Wer ist Maria?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

ich will es mit verschiedenen Annäherungen an ein wahrlich schwieriges Thema, an einen borstig-schönen, widerständigen und doch ansprechenden Text versuchen. Denn es gibt Fragen, die mich umtreiben:

Wir begegnen heute morgen, kurz vor Weihnachten, einer jungen und dazu noch singenden Frau!

Und was liegt da näher als anzunehmen, dass sie wohl allen Grund dazu gehabt haben muss. Wenn ich gut gelaunt durch die Straßen ziehe, dann kann es passieren, dass Leute mich ein Lied singen oder pfeifen sehen. Das haben schon meine Konfirmanden schmunzelnd festgestellt. So könnte es bei Maria ja auch gewesen sein – aber der äußere Schein trügt! Eigentlich hat sie gar keinen Grund ausgelassen und fröhlich zu singen. Ist doch ihre Lebensplanung gerade kräftig durcheinander gekommen. Anders als ihre singenden Vorfahren, z.B. Hanna oder Rahel oder auch Sara, hat sie nicht lange und verzweifelt darauf gewartet, endlich ein Kind unter ihrem Herzen zu tragen. Ganz im Gegenteil: ihr Schicksal ist sprichwörtlich geworden: sie ist wie die Jungfrau zum Kinde gekommen.

Das allein ist schon genug Niedrigkeit in den Augen anderer.

Was hatte sie denn anderes als ein Wort des Engels und das Kind ihrer Cousine Elsabeth als Zeichen dafür, dass wirklich etwas Großes und Wunderbares mit ihr und durch sie geschieht?

Dennoch singt sie ein Lied, dass von der Treue und Barmherzigkeit Gottes erzählt und von einer Gerechtigkeit handelt, die unserer Erfahrung diametral entgegensteht: wo werden Mächtige vom Thron gestürzt und gehen Reiche leer aus?

Unsere Erfahrung seit Marias Tagen lehrt uns doch: wer viel hat, dem wird noch mehr dazugegeben und daran können die Kleinen nichts ändern, sie müssen es vielmehr ausbaden!

Aber Maria singt, sie singt mit Inbrunst, mit Leidenschaft, sie singt prophetisch, weil sie eine traumhafte Zukunft vor sich sieht und in sich spürt; sie singt, weil sie dafür nicht die Last der Verantwortung tragen muss, diesen Traum nicht durch Taten ihrer Hände verwirklichen muss.

Woran aber liegt dass nun, dass Maria so, gerade so singen kann, wie sie es tut?

Marias Lied führt uns an einen wunden Punkt unserer Gemeinschaft mit katholischen Schwestern und Brüdern. Dort wird diese junge Frau, die hier singt, selbst besungen und verehrt, aber einmal Hand aufs Herz, solche und noch viel weitergehende Marienfrömmigkeit, wie sie nur einige Kilometer von hier jenseits der Oder schon selbstverständlich ist, ist uns gänzlich fremd, selbst wenn sie zur Zeit der Reformatoren noch selbstverständlich war ! Wir haben diese Lieder umgedichtet, oder singt noch einer von uns zum Weihnachtsfest:

Das Röslein das ich meine,
Davon Jesaias sagt:
Ist Maria, die Reine,
Die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ew’gen Rat
Hat sie ein Kind geboren
Und blieb ein‘ reine Magd?

Sicher gilt Maria, der jungen, hilflosen Mutter, ausgeliefert den Konventionen, Vorurteilen und Ungerechtigkeiten ihrer Zeit unsere Sympathie. Maria, selig gepriesen unter den Frauen von nun an von allen Geschlechtern, das ist in unseren Augen befremdlich.

Maria als eine junge Frau, die am eigenen Leib erfährt, was Gott an und mit uns Menschen tun kann, darauf können wir uns einlassen, Maria als die Magd in ihrer Niedrigkeit, in ihrem Schicksal als Frau in einer frauenfeindlichen Umgebung ist Gegenstand vieler evangelischer Betrachtungen und Lieblingskind vieler feministisch-theologischer Texte.

Aber Maria, die in alten Glaubenszeugnissen Gottesmutter und Gottesgebärerin genannt wird, um genauso wie mit der Vorstellung von der Jungfrauengeburt auszudrücken, dass es wahrhaft Gott ist, der durch sie zur Welt kommt, entzieht sich unserer Vorstellungskraft und Frömmigkeit.

Wer also ist diese junge Frau, die so großartig mit den Liedern und Bildern des alten Gottesvolkes singt?

Viele haben versucht in Marias altes Lied neu mit einzustimmen. Das provozierendste und zugleich entfremdendste Lied stammt wohl von D.Sölle, wo Menschen zu befreit Handelnden und die Wirklichkeit Verwandelnden werden, wo der Traum von der Revolution zur Revolution unterdrückter Träume wird: (in Auswahl)

Heute sagen wir das so: meine Seele sieht das Land der Freiheit und mein Geist wird aus der Verängstigung herauskommen, die leeren Gesichter der Frauen werden mit Leben erfüllt und wir werden Menschen werden von Generationen vor uns , den Geopferten , erwartet.

Die große Veränderung, die an uns und durch uns geschieht, wird mit allen geschehen oder ausbleiben …

Wir werden unsrer Besitzer enteignen und über, die das weibliche Wesen kennen, werden wir zu lachen kriegen. Die Herrschaft der Männchen über die Weibchen wird ein Ende nehmen , aus Objekten werden Subjekte werden, sie gewinnen ihr eigenes bessere Recht …

Gerade aus diesem Kontrast, aus dieser ganz anderen Melodie heraus, stellt sich noch einmal die Frage: Wovon singt Maria eigentlich?

Fragen über Fragen und der Versuch einer Antwort!

Maria singt, weil sie voller Erwartung ist. Maria singt, weil sie vom Kommen Gottes in diese Welt ergriffen ist. In ihr und mit diesem Kind, das der Sohn des Höchsten genannt werden soll, denn so hat es ihr der Engel gesagt, leuchtet etwas von dem auf, was Gott schon immer getan hat, wie Menschen ihn schon immer erfahren haben, nämlich als den, der ihnen in den Niederungen, Gefährdungen und Enttäuschungen ihres Lebens über den Weg läuft. Sie singt, weil sie weit vorausschaut, wie dieses Kind den Niedrigen begegnen wird. Sie singt das Lied des Evangeliums, das Lied der Botschaft, die noch erzählt werden muss und erzählt werden wird. Sie singt das Lied Gottes, der sich den Niederungen menschlichen Lebens aussetzen und alle mit den Augen der Liebe anschauen wird. Wie jemand es einmal gesagt hat. Er wird sie in der Asche ihres Lebens ansehen. – die Schwiegermutter des Petrus (Lukas 4), wie sie krank daniederliegt, den Fischer Petrus (Lukas 5), der vor Furcht am liebsten fliehen würde , den Gelähmten, den sie an der drängenden Menge durch das Dach zu ihm herablasen müssen (Lukas 5), den kleinen Zachäus, der sonst nur mit Spott und Verachtung wahrgenommen wird (Lukas 19), ja selbst am Kreuz wird er noch für seine Peiniger beten (Lukas 23). Es ist die sanfte Revolution der Liebe, die Maria jetzt schon sieht und die singen lässt. Gotte Revolution ist deshalb schon sympathisch, weil in ihr gesungen und nicht geschossen wird ( J.Seim). Maria singt das Lied , von dem wir heute noch ergriffen werden, weil dieser menschgewordene Gott selbst uns in den Niederungen, in den Ängsten, in den Verzweiflungen unsres Lebens anschauen und bewahren will.

Maria singt als ein Mensch, der Vertrauen wagt, viel weitergehend als wir es uns vorstellen können und als es uns wohl bisher abverlangt wurde. Sie singt als ein Mensch, der nichts in den Händen hatte als ein Wort, dessen Wahrheit sich erst noch erweisen musste, als der Engel von ihr ging, so wie einst Abraham, als er auf ein Wort Gottes hin alles zurückließ und in eine unbekannte Zukunft aufbrach. Das ist Glaube. Und so ist Maria die Glaubende, die Vertrauende schlechthin, nicht nur Mutter Gottes, sondern Zeugin und Mutter des Vertrauens. So, denke ich, können wir Christen von ihr erzählen, von ihr singen, sich von ihrem Leben und ihrem Weg ermutigen lassen. Auch wir müssen nicht alles tun und alles bewerkstelligen, wir müssen nicht die Welt verändern, wir müssen nicht Gottes Kampf zu Ende kämpfen, wir müssen nicht die Welt auf den Kopf stellen, damit das Obere nach unten und das Untere nach oben gekehrt wird. Wir dürfen wie Maria innehalten und antworten als Menschen des Glaubens: ich bin des Herren Magd und Diener, mir geschehe , wie du gesagt hast. Wir sind nicht Gottes Gerichtsvollzieher, bestenfalls seine Handlanger! Und das kann schon viel verändern.

Maria singt ein Lied von dem, was bei Gott immer wieder möglich ist!

Sicher ist es leichter unter uns zu erzählen, wie Hungernde gesättigt, wie einstmals Mächtige in die Wüste geschickt wurden, als an anderen Plätzen des Weltgeschehens Unsere eigene Geschichte enthält genügend Beispiele dafür. Aber nehmen wir das, was wir heute schon an Freiheit und Wohlstand, an Gleichberechtigung und Mitbestimmung erreicht haben, überhaupt noch als Wunder wahr?

Marias Lied ist noch nicht zu Ende. Wovon sie singt , ist unter uns immer noch im Werden. Aber dieses Lied lässt sich nicht zum Verstummen bringen, sowenig wie die Lieder des Advents und der Weihnacht, die Gottes Kommen in diese Welt besingen. Wenn es allein unsere Lieder wären, wenn sie nur davon sängen, was wir getan haben und noch tun können, dann wären sie längst schon verstummt. Marias Lied hat seine Kraft daraus, dass Gott derjenige ist, der handelt und das Ziel fest im Blick behält, der uns ansieht und heute schon das Ende kennt. Die Kraft und die Wahrheit dieses Liedes lebt davon, dass Gott immer und immer wieder sich seiner Diener annimmt. Das ist Gottes Größe, seine Heiligkeit und seine Barmherzigkeit . Und davon ist zu singen, auch unter uns!

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