Werbung für den Glauben

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Werbung machen, so richtig Werbung machen! Das möchte ich heute Morgen in diesem Gottesdienst. Es ist erst wenige Jahre her, da machte eine große namhafte deutsche Bank (mit gleichlautendem Namen) mit einer einprägsamen Zeile Werbung. "Vertrauen ist der Anfang von allem." Vielleicht erinnern sie sich. Und auch an eine zweite Werbung erinnere ich mich. Ich glaube es war die einer Versicherung: Ein kleines Kind, noch viel zu jung für Berechnungen, voller Freude und ohne über Gefahren nachzudenken, hüpft einfach so aus der Höhe seinem Vater (oder Großvater) entgegen. Es hat auch nicht den Funken eines Zweifels daran, dass es sicher aufgefangen werden wird.

Bestimmt kennen sie das aus ihrem eigenen Leben, entweder selbst aus Kindheitserinnerungen oder als Mama, Papa, Oma oder Opa. Vertrauen – Ohne auch nur darüber nachzudenken, unhinterfragt fest für sich glauben, dass ich gefangen, getragen werde. Sie wissen es aus der eigenen Erfahrung, wie wichtig es ist, Vertrauen zu haben – vertrauen zu können. Und viele wissen, wie schmerzlich und schwierig es ist, Vetrauen zu verlieren – nicht mehr vertrauen zu können.

In eine derartige Situation schreibt der Hebräerbrief. Waren die Christen dort anfänglich Feuer und Flamme für ihren Glauben, waren sie vorzeiten von der brennenden Liebe Gottes – vom Osterfeuer – regelrecht angesteckt, hatten sie wegen ihres Glaubens vieles auf sich genommen und durchlitten, so stellte sich nun Skepsis ein. So viele Jahre waren vergangen und die Verheißungen offensichtlich nicht erfüllt. Hat es sich eigentlich gelohnt, dieses anfängliche Vertrauen – lohnt es sich noch? Das Vertrauen ist bröckelig geworden, das anfängliche Feuer, das sich an Ostern entfachte glimmt nur noch schwach. Und da sind wir dieser Christengemeinde von damals gar nicht so weit entfernt.

Darauf reagiert der Hebräerbrief und schreibt in Kap. 10, V. 35 f: "Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt."

Liebe Schwestern und Brüder, was für eine eindringliche Bitte – nicht drohend, vielmehr liebevoll werbend: "Darum werft euer Vertrauen nicht weg!" Wenn es um abhandengekommenes Vertrauen geht, dann reden wir doch meistens davon, dass wir das Vertrauen verloren haben. So als ob wir daran völlig unbeteiligt wären: "Hoppla, ich kann ja gar nichts dafür, plötzlich war es weg, das Vertrauen." Die anderen, die Umstände…

Der Hebräerbrief lässt es aber dabei nicht bewenden. Er redet nicht vom Verlieren, sondern vom Wegwerfen: "Werft euer Vertrauen nicht weg!" Wegwerfen – daran bist du beteiligt. Das ist nicht einfach nur schicksalhaft und überraschend über dich gekommen. Wegwerfen – da kannst du auch etwas dafür – da nimmst du es auch schon selbst in die Hand. Da kannst du nicht irgendwann sagen: "Hoppla, die anderen und die Umstände. Ich hab´ ja gar nichts davon gemerkt." Vertrauen – das kann man schon verlieren, so etwas gibt es bestimmt, aber man kann auch ordentlich dabei mithelfen. Und das gilt eben auch für uns als Christinnen und Christen, für uns in der Gemeinde, für unseren Glauben, der am Anfang in hellen Flammen brennen mag, und der dann mit der Zeit doch auf Sparflamme kocht oder gar am verglimmen ist. Wir können uns den Glauben nicht machen, wir können ihn uns auch nicht allein erhalten. Aber wir können unser Vertrauen und unseren Glauben in Gott pflegen und kultivieren. Einfach gesagt: Wir können es dem Geist Gottes sehr schwer machen mit uns, und wir können es ihm auch etwas leichter machen.

Deshalb lasst uns jetzt darüber nachdenken, was die Dinge sind, die uns darin stärken, eben nicht die Flinte ins Korn zu werfen? Wo ist es an uns, Glauben und Vertrauen zu pflegen, es also Gottes Geist etwas leichter zu machen? Im folgenden also nun sechs vertrauensbildende Maßnahmen. Die Liste ist unvollständig; andere ließen sich anfügen.

1. In der Gemeinschaft bleiben (Maßnahme Nr. 1)
Kein Mensch kann alleine für sich vertrauen. Wir brauchen die Gemeinschaft von Christinnen und Christen, wir brauchen die versammelte Gemeinde. Wir brauchen einander. Es ist schon ein sehr alter und erfolgreicher Grundsatz von Herrschern, die nicht immer das Beste wollten: "Teile und herrsche!" Liebe Schwestern und Brüder, es gibt kaum ein effektiveres Vertrauensgift als die Vereinzelung. Alleine wird man in der Tat sehr schnell schwach. Alleine geht einem schneller die Puste aus als wenn da noch andere sind, die einem den Rücken stärken, die einen genau dann mit durchtragen, wenn man selbst nicht mehr schritthalten kann. Gemeinsam sind wir stark. Mag sein, dass man bei einem Spaziergang in Gottes freier Natur ihm selbst sehr nahe sein kann. Aber das kann wohl kein guter Grund dafür sein, sich niemals in eben der Gemeinde dieses Gottes blicken zu lassen. Wer weiß, was mir auch alles an Gedanken kommen mögen, dort ganz alleine, und es ist keiner, der mich korrigiert. Keiner, der mich dazu anregen könnte, dass es vielleicht solche Gedanken sind, die eher der menschlichen Eitelkeit und seinem Geiste enspringen als dem Geiste Gottes. In der Gemsinschaft bleiben. Das gilt nicht nur für einzelne – das gilt auch für Gruppen von Christen. Was ist das für eine vertrauensbildende Maßnahme für Außenstehende, wenn sich die Gemeinde Gottes auseinanderdividiert in Gruppen und Grüppchen, wo doch Jesus darum bittet, dass sie alle eins seien. Die erste Gemeinde zumindest blieb beständig in der Lehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet, heißt es in der Apostelgeschichte.

2. Miteinander vom Glauben reden (Maßnahme Nr. 2)
Lasst uns auch in der Gemeinde noch mehr vom Glauben reden als wir es schon tun. Und das meint etwas mehr als etwas theologisch distanziertere Gespräche über den Glauben: "Dies ist richtig – jenes nicht – Hauptsache meine Person bleibt einigermaßen außen vor". Nein, das meint auch sehr persönliches Erzählen. "Lieber Freund, so habe ich die Gegenwart des lebendigen Gottes ganz konkret in meinem Leben erfahren dürfen." "Dies machte mir Freude, jenes machte mir Mut." Und warum nicht auch so: "Lieber Freund, jenes fällt mir schwer. Dieses kann ich einfach nicht so recht glauben, damit komme ich nicht klar." Eben ganz glaubenspraktisch, als Christ mitten im Leben mit all seinen Facetten. Sich auf diese Weise voneinander zu erzählen, lässt uns näher zusammenrücken. Es tut demjenigen gut, der von sich erzählen kann. Und es ist für denjenigen gut, der es hört. Und der dann vielleicht auch dieses erleben darf: "Hey, ich bin ja nicht der einzige mit seiner Freude" – geteilte Freude ist dopplete Freude. Und auch dies: "Aha, ich bin nicht der einzige mit seinen Zweifeln und Holprigkeiten" – geteiltes Leid ist halbes Leid. Sich vom Glauben zu erzählen hilft und stärkt das Vertrauen.

3. Miteinander den Glauben bezeugen (Maßnahme Nr. 3)
Manchmal, liebe Gemeinde, kommt es mir so vor als ob wir uns für unseren Glauben schämen würden. Und dann merke ich wie wir als Christen unseren Mitmenschen gegenüber kein Profil haben, dass wir als Christen unkenntnlich bleiben. Und nicht nur wir als Christen. Vielmehr auch das, was der alleinige Grund unseres Christseins ist. Die gute Botschaft nämlich von Gott und seinem Sohn Jesus Christus. Als Gemeinde Jesu Christi öffentlich Konturen zeigen – gewiss es mag Überwindung kosten. Aber es hat eine Belohnung: Es stärkt unser Vertrauen nach innen, denn wir werden uns darüber unserer eigenen Identität bewusster. Und es macht Freude bei sich selbst zu entdecken, wie man dem Auftrag Jesu gerecht wird: die gute Botschaft weiterzugeben. Das stärkt das Vertrauen.

4. Sich beschenken lassen (MaßnahmeNr. 4)
Es passiert nicht selten, liebe Schwestern und Brüder, da bemerke ich in seelsorglichen Gesprächen auch unter frommen Christen folgendes (fromm ganz positiv gemeint): Sie bekennen, dass Jesus Christus für uns Menschen gestorben ist und uns das Leben geschenkt hat. Sie erzählen davon, wie Gott uns vergibt und uns befreit. Und im Laufe des Gespräches stellt sich heraus, wie tief sie belastet bleiben, wie sie das, was sie mit ihrem Kopf wissen und mit ihrem Mund bekennen, nicht annehmen können – wie sie es in ihrem Leben nicht Wirklichkeit werden lassen können. Sie vertrauen selbst nicht dem, was sie sagen. Tief drinnen bleibt die Schuld – gegen besseres Wissen – mächtiger als die Vergebung. Es gibt den Spruch, dass die Siegerländer mehr an die Sünde glauben als an die Vergebung. Sich beschenken lassen von Gottes vergebender Liebe. Stillhalten und es sich ein für allemal gesagt sein lassen: "Deine Schuld ist von dir genommen – das gilt – nimm es einfach an und lass die Vergebung mächtig werden in deinem Leben. Es ist ein fast unglaubliches Geschenk. Du bist wirklich frei – nicht nur in deinem Kopf und mit deinem Mund. Lass dich beschenken."

5. Es geht um etwas (Maßnahme Nr. 5)
"Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat" so heißt es in den eindringlich werbenden Worten des Hebräerbriefes. Das Vertrauen hat eine Belohnung. Und um diese geht´s. Mit anderen Worten könnte das heißen: "Bedenke doch, was deine Mühe oder auch dein Unterlassen für Folgen haben wird! Du warst dir doch dessen ganz am Anfang so bewusst als das erste Feuer in dir brannte. Sollte das denn jetzt nicht mehr gelten? Bedenke die Konsequenzen für dein Leben und auch für dein Sterben. Es mag ja sein, dass die sich hinziehende Zeit nachlässig und gleichgültig macht. Es mag ja sein, dass dein Leben Risse und Brüche erleiden musste. Es mag auch sein, dass dein gläubiges Vertrauen an den Rändern oder auch mitten im Zentrum am bröckeln ist. Aber das alles ändert nichts an der großen Belohnung. Sie ist es wert dranzubleiben am Ball, das Vertrauen nicht wegzuwerfen. Vergiss es nicht: Es geht um etwas!"

6. Nicht reden – handeln (Maßnahme Nr. 6)
Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns anfangen mit diesen vertrauensbildenden Maßnahmen. Es nützt nicht viel, abschließend zustimmend mit dem Kopf zu nicken und festzustellen, dass das alles ja ganz richtig ist – das war´s dann ? Nein, worauf es ganz entscheidend ankommt ist doch dies: Es will umgesetzt, praktiziert, gelebt werden. Deshalb: Nutze die Gelegenheit. Fass den Mut über den eigenen Schatten zu springen. Fang mit dem an, was anliegt. Lieber gleich, denn es wäre zu schade, kostbare Möglichkeiten auszulassen.

Haltet fest an der Gemeinschaft!
Erzählt euch vom Glauben!
Bekennt ihn vor anderen!
Lasst euch von Gott beschenken!
Denkt an die Konsequenzen!
Fangt an – lieber jetzt als nie!

Liebe Gemeinde, Werbung wollte ich machen; Werbung für unser Vertrauen zu dem Gott, dessen Liebe für uns nach wie vor hell lodernd entflammt ist – schon längst vor jenem Ostermorgen vor langer Zeit. Werbung für den, in dessen Arme wir blindlings und Hals über Kopf springen können. Werbung für den, der mit der größten brennenden Hingabe um uns geworben hat und es heute nicht auch nur einen Funken geringer immer noch tut. "Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat!"

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