Weihnachten für Erwachsene

Liebe Gemeinde!

Weihnachten ist das Fest des Schenkens – so hören und lesen wir es überall. Die Werbung läßt nichts unversucht, uns zum Kaufen zu animieren. Sie suggeriert uns ein, was alles zum Fest gehört, damit es ein schönes Fest werde. Die Geschäftswelt bietet Jahr für Jahr in der Vorweihnachtszeit all ihre Kreativität auf, um uns in ihre Geschäfte zu locken, unter anderem auch den Service, das Gekaufte als Geschenk festlich einpacken zu lassen. Weihnachten ist das Fest des Schenkens – davon erzählt auch ein kleines Gedicht von Joachim Ringelnatz. Die Älteren unter uns kennen vielleicht noch den ersten Vers:

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
sei Dein Gewissen rein.

Aber kennen Sie auch den letzten Vers dieses Gedichtes? Er lautet:

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass Dein Geschenk
Du selber bist.

Damit erinnert Ringelnatz an den Sinn des Schenkens, der so leicht unter den Geschenkebergen untergeht: Du selber bist das Geschenk. Und genau darum geht es heute in unserem Predigttext zum 1. Weihnachtstag: Gottes Geschenk ist er selber.

[TEXT]

1. Das ist Gottes Geschenk an uns: Er kommt in unsere Welt
Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. So lautet die Weihnachtsbotschaft des Paulus: klipp und klar auf den Punkt gebracht. Gestern Abend haben wir die Weihnachtsgeschichte nach Lukas gehört. Sie weiß mit ihrer Andeutung: ein armseliger Stall, eine harte Krippe, arme Leute als Eltern unsere Herzen zu öffnen. Und wir haben uns anrühren lassen wie die Hirten, das Neugeborene zu bestaunen. Wir haben die Worte vernommen wie Maria und bewegen sie in unseren Herzen. Mit alten und neuen Liedern haben wir das Wunder der Geburt Jesu besungen. Und als alles vorbei, blickten wir wehmütig zurück, als wir selbst noch ein Kind waren, das sich verzaubern ließ von dem besonderen Abend, seiner Stimmung und seinem Glanz. Und vielleicht hat der eine oder die andere sich sehnsüchtig erinnert: "Selig, o selig, ein Kind noch zu sein." Paulus aber erinnert daran, dass Weihnachten nicht bloß ein Fest für Kinder, nicht bloß ein Fest für die Familie ist. Weihnachten ist mehr. Es ist ein Fest für Erwachsene. Gott kommt in unsere Welt, in den Unfrieden in mir, zwischen uns Menschen, zwischen den Völkern. Er kommt in unsere von Hass und Terror, von Angst und Hoffnungslosigkeit gezeichneten Welt. Er kommt zu uns, die wir gefangen sind in den Sachzwängen unserer Zeit. Als ich Anfang der siebziger Jahre studierte, war es eine durch die APO gekennzeichnete Zeit. Da wurde vieles in Frage gestellt, vieles kritisch hinterfragt und massiv die bestehende Ordnung angegriffen. Und immer wieder stellte sich die Frage: Wie verändere ich die Gesellschaft? Einer der Slogans hieß damals: "Marsch durch die Institutionen" und meinte, die vermeintlichen und tatsächlichen autoritären Strukturen von innen her mit allen gesetzlichen Möglichkeiten aufbrechen zu wollen. Im übertragenen Sinne tut es Gott. Er bleibt nicht außen vor und tut seine Kritik aus sicherer Entfernung kund. Er begibt sich in unsere Lage: damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.

2. Das ist Gottes Geschenk an uns: Erlösung
In unserem alltäglichen Sprachgebrauch kommt dieses Wort allenfalls noch in den Todesanzeigen vor: Gott der Herr hat nach langem Leiden erlöst….lesen wir. Dabei hat das Wort Erlösung einen viel größeren Bedeutungsumfang: "Wo immer Menschen durch eigene Schuld oder fremde Übermacht im eine andere Gewalt geraten sind, die Freiheit verloren haben, ihren eigenen Willen oder Entschluss ausführen zu können oder anders gesagt, das sein oder tun zu können, was (grundsätzlich oder im Augenblick) als Bestimmung über ihrem Leben steht, können sie, wenn ihre eigenen Möglichkeiten jener anderen Macht gegenüber nicht ausreichen, nur durch den Eingriff eines Dritten diese Freiheit wiedererlangen" (aus Begriffslexikon zum NT, Band 1,S.258) Darum kommt Gott als Kind zur Welt, um uns ein Leben nach unserer Bestimmung zu eröffnen: als seine Kinder zu leben. Darum beginnt zu Weihnachten, was am Kreuz endet: Gott erlöst nicht mit Gewalt, sei es mit einem Donnerwetter, sei es mit Waffen welcher Art auch immer. Gott erlöst mit Liebe aus den Ketten, mit den wir Menschen uns selbst gefesselt haben. Es sind die Ketten der Gier, die unersättlich immer wieder neu Menschen gefangen hält: die Gier nach Hab und Gut anderer, die Gier nach Einfluss und Ansehen, die Gier nach Macht, über Leben und Tod anderer zu bestimmen. Es sind die Ketten des Hasses, der unersättlich immer wieder neu Menschen gefangen hält: der Hass, der aus persönlicher Verletzung das Miteinander vergiftet, der Hass, der aus Wut blindlings zurückschlagen läßt, der Hass, der aus Angst um das eigene Überleben dem anderen das Lebensrecht nicht zugesteht. Das ist die frohe Botschaft, die Paulus nicht müde wird zu wiederholen: Wir können unsere Ketten, die uns gefangenhalten, seien sie seelischer oder körperlicher Art, vor Gott bringen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!

3. Das ist Gottes Geschenk an uns: Wir sind seine Erben
Kinder, zu denen die Menschwerdung Gottes uns macht, bekommen alles: So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott. Die Liedermacherin Bettina Wegner lebte bis in den achtziger Jahren in der DDR. Während einer Konzertreise in Westdeutschland wurde sie von den damaligen Machthabern ausgewiesen, d.h. ihr wurde die Wiedereinreise in die DDR untersagt. Grund dafür waren ihre Liedtexte. Sie galten als subversiv, als staatsschädigend. Dabei sagt sie nur schonungslos leise, wie man mit den Menschen – und ich füge hinzu: Menschen sind Gottes Kindern – umgehen soll:

Sind so kleine Hände, winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.
Sind so kleine Füße mit so kleinen Zeh’n,
Darf man nie drauf treten,
können sonst nicht mehr geh’n.

Sind so kleine Ohren scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.
Sind so schöne Münder, sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten,
kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden, könn sie nichts verstehn.
Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen,
gehen kaputt dabei.

Ist so‘ kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.
Grade , klare Menschen wär’n ein schönes Ziel.
Menschen ohne Rückgrat
gibt es schon zuviel.

Weihnachten als Fest für Erwachsene gibt uns Anlass, solche Sensibilität wiederzugewinnen. Lernen lässt sie sich an Gottes Geschenk: seinem Sohn immer wieder neu.

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