Wer überwindet …

Die Adventszeit, liebe Gemeinde, ist eine Zeit voller Bilder. Wenn wir abends durch unsere Kreisstadt an den beleuchteten Geschäften vorbeigehen, was sehen wir da nicht alles, was unsere Phantasie anregt und in uns Erinnerungen hervorruft.

Da werden Erinnerungen wach an Adventssonntage mit den Eltern, Großeltern und Geschwistern. Und wer von uns kennt nicht den angenehmen Duft im Hause, der aus der Weihnachtsbäckerei kam.

Da werden Erinnerungen wach, als wir mit dem Vater die letzten Bastelein für das große Fest tätigten. Kerzenduft durchzog die ganze Wohnung.

Und draußen auf den Straßen gibt und gab es viel zu sehen: geschmückte Weihnachtsbäume und Lichterketten, die von Haus zu Haus gespannt sind.

Die Adventszeit ist eine Bilderzeit. Innere Bilder erheben sich vor uns und erwärmen uns das Herz.

Das letzte Buch der Bibel ist die Offenbarung des Johannes. Es ist ein Buch voller Bilder. Bilder, besser gesagt Visionen. Vision reiht sich an Vision. Und oft habe ich schon gehört, dass es für viele von uns ein Buch der Verständnislosigkeit darstellt. Da gibt es Bilder bzw. Visionen von sieben Engeln, sieben Plagen, der siebte Himmel, sieben Sendschreiben, sieben Posaunen, sieben Siegel, sieben Sterne, einen Dieb, weiße Kleider usw.

Alles Bilder, die uns allerdings nicht adventlich warm ums Herz werden lassen. Aus der Offenbarung des Johannes stammt heute unser Predigttext.

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In dem Sendschreiben an die Gemeinde in Sardes unternimmt Johannes den Versuch der Deutung einer schmerzlichen Erfahrung. Das, was Johannes beschreibt, hat er teilweise erlebt, vielleicht sogar mit angesehen und von anderen gehört.

Johannes sagt, was Sache ist. "Man denkt, du lebst, aber du bist tot." Das ist genau so, liebe Gemeinde, wenn uns heute in diesem Gottesdienst jemand sagen würde: unsere Adventslieder sind Totenlieder und der Kerzenduft hier im Raum sei Leichengestank.

Johannes deckt auf, was sich abspielt. Er offenbart die verborgene Wahrheit der Opfer seiner Zeit. In der Gemeinde von Sardes kommt Jesus Christus irgendwie noch in der Frömmigkeit der Menschen vor und auch in den Gottesdiensten ist von ihm noch die Rede.

Doch, dass Jesus Christus der einzige Trost in unserem Leben und im Sterben ist, diese Überzeugung ist bei den Christen und Christinnen in der Gemeinde von Sardes verblasst. Jesus Christus ist nicht mehr der Herr, der alles , aber auch alles auf den Kopf stellen kann und von Grund an alles ändern kann.

Wie sieht das bei uns aus, heute morgen hier im Gottesdienst am dritten Advent? Wer von uns kann schon sagen, dass er oder sie noch nie Angst hatte. War Jesus Christus dann wirklich der einzige Trost? War uns dann wirklich bewusst, dass er es war, der das Blatt dann gewendet hat?

Unsicherheit, Furcht und Ängste kommen besonders in zwei Abschnitten unseres Lebens vor und zwar in den Anfängen unseres Lebens und in den letzten Jahren. Am Anfang können wir nicht wissen, was wir so alles erleben werden. Und heute, heute wollen wir nicht so recht glauben, dass auch das Ende ein neuer Anfang werden kann.

Immer dann, wenn unsere Angst groß ist, wendet sich Jesus Christus zu uns, der unser Bruder wurde und der ganz anders ist, als wir es sind.

Wir sind egoistisch. Er ist die Liebe. Wir werden gerichtet werden und er ist der Richter. Wir haben Angst und Zweifel. Er ist die Hoffnung zum Leben. Wir sind vergänglich. Er aber ist auferstanden und lebt. Wir warten auf das Reich Gottes und er sitzt zur Rechten des Vaters.

Dieser Christus bietet uns in seiner Einzigartigkeit die einzige Chance zum Überleben an.

Liebe Gemeinde, "Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln", heißt es in unserem Predigttext.

So wie damals in Sardes ist es auch heute noch recht gefährlich wenn wir den christlichen Glauben mit einem materiell erworbenen Besitz verwechseln. Mein Hab und Gut kann ich zu Hause aufbewahren und Sorge dafür tragen, dass ihm nichts geschieht.

Doch mit dem Glauben, liebe Gemeinde, da sieht das schon ganz anders aus. Den Glauben, den können wir nicht so einfach nach Hause tragen, ihn aufbewahren und ihn pflegen.

Der Glaube kann von außen her z.B. durch intellektuelle Einwände, ich denke hier an das kommunistische Manifest, angefochten werden. Und die Massenmedien mit den unzähligen Satire- sowie Comedy-Sendungen, wie z.B. Wochenshow, Samstag-Nacht oder TV-Kaiser, um nur ein paar zu nennen, tun das Notwendige dazu. Unser Glaube kann aber auch von innen heraus durch die abgestumpfte Macht der Gewohnheit ausgehöhlt werden.

Bei unserem Predigttext, liebe Gemeinde handelt es sich um einen offenen Brief an die Gemeinde in Sardes, deren kritischer Zustand schonungslos aufgedeckt wird. Dort hatte es einmal ein blühendes Gemeindeleben gegeben. Und dann wurde alles zur Routine.

Es erstaunt mich schon, dass gerade diesen Christen eine großartige Zukunft in Aussicht gestellt wird. Sie sollen mit weißen Kleidern angetan werden. Ihr jämmerliches Versagen soll ihnen nicht angelastet werden und ihr Leben soll total erneuert werden. Und Christus will sich vor Gott zu ihnen bekennen, obwohl sie ihn bitter enttäuscht haben.

Das klingt beruhigend. – Muss das den müde gewordenen und in die Krise geratenen Glauben nicht erst recht einschläfern?

"Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln"

"Wer überwindet …", an diese Bedingung hat Christus seine Verheißung geknüpft. Die tote Christenheit muss aus ihrem Schlaf der Sicherheit aufgeweckt werden.

Erinnert euch daran, wie ihr die Botschaft anfangs gehört und aufgenommen habt! Richtet euch doch nach ihr und lebt wieder wie damals! Werdet wach und stärkt den Rest, der noch Leben hat, bevor er vollends stirbt.

Wir allerdings meinen immer, dass wir zuerst mit unseren Zweifeln und Krisen fertig sein müssen, ehe wir dann auf den anderen zugehen.

Christus aber meint: So werdet ihr niemals fertig werden. Messt nicht ständig den Pulsschlag eures Glaubens, sondern richtet Verzweifelte auf und besucht Kranke. Dann wird eure Glaubenskrise überwunden werden. Dann werdet ihr selbst überwinden und für immer zu Gott gehören.

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