Wer sich bückt der findet Gott

Ein Kind fragte einmal einen Rabbi: „Warum finden die Menschen heute Gott nicht mehr?“, der Rabbi überlegte kurz und antwortete: „Weil sich niemand mehr so tief bücken will.“
Ich finde das ist ein sehr nachdenkenswerter Satz. Man findet Gott nicht, wenn man sich nicht bücken will. Wer will das schon- sich bücken, sich klein machen, sich unterordnen, dem andern dienen. Das ist nicht modern- man gibt viel von dem auf, was man sein will. Wer sich bückt ist nicht groß. Wer sich bückt kann nicht auf andere herabschauen. Wer sich bückt muss zu anderen aufschauen.

Dieser Satz des Rabbis, liebe Gemeinde, hat mit unserem heutigen Predigttext ganz viel zu tun. Hören wir jetzt Matthäus in seinem 11. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, da haben wir es wieder: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Irgendwie geht es hier um die, die gebückt, gebeugt wurden. Es geht hier nicht um diejenigen, die schon alles haben im Leben. Es geht nicht um diejenigen, die immer gut drauf sind und die alles können und die immer schon Bescheid wissen. Es geht nicht um diejenigen, die alles in die Hand nehmen und perfekt organisieren können und es geht nicht um diejenigen, die reich sind und ihr Leben in ihrer eigenen Hand haben. Es geht Jesus um die, deren Leben Mühe macht und die Lasten mit sich herum tragen. Die Menschen spricht er an, die krank sind oder manche fallen mir ein, die einfach arm dran sind, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht und weil vieles in ihrem Leben gegen sie gelaufen ist. Diejenigen sind gemeint, die mit sich selbst nicht mehr viel anzufangen wissen- Menschen also, die abgedriftet sind, die Alkoholiker geworden sind und die Drogen nehmen: Menschen, die am Abgrund stehen. Es gibt auch die Leute dazwischen. Vielleicht sind das Sie und ich. Menschen halt, die Phasen haben in denen alles leicht von der Hand geht. Es klappt einfach alles. Die Arbeit macht Spaß, in der Familie läuft es, man ist gesund. Und dann gibt es wieder Phasen, wo man verzweifeln könnte – so Tage an denen nichts läuft und wo einem die Haare zu Berge stehen. Eine Last sind solche Tage. Und es ist gut sich dann zu erinnern, dass Jesus gesagt hat – „Ihr könnt zu mir kommen.“

„Erquicken“ will uns Jesus, wenn wir zu ihm kommen. Noch so ein Wort, das mich anspricht. In diesem Frühjahr finde ich es besonders schön. Noch vor wenigen Tagen haben wir den Regen herbeigesehnt, der uns erquickt, vielmehr die Natur erquickt. Das ganze Frühjahr war trocken, der frisch angesäte Rasen in unserem Garten wurde von den Vögeln aufgefressen- nichts ist gewachsen. Jetzt sieht es anders aus – grün ist es und es blüht – es ist wunderschön! Die Natur wurde zum Leben gerufen. So ähnlich stelle ich es mir vor, wenn Gott den erquickt der mühselig ist und beladen. Da wächst wieder etwas, da entsteht etwas, da öffnet sich jemand für andere und für sich selbst – wird ansprechbar und spricht an. Dieses Erquicken kann so toll und völlig sein, dass man alles Leid und alle Mühsal, die vorher da war auf einmal vergisst; das ist gar nicht mehr so wichtig – spielt eine untergeordnete Rolle, macht nichts mehr aus. Es geht einem einfach gut – jetzt.

Ich erinnere mich: Der Rabbi sagte, dass die Menschen Gott nicht mehr finden, weil sie sich nicht tief bücken wollen. Ich weiß- im Leid kann ich Gott auch finden. Wenn ich gebückt werde, wenn es mir nicht so gut geht suche ich nach einem Ausweg und es fällt mir wieder Gott ein. Das geht nicht nur mir so, sondern vielen Menschen. Viele Menschen sind im Krankenhaus auf einmal ganz anders auf Gott ansprechbar als sonst im Alltag. Viele erinnern sich in einer Notlage an die Kirche und erwarten Hilfe. Ja, dann ist eben Gott da- er wird förmlich gesucht in den Menschen, die ihn kennen. Sonst ist er auch da, wenn ich scheinbar die Hilfe nicht brauche. Nur dann such e ich nicht nach ihm und spüre nichts von Gott.

Ja, da fallen mir wieder diese anderen Menschen ein, die ich vorhin karikiert habe – die, die immer schon alles selbst gut können und niemanden brauchen. Ich glaube sie sind die Belastetsten überhaupt. Immer stark sein zu müssen, immer Recht haben zu müssen, immer alles wissen zu müssen ist eine Last. Auch sie darf bei Jesus abgegeben werden. Nur diesen Menschen fällt es eben besonders schwer sich zu bücken und auf Gott zuzugehen. Keine Angst: Gott kommt auch auf sie zu.

Liebe Gemeinde, wer Jesus nachfolgt der ist aufgerufen auch das Joch Jesu auf sich zu nehmen. Dass es hier heißt, dass dieses Joch sanft ist und die Last leicht ist, wir können es nicht so ganz verstehen. Heißt es doch ein paar Kapitel vorher in der Bergpredigt, dass wir unseren Feinden vergeben und verzeihen sollen und vieles mehr, was Ansprüche an uns stellt, die wir kaum erfüllen können. Vielleicht aber ist es dann doch nicht so schwer, dieses Joch Jesu. Sein Joch beinhaltet doch „Sanftmut“ und „Demut“. Sanftmut und Demut drücken für mich eine Glaubenshaltung aus, die mich an etwas Kindliches erinnert. Sanftmut und Demut – das heißt im Glauben leben und vom Glauben alles erwarten. Sanftmut und Demut, das heißt im Leben mit Gott bereit sein auch Ungutes mit hinzunehmen. Sanftmut und Demut heißt so wie ein Kind auf die Eltern vertraut, so soll der Mensch auf Gott vertrauen.

Es gibt einen Lohn für solches Vertrauen: „Man findet Ruhe für seine Seele“. Etwas Schöneres kann ich mir eigentlich nicht vorstellen als ein ruhiges Gewissen, als ein entspanntes Leben, das mit so vielen Menschen wie möglich im Einklang lebt. Etwas besseres kann ich mir nicht vorstellen als mit Gott im Einklang zu sein und zu wissen er will mir Ruhe geben. Ruhe nach der ich mich sehne bei dem Stress und der Hektik die ganze Woche über. Ruhe heißt doch – das Telefon klingelt einmal einen ganzen Tag nicht. Ruhe heißt doch- einmal ausschlafen zu können und eine tiefe Zufriedenheit zu finden. Die Ruhe, die Gott geben will geht weiter als ein Tag ohne Telefon oder ein Ausschlafen bis 10.00 Uhr, viel weiter. Eine Art „Lebensruhe“ könnte es sein. Ich nehme mich und das, was ich tue nicht zu wichtig. Ich weiß meinen Platz an der Arbeitsstelle kann jederzeit ein anderer einnehmen. Ich weiß, das was ich sage ist eine Momentaufnahme und keine ewig gültige Wahrheit. Ich weiß, ich kann Fehler machen und sie werden mir vergeben durch Gott. Ruhe für die Seele, Ruhe für die Mühseligen und Beladenen. Ich bin froh, dass Gott mir das anbietet. Ich bin froh, dass ich wissen darf: Ich kann Gott erfahren wenn ich mich bücke, wenn ich das auflese, was er vor mir ausgebreitet hat. Ich will mich danach bücken und von seiner Ruhe empfangen. Ich will Gott begegnen, egal ob gebückt oder gerade. Ich will Gott begegnen auch wenn ich mich dazu bücken muss, denn ich brauche seine Nähe.

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