Weihnachen – Fest der Befreiung

Liebe Gemeinde!

Ich tu Sie sehr ungern enttäuschen, schon gar nicht an Weihnachten – aber ich vermute, dass einige von Ihnen doch leise enttäuscht sind, wenn ich Ihnen jetzt sage, dass der Predigttext heute ein Text von Paulus ist.

Muss das an Weihnachten sein? Paulustexte sind doch dran, wenn es um um Leiden und Auferstehung Jesu geht, um die Kirche, oder um die Rechtfertigung des Menschen vor Gott – aber an Weihnachten? Da haben wir doch ganz andere Texte: Die Träume und Weissagungen der Propheten des Alten Testaments vom Friedensreich Gottes und vom kommenden Messias – wie unsere erste Lesung heute aus dem Buch Micha. Und wir haben die Evangelien: Matthäus mit seiner Freude über das Eintreffen der alttestamentlichen Verheißungen; Johannes mit seiner Meditation über das Wort, das Fleisch wurde und unter uns Menschen Wohnung nahm; und besonders natürlich Lukas, mit seiner immer wieder ergreifenden und bewegenden Erzählung von der Geburt Jesu in der Krippe von Bethlehem. Aber Paulus? Der Intellektuelle des Christentums? Der Mann der großen, volltönenden Worte, der vertrackten Argumentationen, und auch des ätzenden Spotts für die Irrtümer seiner Gegner; der, dem manche nachsagen, sein Glaube sei mehr eine Sache des Kopfes und weniger des Herzens gewesen – hat der wirklich was zu Weihnachten zu sagen? Zu diesem zarten, warmen Fest, an dem es wenig zu verstehen gibt, sondern alles zu erfühlen ist? Zu Weihnachten, einem Ereignis, zu dem es sinnlos ist, Argumente zu suchen; von dem man nur erzählen kann, weil das Kommen Gottes in diese Welt etwas völlig Unlogisches ist, keine theologische Notwendigkeit, sondern Ausdruck von Gottes spontanem Wohlgefallen an uns Menschen?!

Sag Paulus, hast Du uns wirklich etwas zu Weihnachten sagen? Doch, er hat. Sehen wir mal, was er an die Gemeinden in Galatien schreibt:

[TEXT]

Soweit das 4. Kapitel des Galaterbriefs. Tja – das passt nun doch nicht ins Bild. Die Sprache, ja, die klingt nach Paulus: Keine Erzählung, sondern ein Spiel mit Begriffen. Aber, was irritiert: Das mit dem Vater und dem Sohn, mit der Geburt und dem kleinen Kind scheint dem kühlen Denker Paulus ganz, ganz wichtig zu sein. Und das, obwohl es historisch ganz unwahrscheinlich ist, dass Paulus die Traditionen von der Geburt in der Krippe zu Bethlehem überhaupt kannte, aus denen bei Lukas später die Geburtsgeschichte wurde.

Trotzdem gelingt es Paulus, genau jene Pointen, die bei Lukas hinter seiner Erzählung aufscheinen, in knappen Sätzen festzuhalten. Ja, es ist Paulus wichtig, dass der Sohn Gottes nicht einfach vom Himmel fällt, sondern so zur Welt kommt wie wir alle einmal zur Welt gekommen sind: Geboren von einer Frau.

Das hört sich so idyllisch an, ist aber schon Provokation genug für die Gegner des Paulus und für das ganze religiöse Denken seiner Zeit : Denn wo Religion stark mit der Unterscheidung von "rein" und "unrein" zu tun hat, oder wo man sich Gott vorwiegend als einen strahlenden Helden vorstellt, da ist es eine Zumutung, dass Gott durch etwas so Unreines und Schmerzvolles wie eine menschliche Geburt in die Welt kommen soll.

Ja, es ist Paulus sehr wichtig, dass der Sohn Gottes ein Kind ist. Ein kleiner, noch ganz unfertiger Mensch, in voller Abhängigkeit von der Fürsorge seiner Umgebung. So fängt Gott auf dieser Erde an, ganz so wie wir. Paulus weiß allerdings, vielleicht besser als wir heute, dass so ein kleines Kind nicht immer und unbedingt süß und putzig ist. Die Sentimentalisierung des Säuglings ist ihm und seiner Zeit noch ganz fremd; sie ist ein Produkt der Romantik, und wir finden sie vor allem in den Weihnachtsliedern des 19. Jahrhunderts. Nicht bei Lukas, und auch nicht bei Paulus. Das Kind in der Krippe ist nicht zuallererst der "holde Knabe mit lockigem Haar", sondern, mal etwas derb gesagt, so ein kleiner Hosenscheißer, wie wir alle es einmal waren. Nichts Besonderes ist an diesem Kind, und das ist gerade das Besondere.

Paulus geht noch einen Schritt weiter, wenn er von Gottes Sohn sagt, er sei "von einer Frau geboren und unter das Gesetz getan". "Gesetz" – das sind in einem umfassenden Sinne die Bedingungen, unter denen Menschen auf dieser Erde zu leben haben, und die uns daran hindern, wirklich "Menschen" im Vollsinn des Wortes zu sein. Gesetz – das ist das, was uns als Menschen leben lässt, ohne wirklich menschlich miteinander zu leben. Wir alle leben in diesem Sinne "unter dem Gesetz": Mit unseren Halbherzigkeiten, unseren nie erfüllten guten Vorsätzen, mit unserer Gier nach Besitz und der Zumutung, anderen etwas abzugeben; mit der Gewalt, die wir ausüben und die wir dulden; mit dem Wunsch, andere zu beherrschen und Macht auszuüben; mit allen Ausreden und Selbstrechtfertigungen, allem Überspielen von Problemen und Sich-Rumdrücken um echte Einsichten, mit den Sachzwängen, dem Restrisiko und den Kollateralschäden, mit allem, von dem wir genau wissen, dass es nicht so ist wie es Gottes Wille ist, und unserer Ohnmacht, daran etwas zu ändern.

Das alles heißt "Leben unter dem Gesetz" – und es ist und bleibt eine Provokation, wenn Paulus sagt, dass Gottes Sohn sich in da hinein begeben hat. Warum sollte er? Ja: Warum sollte er. Weil er wirklich Mensch werden wollte. Wirklich einer von uns, wie Menschen eben so leben. Im Laufe seines Lebens hat Jesus Christus die Gewalt und die Verlogenheit und die Machtgier dieser Welt voll zu spüren bekommen, und auch darin ist er Mensch geblieben, dass es da für ihn kein Hintertürchen gab, dass er da durch musste bis zum Tod am Kreuz.

Wenn ich aus unserer heutigen Sprache ein Wort für diese Haltung suche, so passt, finde ich, am ehesten das Wort "Solidarität". Ja, ich weiß, das ist auch kein ganz unverbrauchtes Wort. Aber wenn wir einmal das Gewerkschaftspathos wegnehmen und auch noch im Auge behalten, dass, wo Solidarität eingefordert wird, oft in Wirklichkeit blinde Gefolgschaft gemeint ist – wenn wir das einmal bewußt beiseite legen, dann kann man Paulus so übersetzen: Gott ist in Jesus Christus ganz umfassend solidarisch mit uns Menschen. So solidarisch, dass es uns fast schon unheimlich ist, weil wir solche Solidarität sonst nicht erleben. Dass da einer unseren ganzen Weg mitgeht, den Weg eines menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod, dass einer die Kläglichkeit einer Geburt im Stall mitmachen muss ebenso wie die barbarische Hinrichtung – das ist kaum zu glauben, so umfassend solidarisch ist Gott da mit uns.

Höchstens Liebende tun so etwas, so solidarisch zu sein. Ja, Gott tut das, weil er uns liebt. Und weil er uns liebt, will er uns aus der Unfreiheit, aus der Knechtschaft des Gesetzes befreien, in der sich unser menschliches Leben abspielt. Das ist etwas sehr Merkwürdiges bei Paulus: Normalerweise fängt unser Leben als Kind an, und dann verlassen wir die Kindheit und werden erwachsen. Bei Paulus ist das Kindsein nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ziel. Wir – jeder einzelne von uns, aber auch die ganze Menschheit – wir fangen an als Knechte, als Unfreie. Und wir sollen dann erst zu Kindern werden! Die Zusage lautet: "So bist du nun kein Sklave mehr, sondern ein Kind Gottes." Ein Kind Gottes, das zu Gott Papa sagen darf, und zu Jesus: Du mein Bruder.

So wie das Leben unter dem Gesetz Zwang und Unfreiheit ist, so ist dieses Kindsein Freiheit. Weihnachten als Fest der Befreiung, unser aller Befreiung – das ist ein Gedanke, für den wir den Paulus doch ein wenig höher schätzen sollten. Es ist auch das große Thema des Galaterbriefs, in dessen Rahmen Paulus auf Weihnachten zu sprechen kommt: Bei Gott gibt es keine Privilegierten und keine Unterprivilegierten, keine Herren und keine Diener, keine Chefs und keine Befehlsempfänger. Privilegiert sind wir alle, und zwar ganz unverschämt und unverdient.

Zu dieser Freiheit der Kinder Gottes hat uns Christus befreit, heißt es etwas später im Galaterbrief. Und da heißt es auch: So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Ja wir stehen in der Gefahr, doch wieder zu Knechten zu werden, uns von den Mechanismen dieser Welt verschlucken zu lassen. Deshalb ist es gut, dass wir immer wieder Weihnachten feiern, dass wir immer wieder hören, was uns heute, an diesem festlichen Tag, von Gott zugesagt wird: "So bist du nun kein Sklave mehr, sondern ein Kind Gottes."

Dass wir davon heute etwas spüren, und dass diese Botschaft über das Fest hinaus in unseren Alltag hinüberreicht, das wünsche ich uns allen von Herzen.

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