Welch ein Gegensatz!

<i>[Diese Predigt ist für die Christnacht konzipiert.]</i>

Liebe Gemeinde!

Gegensätze ziehen sich an. So sagt es jedenfalls das Sprichwort. Und für manches Paar, das ich kenne, trifft das auch zu. Er ist verschlossen und zeigt ungern Gefühle. Sie ist sehr redselig, geht gern auf andere Menschen zu und man weiß genau, wie es ihr gerade geht. Oder: er ist ein Fan der Technik und liebt jede Neuerung; sie dagegen liest gern Bücher und geht ins Theater. Es ist schon manchmal so, dass zwei Menschen sich gut verstehen, obwohl sie ganz unterschiedlich veranlagt sind, andere Interessen haben und eigentlich so gar nicht zusammen zu passen scheinen. Gegensätze ziehen sich manchmal gegenseitig an.

Sehr oft allerdings sind es gerade die Gegensätze, die uns das Leben schwer machen, die uns abstoßen. Menschen, die eine völlig andere Lebensweise haben als wir, finden wir im besten Falle interessant, im schlechten Fall regen sie uns auf. Wo wir auf Gegensätze treffen, müssen wir uns auseinandersetzen. Mit den Eltern, die andere Auffassungen vom Leben haben, mit den Kindern, die die Meinungen der Eltern für völlig veraltet halten, mit Menschen, die eine andere politische Meinung haben, mit solchen, die völlig anders leben.

Mit Gegensätzen hat auch unsere Suche nach Sinn, nach Glauben, nach Hoffnung zu tun. Wir haben jede und jeder eine Fülle an schmerzhaften Erlebnissen, die verkraftet werden müssen. Denken wir nur an das vergangene Jahr zurück. Da ist ein Mensch gestorben, dessen Tod uns berührt und betroffen hat. Da ist jemand krank geworden, dem wir nahe standen. Da haben wir gekämpft mit Widerständen, haben vielleicht jeden Tag versucht, die eigenen Ideale für ein gelungenes Leben zu gestalten. Und immer wieder sind wir an Grenzen gestoßen. Haben wir verzweifelt festgestellt: ich kann nicht mehr. Oder haben uns gefragt: welcher Sinn steckt hinter dem, was mir passiert, hinter dem, was ich tue. Und mitten in diesem Meer aus Suche und Fragen, aus Alltagstrott und Auseinandersetzung hat es immer wieder auch diese ganz anderen Momente gegeben. Momente der Erfüllung. Glückliche Stunden allein oder mit einem geliebten Menschen. Unterhaltungen, die gut taten, Erlebnisse bei einem Fest, ein Konzert- oder Theatererlebnis, Zeit, die mir durch mein Hobby so erfüllt war, dass ich nur danken kann. Solche Momente leuchten auf mitten in den trüben Gedanken. Und beide gehören sie zusammen: die Zeiten der Suche und des Fragens, der Verzweiflung und des Gefühls, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt mit den Momenten, die wie ein warmer Lichtstrahl mein Leben treffen. Dieses Gegensätze prägen ein Leben. Sie bilden den großen und übergreifenden Raum, in dem sich alles Leben abspielt. Und nie anders als auf dem Hintergrund der dunklen Tage leuchten die erfüllten Stunden. Sie festzuhalten, gelingt nicht. Aber aus der Kraft, die sie schenken zu leben, das kann gelingen.

Dazu macht Weihnachten uns Mut. Hinter all dem, was da zu diesem Fest ist an verlogener Heuchelei, an Geschäftsgier, an Konsumterror und kitschigem Engelsgeplärr, hinter all dem verbirgt sich ein Glanz, der von keinem der vielen elektrischen Lichter in den Straßen übertroffen wird. Darum ist Weihnachten immer noch ein Fest, das mit so hohen Erwartungen belastet ist. Auch hier liegen die Gegensätze ganz eng beieinander. Die Fassade zeigt oft eine heile Welt. Eltern und Kinder, Alte und Junge liegen sich zum Fest der Liebe in den Armen. So wünschen es viele sich. Wir wissen wie die Realität aussieht. Neben mancher Tannenbaumkerze spielen sich kleine Dramen ab. Nachdem das letzte Geschenk ausgepackt ist, setzt oft Ernüchterung ein.

Weihnachten ist ein Fest der Gegensätze. Das hat mit dem Gott zu tun, der Mensch geworden ist. In diesem kurzen Satz: Gott wird Mensch, liegen die größten Gegensätze beieinander, die sich denken lassen.

Die vertraute Weihnachtsgeschichte ist voller Gegensätze. Sie beginnt mit dem mächtigen Kaiser Augustus, der eine Volkszählung ausruft und richtet ihren Blick dann schnell auf eine bitter arme junge Frau, die ein Kind erwartet und nicht einmal verheiratet ist. Mit ihrem Verlobten muss auch sie sich auf den Weg machen in die Vaterstadt des Bräutigams. Für sie gibt es keinen Platz. Während die anderen ein Dach über dem Kopf haben, ist für den verheißenen neugeborenen König kein PPlatz da. So kommt das Kind in dem erbärmlichen Stall zur Welt. Und gleichzeitig ist der göttliche Glanz bei den Hirten auf dem Feld. Ausgerechnet bei den rauen Schurken, denen jeder am liebsten aus dem Weg ging, weil sie als kleine Gauner bekannt waren. Hier, bei den Verachteten wird Gottes Achtung für alle Menschen zum Klingen gebracht. In ihrem Dunkel wird es hell. Sie machen sich auf den Weg und finden ein Kind, das in all seiner erbärmlichen Armut doch Glanz und Wärme ausstrahlt.

Welch ein Gegensatz: der Allmächtige liegt ohnmächtig als schreiendes Baby in einem Futtertrog.
Später kommen sogar Könige, die den Glanz der ganzen damals bekannten Welt mit sich bringen und beten das schmuddelige Kind an.

So voller Gegensatz zeigt sich Gott. Die schönsten Tannenbäume, die wir aufstellen, lassen Gottes Glanz nicht zu uns kommen. Er zeigt sich gerade da, wo er uns verborgen scheint.

Wir dürfen viel von einem Gott erwarten, der Mensch geworden ist. Viel mehr als wir das oft tun. Wir dürfen nur nicht darauf hoffen, dass er kommt, um uns das Lametta zu polieren. Er wird nicht das krönende I-Tüpfelchen nach dem Weihnachtsbraten sein, der sich dann nach dem Fest bequem wieder in die Ecke stellen lässt. Gott hat sich einmal auf diese Welt eingelassen. Und zwar ein für allemal.

Inmitten der Spannungen und Brüche, die unser Leben durchziehen, bleibt Christus bei uns. Er fordert uns zur Auseinandersetzung mit ihm. Das Kind in der Krippe ist der Mann am Kreuz. Er stellt uns Gegensätze vor Augen und bittet darum zu wählen: Gehen wir einen Weg mit ihm oder ohne ihn. Der Weg mit ihm ist nicht immer bequem. Er richtet unsere Augen auf das Angesicht der Mitmenschen. Ob wir bei uns selbst stehen bleiben und Egoismus unser höchstes Prinzip bleibt oder ob wir uns einlassen auf seinen Weg der Hingabe an die Menschen, das möchte uns schon das kleine Krippenkind fragen.
Was wir mitnehmen können von Weihnachten ist die ungeheure Zusage, dass Gott mitten in dem von Spannungen durchsetzten Leben bei uns bleibt.

Er bleibt bei uns so unscheinbar und klein wie das Kind. Seine Begleitung ist unaufdringlich. An unserer Seite werden wir ihn entdecken können, wenn die Augen und das Herz sich daran gewöhnt haben, seine Kraft in der Scwäche zu entdecken, sein Licht im Dunkeln, seine Freude in der Trauer und seine Hoffnung mitten in der Freudlosigkeit. Dann werden wir ihn erleben in Momenten, die unvergesslich für uns bleiben. In erfüllten und glücklichen Stunden, im Ausruf der Freude, im strahlenden Gesicht meines Gegenübers. Ihn entdecken wir dann auch im Hilfeschrei eines Menschen, der nach unserer Zuwendung und Zeit fragt. Ihn erleben wir und werden es schaffen, uns vom Dunkel der eigenen Gedanken losreißen und darauf sehen, wo er mitten im Dunkel gegenwärtig ist.

Auch wenn uns in diesem Jahr vielleicht Manches als unerfüllt erscheint, sich manche Erwartungen an das Fest und die Tage danach nicht erfüllen werden: wir haben etwas spüren können von Gottes Glanz. Wir waren für Momente wie die Hirten an der Krippe des Kindes, in dem Gott ganz und gar anwesend ist. Dieses Krippenkind verlässt uns nicht. Auch wenn graue Tage folgen, wenn im neuen Jahr uns manche Erschütterung treffen wird. Gott hat sich einmal gebunden an uns Menschen. Er bleibt uns darum in den Menschen verbunden. Und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den Heiligen, sondern gelegentlich auch in den Scheinheiligen.

Wir können wie die Hirten zurück gehen und Gott loben. Gott loben, der sich angezogen gefühlt hat von seinem Gegensatz, von uns Menschen. In allen Gegensätzen wird er bei uns sein und uns manche innere Zerrissenheit ertragen lassen.
Weihnachten feiern wir einmal im Jahr. Doch der, den wir heute feiern begleitet und durchs Leben. Da ist es gut, von Zeit zu Zeit sich aufzumachen, um dorthin zu gehen, wo Gott sich finden lässt: Vor den Toren der Stadt, in einem armen Stall, jenseits des Lärms und jenseits des Reichtums. Wo wohl auch wir ihn nie vermutet hätten, dort wird Jubel laut, dort erfüllt sich Leben, kommen Suchende ans Ziel. Staunend stehen wir da und stimmen mit ein: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!"

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