Wege aus der Depression

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute handelt von einer ganz entscheidenden Geschichte des Alten Testaments. Es geht dabei um die Frage, was Gewalt bewirken kann und wie Gott dazu steht. Um das Jahr 860 vor Christus versucht König Ahab von Israel, im Bündnis mit benachbarten Kleinstaaten das assyrische Großreich fernzuhalten und das gelingt auch. Er schließt eine politische Heirat mit Isebel, Tochter des Königs Ittobaal von Tyrus, um das Bündnis mit dieser wichtigen Stadt der Phönizier zu befestigen. Für die Königin wurde in der Hauptstadt Samaria ein Tempel für den Fruchtbarkeitsgott Baal errichtet.

Der Prophet Elia geht dagegen im Namen Gottes vor. Er kritisiert, dass im Namen einer starken Königsherrschaft die Leute unterdrückt und ausgebeutet werden. Eine Gewaltherrschaft ist es, die der König Ahab da aufgerichtet hat. 2000 Kampfwagen und 10 000 Soldaten kann er in die Schlacht schicken, ungewöhnlich viel für die damalige Zeit und wir können uns vorstellen, wer dafür bezahlen musste. Baal heißt Herr und dieser fremde Gott Baal erhebt die Herrschaft des Königs zum Götzen. Ein Machtgötze wird in Israel angebetet und er führt zu Gewalttat und Raub, zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Und außerdem ist Gott, der Israel aus der Knechtschaft geführt hat, gerade auch bei den Frauen, die unfruchtbar sind, die keine Kinder bekommen können. Im Namen Gottes kündigt der Prophet Elia eine lange Dürre an. 2 Jahre lang regnet es nicht. Dann versammelt er das Volk und den König am Berg Karmel zum Gottesurteil. Wer schafft es, Feuer vom Himmel auf das geschlachtete Opfertier regnen zu lassen. Elia allein, vernünftig betend, tritt an gegen eine ganze Horde von Baalspropheten an, die sich die Haut aufritzen und in Ekstase geraten.

Es gewinnt der wahre Gott Israels und dann, in seinem Siegesrausch, antwortet Elia auf die große Gewalt mit Gegengewalt und bringt die Baalspropheten um, während die ersehnten Regenwolken schon am Himmel, aufziehen. Und dann, nach diesem großen Sieg, geht es erstaunlich weiter und das ist unser Predigttext:

[TEXT]

Nach dem Gewaltrausch kommt die Depression. Elia muss erkennen, dass sich das Problem der Gewaltherrschaft nicht mit Gewalt lösen lässt. Seine Gewalt löst nur neue Gewalt aus. Die Königin droht ihm, ihn umzubringen. Elia, der eben noch so starke Wundertäter, flieht, weit weg in die Wüste. Und er möchte sterben. Ist nicht alles sinnlos, was er getan hat? Aber immerhin sagt er seinen großen Frust Gott. Und Gott handelt, sehr einfühlsam und voller Verständnis. Gott gibt ihm Zeit, aus seinem Gefühlstief rauszukommen.

Zuerst kommt das sanfte Berühren eines Engels und Brot und Wasser mitten in der Wüste. Und dann Zeit für einen Genesungsschlaf. Und dann der Weckruf des Engels: stärke dich noch einmal durch Essen und Trinken und dann geh, denn du hast einen weiten Weg vor dir. Elia geht bis zum Gottesberg und dort begegnet ihm Gott selbst. Und das Wichtige: Gott ist nicht im Wind, im Erdbeben und im Feuer, sondern Gott ist im stillen, sanften Sausen.

So erlebt Elia, dass Gott ganz anders ist, als er dachte. Er, der große Eiferer, der in seinem Gewaltrausch dem Gegner ähnlich geworden ist, er wird wieder auf den Gott verwiesen, der das Volk befreit hat aus der Gewaltherrschaft der Ägypter, damit es in Freiheit und Gerechtigkeit leben kann. Gott ist eben nicht der Gott der Gewalt, sondern der Gott, der freundlich überzeugt, der in der Stille gehört werden kann und nicht im Eifer und Lärm des Gefechts. Gott ist nicht der, der die Herrschaft ausübt wie ein steuereintreibender und kriegsführender König, sondern Gott ist der, der bei uns ist, wenn sonst niemand uns hört, der uns stärkt mit Brot und Wasser (und manchmal wird das Wasser sogar zum Wein). Gott ist der, der uns sanft berührt und der uns auf den Weg bringt, der uns weiterführt.

Liebe Gemeinde, was heißt diese Geschichte für uns heute? Ich erlebe unsere Gesellschaft als eine, in der die Ellbogen benutzt werden müssen, weil man sonst an den Rand gedrängt wird. Es gibt viel zu viel Gewalt, in der Schule und auch in den Wohnungen und Häusern. V.a. aber haben wir die Gewalt in die Dritte Welt verlagert und an die Außengrenzen der EU. In uns und zwischen uns herrscht sie nur indirekt, die Gewalt, indem wir zu einer seelenlosen, zynischen und gemeinen Gesellschaft geworden sind mit schlechten Umgangsformen und viel Hoffnungslosigkeit, mit viel Egoismus und wenig Gemeinsinn. Eine Gesellschaft, in der Schüler in zu engen und zu schlecht ausgestatteten Schulen mit gefrusteten Lehrern eingesperrt sind und zu viel alte Menschen in Altersheimen abgeschoben sind. Eine Gesellschaft, in der zu viele Ehen schief gehen, obwohl die Paare sie mit den besten Absichten eingehen. Eine Gesellschaft, in der in den Betrieben beim Umstrukturieren und Rationalisieren zu wenig nach den Gefühlen der Beschäftigen gefragt wird.

Ich denke, dass es mit dieser Lage zusammenhängt, dass so wenig Menschen heute richtig glauben können. Und ich bedaure die, die nicht oder nur wenig glauben können, denn ihnen fehlt dieser Gott, der so einfühlsam zuhört, der so liebevoll stärkt und der unseren Weg der seelischen Entwicklung mitgeht. Der Prophet Elia damals erinnerte das Volk Israel an seine Geschichte der Freiheit. Damals seid ihr doch aus der Knechtschaft in Ägypten befreit worden, aus der Gewaltherrschaft des Pharaos und der Zwangsarbeit beim Bau seiner Städte. Deshalb lasst euch doch heute nicht wieder einfangen von der Gewaltherrschaft eines Königs. Vielleicht schafft er es, Israel groß zu machen. Ein großes Heer hat er und einen schönen Palast und Israel wird als mächtig wahrgenommen. Aber wer hat davon etwas? Ihr etwa, die ihr immer mehr Steuern bezahlen müsst und die ihr eure Söhne im Krieg verliert?

Auch ich, liebe Gemeinde, möchte uns heute an eine Geschichte der Freiheit erinnern. Vor nun fast 500 Jahren begann in Deutschland die Reformation. Damals wurden Menschen mündig und unabhängig, ermutigt, selbst zu glauben und zu denken, zu beten und in der Bibel zu lesen. Jeder Mensch konnte sich als jemand sehen, dessen Namen vor Gott genannt war in der Taufe, der ein Gewissen vor Gott hat und dessen Seele von Gott liebevoll berührt wird. Man wehrte sich dagegen, ausgebeutet zu werden zugunsten eines weiteren Prachtbaus in Rom und man verwandte das Geld für einen zukunftsgerichteten Aufbau des Gemeinwesen, z.B. für Schulen.

Liebe Gemeinde, angesichts der seelischen Not unserer Gesellschaft kann ich uns nur wünschen, dass wir dieses große Erbe der Freiheit und des Glaubens nicht aufgeben. Wir als Kirchengemeinden fühlen uns manchmal sehr schwach. Wir sind zu wenige und auch unser Glaube ist zu oft nicht stark genug.

Aber denken wir daran: Elia war nicht in seiner Stärke so, wie Gott ihn wollte, sondern gerade dann, als er schwach war und Gottes Stimme in der Stille hören konnte. So wenige und wo schwach wir sind, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, von uns kann die Erinnerung ausgehen, dass es mehr gibt, als in den viereckigen und flachen Rahmen eines Bildschirms hineinpasst. Von uns kann die Erinnerung ausgehen, dass gerade in der Krise Gott uns begegnen kann und dass ein wichtiger Weg mit Wasser Brot beginnen kann – eine wichtige Erinnerung wenn die Börsenkurse nicht zu Kaviar und Sekt einladen.

Von uns kann die Erfahrung ausgehen, dass Gott ganz anders ist als denkfaule Vorurteile ihn sich denken. Wir wollen vor Gott für unsere viel zu gottlose Gesellschaft eintreten und Gott bitten, dass viele es erleben, dass ein Engel sie anrührt und aus dem Schlaf, dem Schlaf der Sicherheit und des Egoismus und der Gedankenlosigkeit, weckt und auf den Weg bringt, den Weg dazu, dass wir wieder anders und menschlicher und freundlicher miteinander umgehen, weil nur so unsere Welt offen ist für Gott und seine Liebe, die unser Herz anrührt. Das walte Gott.

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