Wer will schon ohne Hoffnung leben?!

Liebe Gemeinde,

Zweiter Advent. Wir leben auf Weihnachten zu. Die Zeichen sind in den Fenstern zu sehen. Lichterketten leuchten in den Bäumen der Gärten. Überall in den Kaufhäusern tönt uns weihnachtliche Musik entgegen. Die Kinder sind erwartungsfroh. Um die Vorzeichen der kommenden Weihnacht geht es auch in unserem heutigen Predigttext.

[TEXT]

Die Zeichen des kommenden Christus sind bei uns etwas anders als in dem Predigttext. Überschwemmungen, beängstigende Himmelserscheinungen. Die Welt gerät aus den Fugen. Und die Menschen fürchten sich. Das sind die Vorzeichen in unserem Text. Aber ihr, so wird den Hörerinnen und Hörer gesagt, habt keinen Grund euch zu fürchten. Ihr müsst nicht in Angst und Schrecken leben. Ihr seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Denn für euch kommt nicht etwas Beängstigendes. Für euch kommt die Erlösung. Wenn die Welt aus den Fugen gerät und sich alles ändert, dann werdet ihr nicht zerstört, sondern ihr werdet befreit und geheilt.

Das Bild für diese Veränderung in der Welt ist der Menschensohn, Christus, in einer Wolke vom Himmel her erscheinend mit großer Kraft und Herrlichkeit.

Vergleichen wir unsere Weihnachtserwartungen mit denen unseres Predigttextes. Unser Predigttext erwartet, dass die Welt aus den Fugen gerät, und die göttliche Macht eingreift, um die Dinge zum Guten zu wenden.

Wir erwarten ein paar festliche arbeitsfreie Tage mit der Familie. Vielleicht Geschenke, vielleicht Wiedersehensfreude, wenn jemand kommt, den wir lange nicht gesehen haben. Vielleicht fürchten wir uns auch ein bisschen vor dem Weihnachtsstreit, oder davor, dass den Kindern ihre Geschenke nicht gefallen. Große Veränderungen erwarten wir nicht. Und wie sollten wir auch, wenn wir uns einfach auf ein wiederkehrendes Fest vorbereiten.

Und trotzdem hören wir jedes Jahr wieder am 2. Advent diesen Text im Gottesdienst. Und unsere Weihnachtsvorbereitungen werden in einen weiten Raum gestellt. Wir werden erinnert: Bereitet euch nicht nur auf die Weihnachtsfeier in eurer Familie und eurem Verein vor. Bereitet euch darauf vor, dass Jesus Christus zu euch kommt. Und bereitet euch darauf vor, dass das mit großen Umwälzungen in eurem Leben verbunden sein wird.

Sehen wir uns das Bild aus unserem Text dazu an. Der Menschensohn in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Christus kommt wieder, um seine Herrschaft anzutreten und die Welt zu richten. Der triumphierende Christus, kraftvoll, mächtig, erschreckend und von den ersten Christinnen und Christen, die unter Verfolgung und Mangel litten, heiß ersehnt. Ein altes Bild, das heute selbst in kirchlichen Kreisen nicht mehr sehr wirksam ist. Und wenn ich darüber nachdenke welche Bilder von Christus ich im Religions- und Konfirmandenunterricht vermittle, dann muss ich feststellen: Dieses Bild des in Macht und Kraft wiederkommenden Christus gehört nicht dazu. Warum eigentlich?

Für die ersten Christinnen und Christen war dieses Bild sehr wichtig. Es zeigte ihre Hoffnung. Es gab ihnen Mut in aussichtslosen Situationen auszuharren und ihrem Bekenntnis treu zu bleiben. Sie waren in der Welt in der sie lebten am Rand und ohnmächtig und verfolgt. Und sie konnten dieses Leben nur aushalten, weil sie sicher waren: Das dauert nicht mehr lange. Diese Welt ist am Zusammenbrechen, und was dann kommt, wird alles zum Guten verändern.

Unser Lebensgefühl ist grundlegend anders. Veränderungen sind bedrohlich, denn sie sind wahrscheinlich Veränderungen zum Schlechteren. Heute haben die meisten hier Essen im Überfluss, und genug Geld um sich fast alle üblichen Wünsche erfüllen zu können. Kaum jemand lebt am Existenzminimum. Wir gehören zum reichen Teil der Welt und uns geht es gut dabei. Wenn der arme Teil der Welt auch etwas von unserem Reichtum abhaben will, dann werden wir weniger haben. Mehr Gerechtigkeit in der Welt würde zu unserem Nachteil ausgehen. Mehr Schonung der Umwelt würde für unser möglicherweise weniger Verbrauch und Einschränkung unseres Lebensstandards bedeuten. Wir sind heute auf der anderen Seite. Wir erhoffen grundlegende Veränderungen nicht. Wir fürchten sie.

Stellen wir uns vor: Christus kommt in Macht und Herrlichkeit und kehrt in unseren Verhältnissen das unterste zu oberst. Und unsere Welt gerät aus den Fugen. Wem soll das schon gefallen? Ich glaube, wir gehörten zu denen, die sich dann ängstlich wegducken, und nicht zu denen, die stolz ihre Häupter erheben und ihm hoffnungsvoll entgegenblicken.

Also, was tun wir? Wir suchen in der Bibel nach Bildern von Christus, die uns besser gefallen. Und da gibt es auch jede Menge.

Und doch möchte ich noch einen vorsichtigen Blick nach oben wagen und mich fragen: Was verlieren wir gerade, wenn wir nicht mehr wagen können, unseren Blick zu heben um dem in Macht und Herrlichkeit kommenden Gott entgegen zu blicken?

Wir verlieren eine Menge: Gutes und Schlechtes. Fangen wir mit dem Schlechten an. Wir verlieren die Möglichkeit den Menschen Angst einzujagen vor dem richtenden Gott, und das ist gut. Und wir verlieren den Anspruch im Namen dieses herrlichen Gottes Macht auszuüben. Und das ist auch gut. Kirchliche Machtansprüche und kirchliche Drohpotenziale verstellen den Blick auf die Botschaft des Evangeliums, gut dass wir sie loswerden. Und deshalb bin ich auch sehr vorsichtig geworden im Umgang mit diesem Bild des triumphierenden Christus. Denn es enthält die Versuchung für Christinnen und Christen auf andere herabzusehen und sich als verbunden mit diesem Christus für was Besseres zu halten. Das ist die Gefahr dieses Bildes. Und wir müssen dringend aufpassen, dass wir der nicht erliegen, wenn wir es weiterhin benutzen und es lehren.

Wir verlieren aber auch eine Menge Gutes, wenn wir dieses Bild aufgeben. Denn der wiederkommende Christus ist heute in erster Linie eine Anfrage an uns selbst: Bin ich bereit der göttlichen Macht, Raum in meinem Leben einzuräumen? Rechne ich damit, dass die göttliche Macht groß genug ist, um die Dinge auf den Kopf zu stellen? Oder verfalle ich der Hoffnungslosigkeit, weil bei allem, was schlecht ist in der Welt, man ja sowieso nichts machen kann? Das Bild des in Herrlichkeit kommenden Christus erinnert uns daran, Gott ernst zu nehmen. Die machtvolle Erscheinung unseres Bildes ist nicht zu vergleichen mit dem alten Mann im Rauschebart, der sich im nächsten Jahrhundert nicht dazu aufraffen wird, irgendetwas zu unternehmen. Den können wir getrost einen guten Mann sein lassen, und uns an ihn wenden wenn wir mal etwas Trost brauchen und uns von der Härte des Lebens ausruhen müssen. An den können wir uns erinnern, wenn Konfirmation oder Taufe oder Hochzeit ist, und ihn ansonsten vergessen. Der in Herrlichkeit kommende Christus hat andere Ansprüche an uns und andere Verheißungen. Er beansprucht unsere Zeit und unseren Mut und unsere Phantasie und einfach alles was wir haben und was wir können. Aber wenn wir dem ins Auge blicken, dann schenkt er uns auch mehr als wir in unserem Leben erhoffen können – Erlösung!

In ihm naht unsere Erlösung. In ihm gibt es eine Perspektive weit über unserer kleines Leben und unsere eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten hinaus. Wenn wir damit rechnen: Christus kommt auf uns zu! Dann werden unsere Niederlagen unwichtig. Dann ist es egal, was xy uns angetan hat. Lassen wir uns davon nicht aufhalten. Wir gehen einer Welt entgegen, wo alle Ungerechtigkeit aufgehoben sein wird. Wir gehen einer Welt entgegen, in der kein Kind mehr weinen muss. Es kommt eine Macht auf uns zu, die dafür sorgen wird, dass alle Gewalt ein Ende hat. Und jeder kleine Schritt, den wir in Richtung auf diese Welt machen ist sinnvoll. Und auch wenn wir jetzt denken, es führt zu nichts. Die Gewalt ist stärker. Ist sie nicht! Himmel und Erde und Reiche und Macht, das alles wird vergehen. Alles, womit wir jetzt noch verzweifelt kämpfen, es ist dem Untergang geweiht. Winken wir ihm noch einmal leise hinterher und gehen weiter. Alles vergeht, aber die Worte Gottes, die vergehen nicht. Die sind zuverlässig. So heißt der letzte Satz unseres Predigttextes. Wir müssen uns also nur noch auf sie verlassen.

Ja, aber! könnten sie jetzt sagen, das ist doch so schwer. Klar ist es schwer, aber auch wieder ganz leicht. Bei allem Zweifel, der einen jede Minute überfällt, ist es doch offensichtlich das Einzige, was Sinn macht, weil es das ist, was uns unsere Häupter erheben lässt und uns Hoffnung gibt. Und wer will schon ohne Hoffnung leben. Und selbst wenn sich die Hoffnung nicht erfüllt, so ist es doch besser und schöner mit dieser Erwartung an Gottes Macht zu leben, als mit gesenktem Blick und in Angst das Leben zu verbringen.

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