen können, und der für unser Leben mit Gott auferstanden ist, so dass wir eine ewige Hoffnung haben.

3. Tue Buße:
wörtlich kehre um, ändere dein Denken und Handeln, dein Leben, richte dich aus auf den lebendigen Gott und sein Reich! Lass ab vom bösen, gottlosen Tun und Denken! Umkehren muss einer, der erkannt hat, dass er sich verlaufen hat, dass er sich in einer Sackgasse befindet oder vor einem Abgrund steht. Wenn Jesus zur Umkehr ruft, dann ist das Einladung zum Leben, zur Freude. Er hat alles dafür getan, dass uns die Schuld vergeben werden kann, die wir vor ihm bekennen, die uns leid tut und von der wir lassen wollen. Grundsätzlich ist es ja so, dass das Kreuz Jesu für die ganze Sünde der Welt ausreicht. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünder der Welt aufhebt und wegträgt.“ Es kommt nun aber darauf an, dass ich zugebe, was verkehrt war und ist, wo ich nicht nach Gott und seinem Willen gefragt habe, wo ich selbst über mich bestimmen wollte und so Gott nicht Gott sein ließ in meinem Leben. Erst wenn ich die Sünde verrate, verliert sie die Macht über mich. Dann kann ich um Vergebung bitten und Vergebung empfangen und annehmen. So wird die Vergebung wirksam in unserem Leben. Martin Luther sagt: „Wo Vergebung ist, da ist Leben und Seligkeit.“ Wo aber keine Vergebung ist, da herrscht der Tod.

4. „Werde wach und stärke das andere, das sterben will.“
Wach werden muss, wer sonst die entscheidende Stunde verschläft. Die Christen in Sardes „schlafen“; Johannes traut ihnen jedoch zu, dass sie noch einmal wach werden können. Er traut ihnen noch mehr zu: „Stärke das, was sterben will!“ Er traut ihnen nicht nur zu, selbst wieder lebendig zu werden, er mutet ihnen sogar zu, auch andere zum Leben zu ermutigen. So hoffnungslos steht es also um die Gemeinde in Sardes noch nicht. Aber deutlich wird, was Johannes unter einer lebendigen Gemeinde versteht: Sie wirkt in ihrem Glauben und Leben ansteckend, sie stiftet zum Leben an, ruft Menschen heraus aus der Finsternis der Welt ins Licht des Evangeliums, heraus aus dem Tod der Sünde ins Leben mit Jesus. Im Glauben haben wir nur, was wir nicht für uns behalten, sondern mit anderen teilen. Niemand wird allein gerettet. Wenn wir nicht vergessen, was der Herr an uns Großes getan hat, dann werden nicht nur wir selbst lebendig sein, sondern auch andern zum Leben helfen.

(IV. Die weißen Gewänder)
Soweit also die vier Schritte zum Leben (Denke daran, halte fest, tue Buße, werde wach). Wer sie geht, „der soll mit weißen Gewändern angetan werden, und sein Name soll nicht ausgetilgt werden aus dem Buch des Lebens.“ Buch des Lebens, weiße Gewänder – die Offenbarung des Johannes ist reich an Bildern und Symbolen. Weiß ist – damals wie heute, Zeichen für Reinheit und Unschuld. Wir sprechen z.B. von der weißen Weste und meinen damit, dass einer sich nichts zu schulden kommen ließ, also unschuldig ist. So gab es früher auch bei uns die Sitte, dem eben Getauften ein „Westerhemd“ anzuziehen, also ein weißes Gewand. In der Urkirche war es üblich, in der Osternacht die Neubekehrten zu taufen. Die trugen dann bis zum „weißen Sonntag“ ihr weißes Taufkleid. Wir können uns nicht selber vor Gott rein waschen. Wir sind angewiesen auf das Erlösungswerk Jesu, wie es uns in der Taufe zugesprochen worden ist. Getauft sein heißt: Christus ist für mich gestorben und auferstanden; mit ihm bin ich der Sünde gestorben, mit ihm soll ich nun ein neues Leben haben und leben, das Gott Ehre macht, gereinigt und geheiligt durch Jesus.

Alles, was wir zum Leben wirklich brauchen, schenkt er denen, die an ihn glauben, die mit ihm in Vertrauen, Liebe und Gehorsam verbunden sind. Das ist das Evangelium von Jesus Christus. Auch wir evangelischen Christen vergessen das gelegentlich. Darum sollen wir uns neu daran erinnern und neu beleben lassen durch seinen Geist, dass wir nicht wie ein vor Schreck erstarrtes Kaninchen auf den Tod starren, sondern von Christus zum Leben befreit werden. So dürfen auch wir eine lebendige und fröhliche Gemeinde werden und sein.

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