Wege zur Freude finden

<i>[Mit deutlichen (gekürzten) Einschlüssen von Ernst Lange …]</i>

Freut euch in dem Herrn allewege – und abermals sage ich Euch: Freuet Euch! Der Herr ist nahe!“ Hm – Freuen Sie sich? Drei Tage trennen uns noch vom Heiligen Abend, und dann das Weihnachtsfest. Jedenfalls uns hier befällt da eine leichte Erregung: Wie wird es wohl sein, dann, wenn es so wie sind – werde ich die ganzen Wege vorher noch schaffen oder stehe ich irgendwann in einer Schlange, indessen anderswo schon die Geschäfte schließen? An der Stelle sind wir den Beteiligten am Weihnachtsfest damals nicht ganz unähnlich: Die hatten auch Wege vor sich: Maria und Josef unterwegs von Nazaret nach Bethlehem, die drei Weisen schon seit Monaten auf dem Weg, die Hirten mit den Herden auf rauem Terrain rund um Bethlehem. – Die, ja die hatten ein Fest, an das sie ihr Leben lang dachten. Und wie wird unser Fest sein? Wie in „Dinner For One“ „The same procedure as last year?“ „The same procedure as every year, James.“ – oder mehr?

Ach würde es doch mehr, würde es doch ein neuere Anfang so wie damals. Würde doch das entscheidende geschehen, dass Christus mir zur Welt, in meine Welt kommt, Erfüllung, Heil und Leben zugleich mit sich bringt, dass ich nicht mehr nur singe „Heut schließt er wieder auf die Tür ..“, sondern dass jede Faser meines Herzens mitjubelt. Aber noch ist Advent, Vorbereitungszeit: Vorbereitungszeit – wie haben sich die damals auf das Fest vorbereitet, damit das Fest gelingen konnte, damit einer schreiben konnte „Freut Euch in dem Herrn allewege“? – Besuchen wir sie doch:

Die Hirten. Die waren die ersten Außenstehenden , denen das Weihnachtswunder geschah. Wie haben die sich vorbereitet? – Die Antwort ist enttäuschend und entlastend zugleich: Keinen Finger haben sie krumm gemacht. Die waren an diesem Abend zusammen wie an jedem Abend, bewachten die Herden, suchten verlorene Tiere, schummelten sich irgendwie durch den Alltag – sie gelten als unehrliches Volk (was nicht nur Vorurteil ist), nicht ganz vollwertig, verachtet „Der hats bis zum Hirten gebracht …“ Sie gingen ihrem Alltag nach. Bedeutet doch: Auf Gottes Wunder warten ist nicht abhängig von der gesellschaftlichen Stellung – da hatten die Hirten nicht viel zu bieten –, sondern von der Treue zum je eigenen Alltag. Weihnachten lässt sich nicht herbeizwingen – den Hirten passiert es. Klar: Man könnte „Stimmung machen“ – aber das beeinflusst den Gang der Ereignisse in keiner Weise dann, wenn’s nicht nur um die Form Weihnachten, sondern um den Inhalt geht. Für uns: Wir können das Wunder der Weihnacht unabhängig machen von unserer Vorbereitung und unserer Stimmung – es kommt womöglich im Alltag auf uns zu. Ist doch so: Gott macht aus unserem Alltäglichen seinen Feiertag. Ich wüsste jedenfalls nicht, dass Marias Wehen ausgerechnet am Sabbath einsetzten.

Schauen wir uns die Weisen an: Eine mächtige Reise war das von Irgendwo aus dem Zweistromland nach Palästina. Und im Ankommen immer auf der Sternenspur offene Enttäuschung – bei Herodes im Palast finden sie nur schöne Worte und Hintergedanken. Aber, ja aber: Sie sind aufgebrochen, immer wieder aufgebrochen. Und bei den Weisen lerne ich: Auf Gottes Wunder warten bedeutet aufbrechen, immer wieder bereit sein zum Aufbruch und bereit sein, sich im Kalender des Alltags von Gott mitten im Alltäglichen unterbrechen zu lassen. Nur: Ist das nicht ein Widerspruch? Im Alltag das Ungewöhnliche erwarten? Nein: Wenn Gott seinen Boten uns schickt, dann bleibt der Alltag nicht mehr wie er war. Dann brechen wir auf aus alten Gewohnheiten, lassen die Sorgenbündel liegen, die alten Werte, Urteile, Vorurteile, Einstellungen und Ängste. Dann gehen wir vielleicht einen fremden und langen und beschwerlichen Weg – die Weisen gingen ja auch nicht nur zum Bäcker um die Ecke -, doch es ist Gottes Weg. Er bestimmt die Marschroute, stellt uns den Stern Aufbruch – das ist eine Grundbewegung des ganzen Gottesvolkes seit Abraham bis zu Christen heute. Im Sitzen erlebt man wenig, zu wenig.

Vielleicht muss ich mich ja entschuldigen – nicht bei Ihnen, aber bei den beiden anderen, von denen ich noch sprechen werde: eigentlich hätte ich sie viel früher nennen müssen: Joseph, Maria. Und ich beginne bei Josef – er kommt sonst in den Geschichten von Jesu Ankunft kaum so richtig vor, außer als Eselsführer auf dem Weg nach Bethlehem oder als der, der im Krippenspiel im Stall den Besen schwingt …

Josef also: Meist steht er nur am Rande. Ein bisschen wie verkauft und nicht abgeholt. Aber vielleicht ist Josef gerade deswegen so wichtig, denn: Wo Gott Geschichte schreibt, sind wir meist nicht mehr als Statisten. Eins allerdings können wir tun: Dran bleiben, dabei bleiben, auch bei Enttäuschungen durchhalten. Josef hat sich sein Leben mit Maria wahrhaftig anders vorgestellt. Aber dann der Engel und dann der Befehl des Kaisers. Und alles wurde völlig anders – hätten Sie so leben wollen? Doch auf Gottes Wunder warten meint eben auch, die eigenen Vorstellungen von Leben aus der Hand legen, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte und das Leben aus Gottes Hand nehmen. Da steht Josef nicht alleine: Abraham hat schon lange vor ihm gerade so Erfüllung gefunden, viele andere nach ihm und heute. Helmut Gollwitzer hat’s mal so gesagt, das Gott auf unseren krummen Linien gerade schreiben kann. Ob Josef ahnt, dass er – indem er seine Lebenspläne loslässt – zum Beschützer Gottes wird? Und Maria – gleich am Anfang, in ihrem Advent sozusagen, Entschlusskraft und Vertrauen an dem Tag bei ihr zu Hause. „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ – Ich laufe Gefahr, Maria zur einer Heldin des Glaubens zu stilisieren. Sie hat auch ihre Einbrüche gehabt – aber das Vertrauen hat sie durchgetragen.
Mir fällt in alten Darstellungen der Weihnachtsgeschichte immer wieder auf, wie sie mit der Geburt in den Kreis der Gemeinde zurücktritt: Damals im Stall als eine, die an der Krippe zusammen mit Josef, den Hirten, den Weisen anbetet. – Das ist richtig. Und das ist Deutung. Sicher richtig ist aber, dass sie – wie Josef, nur noch viel intimer – Gott gewähren lässt und mit der Geburt auch wieder Distanz zu ihrem Kind gewinnt. Manchmal ist ihr das schon schwer, das Loslassen; welcher Mutter fällts leicht? Doch dann hilft Jesus nach „Mutter? Geschwister? – Das sind doch alle die, die den Willen Gottes tun.“ Sie ist nicht ausgeschlossen – aber auch nicht mehr an exklusiv erster Stelle.

Es gibt noch mehr Gäste beim Fest und im Umkreis – schauen Sie sich doch den Simeon an, die Elisabeth, den Herodes meinethalben, dem es entgegen seinem Willen doch Weihnachten wird. Vielleicht finden Sie noch weitere Impulse für sich selbst …

Schritte im Advent auf das Fest zu so, dass es mir zum Christfest werden kann, dass mir das „Freut Euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich Euch: freuet Euch! Der Herr ist nahe!“ Wirklichkeit wird: Im Alltag sich ansprechen lassen, zum Aufbruch auf neue Wege bereit sein, auch als Statist zu leben bereit sein, eigene Erwartungen weglegen lernen und mit Enttäuschungen umgehen lernen, vertrauen. Das ist eine Haltung, mit der auf Weihnachten zuzugehen sich lohnt.
Und wenn’s nicht dieses Weihnachten ist, an dem es Ihnen oder mir selbst ganz tief innen drin Weihnachten wird, dann sagt die Geduld: Es gibt noch mehr als einen Advent in Deinem Leben und Gott ist mit seinem Weihnachten auch nicht auf den 24. bis 26. Dezember fixiert. „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende,“ sagt der, der damals geboren wurde. Bleib bereit – Dein Herr kommt; auch zu Dir. Zu Seiner Zeit.

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