Wegbegleiter zum Himmel

Liebe Gemeinde!

Beim ersten Hören lässt dieser Abschnitt aus dem Paulusbrief an seine Gemeinde in Korinth gewiss die Herzen der Finanzkirchmeister höher schlagen: Paulus verzichtet freiwillig auf den Lohn, der ihm als Apostel für seinen Verkündigungsdienst von Amts wegen zusteht. Er begründet diesen Verzicht zweifach: Zum einen als freiwillige Knechtschaft für das Evangelium "……weil ich es verkündigen muss!" Zum anderen als Massnahme für den Gemeindeaufbau: "Ich bin allen alles geworden, damit ich ……einige rette."

Gerade in Zeiten kirchlicher Sparzwänge stellt sich die drängende Frage: Was könnte alles ehrenamtlich erbracht werden? Wie können Gemeindeaufgaben erfüllt und wie die frohe Botschaft unter die Leute gebracht werden, ohne das etwas kostet? In diesem Zusammenhang wird dann gern und oft daran erinnert, dass ein Ehrenamt auch ein schweres Amt sei, weil es neben Zeit auch den eigenen Geldbeutel betreffe. Früher war es z. B. Aufgabe der Presbyter für den Fuhrdienst zu sorgen, d.h. das Ochsen- oder Pferdegespann zur Verfügung zu stellen und den Pfarrer zum nächsten Ort zu kutschieren wie es hier in Windesheim üblich war, wenn er nach Hergenfeld oder zur Superintendentur gerufen wurde.

Was könnte die Kirchengemeinde für Finanzen sparen, wenn Pfarrer, Küster und Organist, wenn Chorleiter/inen und Erzieherinnen in den Kindertagesstätten ihren Dienst ohne Lohn täten? Wenn die Verwaltung ihre Aufgaben ehrenamtlich täten, die Landeskirche mitziehen würde, welch eine Ersparnis für die einzelne Kirchengemeinde ergäbe das!!! Die Finanzexperten wären auf einem Schlag all ihre Sorgen los.

Doch ich möchte davor warnen, Paulus so zu verstehen, die große Bereitschaft der Menschen, die sich für ihre Kirchengemeinde verantwortlich wissen, so ungefragt und ungehemmt als Lückerbüßer/innen auszunutzen. Dass gerade in Zeiten des Sparzwanges über das Ehrenamt neu nachgedacht wird und werbewirksam um Freiwillige oder Ehrenamtliche geworben wird, halte ich einerseits für richtig und gut, denn eine jede und ein jeder ist gefragt, seine Gaben einzubringen. Doch andererseits wird einfach verschwiegen, ehrlich zu sagen, das wir an die Grenzen gekommen sind, für alles und für jeden an jedem Ort ein Programmangebot so professionell wie möglich anzubieten. Und mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das sogenannte outsourcing eine blose Verlagerung der Kosten bedeutet und keine Einsparung. So hatte z.B. das Presbyterium zu Beginn des Jahres über die Frage zu beraten, welche Aufgabe der Verwaltung könne das Presbyterium auf Dauer selbst übernehmen, um auf der Ebene der Verwaltung Finanzen einzupsaren. Wir kamen überein, dass es sich hier nur um einen "Verschiebebahnhof" handelt. Was an einer Stelle eingespart wird und somit Kosten dämpft , muss aber von einer anderen Stelle genauso effektiv und zügig erledigt werden. Das kostet letzlich auch wieder Geld, wahrscheinlich sogar mehr als bisher.

Wie ist Paulus dann zu verstehen?

Ich möchte es an einem kleinen biblischen Beispiel aus dem Alten Testament verdeutlichen.

Als der König Balak den Propheten Bileam ruft, um Israel zu verfluchen, sagt dieser zu ihm: "Siehe, ich bin zu dir gekommen, aber wie kann ich etwas anderes reden, als was mir Gott in den Mund gibt? Nur das kann ich reden!" (Numeri 22,38) Und all das Gold, das der König ihm bereit ist zu geben, ist eine große Versuchung. Doch letztlich, so erzählt diese Geschichte, kann Bileam nicht anders als das Volk Israel segnen. Die Gefahr, nach dem Mund zu reden, sich den jeweiligen Strömungen zu unterwerfen, das möchte Paulus nicht. Er will das Evangelium rein und lauter verkündigen. Und er tut es aus freien Stücken, aus ganzem Herzen, wenn er allen alles wird. Für ihn bedeutet Teilhabe am Evangelium, das er das, was ihm frohe Botschaft ist, mit anderen teilen kann.

Im 19. Jahrhundert, als die Kirche ihre diakonische Verantwortung neu entdeckte, hat der Pfarrer Wilhelm Löhe in dem Dorf Neudettelsau eine Diakonieanstalt gegründet. Sein Leitspruch möchte ich hier zitieren als ein Beispiel für das Teilen des Evangeliums:

"Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich dienen darf. Und wenn ich dabei umkomme, so komme ich um, sprach Esther, die doch IHN (Christus) nicht kannte,, dem zu Liebe ich umkäme und der mich nicht umkommen lässt. Und wenn ich dabei alt werde? So wird mein Herz grünen wie ein Palmbaum, und der Herr wird mich sättigen mit Gnade und Erbarmen. Ich gehe mit Frieden und sonst nichts."

Aus Dank und Liebe haben Paulus, haben Pfarrer W. Löhe und viele anderen vielfältig dem Evangelium gedient. Aus Dank und Liebe zu leben und zu handeln ist nicht nur ein Auftrag eines/r Predigers/in, es ist die Aufgabe aller, die vom Evangelium überzeugt sind. Es gibt sie ja Gott sei Dank immer noch und immer wieder, die sich sehr bewusst ehrenamtlich in unseren Gemeinden, aus Liebe zu den Menschen, zur Kirche, ihre persönlichen Dinge oftmals hintenanstellen und ärgerlich reagieren, wenn nur über das Thema Anerkennung und fianzielle Entschädigung in erster Linie debattiert wird.

Bei unserern Spardiskussionen im Raum der Kirche, wo wir wie das Kanninchen auf die Schlange gebannt blicken und wie gelähmt im Zirkel unserer Gedanken und Worte verharren, wirkt das Wort des Paulus auf mich wie eine große Befreiung, sich wirklich ganz auf das Evangelium, auf die frohe Botschaft Jesu, einzulassen. Statt sich von dem Geist der Sachzwänge gefangennehmen zu lassen, sich erinnern lassen, was der Apostel Paulus seinem Mitarbeiter Timotheus schreibt: "Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Timotheus 1,7)

Bei aller Klage über den Verlust des Christlichen, über den Traditonsabbruch in unserer Zeit, nicht stehen zu bleiben, sondern sich freuen über Menschen, die unbeirrt weitergeben, was ihnen wichtig ist, ihnen auch einfach zu danken, das sie es tun. Bei den vielen Beerdigungen, die ich in den letzten Jahren in der Vakanzgemeinde zu halten hatte, fiel mir auf, wie wenig die Nachbarschaft an dem Tode eines Menschen Anteil nimmt. Oftmals habe ich mit dem Witwer oder der Witwe allein vor dem Sarg gestanden. Der Bestatter hält sich diskret im Hintergrund. Der Organist, schon recht betagt, spielt das Harmonium und singt mit brüchiger Stimme den Chroal ganz allein – stellvertretend für die in Trauer Verstummten. Als ich das zum ersten Mal erlebte, antwortete er auf meine Frage: "Warum tun Sie das? Es singt doch keiner mit." "Ich kann nicht anders. Ich muss es einfach tun. Die Lieder sind doch lauter Evangelium. Die Melodie wie der Text. Darum singe ich." Ich konnte nicht anders als einfach Danke zu sagen; denn es ist zu der Geist des Evangeliums zu spüren.

Aus solchem Geist heraus zu denken und zu reden, zu handeln oder zu lassen, will der Apostel Paulus mit seinem Beispiel einladen, in der Nachfolge Jesu zu bleiben, um anderen "Wegbegleiter zum Himmel" zu werden und zu bleiben.

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