Wenn´s dunkel wird, ist ER es

Liebe Gemeinde,

eine Geschichte muss ich euch weiter erzählen, die ich gelesen habe (nach Hoffsümmer), ein achtjähriger Junge ist beim Spielen in einen tiefen Schacht gefallen. Verwirrung und Panik brechen aus, Menschen rennen, schreien durcheinander – Aufregung überall. Endlich kommt die Feuerwehr – mit Leitern, Schaufeln, Stricken. Angestrengt horcht man in den Schacht- niemand weiß, ob das Kind noch am Leben ist.

In der allgemeinen Unruhe und bei allem Geschrei bleibt ein Mann erstaunlich ruhig: Es ist der Vater des Jungen. Die Menschen sehen, wie er sich langsam dem Rand des Schachte nähert. Für einen Augenblick halten die Leute den Atem an. Dann sehen sie, wie sich der Vater über die Öffnung beugt.

Im selben Augenblick ertönt unten ein gellender Schrei. Sein Sohn lebt. Weil der Vater sich über den Schachtrand beugte, wurde es dunkel in dem Loch. Dadurch geriet der Junge in panische Angst und er schrie. Da hört man die Stimme des Vaters: Keine Angst, ruft er in den Schacht hinein – keine Angst. Wenn es dunkel wird, dann bin ich es.

Das Geschrei verstummt. Ruhig erklärt der Vater seinem Sohn, was er zu tun und zu lassen habe. Dann lässt er
ein langes Seil hinunter und weist seinen Sohn an, es unter den Achseln zu befestigen. So wird der Junge behutsam aus dem Schacht gezogen und bald ist das Kind gerettet.

Liebe Gemeinde, die Angst des Jungen im dunkeln Schacht war bestimmt nicht verschwunden. Aber sie hatte ihre
tödliche Macht verloren. Wenn es dunkel wird, dann bin ich es, so hatte es der Vater gesagt und so war es im Herzen des Jungen angekommen. Wenn es dunkel wird, dann ist er es, der Vater.
Das half dem Jungen, das bewahrte ihn.
Und ist es uns nicht mitunter auch schon so gegangen wie dem Kind? Ich denke an die dunklen Löcher unseres
Lebens – wo wir nicht aus noch ein wussten.

Ist Gott uns mitunter nicht gerade dort so ganz nahe gekommen.
Wenn es dunkel ist, dann bin ich es. Die Ängste – sie sind da aber sie lähmen nicht mehr, wir werden wieder
handlungsfähig, beweglich, wir denken plötzlich in andere Richtungen anstatt nur auf unser Unglück zu starren.

Dass, wenn es dunkel wird, ER es ist, seit Jesus haben wir das verstanden. Jesus ist nicht weltfremd und
abgehoben – jenseits der Welt, ungreifbar. Er hat schon von Anfang an gesagt: Menschen, die sich auf Gott
verlassen, erwartet nicht unbedingt ein schöneres Leben, ein Leben gar in Glück und Freude und Reichtum. Kein
Paradies ist es, was Jesus uns vor Augen gezaubert hat. Jesus sagt ganz deutlich: Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.

Ein Blick in die Kirchengeschichte lehrt, dass Jesus mit seinen Befürchtungen recht gehabt hat. Besonders der Beginn unserer christlichen Religion ist mit Märtyrerblut getränkt. Heute, der 1. Juni ist der Erinnerung an den Märtyrer Justin bestimmt.

Justin kommt aus einer griechisch-heidnischen Familie, aus dem heutigen Nablus, dem biblischen Sichem. Er studiert Philosophie – die Stoiker, Peripatetiker Pythagorer und : er ist enttäuscht. Er findet dort auf seine
Lebensfragen keine Antwort. Platon ist für ihn ein Lichtblick – aber das Zeugnis eines alten Christen aus Ephesus berührt sein Herz. Justin lässt sich taufen. Das Christentum wird ihm zur Philosophie seines Lebens. Fortan sucht er das Gespräch zwischen Philosophie und Christentum und wird zum Anwalt der Christen.

In Rom sammelt er selbst Schüler um sich. Er wird 165 um seines Glaubens willen mit sechs seiner Schüler enthauptet. Sein Zeugnis als Märtyrer, als Apologet und Anwalt der Christen aber ist bis heute nicht vergessen.

Liebe Gemeinde,
Zeugen Gottes ist kein besseres, leichteres Leben vorbehalten, auch wenn das Blutzeugnis von uns heutigen
Christen in der Regel nicht mehr abverlangt wird.

Aber wir kennen dennoch auch bedrückende Situationen als Christen – zum Beispiel von anderen belächelt zu werden, als dumm eingestuft zu werden, weil man seine Kirchensteuer noch immer zahlt, unverstanden zu werden, weil man an seinem Glauben festhält, auch wenn einem selbst Not und Krankheit und Angst überfallen.

Jesus weist eindringlich darauf hin, dass Christen Angst und Leid in der Welt nicht erspart bleiben.

Aber er macht auch darauf aufmerksam, dass es oft parallel zu Angst und Dunkelheit im Leben eines Menschen, es eine andere im wahrsten Sinne merkwürdige Erfahrung gibt: Ihr seid meine Zeugen. Ihr werdet Gottes Zeugen sein.

Justin ist solch ein Zeuge geworden und mancher nach und vor ihm. Auch sie haben es erfahren: Wenn es dunkel wird, ist er da. Und seit dem gibt es für Christen nur eine Antwort, auf die Dunkelheit: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, aber unser Herr kommt!“ (Gustav Heinemann)

Unser Herr kommt. So dürfen wir trotz aller Dunkelheit Glück empfinden. Wenn es dunkel wird, dann ist es der Vater im Himmel, der über uns wacht – nicht nur über dem Kind, das in den Schacht fiel. Gott ist über uns, über jeden Menschen, dessen furchtsames Herz von so vielen Plagen und Nöten bedrückt ist. Gott ist über uns – und aus dieser Gewissheit, dürfen wir Mut und Kraft schöpfen nie verlassen zu werden. Ja mehr noch: Aus dieser Gewissheit aus Gott Nähe wird uns die Kraft wachsen, seine Zeugen zu sein. Dazu helfe uns Gott.

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