Wenn Gott schweigt

Anfang voriger Woche wartete ich im Neubau der Schaumburger Schule auf den Unterrichtsbeginn. 4. Stunde, Kunst, eine 8. Klasse, zu der einige unserer Konfirmanden gehören. Der Anlass: Am Reformationstag, 31. Oktober, haben wir hier einen Jugendgottesdienst zum Thema "Was mir die Bibel bedeutet." Um bei Schülern, aber auch etlichen Lehrern, die mit der christlichen Überlieferung wenig vertraut sind, von vornherein Aufmerksamkeit zu erregen, hatte ich eine Bibel dabei. Nicht diese hier, sondern ein antikes Stück, das sonst im Gemeindesafe verwahrt ist. 12 Kilo schwer. Die Schüler sind neugierig und sprechen mich reihenweise an. Was ist das, fragt ein kleiner ausländischer Junge, ist das ein Zauberbuch? Die anderen drängen ihn zurück. Hau ab, Murat, das geht dich nichts an, das ist eine Bibel! Nicht viel anders geht es der Frau, von der hier berichtet wird. Auch sie sieht in Jesus nicht mehr als einen Zaubermann. Dafür ist sich Jesus zu schade. Deshalb sagt er erst mal gar nichts.

Die Jünger sind erst recht verärgert. Da wollten sie endlich mal einen Tag ausspannen. Deshalb ziehen sie sich aus den Orten zurück, wo Jesus täglich lehrt und wirkt. Wahrscheinlich sind sie schon frühmorgens aufgebrochen. Sie wollen einmal abschalten von dem ständigen Inanspruchgenomnensein durch eine Unmenge ständig neuer Leute. Da bietet sich die Gegend von Tyros und Sidon an, außerhalb der Grenzen Israels, an der Küste des Mittelmeeres. Hier kann man endlich einmal für sich sein. Aber die Ruhe währt nicht lange. "Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du sohn Davids, erbarme dich meiner!"

Das laute Schreien unterbricht die schöne Ruhe, nach der sich die Männer um Jesus tagelang gesehnt haben. Wie lästig. Wie peinlich und auch unheimlich, wenn ein erwachsener Mensch seine Fassung verliert und laut schreit. Aber diese Frau hat nicht alle Tage geschrien. Sonst hat sie ihre Not, ihre schwere Lage, mit der behinderten Tochter leben zu müssen, still ertragen. Aber jetzt Moment schreit sie. In dem Moment, als Jesus von Nazareth unerwartet in dieser Gegend auftaucht, die sonst kein Jude aufsuchte. Das Weinen und Schreien dieser Frau hat eine Adresse, hat ein Ziel: Jesus. Es war ein Wissen in ihrem Schreien. Sie war zwar nur eine Kanaanäerin. Das heißt, sie war in den Augen der Juden eine arme, unwissende Frau. Wir würden sagen, eine Zigeunerin. Sie gehörte zu einem Volksstamm, der nur noch in Überresten vorhanden war. Aber auch diese Zigeunerin hat offenbar etwas in Erfahrung gebracht von Jesus, dass er der Messias, der Retter sei. Und danach greift sie in der Stunde der Not. Das war das heimliche Wissen in ihrem Schreien. Darum geht es nicht ins Leere. Darin liegt ein großer Trost. Es genügt offenbar, dass unter Umständen eienr nur irgendwoher etwas weiß von Jesus. Und dann kann er in der entscheidenden Stunde danach greifen und nach ihm rufen. Und wie viele Menschen heute sind auch geistige Zigeuner, entwurzelte, die mal hier, mal dorthin greifen, die herumfahren und allerlei Angebote sichten, die vielleicht zum Leben helfen. Und sie sind wohl auch in Berührung gekommen mit der Kirche oder einem christlichen Buch oder haben mal einen gläubigen Menschen flüchtig gekannt. Aber sie haben sich nie ernsthaft mit dem Christentum beschäftigt, sie sind im Grunde völlig ahnungslos. Nur etwas davon ist hängen geblieben, und wenn es gut ging, war dies der Name Jesus als der Name des Retters. Vielleicht vom Konfirmandenunterricht her, den man angefangen und dann geschmissen hat. Vielleicht von den Gebeten der Mutter her, die man später verlacht hat. Etwas ist hängen geblieben und in der entscheidenden Stunde ist das auf einmal präsent.

Es liegt ein großer Trost darin für alle, die mit der Ausrichtung des Evangeliums zu tun haben, sei es in der Familie als Mutter oder Vater, wo man den Kindern das mit geben möchte, was einen selber hält. Sei es in der Kirche als Mitarbeiter, sei es in der Mission in einem Gebiet, wo sich scheinbar überhaupt nichts tut. Wo treue Mitarbeiter Jahre geopfert haben unter Einschränkungen und haben den Samen ausgestreut auf einen steinigen Acker und dann war das Visum abgelaufen und man musste zurück und keiner rückte nach auf die Stelle und man fragt sich, was hat es gebracht? Und da bestärkt diese Geschichte einen jeden, der sich so müht oder gemüht hat und sagt: Bleibe treu! Bleibe treu und konzentriere dich darauf, anderen den Namen Jesu einzuprägen. Werde nicht müde. Denke nicht, das sei ohne Wirkung. Es bleibt doch etwas hängen. Und wer weiß, vielleicht schreit einer von denen, um die du dich gemüht hast, Jahre später nach Jesus. Wie diese Frau. Zunächst stößt sie auf Widerstand. Die Jünger sind verärgert. Das Problem dieser Frau interessiert sie nicht. Sie denken nur an den schönen freien Tag, den sie nun wahrscheinlich abschreiben können, wenn sich erst mal herum gesprochen hat, wer da Berühmtes an Sidons Strand einen Kurzurlaub macht.

Denn das wissen wir ja vom Wirken Jesu zu Erdenzeiten: Er war berühmt wider Willen. Immer wieder gebot er den Gesundgewordenen, kein großes Trara zu machen, sondern Gott persönlich zu danken, ihm von nun an die Treue zu halten und Familienkreis auf Gott hinzuweisen. Geh hin nach Hause zu den deinen und verkünde, wer dir geholfen hat, sagte er öfter den Geheilten. Darum raten die Jünger: Komm Herr, fertige sie rasch ab, erledige diese Angelegenheit schnell und unauffällig. Aber Jesus schweigt. "Und er antwortete ihr kein Wort." Das ist merkwürdig. Das ist zunächst sonderbar. Muss er sich nicht als Sohn Gottes, mit allen Vollmachten, sich aller Nöte annehmen, die ihm gebracht werden. Wir wundern uns vielleicht darüber, aber wir wissen doch auch, seien wir mal ehrlich: Uns selber ist es manches Mal so gegangen. Wir haben gebetet, und nichts ist geschehen. Es gibt einfach Zeiten, wo er schweigt. Das gilt es auszuhalten und darüber Glauben behalten und weiter auf Gott vertrauen. Im Alten Testament erfahren wir, wie das Volk Gottes lange Zeit ohne Offenbarung blieb: Psalm 74: "Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da und keiner ist bei uns, der etwas weiß." Selbst bedeutende Gottesmänner, Propheten, auf deren Weisung das Volk wartete, blieben längere Zeit ohne Offenbarung. Von Hesekiel erfahren wir, wie er sich zu einer Schar von verbannten Juden nach Tel Aviv begibt, die hungern nach einem geistlichen Wort. "Als 7 Tage um waren, geschah des Herrn Wort zu mir," heißt es dort."

Das halten wir schlecht aus, wenn Jesus schweigt. Die Jünger halten es nicht aus und sie machen viele Worte und geben Ratschläge: Also Jesus, du solltest jetzt so und so verfahren. So ist Kirche oft, sie meint das Wort ergreifen zu müssen, sie formuliert Erklärungen. Die Frau gibt nichts darauf. Sie hält sich lieber an den schweigenden Jesus. Das Schweigen Gottes, wenn es einmal geschieht, und das ist ja nicht immer, in der Regel ist Gott einer, der sich mitteilt, der uns anspricht. Wenn er aber schweigt, hat das immer einen tiefen Grund, auch wenn wir ihn erst nicht verstehen. Als Jesus gekreuzigt wird, zieht sich Gott zurück. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, ruft Jesus aus. Das verstärkt noch die Angst und Irritation seiner Anhänger. Sie machen sich aus dem Staub, verständnislos, enttäuscht. Erst später, nach Jesu Auferstehung, werden sie gewahr: Dort am Kreuz trug Jesus die Last der Welt, die Sünden der Menschen. Gott kann Sünde nicht bei sich haben, deshalb stirbt Jesus verlassen. Das Schweigen Gottes markiert manchmal ein Nein. Wo Menschen sagen, das mit der Sünde ist doch nicht so schlimm, das ist relativ, das ist ein Ausrutscher, da muss man großzügig sein, da sagt Gott Nein. Und manchmal sind es andere Gründe, dass Gott nein sagt. Hier antwortet Jesus auf die Bitte der Frau: Nein. Und er begründet es auch. Die Jünger dachten, er will nur seine Ruhe haben, deshalb ihr Vorschlag: Sei ihr doch mal eben zu Willen, es geht ja schnell, und dann zieht sie ab und wir haben endlich unsere Ruhe. Aber Jesus sieht hier grundsätzliches berührt und will keine Ausnahme machen. Er sieht seinen Auftrag. Seine Mission, wie wir heute sagen. Er ist gesandt zum Volk Israel. Das ist seine Berufung. Die behält er im Blick. Davon lässt er sich nicht ab bringen. Und wenn er dieser Frau nach gibt, hinter der bald andere Bittsteller folgen werden, ganz viele, aus ganz vielen Völkern, wenn er sich um diese alle kümmern würde, dann geriete seine eigentliche Berufung ins Hintertreffen. Wir finden einen ähnlichen Konflikt am Anfang der Wirksamkeit Jesu. Er wohnt in Kapernaum, im Haus des Petrus. Dort predigt er, er kümmert sich um die Anliegen der Leute. Der Zulauf ist groß, er hat Erfolg. Es heißt: "Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden. Denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anders wohin gehen. In die nächsten Städte, dass ich auch dort predigt. Denn dazu bin ich gekommen." Merken wir? Die Jünger richten sich nach dem, was jedermann will. Ihr Meister will sich nach dem richten, was Gott will. Wonach richtest du dich eigentlich? Weißt du, was Gott aus deinem Leben machen möchte oder fragst du wenigstens danach, bzw. wenn du viele damit zusammenhängende Entscheidungen schon hinter dir hast, hast du danach gefragt. Ist dir klar, welche Menschen deine Hilfe am nötigsten brauchen, woraus dir die Freiheit erwächst andere warten zu lassen und doch ein gutes Gewissen zu haben. Jesus kannte seinen Weg. Er kannte den Auftrag, den Gott ihm gegeben hat. Danach richtete er sich. Wenn du dich nach dem richtest, was jedermann will, wirst du vielleicht einstimmen in den Wunsch vieler, möglichst ohne große Schwierigkeiten durchs Leben zu kommen. Glück haben. Anerkannt werden. Ein gutes Auskommen haben.

Wer aber anfängt, nach Gottes Zielen zu fragen, kommt in eine ganz andere Richtung. Dann geht es darum, die persönliche Berufung zu entdecken. Denn Gott hat ein persönliches Ziel für einen jeden. Er möchte, dass du das heraus findest. Er möchte, dass du dann dazu ja sagst. Es könnte deine Berufung sein, eine gute Frau für deinen Mann zu sein, oder eine gute Mutter für deine Kinder. Ein anderer hat die Berufung, einfach Zeit zu haben für die Sorgen anderer. Einer hat die Berufung, viel weg zu geben. Es gibt so viele Berufungen. Und damit ist oft eine andere, dem entgegen gesetzte Berufung ausgeschlossen. Früher dachte ich mal, meine Berufung wäre, Lehrer zu werden. Bis ich erkannte, das ist es nicht. Wir lesen im Evangelium, wie die Leute Jesus zum Brotkönig ausrufen wollen, wie sie ihn an ihren Wohnorten fest halten wollen, in der Versuchungsgeschichte wird Jesus die Weltherrschaft angeboten. Er ließ sich durch all diese Vorschläge nicht abbringen von dem, was sein eigentlicher Auftrag war. Das ist für andere manchmal ärgerlich. Ich habe mich auch geärgert, als ich eine Diakonin mal bat um einen Hilfsdienst. Und sie sagte mir ganz selbstbewusst: "Das ist nicht meine Aufgabe!" Und so weist Jesus die Bitte der Frau auch zurück: Das ist nicht meine Aufgabe! Was denn dann? Zuerst bin ich gesandt zu anderen Leuten. Da gehörst du leider nicht dazu. Ich darf mich nicht davon ab bringen lassen.

Die Frau hört sich das an. Sie hätte empört weg gehen können. Hätte allen sagen können: Dieser Jesus, den sie in Israel so rühmen, ist genauso wie die anderen eingebildeten Frommen. Für die sind wir einfach Luft, egal wie es uns geht. Die Frau geht nicht fort und schimpft: Der Gott, von dem sie alle reden, hilft auch nicht, der vermag auch nichts. All das tut diese Frau nicht. Sie weiß, bei Jesus bin ich richtig, auch wenn er im Augenblick nicht so handelt, wie ich es gern hätte. Sie bleibt auch während Gott schweigt, während sich nichts tut, bei Jesus und nimmt ihn beim Wort. Damit gibt sie, obwohl sich erst mal nichts ändert, nicht bessert, gibt sie Gott recht. Und sie wartet weiter auf ihn. Sie rechnet weiter damit, dass er sein Schweigen brechen wird und auf eine andere Weise, als sie zunächst erwartet hat, reden wird.

Deshalb sagt sie: Okay Jesus, ich will dich nicht abhalten von deinem großen Auftrag. Mir ist zwar nicht klar, warum das so wichtig sein soll. Was du tun musst, das tu. Aber ist es nicht möglich, dass du bei deinem Auftrag bleibst und mir trotzdem gibst, worum ich dich bitte. Gewissermaßen nebenbei, ohne dich ablenken zu lassen. Denn was Gott vorhat mit der ganzen Welt, die große Sache, die er durch den Messias ausrichten will, das soll ja geschehen, dem will ich nicht im Wege stehen. Kannst du mir nicht gleichzeitig helfen? Liebe Freunde, das ist Glaube. Gott recht geben auch in seinem Schweigen. Und wer das tut, wer auch bei Rückschlägen nicht aufhört, mit ihm zu rechnen, der wird auch erleben, wie Gott redet und handelt. Und so erlebt es diese Frau. Ihr Kind wird gesund.

Denn das er schweigt, ist ja nicht typisch für Gott. Es gibt solche Situationen und ein Christ muss damit klar kommen. Aber in der Regel ist es ja anders, in der Regel ist es so, Gott redet und wirkt und er handelt mächtig, wenn wir ihn bitten. Manchmal ziehen Christen daraus den Schluss, so müsse es immer sein. Das nicht, Gott bleibt frei und worum wir bitten ist nicht immer zu unserem Besten. Deshalb müssen wir leben mit diesem Widerspruch: Einerseits: Und er antwortete ihr kein Wort. Andererseits: Ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. Das ist der Widerspruch, in ein und derselben Geschichte. Diesen Widerspruch aushalten und Gott die Ehre geben, an Jesus festhalten auch im Nichtverstehen, das ist Glaube. Ein Glaube, der weiß: Gott kann schweigen. Aber in der Regel gilt: Unser Gott redet laut und klar und wenn er spricht, so geschieht etwas. Unser Gott kommt und schweiget nicht, heißt es im 50. Psalm. Das ist und bleibt die christliche Hoffnung: Mit diesem Herrn will ich täglich rechnen. An ihm will ich festhalten, wenn sich scheinbar nichts rührt und wenn sich wirklich nichts rührt. Denn er führt es herrlich hinaus.

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