Werde sein Nächster!

Liebe Gemeinde,

zwei Kenner der Schrift tauschen sich aus. Ein Fachgespräch. Einer hatte auf dem Tempelplatz mitgehört, wie der andere, der Rabbi Jesus, befragt wurde. Der hatte klug geantwortet. Mit absichtsvollen Fragen war er nicht aufs Kreuz zu legen.

Und seine Antworten waren dabei klar und befreiend. Sie machten Gott, den Herrn, groß als den Gott des Lebens. Ihm kann man folgen in Klarheit und Entschiedenheit. Solche Antworten schließen unverhofft den Weg zum Leben auf. Da liegt der alte Weg mit Gott wieder neu da. Ein Kind kann man auf diesem Weg führen. Und ein alter Mensch kann ihn immer noch gehen.

Wenn Jesus spricht, ist viel Störendes weggeräumt und beiseite gelassen. Fragen fallen hin, die immer zwischen Konfessionen stehen, zwischen streitenden jüdischen und christlichen Gruppen. Fragen, die man benutzt, um einen anderen zu fangen. Parteiendenken, das lebenswichtige Fragen für sich benutzen will, ist überwunden – wenn Jesus darauf hinweist, wer Gott ist.

So tritt dieser Schriftgelehrte an den Kollegen Jesus, zu dem er Lehrer sagt, heran. Er stellt dem, der so viel von Gottes Reich zu sagen weiß, keine Fangfrage. Er will lernen von den Antworten, die das Leben aufschließen. Er fragt nicht nach einem Detailproblem. Er fragt: Gibt es eine Richtung für alle Detailprobleme? Er fragt: Welches ist das erste Gebot von allen? Ein Gebot ist für ihn keine Bestimmung, an die man denken sollte, wenn man kein Bußgeld bekommen will. Ein Gebot ist eine Weisung zum Leben. Welches also ist die grundlegende Lebensweisung?

Was hätten Sie geantwortet? Ich fürchte, mit der Welt des Glaubens haben wir es uns ein wenig leicht gemacht. Wir kennen, wenn es hoch kommt, noch zehn Gebote. Und bei der biblischen Geschichte haben wir das dritte Buch Mose, Leviticus, bestimmt ganz und gar übersprungen. Unsere beiden Schriftkenner zum Glück nicht. Sie brauchen es für ihre Antwort. Sie kennen viele Weisungen auf dem Weg des Gehorsams. Rabbi Simlai hat 200 Jahre später mal gezählt. Er kam auf 365 Verbote und 248 Gebote. Alle aus den ersten fünf Büchern der Bibel.

Noch mal: Was würdest du antworten? Jetzt nicht nach dem Katechismus, sondern nach dem Leben: Welches ist die grundlegende Lebensweisung? Die verlässliche Wahrheit? Der Kern aller hilfreichen Erfahrung? Das Ziel für die Lebensgestaltung, das es wert ist? Das Ziel für dich? Das Ziel, das ihr als Eltern und Paten für eure Kinder habt?

Solche Fragen werden bei uns kaum auf öffentlichen Plätzen diskutiert. Selbst im Evangelischen Gemeindehaus werden sie nur in Sternstunden ausgesprochen. Heute vor vierzehn Tagen waren einige wenige von uns auf einem Grillplatz mit Muslimen zusammen. Da wurde ich gefragt: Habt ihr Christen ein verbindliches Glaubensbekenntnis? Gibt es für euch Gebote?

Es ist gut, für besondere Fragen Antworten zu haben. Allerdings glaube ich: Nur Antworten, die den Menschen verstehen, können überzeugen vom Weg zum Leben. Nur Antworten, die den Menschen nahe sind. Denen man Liebe anmerkt.

Der Schriftgelehrte, von dem wir keinen Namen wissen, und Jesus werden sich einig. Wussten Sie, dass es in der Bibel nicht in jeder Geschichte um Glaubenskampf geht? Nicht ständig um Abweisung von Irrlehren? Dass es auch Begebenheiten gibt, in denen zwei Menschen, die bestimmt ihre Unterschiede haben, gemeinsam Gott nahe sind? Gemeinsam nicht fern vom Reich Gottes?

Das Gespräch wird mit Worten der Schrift geführt. Die Begegnung im zweiten Testament der Bibel stimmt mit den Worten im ersten Testament überein. Die Schriftgelehrsamkeit und die Verkündigung vom Reich Gottes fügen sich hier zusammen. Juden und Christen haben hier dieselbe Antwort:

Gott und den Menschen können wir nur gerecht werden auf dem Weg der Liebe. Der ganzen, ungeteilten Gottesliebe. Der Liebe, der der Nächste nichts anderes ist als ich selbst bin. Dies nicht nur erkennen – dies leben, ist das Reich Gottes.

Was ist das für ein Gott, den zu lieben das Leben ist? Er ist bestimmt nicht ein Begriff, den sich unser Geist von einem höchsten Wesen macht. Die Bibel redet auf fast jeder Seite von Gott. Aber sie kommt nie dazu, einen solchen allgemeinen Begriff zu entfalten. Sie ist zu sehr mit ihm selbst beschäftigt. Sie ist ständig mit ihm selbst in Auseinandersetzung.

Lebendig stellt sich Gott uns vor und deshalb nicht zu begreifen: Ich werde sein, der ich sein werde. In einem lebendigen Menschen, in Jesus Christus, durchbricht er unsere Bilder von Gott. In dem, der die Liebe gelebt hat. Den die Liebe zu Gott und den Menschen an ein abscheuliches Kreuz geführt hat. Wo alles durchkreuzt ist, was zu gelten scheint von Gott und dem Leben.

Das ist Gottes eingeborener, geliebter Sohn. Den haben wir Menschen verworfen. Und bei seiner Verwerfung ziehen wir noch göttliche Gesetze heran. So wie wir gern göttliche Gesetze nutzen, um für andere zu ordnen und zu regeln, um sie auf bestimmte Bahnen zu bringen. In schlimmen Fällen mit tödlichen Folgen.

Über Gott helfen uns unsere klugen Meinungen nicht. Da kann auch in unserem Leben viel durchkreuzt werden. Gott bewahrt und garantiert uns nicht einfach, was wir sind und was wir haben. Er ist nicht unsere Bestätigung. Er kann vieles gefährden und neues beginnen.

Und Jesus sagt gemeinsam mit dem Schriftgelehrten: Diesen Herrn, deinen Gott, sollst du lieben. Ganz: mit allen Fasern des Herzens und der Seele, mit jeder Regung deines Denkens, mit jeder Tat deiner Hände, mit jedem Atemzug. Nicht fürchten, lieben sollst du ihn.

Du denkst jetzt: Das kann ich nicht. Richtig. Wenn du es einfach könntest, dann würde es dir nicht geboten. Ohne das Gebot der Liebe könnten wir vor Gott nur Furcht haben. Gott muss es dir sagen, mit seinem Gebot: Ich will von dir geliebt sein. Du darfst mich lieben. Ich selbst spreche dir zu, dass du es kannst.

Gott selbst ist Liebe. Er liebt mit Leidenschaft. Er hat seine Liebe in dem gekreuzigten Jesus wehrlos in diese Welt gestellt. Er gewinnt dich mit seiner Liebe. Sie schafft im Tod und Gericht Leben.

Jesus ebenso wie sein Gesprächspartner, der die Wahrheit als zweiter Zeuge bestätigt, geben dir Gott nicht ohne deinen Nächsten. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Vielleicht ist dein Problem, dass du dich selbst nicht lieben kannst. Du möchtest jemand anders sein als du bist. Du hast gelernt, du seiest nur liebenswert, wenn du gut bist oder wenn du viel leistest. Vermutlich hassen die meisten von uns sich insgeheim. Eine weltberühmte Psychologin [Elisabeth Kübler-Ross] hat dem SPIEGEL gesagt, dass sie, 71 Jahre alt und sterbenskrank, sich selbst immer noch nicht lieben kann. So sehr sie auch ein Leben lang anderen geholfen hat, sich anzunehmen.

Vielleicht müssen manche auch sich selbstsüchtig immer um sich drehen. Beides, Selbsthass und Selbstsucht, pflegen wir, weil wir uns so, wie wir sind, nicht ertragen können.

Aber Gott hat dich ertragen. Als er seinen Sohn Jesus Christus für dich gegeben hat. Er hat dich geschaffen und geliebt. Er hat dich gewollt. In Jesu Gemeinde macht er es dir deutlich im Zeichen der Taufe. Er bedeckt deine Sünde.

Doch Gott hat auch deinen Nächsten geschaffen. Auch für ihn, auch für sie ist Christus gestorben. Bejahe den Nächsten wie dich selbst. Manchmal meinst du, er oder sie sei besser gemacht als du. Manchmal aber glaubst du heimlich, du seist besser und wertvoller. Wir sind einmal neidisch und kurz darauf schon wieder hochmütig. Wir vergleichen einander gern. Das kommt immer wieder verkehrt heraus, weil wir Gott ausklammern. Gott hat mich so und den anderen anders gemeint. Er will mich so und den andern ganz anders brauchen. Er gibt mir diese und dem andern eine andere Aufgabe.

Wir verlangen gern vom andern, er müsste so sein, so denken und fühlen, so werden wie wir. Ist das nicht die Wurzel dafür, dass einer dem andern sein Recht nimmt? Dass vier Fünftel der Welt abhängig sind von Europa, Nordamerika und Japan? Dass die weiße Rasse sich für überlegen hält? Dass manche sich wünschen, Menschen anderen Glaubens kämen nicht nach Deutschland? Dass eine männliche Welt Frauen ihre Rolle zuweist?

Es fällt uns schwer, zu bejahen und zu loben, dass der andere Mensch eine Wohltat Gottes ist. Er ist uns eher ein Störenfried. Er stört unsere Vorstellung, wie alles sein muss. Er stört mit seinen Anliegen und Bitten.

Ein anderer Gesetzeskundiger fragte Jesus: Wer ist denn eigentlich mein Nächster? Jesus erzählt ihm eine Geschichte. Von dem Mann, der auf der Straße von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fällt und halbtot liegen bleibt. Plötzlich hat Jesus den, der fragt, in diese Lage versetzt. Du bist es. Du liegst da, zerschlagen. Du schlägst nun die Augen auf. Was siehst du? Einen Fremden. Den anderen, der dir immer störend war. Den Samariter. Er ist dein Nächster geworden. Er hilft dir.
Ein Mensch ist dein Nächster geworden. Sogar Gott ist dein Nächster geworden. Urteile nicht mehr über den andern. Werde sein Nächster.

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