Welt, geh aus, lass Jesum

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte von dem seltsamen König, der auf einem jungen Esel reitet und der wenige Tage zuvor nicht am Kopf, wie ein Herrscher, sondern an den Füßen gesalbt wurde – und das auch noch von einer Frau mit zweifelhaftem Ruf, dieses Geschichte kennen wir alle. Wir wissen, dass es Pilger waren, die Jesus zugejubelt haben, einfache, aber fromme Menschen vermutlich. Sie hatten von der Auferweckung des Lazarus gehört, und dafür jubeln sie nun Jesus zu und schwenken die Palmzweige, nach denen dieser Sonntag seinen Namen hat. Palmzweige war das, was sie
wohl ohnehin zur Hand hatten, denn ein Palmwedel gehörte zum bevorstehenden Fest unabdingbar dazu, gehört dazu
bis auf den heutigen Tag. Ein wirklich bescheidener Triumphzug, aber die Jünger mögen wohl, nach einem
Augenblick des Erstaunens, gedacht haben: "Endlich erfährt unser Meister einmal Anerkennung." Und vielleicht
hoffen sie an dieser Stelle doch noch auf ein Happy End.

"Tochter Zion, freue dich", das Lied singen wir gerne im Advent, und die Musik, die Georg Friedrich Händel dazu komponiert hat, ist wirklich pompös, sie würde sich eignen für ein Krönungszeremoniell der gehobenen Art, nicht einen Einzug auf einem Esel, sondern in einer Staatskarosse.

Wahrscheinlich haben Sie alle schon gerne im Fernsehen solche Zeremonien verfolgt, Hochzeiten an Königshöfen,
Krönungen, Jubiläen. Und vielleicht war auch der heimliche Wunsch dabei: "Das möchte ich einmal selbst erleben.

Schön, allein schon von Geburts wegen bevorzugt und ohne materielle Sorgen sein, öffentiche Anerkennung erfahren, einmal von allen geliebt werden." Kürzlich habe ich eine Rundfunksendung gehört, in der Menschen befragt wurden, was sie mit dem Wort "Prinzessin" verbinden, und da kamen solche Träume zur Sprache.
Also, ein solcher König, das sehen wir in der Schilderung im Johannesevangelium, ist Jesus nicht. Er ist auch kein Diktator, keiner von den Herrschern, wie sie die Leute damals kennen: " Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«, vor einem solchen König braucht man sich nicht zu fürchten. Und als erstes steht vor den Jubelrufen eine Bitte: "Hosianna". Viele denken, wenn sie das heute in der Abendmahlsliturgie singen, das sei ein Lobgesang, aber "ana jahwe oschi na" ist der Beginn einer Zeile aus Psalm 118, die heißt "O Herr hilf, o Herr, lass gelingen!" So viel Vertrauensbeweise, so viel Hoffnung an Jesus, und das zu einem Zeitpunkt, da er weiß, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat. Haben die Menschen nun doch gemerkt, wer er ist? Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.

18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Offenbar ist es diese eine Tat, die die Menschen zum Jubeln bringt. Wer Tote auferweckt, der muss, der kann der ersehnte Messias sein. So etwas spricht die Massen an und erregt die Politiker und die Glaubenshüter. Warum spielt Jesus da mit? Er ist doch sonst nicht derjenige, der spektakulär auftritt. Warum wagt er diese offene
Provokation gegenüber denen, die nur noch Punkte sammeln, ihn anzuklagen? Im Evangelium selbst finden wir,
zumindest an dieser Stelle, keine Antwort. Wir wissen allerdings nach dem, was Karfreitag und Ostern geschah,
dass Jesus um unseretwillen diesen Weg gehen musste, den er in seinen Abschiedsreden immer wieder vorgezeichnet hatte. Und nun steht seine "Stunde", von der er immer wieder gesprochen hat, nahe bevor. Aber versetzen wir uns in die Lage der Pilger, die da den Weg nach Jerusalem gegangen sind, um Pessach, die
Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft, zu feiern. Für sie kann, ja wird die Hoffnung,
die sie auf Jesus gesetzt haben, eine ganz andere gewesen sein. "Hosianna – Hilf Herr, Herr, lass gelingen", bitten sie dringlich. Das Wort Jaschar, helfen, steckt übrigens in dem Namen dessen, an den sie sich wenden:

Jeschwa, der Name Jesus in Hebräisch, bedeutet nichts anderes als "Der Herr hilft". Diese Hilfe stellen sich die Leute wahrscheinlich konkret sehr viel unmittelbarer und handgreiflicher vor. Jesus könnte mit einem Handstreich
die römische Besatzungsmacht aus dem Land jagen, er könnte Israel zu dem machen, was es zu König Davids und
Salomos Zeiten einmal war. Einer, der Tote auferwecken kann, dem dürfte doch kein Ding unmöglich sein. Auch, wenn wir heute beten, denken wir oft, Gott müsse genau das tun, was wir uns unter "Hilfe" vorstellen – und wenn es nicht so wird, sind wir allzu leicht geneigt, an seiner Gerechtigkeit, seiner Liebe oder gar an seiner Existenz zu zweifeln. Wir denken nicht daran, dass Jesus selbst die Hilfe ist, allein durch seine Person.

Und dann sind wir genau an dem Punkt, an dem wir schnell bereit sind, jäh die Fronten zu wechseln. Weil wir nicht verstehen, dass wir nicht unbedingt selbst in der Lage sind, abzuschätzen, was jetzt für uns und für
unsere Umgebung angebracht wäre, schieben wir Gott die Schuld zu. Und jeden Tag gehören wir auch zu denen, die
vielleicht nicht laut "Kreuzige ihn!" rufen, aber im Grunde doch auch unser Urteil sprechen und ihn verraten.

Eigentlich könnte unsere Rolle eine ganz andere sein: Wir könnten uns orientieren an dem jungen Esel, der Jesus trägt, wir könnten und wir sollten den Gottessohn und seine Botschaft transportieren, weitertragen. "Welt, geh aus, lass Jesum ein", heißt es in einer der schönsten Arien von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, die mit
der Zeile beginnt: "Mache dich mein Herze rein, ich will Jesum selbst begraben". "Welt, geh aus, lass Jesum
ein", mit solchem Gedanken können wir in die kommende Woche gehen, in der wir das Leiden Jesu nachvollziehen,
seinen Kreuzweg mitleiden wollen. Nur, wenn wir auf ihn sehen, mit ihm ins Dunkle gehen, im Herzen bereit sind,
mit ihm zu sterben, können wir auch im Licht der Ostersonne seine Auferstehung feiern.

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