Wer ist der?

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder –

„Wer ist der?“ fragen die aus dem Sturm geretteten Jünger, eben noch in Seenot viel zu weit draußen auf dem See. „Wer ist der?“ fragen die, die ihn hören: „Denn er lehrte gewaltig und nicht so, wie die Schriftgelehrten.“ „Wer ist der?“ fragten die, die miterlebt hatten, wie er den Menschen geheilt hatte, der immer wieder außer sich geriet. „Sogar das, vor dem wir zurückzucken, langt er an – und macht es verstummen und Menschen heil.“ „Wer ist der?“ fragen die, die zu Johannes gehören. „Bist Du der, dessen kommen verheißen ist oder sollen wir auf einen anderen warten?“ „Wer ist der?“ fragen die Pharisäer, zornig, weil er das gut eingerichtete System der Religion durcheinanderbringt: „Er isst und trinkt mit den Zöllnern, Sündern, mit dem Gesindel, den Ausgegrenzten.“ „Wer ist der?“ So fragen die Leute in Jerusalem, als er unter dem Jubel und Geschrei des Volks in die Stadt einzieht. „Wer ist der?“ ist das nicht auch unsere Frage? Wer ist der, in dessen Namen wir zum Gottesdienst zusammen kommen, in dessen Auftrag wir taufen, das Herrenmahl feiern, auf dessen Wort hin wir darauf vertrauen, dass Leben mehr ist als geboren werden und Sterben, in dessen Namen wir die Vergebung empfangen, in dessen Namen wir immer wieder und mit unterschiedlichem Erfolg versuchen, unseren Alltag anders zu leben: nach seinen Maßstäben? „Wer ist der?“

„Als sie nun in die Nähe von Jerusalem nach Betfage am Ölberg kamen“ Eine zwielichtige Geschichte, dieser Einzug in die Stadt Jerusalem: Was zwingt Jesus aus der vergleichsweisen Sicherheit Galiläas aufzubrechen und nach Jerusalem zu gehen. Weiß er denn nicht, dass spätestens seit der Auferweckung des Lazarus sein Tod beschlossene Sache ist? Warum gerade Jerusalem? Ist er blauäugig oder ist das Absicht? Jerusalem ist nicht eine beliebige Stadt, auch nicht nur die Metropole des Landes – Jerusalem ist „ir ha shalom“, Stadt des Friedens. Die Stadt, in welcher der Friede wird, aus welcher der Friede kommt. Hier hat Melchisedek, Priester des Allerhöchsten, vor Urzeiten dem Abraham Brot und Wein gereicht und ihn gesegnet, hierher wurde die Bundeslade gebracht, hier steht der Tempel Gottes, hier wird gebetet, geopfert. Jerusalem ist die Stadt der Profeten. Hier in Jerusalem muss allen deutlich werden, wer er wirklich ist: „Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem und des Menschen Sohn wir Schriftgelehrten und Hohepriestern offenbart werden; und sie werden ihn zu Tode verurteilen, den Gottlosen überstellen, damit er verspottet, geschlagen und gekreuzigt wird.“ hat er seinen Jüngern gesagt. Er weiß, was kommt – auch das „Und am dritten Tag wird der Menschensohn auferstehen.“ Nicht Willkür oder Sendungsbewusstsein oder Martyrium bringen ihn auf den Weg nach Jerusalem, sondern der Wille seines Vaters. „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat und sein Werk vollende.“

Er kommt einfach. Nicht wie ein König – wie ein Diener, ein Knecht. Kein Streitross, Kriegswagen, Königsgewand, Zepter – ein Esel: das Tier des Alltags, der Arbeit, der Lasten, der Mühe und in der biblischen Verheißung das Tier des Friedens. Er, der fordern könnte ist der, der bescheiden anklopft und wartet, bis ihm aufgetan wird. Er – Gottes Sohn. Heute noch: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an – wer mir auftut, bei dem will ich eintreten und das Mahl mit ihm halten oder er oder sie mit mir.“ Wer ihm vertraut, muss an diesem Jesus vertrauen. Wer ihn liebt, muss diesen Jesus lieben. Wer auf ihn hofft, muss auf diesen Jesus hoffen. Wem es um Nachfolge geht, muss diesem Jesus folgen. Ja: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Der Mann auf dem Esel ist der Mann, der Leben heil macht und der, der sein Leben hergibt: am Kreuz. Nicht nur der Friede Gottes, auch der Friede der Welt kommt durch ihn und sonst nicht zustande. Auf diesem Weg. Auf diese Weise.

Und so sehen ihn auch die, die in Jerusalem das sagen haben – sehen sie ihn wirklich so? „Wer ist der?“ auch ihre Frage. Oder liegt die Antwort schon parat, ist er schon eingeordnet in die gängigen Schubladen damals wie heute: Unruhestifter, gefährlich, Revoluzzer. Kann es sein, sollte die Frage von ihnen gestellt worden sein, dass in der Frage schon maßlose Geringschätzung liegt? „Was will der hier? So kann man doch keine Politik machen – Seligpreisungen! Was soll das?“ Was halten sie damals, was halten die Großen heute von ihm? Aber: Der Mann auf dem Esel ist der Mann, der Leben heil macht und der, der sein Leben hergibt: am Kreuz. Nicht nur der Friede Gottes, auch der Friede der Welt kommt durch ihn und sonst nicht zustande. Auf diesem Weg. Auf diese Weise.

„Wer ist der?“ so fragt sich Jerusalem. Und die Leute antworten „Hosianna dem Sohn Davids – gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ So heißt es nicht im Volksmund – das sind Worte des 118. Psalms, Wallfahrtslied auf dem Weg nach Jerusalem. Vielleicht haben sie sich nicht viel dabei gedacht, als sie beim Einzug nach Jerusalem so rufen – kann sein. Vielleicht war da auch eine Ahnung, dass da mehr kommt als ein galiläischer Wanderprediger und Wundertäter. Vielleicht auch das: „Das ist Jesus aus Nazaret, der Profet aus Galiläa.“ Und dann hat sich Gott aus dem Mund der Unmündigen, den Toren und Dummen, den Armen und Verachteten, aus dem Mund derer auf der Strasse Zeugen erschaffen. Die waren ihm gut genug. Deren Mund, deren Zeugnis und nicht das der Machtverwalter und Religionsbesitzer. Nicht dass deren Wort mehr zählte, deren Hoffnungen stärker gewesen wäre – Tage später skandieren sie: „Ans Kreuz mit ihm!“ – Doch das beweist nicht, dass Sies heute unehrlich meinen, sondern zeigt nur, was aus Menschen wird, die in raffinierte Hände fallen und sich verführen lassen. Die Geschichte kennen wir.

„Wer ist der?“ die Frage auch heute, auch uns. Wer ist er für uns? Heute? Der, von dem wir alles, wirklich alles erwarten wollen? Der, dem wir Leben und Sterben anvertrauen?

Und auch die Frage: „Wo ist er?“ Auf einem Esel, damals. Auf dem Königsweg. Auf dem Friedensweg. Auf dem Leidensweg. Bei den Menschen, ganz nah bei den Menschen. In seinen geringsten Geschwistern damals. Und heute. Und nahe. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Hier, jetzt. Und – wenn wir nur wollen – morgen wieder.

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