Weniger ist mehr!

<b>A:</b> Du, Wolfgang!
<b>W:</b> Ja.
<b>A:</b> Kommen eigentlich viele Leute zu dir ins Pfarrhaus, die Dich um Geld bitten?
<b>W:</b> Na ja, eine genaue Zahl habe ich nicht im Kopf. Aber es kommt immer wieder vor, dass Menschen bei mir Hilfe suchen.
<b>A:</b> Und? Gibst Du ihnen etwas?
<b>W:</b> Wenn meine Frau nicht gerade beim Einkaufen ist und das ganze Geld mitgenommen hat, dann selbstverständlich. Vor allem, wenn ich sehe, dass da wirklich jemand Not leidet. Es gibt ja viele, die heutzutage durch unser soziales Netz fallen – die Maschen werden ja immer größer. Meistens bitte ich denjenigen dann herein, so dass ich mich mit ihm noch ein bisschen unterhalten kann.
<b>A:</b> Und über was redet ihr dann?
<b>W:</b> O, meist belangloses Zeug, einfach, um die Situation ein wenig zu entkrampfen. Manchmal entwickeln sich aber auch ganz spannende Gespräche, andere sind wiederum nicht so angenehm.
<b>A:</b> Wann ist das denn der Fall?
<b>W:</b> Meistens, wenn jemand mehr erwartet hat als ich ihm geben kann oder will. Dann probieren es viele erst noch mit Mitleid, der ein oder andere wird aber auch schon mal ungehalten. Das ist nicht so schön, weißt Du. … Warum fragst Du eigentlich?
<b>A:</b> Och, wollte nur mal wissen, wie man sich eigentlich als Pfarrer in so einer Situation so fühlt. So etwas kommt irgendwann ja auch mal auf mich zu. Sicher, an der Tür bei uns zu Hause war auch schon jemand und hat um Geld gebeten. Und in Bad Kreuznach gibt es ja auch nicht wenige, die auf der Straße sitzen und betteln. Allerdings habe ich da immer ein ganz blödes Gefühl, wenn ich die sehe.
<b>W:</b> Wieso denn?
<b>A:</b> Na, mir gehen dann immer tausendundein Gedanke durch den Kopf. Eigentlich musst Du ja was geben, überleg‘ ich dann, schließlich bist Du nicht nur Christ, sondern dazu auch noch Pfarrer. Gleichzeitig werde ich aber auch so manche Zweifel nicht los: Was macht der wohl mit meinem Geld, das ich ihm gebe? Kauft er sich damit jetzt Alkohol oder Drogen? Das will ich ja auf keinen Fall unterstützen. Und überhaupt: Wenn ich das Portemonnaie öffne und ein paar Münzen heraushole, dann komme ich mir immer so gönnerhaft vor. Du, kannst Du Dir das vorstellen: mir ist das richtig peinlich, jemandem etwas in den Hut zu werfen – fast schäme ich mich dafür. Aber ich habe auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich es nicht tue. Und jetzt wollte ich halt mal wissen, ob das bei Dir genauso ist.
<b>W:</b> Verstehe …
<b>A:</b> Dabei weiß ich ja, dass die ersten Christen gerade damit berühmt geworden sind: durch ihren Umgang mit den Armen. Das war ein Grund, warum die damals so viel Zulauf bekommen haben. Und den könnten wir heute schließlich auch ganz gut gebrauchen. Mildtätigkeit fördert ja immer noch das Ansehen. Ist nicht nur gut fürs eigene Gewissen, sondern auch fürs eigne Image. Große Firmen und Unternehmen tun das ja auch. Wäre es also nicht angebracht, mehr über unsere Wohltätigkeit zu sprechen? Vielleicht könnte man damit ja ein paar Leute anwerben?
<b>W:</b> Was heißt hier angebracht? Du meinst wohl den Slogan: "Tu Gutes und rede darüber"? In der Werbung wird das immer wieder getan, wenn Hilfswerke für Katastrophenfälle sammeln oder Firmen ihren Sozialetat ausgeben. Selbst die Vereine laden die Presse ein, wenn es um die Übergabe eines Schecks geht. Das bringt Anerkennung und ist gut fürs eigne Ego.
<b>A:</b> Ja, genau! Den Slogan "Tu Gutes und rede darüber" finde ich richtig. Der wird unserer Kirche ja sogar von Marktforschungsinstituten empfohlen. Viel zu lange und viel zu oft hat man bei uns darüber geschwiegen, wie die Gelder verwendet werden und was damit alles für die uns anvertrauten Menschen getan wird.
<b>W:</b> Da kann ich Dir aber nur teilweise zustimmen. Öffentlichkeitsarbeit ist zwar ein wichtiger Bestandteil, der gefördert und gepflegt werden sollte. Doch ich halte mich lieber an das Bibelwort: "Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut."
<b>A:</b> Na bei Almosen … Was ist das auch schon? Ein paar Pfennige oder wenn’s hoch kommt mal ein Zehner oder Zwanziger – auf jeden Fall oft viel zu wenig! Darüber sollte man höflich schweigen. Da hat das Wort Jesu: "Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut." schon sein Recht. Das lohnt sich ja nicht, das an die große Glocke zu hängen.
<b>W:</b> Na, ich weiß nicht, ob "Almosen" so zu verstehen ist, wie Du das sagst, als eine Gabe, die den Empfänger demütigt, weil irgendwie unangemessen und von oben herab gegeben. "Almosen" klingt tatsächlich in unserem Sprachgebrauch wie eine Mischung aus Knauserigkeit, Heuchelei und Arroganz. Im Wörterbuch finde ich dazu einen ganz anderen Bedeutungsumfang. Das Wort stammt nämlich aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich: Mitleid erweisen, mildtätig sein.
<b>A:</b> Jetzt will ich aber doch mal wissen, in welchem Zusammenhang das steht, was Jesus da gesagt hat. Du, ich schau mal in meiner Bibel nach. Klingt nach Bergpredigt. Ja, hier finde ich ihn, bei Matthäus Kap. 6,1-4. …

[TEXT]

<b>A:</b> … Hm, also nix is‘ mit werbewirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Schade. Ich hatte mir nämlich schon ein Werbeplakat ausgedacht: Obdachloser steht an der Tür eines Pfarrhauses, der Pfarrer öffnet mit einem einnehmenden Lächeln gerade seine Geldbörse, beide schauen dabei natürlich den Betrachter einladend an und drunter steht der Satz: "Weniger ist mehr – unser weniger ist das Mehr der anderen – Ihre Evangelische Kirche" … oder so ähnlich.
<b>W:</b> Ach, lieber Andreas, gegen den Slogan hätte Jesus sicher nichts einzuwenden. Aber was das Plakatieren angeht, da würden sich sicher alle Haare bei ihm sträuben.
<b>A:</b> Meinst Du? Aber hat er nicht gesagt, dass wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen sollen?
<b>W:</b> Klar hat er das gesagt. Aber damit hat er bestimmt nicht gemeint, mit der Bedürftigkeit anderer Menschen hausieren zu gehen. Sieh mal, Du hast am Anfang gesagt, dass es Dir peinlich ist, etwas zu geben. Im Grunde ist das nicht schlecht. Das bewahrt einen davor, demjenigen, dem man etwas zukommen lässt, die Würde zu nehmen.
<b>A:</b> Das verstehe ich jetzt aber nicht.
<b>W:</b> Wer auf Almosen, also auf Mitleid angewiesen ist, dem ist das bestimmt sehr unangenehm. Das merkt man ja schon an sich selbst, wenn man mal Hilfe benötigt, die über das nachbarschaftlich Übliche hinausgeht. Wie muss es da in jemandem zugehen, der davon leben muss, andere um etwas zu bitten. Demütigend ist das.
<b>A:</b> Da stimme ich Dir zu. Wenn ich mir vorstelle, auf der Straße sitzen und andere um eine Mark anquatschen zu müssen – da kommt man sich bestimmt nicht toll vor.
<b>W:</b> Siehst Du. Und was meinst Du, wie das auf Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, wirken muss, wenn man dann noch mit Ihrer Bedürftigkeit auf Werbetour geht? Das hieße, seine Frömmigkeit auf Kosten der Benachteiligten auszuleben. Und so etwas hat Jesus schon damals echt geärgert. Man gibt dann nicht mehr, um dem anderen zu helfen, sondern um sich selbst zu beweihräuchern. Damit benutzt man die hilfesuchenden Menschen nur – und nutzt ihre Situation im Grunde genommen auch noch aus, um die Blicke auf sich selbst zu lenken. Und dagegen ist Jesus. Er weist drauf hin, dass Gott auch das Verborgene sieht.
<b>A:</b> So habe ich das nie betrachtet. Ich habe immer gedacht: Ne Mark ist ne Mark. Aber es stimmt schon: es kommt auch darauf an, wie ich etwas gebe, aus welcher Motivation heraus.
<b>W:</b> Richtig. Geben darf genauso wenig zur Gewohnheit werden wie das Nehmen. Sonst entwürdigt man sein Gegenüber. Übrigens finde ich, dass das im Wort "mildtätig" sehr schön herauskommt. Man soll eben mild tätig sein, also behutsam mit demjenigen umgehen, dem man helfen möchte.
<b>A:</b> Verstehe … Ich glaube, das, was Jesus da mit der rechten und linken Hand gesagt hat, ist sehr seelsorgerlich gemeint. Ihm war es wichtig, dass das Geben nicht missbraucht wird. Wenn ich das so sehe, ist die Idee mit meinem Plakat natürlich völlig daneben.
<b>W:</b> Es gibt bestimmt vieles andere, worüber Kirche reden und womit sie werben sollte. Sie müsste z.B. immer wieder von Gottes Wort reden und damit Orientierung für den einzelnen wie für die Gesellschaft geben. Sie sollte auch über ganz banale Dinge wie über die Verwendung von Kirchensteuer und Kirchgeld reden. Und nicht zuletzt kann und muss sie immer wieder für das Ehrenamt werben. Nur beim Thema Diakonie ist allerdings Zurückhaltung angebracht.
<b>A:</b> Recht hat er, der Jesus.

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