Weinstock und Reben sind eine Pflanze

Liebe Gemeinde!

Jubilate heißt dieser Sonntag ? freut Euch! Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich heute zwar guter Laune, aber oft genug ist mir zum Jubeln nicht zumute – auf Kommando schon gar nicht. Ich weiß nicht, in welcher Stimmung Sie heute hierher gekommen sind.

Für Sie, die Familie und Freunde NNs ist das noch am einfachsten zu beantworten. Dass wir heute die NN getauft haben ist ein schöner Anlass, ein Grund zum Freuen.
– Aber die übrigen Gemeindemitglieder? Da wird sich in jeder Bank die ganze Palette an Stimmungen mischen. Vielleicht ist der eine oder die andere heute hierher gekommen mit etwas ganz anderem im Kopf: Zwischen Taufe heute und Konfirmation gestern, zwischen Muttertagsfeier und Verwandtenbesuchen meldet sich gelegentlich auch die normale Alltagssorge. Vielleicht etwas Genervtheit über ein ungeliebtes Pflichtprogramm heute: Die Volkswanderungen der Muttertagsbesuche, die oft nur das schlechte Gewissen der Verwandtschaft darüber verdecken, dass sie so selten die Oma im Altenheim besuchen. Die Besuche, die die Einsamkeit des übrigen Jahres nur noch deutlicher machen. Und manchem Jugendlichen hier brummt vielleicht noch der Kopf nach der gesalzenen Klassenarbeit in Mathematik letzte Woche? Habe ich sie vielleicht verhauen? Da kann vielleicht einer unter Ihnen kaum mehr sitzen vor Schmerzen, jede Bewegung wird zur Qual. Da wartet zu Hause vielleicht der pflegebedürftige Vater – Wie wird er wohl zurecht kommen, heute morgen? Da sind
möglicherweise Menschen, die frische Trauer mit sich herumtragen – um einen lieben Freund oder ein Familienmitglied. Vielleicht sitzt hier auch die eine oder andere, die Angst vor dem Montag hat, dem biestigen Vorgesetzten, den
arroganten Kollegen – ach würde der Sonntag doch ewig dauern …

Zu uns allen, so bunt zusammengewürfelt, sagt dieser Sonntag: "Jauchzt! Lobt!" Und wir sitzen da, mit unseren großen und kleinen Sorgen. All dem, was uns auf der Seele liegt. Und das hindert viele von uns daran, aus vollem Herzen in die
Hände zu klatschen und sich zu freuen.

Es ist eher selten, dass unsere Gottesdienste fröhlich sind, voll von Menschen, die guter Laune sind – dass wir Gott ohne Wenn und Aber einmal loben. Aus ganzem Herzen. Dazu muss schon ein besonderer Anlass her. Sie, die Taufgesellschaft haben das Glück, heute einen echten Grund dafür zu haben. Nutzen Sie ihn! Aber vielleicht kann auch uns anderen, wie wir hier sitzen, gerade diese Taufe von NN helfen, etwas von der Freude zu
begreifen, die dieser Sonntag verbreiten will.

Unser Wochenspruch hilft uns dabei auf die Sprünge: "Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen – siehe, Neues ist geworden." Stimmt aber doch gar nicht. Wenn wir ein Kind taufen ändert sich an ihm gar nichts … Das Wasser trocknet und das Kind ist wie vorher. Sieht man vielleicht einen Unterschied an NN vor und NN nach der Taufe??? Nein! Also, Beweis erbracht. Üblicherweise stimmt nur, was Karl Marx einmal gesagt hat: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein". Das heißt: Mein Umfeld, mein Geldbeutel, mein Arbeitsplatz, meine Schulklasse und meine Familie bestimmen, wie ich mich fühle und wie ich denke. Sonst nix.

Der Gedanke, dass eine unsichtbare, eine geistige Realität in unserer sichtbaren, materiellen Welt einen Einfluss haben könnte, der liegt uns nüchternen Mitteleuropäern nach der Aufklärung, uns Deutschen, die ein gestörtes Verhältnis zu allem haben, das nicht erklär- und beweisbar ist, ziemlich ferne. Das Verhältnis zwischen Jesus Christus, Sohn Gottes, damals und uns, Otto Normalbürger, heute ist nicht leicht zu fassen. Sein Einfluss, seine Macht unter uns, wo kann ich sie schon greifen?

"Ich bin der Weinstock, Ihr seid die Reben!" erinnert uns Jesus heute im Predigttext. Die Reben, die Weinranken, das sind Sie und ich. Jesus, das ist der knorrige Weinstock. Und – wie ich finde – das Bestechende an diesem Gedanken (das, was viele viele Menschen offenbar übersehen wenn sie das bekannte Weinstockbild vor Augen haben) ist, dass Weinstock und Reben zwar vielleicht völlig unterschiedlich aussehen,
aber im Endeffekt ein und die selbe Pflanze sind! Die Reben sind nichts Fremde, nicht draufgepfropft, wie ein ulkiger roter Kaktus auf eine grüne Unterlage – nein, der Weinstock und die Rebe ist ein und das selbe. Auch wenn der Weinstock dick, faserig, holzig, knorrig ist und vielleicht schon uralt – und die Reben dagegen lang, dünn und biegsam und mit Greifranken versehen sind, die andere abwürgen können, aber auch Blätter, Blüten und Früchte tragen und im Verhältnis zum Weinstock eine nagelneue Sache. Weinstock und Rebe sind eins. Nicht voneinander zu trennen. Und sie leben vom selben: Wasser, Licht, Luft und der bedachten Pflege des Winzers.

Wenn also irgendwo hier die Frage auftaucht: "Wie mache ich es denn, ein Christ zu bleiben?" Antwortet Jesus darauf ganz einfach: "Du kannst gar nicht anders! Du kannst dir vielleicht dessen bewusst sein oder nicht. Aber du gehörst zu mir. Und alles, was du bist, bist Du von Gott her. Du kannst also gar nicht anders, als dazu gehören!" Für uns – als Rebe – da kommt es darauf an, dass wir irgendwoher unseren Saft herziehen, dass wir uns auf tiefgründige
Wurzeln erlassen können, die uns mit Wasser und Nahrung versorgen – auch wenn das Jahr vielleicht eine ziemliche
Durststrecke ist.

Reben vertrocknen innerhalb weniger Stunden, wenn man sie vom Stamm abschneidet – geschweige denn, dass sie wachsen
könnten, blühen oder Früchte tragen. Sie sind auf viel Saft aus der Tiefe angewiesen. Auf den Weinstock und seine Wurzel, der den Saft nach oben fördert. Die Wurzel eines Weinstocks ist extrem tiefgründig und leistungsfähig. Darum können drumherum die Pflanzen, die nicht so tief wurzeln, vertrocknen und braun werden: Der Weinstock und die Reben (gemeinsam als eine Pflanze) schaffen es auch im trockensten Jahr immer noch, Trauben hervor zu bringen – vielleicht zwar etwas kleiner als sonst, aber immerhin Trauben.

Die Bedingung für das Früchtebringen ist also allein der Zusammenhang mit dem Weinstock. Auf die Wurzel kommt es an. Wenn ein Kind nun getauft wird, dann bleibt es zwar tatsächlich das selbe wie vorher. Das Christ-Sein steht dem Kind nicht mehr auf der Stirn, wenn das Wasser trocken ist und das Wasser der Taufe trocknet schnell … Und das Kind wird Leid erleben, und es wird vielleicht zu einem Menschen heranwachsen, mit dem andere möglicherweise ihre Schwierigkeiten haben. Aber mit der Taufe hat etwas Neues begonnen: Es hat nun Zugang zu der uralten, unverwüstlichen Wurzel des Weinstocks. Die Wurzel versorgt es, gibt ihm Kraft und Saft und die Fähigkeit, Trockenheiten zu überstehen und trotz allem immer Früchte zu bringen.

Dass wir uns der Wurzel nicht oft bewusst sind, das liegt an Trägheit, Routine, Tradition. Am Kampf der Reben untereinander ums Licht. An der Selbstverständlichkeit in der wir den Saft, der uns so verlässlich mit Kraft versorgt jeden neuen Tag hinnehmen. Viele Menschen können in ihrer Welt nur selten ein Loblied anstimmen. "Gott schickt nichts und ich sehe nichts. Er war schon immer stumm und hat noch nie ein Zeichen gegeben. Das ist das alte Lied dieser Welt." Deshalb haben wir auch so selten ein Lob auf den Lippen. Nein, ich kann jemanden, der davon überzeugt ist, dass der Weinstock ihm nichts bringt und er eine andere Pflanze als der alte knorrige Weinstock ist, nicht vom Gegenteil überzeugen. Doch es gibt immer wieder eine Chance, den Zusammenhang zu erkennen. Jeder Mensch trägt sie in sich – und wer heute
hinhört, kann Jesus darauf hinweisen hören: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben!". Die Rebe und der Weinstock
sind ein Ding. Ineinander verwurzelt, einander einverleibt (Luther, Evangelienauslegung).

Gottes Wort und mein Herz sind ein Ding. Gott schneidet niemanden von der Wurzel ab, nur weil er nicht an sie glaubt. Er wirft keinen ins Feuer, weil er von der
Wurzel wegstrebt – sondern er versorgt jede Rebe gleichermaßen – und freut sich selbst dann an ihren Früchten, wenn die Rebe ihn hasst. Denn Früchte bringen alle Reben. Die, die um die Wurzel wissen, und die die nicht.

Und das alte Lied der Welt? Der Starke frisst den Schwachen. Die Frage nach dem Warum? Jesus sagt: Einem Menschen, der aus dem Bewusstsein heraus lebt, dass er zum Weinstock, zur Wurzel gehört, der wird
feststellen, dass hinter dem alten Lied der Welt noch eine ganz andere Melodie zu hören ist: Ein neues Lied, eine
Zukunftsmusik. Eine Musik, die nicht nur für fröhliche Instrumente, für Flöten, Geigen, Trompeten und Orgel, Cello und Kontrabass geschrieben ist. Sondern eine Melodie, die für die ganze Schöpfung geschrieben ist. Auch für jede seufzende Kreatur. Es ist eine Musik, in die alle Welt einstimmen kann, groß und klein, glücklich und traurig. Selbst die stummen Dinge und
diejenigen, die verstummt sind: Es gibt ihn, den Neuen Menschen. In uns. Seit unserer Taufe. Weil wir seitdem zum Weinstock gehören. Zu Jesus Christus
als dem ersten vollständig Neuen Menschen.

Es gibt also eine Chance, das alte Lied der Welt zu beenden. Es gibt die Chance, eine neue Welt zu schaffen. Eine Welt, die lebt – im Bewusstsein, dass alle die gleiche Wurzel haben, dass alle dem gleichen Weinstock angehören, dass Jesus
der Weinstock ist und wir die Reben.
Und dass wir gemeinsam tausendfältige Frucht bringen. Jubilate!

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